
Ein Beitrag von Janet Binder
Das Wochenbett ist eine besondere Zeit. Eltern lernen ihr Baby kennen, der Körper der Mutter erholt sich nach der Geburt. Gutes Essen kann ihr Wohlbefinden fördern, traditionell bringen Verwandte und Freunde Leckeres vorbei. Wer solch ein Netzwerk nicht hat, kann in Bremen Carola Heidkamp buchen: Sie ist Wochenbettköchin.
Carola Heidkamp schwitzt in einem Topf Möhren, Zwiebel, Kartoffeln und Porree an. Sie bereitet einen Gemüseeintopf mit Hirse vor. Während die 48-Jährige rührt, verbreitet sich das Aroma in der Küche. Es ist jedoch nicht ihr eigener Herde, auf dem sie kocht, sondern der von Tess Nisbach. Die 28-jährige Hebammenstudentin hat vor kurzem ihr erstes Kind bekommen.
Ihre Kommilitoninnen haben ihr zur Geburt ein besonderes Geschenk gemacht: Während des Wochenbettes kommt Carola Heidkamp zu ihr nach Hause und bereitet für sie leicht bekömmliche, gesunde und nahrhafte Gerichte zu. Die Bremerin ist Wochenbettköchin. Einige der kulinarischen Köstlichkeiten sind zum sofortigen Essen gedacht, andere für die nächsten Tage. „Das ist so sinnvoll, so praktisch und so schön“, schwärmt die junge Mutter.
Geschäftsidee kam bei der Arbeit in einem Café
Vor zwei Jahren hat sich Carola Heidkamp mit der Geschäftsidee selbstständig gemacht. Auslöser war eine Situation, die sie in einem Café erlebte, in dem sie damals in der Küche
arbeitete. Eine Stammkundin saß mit ihrem Neugeborenen im Arm an einem Tisch, fast mehr liegend als sitzend, blass und mit Ringen unter den Augen. „Das Baby war wenige Tages alt. Ich habe sie gesehen und mich gefragt: Was macht die hier?“, erinnert sich Heidkamp. Eine Kollegin sagte ihr, dass die Frau wohl niemanden zu Hause habe. „Da dämmerte es mir: Sie war einfach komplett durch und hatte Hunger.“

Der Gedanke an die junge Mutter ließ sie nicht mehr los. Heidkamp hat selbst zwei Kinder zur Welt gebracht und weiß, wie kräftezehrend das für den Körper ist. „Im Wochenbett ist Ruhe und gutes Essen das Allerwichtigste für die Erholung. Und damit sich die Gebärmutter wieder zurückbilden kann, Geburtsverletzungen heilen, die Milchbildung in Gang kommt. Es ist auch die Zeit, in der sich die Bindung zum Kind entwickelt.“
Nicht jeder hat Freunde, die im Wochenbett unterstützen können
Traditionell bringen Verwandte, Freunde oder Nachbarn nach der Geburt Essen vorbei, um die jungen Eltern zu entlasten. Oder diese haben selbst vor der Geburt fürs Wochenbett vorgekocht und die Speisen eingefroren. Aber nicht alle haben vor Ort solch ein Netzwerk, nicht alle haben Zeit oder die Möglichkeit zum Vorkochen. „Kinder kommen auch mal früher als geplant zur Welt“, gibt Heidkamp zu bedenken.
So kam die Idee, als Wochenbettköchin zu arbeiten – als eine der ersten bundesweit. Im Gegensatz zu anderen Mitstreiterinnen liefert sie das Essen nicht nur. Carola Heidkamp ist es wichtig, dass sie die Gerichte vor Ort bei den Familien zubereitet. Zum einen, weil es ihr auch um den Kontakt geht: Nicht selten stellten sich Väter oder Mütter zu ihr in die Küche, um zu reden, meist vom Geburtserlebnis. „Ich sehe, dass es ein Redebedürfnis gibt, um das Ereignis ein stückweit zu verarbeiten.“ Zum anderen genieße sie es, die besondere Atomsphäre mit einem Neugeborenen im Haus zu spüren. „Die Eltern lassen mich in einer ganz besonderen, sensiblen Zeit bei sich sein. Ich habe schon so viele schöne Momente erlebt.“

Ihre Kundinnen seien glücklich über die köstlichen Düfte, die aus der Küche kommen. „Ich war bei einer Mutter, die mit ihrem Baby im Schlafzimmer weggedämmert war, während ich in der Küche gewerkelt habe. Als sie aufwachte, freute sie sich, dass es überall nach Zimt und Vanille roch. Ich hatte gerade Granola gemacht.“ Die Dankbarkeit, die sie für ihre Arbeit erhalte, gebe ihr sehr viel.
Stundenlange Zubereitung von Brühe, Quiche und Bananenbrot
Die Wochenbettköchin bringt alles mit, was sie für ihre Arbeit braucht: Töpfe, Pfannen, Messer, Bretter, Lebensmittel und Heilkräuter. In der Regel steht sie fünf Stunden in der Küche, bereitet Hühnerbrühe, Salate, Quiche, asiatisches Gemüse, Smoothies, Bananenbrot und Energieballs zu – so viel, dass es für mehrere Tage und zum Einfrieren reicht.
„Ich frage vorher ab, wie es der Frau geht: Ist ihr übel, ist ihr schwindelig? Ist der Milcheinschuss gut? Oft ist es ja so, dass das Baby viel Aufmerksamkeit bekommt. Ich schaue mir immer erst die Mutter an.“ Den Antworten entsprechend stellt die Bremerin die Gerichte zusammen. Gerne kocht sie auch mit asiatischen roten Datteln, weil diese besonders nährstoffreich sind. Leicht verdaulich sollte das Essen ebenfalls sein.
Leidenschaft für Medizin, gesunde Ernährung und Kochen
Carola Heidkamps beruflicher Weg wurde stets von zwei Leidenschaften bestimmt: die für Medizin und Gesundheit sowie die für das Kochen, gesunde Ernährung und das Gastgeberin-Sein. „Beide Interessen begleiten mich schon seit meiner Kindheit. Meinen ersten Kochkurs habe ich mit sieben Jahren gemacht.“
Nach der Schule absolvierte sie zunächst eine Berufsausbildung als medizinische Fachangestellte, arbeitete in der Chirurgie und im Krankenhaus. Schließlich zog es sie ganz in die Gastronomie, wo sie nebenbei schon lange gearbeitet hatte. Ihre Einsatzorte waren vielfältig: Von der Szenekneipe über das Eckcafé bis hin zur gehobenen Gastronomie mit Führungsverantwortung. Sie besuchte renommierte Heilpraktikerschulen und ließ sich in Akupunktur, chinesischer Diätetik und zur Ernährungsberaterin nach den Prinzipien der traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ausbilden. Nach Jahren in Berlin ging sie schließlich zurück nach Bremen.

Dort fühlt sie sich in ihrem Job als Wochenbettköchin nun „richtig angekommen“. Um ihr Angebot bekannt zu machen, hat sie Flyer in Hebammenpraxen und Geburtshäusern ausliegen, einige Kundinnen kommen inzwischen auf Empfehlung. Manche buchen die Dienstleistung selbst, andere werden damit beschenkt. „Gerade Frauen, die schon Kinder haben, wissen, dass Strampler zum Verschenken ja ganz niedlich sind, aber das, was wirklich wichtig ist, ist gutes Essen“, sagt Heidkamp.
„Nicht nur Versorgung, sondern kleines Wellness-Treatment“
Das dachten sich auch die Kommilitoninnen von Tess Nisbach. Sie legten alle zusammen, um ihr die Unterstützung der Wochenbettköchin zu schenken. „Ich hätte nicht daran gedacht, mir das selbst zu leisten“, sagt die 28-Jährige. Umso mehr genießt sie den Service. „Das ist nicht nur Versorgung, das ist ein kleines Wellness-Treatment.“
Sie und ihr Partner hätten nach der Geburt ihrer Tochter Anara von Freundinnen und Freunden viel Unterstützung erfahren, so dass für sie die Hilfe der Wochenbettköchin ein „schönes Extra“ sei. „Sie kann aber auch richtig gebraucht werden“, ist Tess Nisbach überzeugt.








