Die fast vergessenen Forscherinnen am anderen Ende der Welt

10. September 2022

Ein Beitrag von Wolfgang Heumer

Roald Amundsen, Robert Scott oder Alfred Wegener: Die Liste der Polarforscher ist lang. Aber welche Rolle spielten Frauen bei der Erkundung von Arktis und Antarktis? Das wollen Beate Borkowski und Christian Salewski am Alfred-Wegener-Institut ergründen. Eines ist schon jetzt klar: Der Einfluss von Frauen war größer, als es die Heldengeschichten aus dem Eis vermuten lassen. 

Am 31. Dezember 1989 blickte die internationale Medienwelt auf das südliche Ende der Erde. Bei ihrem Versuch, als erste Menschen die Antarktis komplett zu Fuß zu überqueren, erreichten die Abenteurer Arved Fuchs und Reinhold Messner den geografischen Südpol. Dass sich knapp 2200 Kilometer weiter westlich etwas ähnlich Bedeutendes abspielte, nahm zu der Zeit vor allem die Fachwelt zur Kenntnis. Auf der deutschen Antarktisstation Neumayer I bereiten sich sieben Frauen darauf vor, den Winter auf der Südhalbkugel zu verbringen.

Abgesehen von der wissenschaftlichen Bedeutung der Arbeit hatte diese Expedition einen ganz besonderen Charakter: „Es war das erste Mal überhaupt, dass einem reinen Frauenteam ein solches Unterfangen zugetraut wurde“, sagt die Bremerhavener Kulturwissenschaftlerin Beate Borkowski. In einem Projekt des Archivs der deutschen Polarforschung, das zum Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) gehört, will sie gemeinsam mit dessen Leiter Dr. Christian Salewski die Rolle von Frauen bei der Erkundung von Arktis und Antarktis genauer ergründen.

Beate Borkowski und Christian Salewski schauen sich ein Modell der Antarktis an. © WFB/Lehmkühler

In der Polarforschung blickt die Welt bisher eher auf Männer

Wenn über Frauen in den Naturwissenschaften gesprochen wird, fallen schnell ein paar Namen wie die der Physikerinnen Marie Curie oder Lise Meitner. Beiden sind Institute, Straßen und Plätze gewidmet. Doch mit dem Namen Josephine Peary werden möglicherweise nur Cineasten etwas anfangen können, weil ihr der Eröffnungsfilm der 65. Berlinale „Nobody wants the night“ mit Juliette Binoche in der Rolle der Polarforscherin gewidmet war. Obwohl die US-Amerikanerin Josephine Peary 1891 die erste weiße Frau war, die in der Arktis übernachtete, blickte die Welt eher auf ihren Mann Robert E. Peary: Der Ingenieur war zumindest nach eigenen Angaben der erste Mann am Nordpol. 


Hälfte der Bilder im Hörsaal sollen ausgetaucht werden

Bislang wurde der männliche Blickwinkel auf die Geschichte auch am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut als mehr oder weniger selbstverständlich angesehen. Im großen Hörsaal des Instituts zeigen 36 Bilder bekannte Gesichter aus der Polarforschung: Es sind ausschließlich Männer. Als nicht mehr zeitgemäß erscheint dem Institut das inzwischen. Immerhin steht mit Antje Boetius nach Karin Lochte bereits zum zweiten Mal eine Frau an der Spitze des AWI. Deswegen soll nun die Hälfte der Bilder durch Porträts von Wissenschaftlerinnen ersetzt werden. Beate Borkowski recherchiert dafür Daten und Bilder von in der Polarforschung relevanten Frauen und Männern.

Dass Frauen in der Polarforschung so wie in anderen Zweigen der Naturwissenschaften in der Historie nicht so häufig sichtbar wurden, hat den Erkenntnissen aus dem Bremerhavener Projekt zufolge mehrere Ursachen. Während heutzutage Wirtschaft und Wissenschaft händeringend um Frauen in mathematisch-naturwissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Berufen werben, war eine entsprechende Ausbildung für Frauen bis weit ins 20. Jahrhundert kaum zu erlangen. Bei der Polarforschung kam ein weiterer Aspekt hinzu: Die Erkundung von Arktis und Antarktis galt als schwieriges, kräftezehrendes Abenteuer, das Frauen kaum zugemutet wurde.


Vorurteile gegenüber Frauen in der Schifffahrt

Auch waren in der Schifffahrt die Vorurteile gegenüber Frauen an Bord groß. Zudem mangelte es den Schiffen an der entsprechenden Ausrüstung – wie beispielsweise nach Geschlechtern getrennte Kabinen. Selbst die US-Amerikanerin Marie Tharp, die 1952 den Mittelatlantischen Grabenbruch entdeckte, durfte bis 1965 nicht auf Forschungsschiffen mitfahren. Sie musste sich für ihre Kartographie des Mittelatlantiks auf die Messdaten stützen, die Männer für sie auf See sammelten. Erst seit 1982 – dem Beginn der AWI-Expeditionen mit dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ – fahren Wissenschaftlerinnen des Instituts selbstverständlich mit in die Polargebiete. Dennoch dauerte es weitere sieben Jahre, bis das erste Frauenteam auf der damaligen Neumayer-Station in der Antarktis überwinterte.

Wissenschaftliche Arbeit von Männern wurde stärker wahrgenommen

Allen Hemmnissen zum Trotz erzielten Frauen in der Polarforschung wegweisende Erkenntnisse. „Allerdings wurden sie dafür nicht so gewürdigt wie ihre männlichen Kollegen“, sagt Beate Borkowski. Die dänische Geophysikerin Inge Lehmann etwa beschrieb als erste Wissenschaftlerin, dass die Erde einen festen und nicht wie bis dahin angenommen flüssigen Kern hat. Eigentlich müsste sie mit dieser Erkenntnis über den Aufbau der Erde in allen Schulbüchern stehen – immerhin wurde Inge Lehmann in Kopenhagen ein Denkmal gesetzt.

Dass das Werk des deutschen Polarforschers Alfred Wegener den ihm gebührenden Ruf bekam, hat er letztlich einer Frau zu verdanken. Nach seinem Tod während einer Nordpol-Expedition 1930 sorgte Else Wegener dafür, dass die Arbeit ihres Mannes nicht in Vergessenheit geriet. „Deswegen haben wir sie auch in die Liste der Frauen aufgenommen, deren Rolle wir in unserem Projekt dokumentieren wollen “, sagt Beate Borkowski.


14 Frauen in der Polarforschung bereits ausgesucht

Noch ist die Arbeit von Borkowski und Salewski erst in der Anfangsphase. Die beiden suchten aber bereits 14 Frauen in der internationalen Polarforschung aus und ermittelten wichtige Daten von ihnen. Diese bilden den Grundstock für eine einzigartige Online-Datenbank, die auf die Polarforscherinnen aufmerksam machen soll. Um den Abenteuer-Geschichten rund um Arved Fuchs, Reinhold Messner, Roald Amundsen, Robert Scott und vielen anderen männlichen Forschern ein neues Kapitel hinzuzufügen, setzen Salewski und Borkowski auch auf die Unterstützung von anderen, die sich mit der Polarforschung und ihrer Geschichte befassen. „Am Ende werden wir hoffentlich die Hälfte der Männerbilder im Sitzungssaal gegen Fotos von Frauen in der Polarforschung austauschen können“, sagt Beate Borkowski.