Johanna Rädecke

Redakteurin

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Das Schleswig-Holstein Musik Festival startet in die Saison 2022!

8. Juli 2022

Am vergangenen Wochenende eröffnet das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Alan Gilbert das Schleswig-Holstein Musik Festival 2022 in Lübeck. Ein toller Auftakt für ein Festival, das eine etablierte Größe in Schleswig-Holstein ist. Wir geben einen Überblick.

Igor Levit. Eröffnungskonzert des SHMF, Voreröffnungskonzert
© 54° John Garve


Das 37. Schleswig-Holstein Musik Festival stellt vom 2. Juli bis zum 28. August 2022 den Komponisten Johannes Brahms und den israelischen Dirigenten Omer Meir Wellber in das Zentrum seines Programms. Viele international gefeierte Künstlerinnen und Künstler konnten für das diesjährige Festival gewonnen werden, darunter Igor Levit, Hélène Grimaud, Martin Grubinger, Magdalena Kožená, Daniil Trifonov, Xavier de Maistre, Lucero Tena, Grigory Sokolov, Seong-Jin Cho, Sabine Meyer, Jan Lisiecki, Martin Stadtfeld, Elisabeth Leonskaja, Midori, Janine Jansen, Daniel Hope, Sol Gabetta, Bertrand Chamayou, David Orlowsky, Felix Klieser, Anastasia Kobekina, Maria João Pires, Avi Avital und Benjamin Appl. 

Namhafte Dirigenten wie Alan Gilbert, Krzysztof Urbański, Andrew Manze, Thomas Hengelbrock, Pablo Heras-Casado, Adam Fischer und Christoph Eschenbach leiten die Orchesterkonzerte. Zu den Spitzenorchestern, die in diesem Jahr beim SHMF auftreten, gehören das NDR Elbphilharmonie Orchester, die Prager Sinfoniker, die NDR Radiophilharmonie, das WDR Sinfonieorchester, das BBC Philharmonic, Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen und Anima Eterna Brügge. Darüber hinaus sind renommierte Ensembles wie der Balthasar-Neumann-Chor und das Balthasar-Neumann-Ensemble, das O/Modernt Chamber Orchestra, das STEGREIF.orchester, die Camerata Salzburg, das ensemble reflektor, The King’s Singers, Time for Three und das Schumann Quartett im Programm vertreten. Neben bedeutenden Namen der klassischen Musik präsentiert das SHMF-Programm auch herausragende Künstlerinnen und Künstler aus anderen Genres, unter ihnen sind Ute Lemper, Max Raabe, Götz Alsmann, der Rapper Danger Dan, Revolverheld-Frontsänger Johannes Strate, der österreichische Komponist und Musiker Manu Delago, der Musiker und Gundermann-Darsteller Alexander Scheer sowie Max Mutzke. Bekannte Ensembles wie das Quartett Quadro Nuevo, die Indie-Swing-Band Marina & the Kats, das Electropop-Duo ÄTNA mit der NDR Bigband und das Takeover! Ensemble mit dem Singer-Songwriter Joris und der Hip-Hop-Gruppe Fünf Sterne Deluxe sind auf den SHMF-Bühnen zu Gast. Besondere Festival-Highlights sind die Konzerte der Poplegende Tom Jones und des amerikanischen Jazzsängers Gregory Porter. 


Zahlen und Fakten 

204 Konzerte, fünf »Musikfeste auf dem Lande«, zwei Kindermusikfeste und der Werftsommer werden in 123 Spielstätten an 65 Orten in Schleswig-Holstein, Dänemark, Hamburg und im Norden von Niedersachsen veranstaltet. Der vom Stiftungsrat genehmigte Haushalt beläuft sich auf rund 11,3 Millionen Euro. Das SHMF dankt dem Land Schleswig-Holstein für die Förderung in Höhe von 1,238 Millionen Euro. Verträge mit den Haupt-, Konzert- und Sachsponsoren sowie Spenden und Zuschüsse sichern die Finanzierung ab. 



Porträtkünstler: Omer Meir Wellber

Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber ist der diesjährige Porträtkünstler des Schleswig-Holstein Musik Festival. Der 40-Jährige ist einer der talentiertesten Dirigenten seiner Generation. Geboren in der israelischen Großstadt Be’er Scheva, begann er im Alter von fünf Jahren mit Klavier- und Akkordeonunterricht. Auf das Dirigier- und Kompositionsstudium in Jerusalem und die Zeit als Assistent von Daniel Barenboim folgte ein steiler Karrierestart mit Auftritten bei Orchestern wie der Filarmonica della Scala, dem Orchestre de Paris und dem Gewandhausorchester Leipzig. Aktuell ist er Chefdirigent des BBC Philharmonic, Musikdirektor des Teatro Massimo in Palermo und Erster Gastdirigent der Semperoper Dresden. Ab September 2022 übernimmt Omer Meir Wellber die Leitung an der Volksoper in Wien. Auf den SHMF-Bühnen ist er nicht nur am Dirigentenpult zu erleben, sondern tritt auch als Solist am Akkordeon, am Cembalo, am Flügel und in musikalischen Lesungen auf. Im Rahmen seines Künstlerporträts, das er unter das Motto »Freundschaft« stellt, hat er ein sehr lebhaftes und abwechslungsreiches Programm mit insgesamt 14 Konzerten zusammengestellt. Darunter sind große sinfonische Werke, Kammermusik, Chansons, ein Melodram, ein vierhändiger Klavierabend und musikalische Lesungen. 

Schleswig-Holstein Festival Orchestra, Klassik-Move
© SHMF


Komponisten-Retrospektive: Johannes Brahms

Mit dem in Hamburg geborenen Komponisten Johannes Brahms beschließt das SHMF in diesem Jahr die Reihe der Komponisten-Retrospektiven, die sich seit 2014 unter anderem Felix Mendelssohn, Maurice Ravel, Carl Nielsen und Johann Sebastian Bach widmete. In mehr als 85 Konzerten präsentiert das Festival einen umfassenden und vielfältigen Blick auf das Brahms’sche Œuvre. Zu erleben sind seine großen Sinfonien, Solokonzerte, Streichquartette, die »Ungarischen Tänze«, aber auch unbekanntere Werke, wie die erste Serenade, ein selten aufgeführtes Jugendwerk, oder die Klavierstücke op. 76. Neben den Originalwerken stehen auch moderne Adaptionen seiner Musik im Fokus. So entwickeln unter anderem Ensembles wie die Jazzrausch Bigband, das SIGNUM saxophone quartet, Musicbanda Franui, Uwaga!, Wildes Holz und die Sängerin Lia Pale mit ganz unterschiedlichen Programmen einen aktuellen und spannenden Zugang zu den Werken von Johannes Brahms. Mit dem Leben und Schaffen des Komponisten beschäftigen sich in musikalischen Lesungen auch prominente Schauspielerinnen und Schauspieler wie Martina Gedeck, Axel Milberg, Christian Brückner und Klaus Maria Brandauer. Im Rahmen der diesjährigen Komponisten-Retrospektive findet außerdem eine eigene Konzertreihe unter dem Titel »Inside Brahms« statt. Im ehemaligen Gängeviertel der Hamburger Neustadt, in dem Johannes Brahms aufwuchs, kuratiert der Wiener Klarinettist Matthias Schorn sechs Konzerte, die einen interessanten musikalisch-biografischen Bogen spannen: von den ärmlichen Verhältnissen in Johannes Brahms’ Kindheit und Jugend, seinen ersten Konzerten in dortigen Bordellen, Gaststätten und Tanzlokalen bis hin zu seinem späteren Ruhm als international hochangesehener Komponist. 


Der Werftsommer 

Am Wochenende vom 15. bis 17. Juli wird das Industriegelände der Lübecker Kulturwerft Gollan zu einer großen Open-Air-Bühne für Künstlerinnen und Künstler sowie Bands verschiedener Musikrichtungen. Den Auftakt liefert die stimmgewaltige Newcomerin Zoe Wees, die vor zwei Jahren mit ihrem Hit »Control« von der Hamburger Schulbank aus in eine Weltkarriere startete. Der Kölner Reggae-Star Gentleman präsentiert sein erstes deutschsprachiges Album, die kanadische Sängerin Wendy McNeill entführt das Publikum mit verwunschenen Klängen in die Welt des »Space Folk« und die Jazzrausch Bigband feiert die Uraufführung ihres Programms »Brahms’ Breakdown«. Die vierköpfige Pop-Band Bukahara lädt das Publikum mit einem energetischen Balkan-Folk-Orient-Mix zum Tanzen ein, die Brassband Moop Mama beweist, dass Hip-Hop auch »unplugged« funktionieren kann und die Singer-Songwriterin Anna Wydra singt unverblümt und unterhaltsam über die Absurditäten des Lebens. 

Zwischen den Konzerten kann sich das Publikum von innovativen und nachhaltigen Projekten, die sich verschiedenen gesellschaftlichen Themen widmen, inspirieren lassen und kulinarische Highlights aus der Region genießen. Durch das Wochenende führt Poetry Slam-Moderator Tilo Strauß.  


Exzellenzförderung und Musikvermittlung 

Das Schleswig-Holstein Festival Orchestra, 1987 von Leonard Bernstein gegründet, setzt sich in diesem Jahr aus rund 110 jungen Musikerinnen und Musikern zusammen, die sich in den Wintermonaten bei rund 30 Probespielen in Europa, Asien, Nord- und Südamerika qualifiziert haben. Sie erhalten ein Stipendium, das ihren Aufenthalt im Nordkolleg Rendsburg während der Festivalsaison von Anfang Juli bis Ende August sowie intensive Probenphasen mit renommierten Dirigenten umschließt. In diesem Jahr sind SHMF-Porträtkünstler Omer Meir Wellber, Adam Fischer, Krzysztof Urbański und Ludwig Wicki am Dirigentenpult zu Gast. Selbstverständlich leitet auch Christoph Eschenbach, Principal Conductor des Festivalorchesters, eine Arbeitsphase. Auf dem Programm der insgesamt elf Konzerte stehen unter anderem das Doppelkonzert für Violine und Violoncello von Johannes Brahms, »Le Sacre du Printemps« von Igor 

Strawinsky sowie das Filmkonzert »STAR WARS – Das Imperium schlägt zurück«. Gastspiele führen die jungen Musikerinnen und Musiker während des Sommers zum Rheingau Musik Festival sowie zum Festival »Young Euro Classic« nach Berlin. 

Vom 23. Juli bis zum 3. August finden die Masterclasses in der Musikhochschule Lübeck statt. Hochkarätige Künstlerinnen und Künstler widmen sich den Teilnehmenden aus aller Welt. 

Mit The King’s Singers, dem Cellisten Jens Peter Maintz, der Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender und dem Geiger Donald Weilerstein kehren erstklassige Pädagogen zu den SHMF-Masterclasses zurück. Erstmals bietet der israelische Bratschist Amihai Grosz, Erster Solobratscher der Berliner Philharmoniker, einen Instrumentalkurs an. Um die Teilnehmenden über das rein Künstlerische hinaus zu fördern, finden außerdem Workshops zu Dispokinesis, Physiotherapie und Mentalem Training statt. Am Ende der Kurse präsentieren die Nachwuchsmusikerinnen und -musiker ihre Fortschritte im Rahmen der Masterclass-Konzerte dem Festivalpublikum. 

In der Konzertreihe »Meisterschüler – Meister« bringt der diesjährige Meister David Orlowsky, bekannt durch sein Trio sowie weltweite solistische Erfolge als Klarinettist, klassische Musik mit Klezmer zusammen. Mit den Nachwuchstalenten Qingzhu Weng (Violine), Moë Dierstein (Violine), Céline Eberhardt (Bratsche), Constantin Heise (Cello) und Glenn Großmann (Kontrabass) erarbeitet er Mozarts Klarinettenquintett, Werke aus eigener Feder sowie auch weiterer Klezmer- und Tango-Komponisten.  

Die britische Komponistin Hannah Kendall wird mit dem Hindemith-Preis 2022 ausgezeichnet. Der Preis ehrt zum 33. Mal junge zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten und ist mit 20.000 Euro dotiert. »Hannah Kendall zeigt eine enorme kompositorische Vielfalt, die von klassischem Erbe bis hin zu experimentellen Ideen reicht. Die Klangfülle, die sie mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit kreiert, ihre klare Struktur, ihre Energie und Kompromisslosigkeit haben uns vorbehaltlos begeistert«, sagt Dr. Christian Kuhnt, Intendant des SHMF und Vorsitzender der Jury. Gestiftet wird der Preis von der Hindemith-Stiftung (Blonay/Schweiz), der Rudolf und Erika Koch-Stiftung, der Walther und Käthe Busche-Stiftung und Gerhard Trede-Stiftung, der Freien und Hansestadt Hamburg und dem Land Schleswig-Holstein. Das Preisträgerkonzert findet am 22. August in Rendsburg-Büdelsdorf statt. 

Den mit 10.000 Euro dotierten Leonard Bernstein Award erhält in diesem Jahr Sean Shibe. Der 1992 in Edinburgh geborene Gitarrist englisch-japanischer Abstammung wuchs in einem musikbegeisterten Elternhaus auf und begann mit dem Gitarrenspiel in der Schule. Der junge Künstler hat bereits vier Konzeptalben veröffentlicht, die eine große musikalische Bandbreite von der Renaissance bis zu Auftragskompositionen – unter anderem im Bereich der Minimal Music – abdecken. Dabei spielt Sean Shibe nicht nur klassische Gitarre, sondern experimentiert auch mit Laute und E-Gitarre. Der von der Sparkassen-Finanzgruppe gestiftete Preis wird seit 2002 im Rahmen des SHMF verliehen und hat sich zum Karrieresprungbrett für junge Talente in der Klassikszene etabliert. Das Preisträgerkonzert findet am 19. August in Lübeck statt. 


Festivalchor

Der Schleswig-Holstein Festival Chor setzt sich jedes Jahr neu aus motivierten Sängerinnen und Sängern zusammen, die große Chorwerke unter professioneller Anleitung zur Aufführung bringen. In diesem Jahr widmet sich der Klangkörper anlässlich der SHMF-Komponisten-Restrospektive dem Werk »Ein deutsches Requiem« von Johannes Brahms – in einer Bearbeitung für Chor, zwei Klaviere und Pauke. Die Leitung hat Chordirektor Nicolas Fink. 


Das Lübeck-Musikfest mit Daniel Hope

Der Geigenvirtuose Daniel Hope verwandelt auch 2022 die Hansestadt Lübeck für ein Wochenende in eine klingende Bühne. In seinen elf Konzerten entdeckt er außergewöhnliche Spielstätten der zum UNESCO Weltkulturerbe gehörenden Altstadtinsel. In diesem Jahr steht Johannes Brahms im Zentrum dieses »Festivals im Festival«. 

Eingeladen hat Daniel Hope den renommierten israelischen Geiger, Bratschisten und Brahms-

Spezialisten Pinchas Zukerman. Darüber hinaus sind unter anderem die Amsterdam Klezmer Band, das ungarische Ensemble Söndörgö, die britische Cellistin Josephine Knight, die kanadische Cellistin Amanda Forsyth sowie der deutsche Pianist 

Sebastian Knauer zu Gast. 


Die Musikfeste auf dem Lande

Sie sind das Herzstück des Schleswig-Holstein Musik Festival: die Musikfeste auf dem Lande. An fünf Wochenenden öffnen die schönsten Gutsanlagen Schleswig-Holsteins – Hasselburg, Stocksee, Emkendorf, Pronstorf und Wotersen – wieder ihre Tore. Das Publikum erwartet neben der Land- und Hofidylle ein abwechslungsreiches Konzertprogramm von etablierten Künstlerinnen und Künstlern wie auch von jungen Talenten.


Neue Spielstätten

2022 ist das Schleswig-Holstein Musik Festival erstmals auf Gut Blumendorf bei Bad Oldesloe zu Gast. Mit dem Panoramadeck des Emporio-Hochhauses, dem Engelsaal, der Fabrique im 

Gängeviertel und dem Nochtspeicher kommen gleich mehrere neue Spielstätten in Hamburg dazu. In Kiel sind das Casino der Stadtwerke Kiel, die Gelehrtenschule, das Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule, das Areal StrandOrt, die Universitätskirche und eine Open-Air-Fläche am Neufeldt Haus im Wissenschaftspark neu dabei. Und in Lübeck feiern der Schuppen 9, die Carlebach-Synagoge und die St.-Gertrud-Kirche ihre Premiere als SHMF-Spielstätte.