Die Uhr tickt – Giftige Altlasten bedrohen Nord- und Ostsee.

Bund finanziert Bergungsplattform für Munition aus dem Meer
10. Juli 2026
© Ingo Wandmacher

Die Bundesregierung will die Finanzierung einer industriellen Bergungsplattform für Munitionsaltlasten im Meer sicherstellen. Nun sei das Vorhaben auch langfristig finanziert, sagte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) nach einer auswärtigen Kabinettssitzung der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern in Berlin, an der er teilnahm. „Für die darauffolgenden Bergungskosten, also die Unterhaltskosten, stehen 50 Millionen Euro jährlich zur Verfügung.“

Das neue Kompetenzzentrum des Bundes in Rostock zur Munitionsbergung aus dem Meer soll die Bergung von insgesamt 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition in deutschen Hoheitsgewässern vorantreiben. Ein Aufbaustab arbeitet nach Angaben des Bundesumweltministeriums bereits. Ab Mitte 2028 soll auch eine schwimmende Industrieplattform eingesetzt werden.

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig begrüßte die Zusage des Bundes. „Die Finanzierung für das neue Kompetenzzentrum für die Munitionsbergung ist gesichert“, sagte die SPD-Politikerin. Der Bund habe Mittel für die kommenden sechs Jahre zugesagt, so dass mit der Munitionsräumung begonnen werden könne.

Nach Angaben des Bundes liegen noch rund 1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition in deutschen Nord- und Ostseegewässern, davon etwa 300.000 Tonnen allein in der Ostsee. Schwesig bezeichnete die Finanzierung als wichtiges Signal für den Umwelt- und Klimaschutz. „Wir haben keine Zeit mehr. Das Zeug rostet vor sich hin in der Ostsee und ist wirklich giftig. Und deswegen fangen wir jetzt an“, sagte sie.

©Ingo Wandmacher

Freude im Norden

Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt (Grüne) sagte, „heute wurde der Gordischen Knoten der Altlasten-Bergung durchschlagen“. In Nord- und Ostsee lägen rund 1,6 Millionen Tonnen giftige Altmunition, die nach dem Zweiten Weltkrieg dort versenkt wurden. „Toxische Substanzen sind inzwischen in der gesamten Wassersäule zu finden.“

Für den Grünen-Politiker ist es folgerichtig, dass der Bund nach einem Sofortprogramm über 100 Millionen Euro den Bau der Plattform und die ersten Betriebsjahre vollständig finanziert. „Alle Bundesländer haben nun Zeit, sich auf eine solidarische Lastenteilung für die Folgejahre vorzubereiten“, sagte Goldschmidt. Schleswig-Holstein habe schon Mittel im Haushalt bereitgestellt und auch bei der letzten Umweltministerkonferenz einen entsprechenden Schwerpunkt gesetzt.

„Endlich schlagen wir im Wettlauf gegen die Korrosion ein neues Kapitel auf“, sagte Goldschmidt. Die Bergung der Altlasten bleibe eine Generationenaufgabe.

Schneider betonte in Berlin, „es wird noch ein bisschen dauern, um genau zu sehen, wie viel pro Jahr auch tatsächlich geborgen werden kann“. Der Bund werde als Erstes in Vorleistung treten und die Finanzierung sicherstellen und dann mit den Ländern in Gespräche gehen. Man werde alles daran setzen, die Ostsee so schnell wie möglich von der Altlast zu befreien. „Die Uhr tickt.“

Wiederbewaffnung verhindern

Die alliierten Siegermächte hatten einen Großteil der Munition nach Ende des Zweiten Weltkriegs versenkt, um so die Wiederbewaffnung Deutschlands zu verhindern. Seither rottet sie dort vor sich hin. Wissenschaftler warnen seit Jahren vor den Hinterlassenschaften des Krieges. Die Hüllen der Bomben, Granaten oder Minen rosten. Teilweise steckt der Zünder noch in der Munition. Das Risiko von Explosionen steigt.

Gleichzeitig setzt die Korrosion teils krebserregende und das Erbgut schädigende Stoffe frei. Über Muscheln und Fische droht das Gift in die menschliche Nahrungskette zu gelangen. So wurde etwa bei Plattfischen ein Anstieg der Lebertumore von 25 Prozent im Vergleich zu unbelasteten Gebieten festgestellt. „Toxische Substanzen sind inzwischen in der gesamten Wassersäule zu finden“, warnt der Kieler Umweltminister Tobias Goldschmidt. 

© WFB/DSM-Vlaams Instituut voor de Zee

50.000 Tonnen Weltkriegsschrott in der Lübecker Bucht

Die Alliierten haben das Gros in der Nordsee versenkt. Aber die Bergung konzentriert sich zunächst auf die Ostsee: Während die starken Gezeiten der Nordsee die Munition mit Sand umspülten und damit etwas schützten, liegt sie in der Ostsee oft offen auf dem Meeresgrund. Die Munition birgt Gefahren für die Schifffahrt, die Fischerei, den Tourismus und den Ausbau der Offshore-Windkraft. Aber sie aus dem Wasser zu holen, wird sich über Jahrzehnte hinziehen. „Die Bergung der Altlasten ist eine Generationenaufgabe, die unser Land und auch die Steuerzahler noch lange beschäftigen und fordern wird“, sagt Goldschmidt. So rechnen Experten allein in der Lübecker Bucht mit 50.000 Tonnen Weltkriegsschrott, die entsorgt werden müssen.