Nordlichter – Mit Witz gezeichnet

Bettina Bexte lädt mit Cartoons zum Lachen ein – und mit einem Comic zum Nachdenken
27. August 2026
Inspiration für ihre Cartoons findet Bettina Bexte in Cafés. © WFB/Jens Lehmkühler

Ein Beitrag von Janet Binder

Bettina Bexte weiß, wie man Leute zum Schmunzeln bringt. Dreimal hat die Bremerin mit ihren Cartoons den Deutschen Karikaturenpreis gewonnen. Nun hat sie das Genre gewechselt: Ihr erster Comic ist erschienen. Darin erzählen Menschen mit Migrationsgeschichte von sich. „Die Lebensgeschichten haben mich tief beeindruckt“, sagt sie.

Wenn Bettina Bexte mal wieder Anregungen für ihre Cartoons braucht, geht sie ins Café. „Da sitze ich oft, zu Hause fällt mir nichts ein“, sagt sie. „Ich muss raus, die Leute beobachten.“ Dabei wird ihr Kopf frei, sie fängt an zu denken, schreibt alles auf, was ihr in den Sinn kommt. „Meistens ist das erstmal der größte Quatsch.“ Irgendwann kristallisiert sich eine Idee daraus. Dann geht sie nach Hause an ihren Arbeitstisch und fängt an zu zeichnen. So war das auch bei einem ihrer Cartoons, der fast schon ein Klassiker geworden ist: Mehrere 
Frauen in Badeanzügen machen auf dem Grund eines Schwimmbades Sport. Am Beckenrand sagt der Bademeister zu jemandem: „Beckenbodengymnastik“. „Dadurch, dass man zwei Sachen miteinander verknüpft, die nichts miteinander zu tun haben, wird es lustig“, sagt Bettina Bexte. Dass ihr diese Kunst besonders gut gelingt, lässt sich anhand ihrer Vita ablesen: Dreimal hat die Bremerin schon den Deutschen Karikaturenpreis gewonnen, zuletzt 2023 den „Geflügelten Bleistift in Gold“: Auf dem Cartoon mit dem Titel „Virtual ChristmasReality“ ist ein geschmückter Tannenbaum, zufriedene Eltern auf dem Sofa und ein 
überglückliches Mädchen mit einer VR-Brille vor den Augen zu sehen, das ruft: „Juhuu! Ein Pony!“.

Publikum darf bei Cartoon-Lesungen kreativ werden  

Bettina Bexte liebt es, für die Cartoons bei Mimik und Gestik der Figuren zu übertreiben. Ihre Arbeiten werden in Medien wie der Süddeutschen Zeitung, dem Stern, Titanic oder dem Weser-Kurier veröffentlicht. 

Für den Cartoon „Virtual Reality-Bescherung“ gab es den Deutschen Karikaturenpreis. © WFB/Jens Lehmkühler

Wie schwer es aber ist, witzige Ideen zu entwickeln, lässt sie ihr Publikum regelmäßig bei Cartoon-Lesungen erfahren. Diese sind inzwischen ihr zweites Standbein geworden, mal mit musikalischer Begleitung durch den Saxofonisten Peter Dahm, mal ohne. Bei den Veranstaltungen werden die Cartoons auf eine Leinwand projiziert. „Ich erzähle dann aus dem Nähkästchen, wie sie entstanden sind oder welche Reaktionen darauf kamen.“ Später zeichnet sie bei den Lesungen etwas und die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen sich dazu einen witzigen Spruch überlegen. „Ich habe am Anfang gedacht, da macht doch 
sowieso keiner mit“, erzählt die 62-Jährige. Tatsächlich komme die Übung immer sehr gut an. Die Gewinnerin oder der Gewinner erhält das Bild als Geschenk.  

Fürs Studium von Hamburg nach Bremen gekommen  

Wie Cartoons entstehen und wie sie funktionieren, hat Bettina Bexte von der Pike auf gelernt. Sie studierte an der Hochschule für Künste Grafikdesign, dafür zog sie von Hamburg nach Bremen. „Ich wollte ursprünglich eigentlich Kinderbuch-Illustratorin werden, aber dann habe ich im Studium Cartoons und Trickfilm für mich entdeckt.“ Humor sei schon immer ein großer Bestandteil ihres Lebens gewesen. „Ich mag es, über den Humor zu kommunizieren“, sagt sie. Auch weniger schöne Botschaften könnten darüber gut verpackt transportiert werden.   

Nach dem Studium machte sie sich selbstständig, veröffentlichte im Kindermagazin Gecko, verantwortete lange die Kinderseite der Brigitte oder komprimierte Rechtsprobleme auf einen lustigen Cartoon für eine juristische Fachzeitschrift. Letzteres war eine thematische Herausforderung. „Aber ich mag es, Neues zu lernen.“   

Bettina Bexte zeichnet ihre Cartoons inzwischen auf dem Tablet. © WFB/Jens Lehmkühler

„Ich wollte schon immer einen längeren Comic zeichnen“  

Sie veröffentlichte auch mehrere Bücher mit Cartoons – schließlich kam die Corona-Pandemie. In dieser Zeit entstand die Idee, die Biografien von Menschen mit Migrationsgeschichte in einer Graphic Novel darzustellen. „Ich wollte schon immer einen längeren Comic zeichnen, und ich höre gerne Menschen zu, wenn sie aus ihrem Leben erzählen.“ Die Möglichkeit, beides miteinander zu verbinden, gab ihr ein Künstler-Stipendium des Bremer Kulturressorts während der Pandemie. „Ein Segen“, sagt Bexte. So hatte sie den 
Rücken frei, das Projekt voranzubringen.

Freund des Vaters bei ehrenamtlicher Arbeit begleitet  

Sie traf sich mit Miša, einem Freund und Kollegen ihres Vaters, der im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde, und begleitete ihn dabei, wie er sich um obdachlose Menschen in seinem Viertel kümmerte. Er erzählte ihr, in welcher Armut er aufgewachsen war; sie setzte das in Bilder und kurze Texte um. Dabei gab es immer wieder Korrekturen: „Ich habe alle Kinder mit Schuhen gezeichnet, bis er mich darauf hinwies, dass seine Geschwister und er sich ein Paar Schuhe teilen mussten.“ Comic-Journalismus nennt Bettina Bexte ihre Arbeit, bei der sie anders als bei ihren Cartoons den Anspruch hat, Situationen authentisch darzustellen. „Ich mag es, eine Geschichte in Bild und Wort zu erzählen und dabei so viel wie möglich schon im Bild zu transportieren.“ 

An ihrem Comic „In allem ein Stück zu Hause“ hat sie fünf Jahre gearbeitet. © WFB/Jens Lehmkühler

Nachdem Mišas gezeichnete Biografie in einer Ausstellung zu sehen war, kam die Idee auf, mehrere Lebensgeschichten von Migrantinnen und Migranten in einem Buch zu veröffentlichen. Es wurde ihr Herzensprojekt: Bexte recherchierte vier weitere Biografien und fand mit dem Avant-Verlag einen Partner. Nach fünf Jahren liegt inzwischen das Buch „In allem ein Stück zu Hause“ vor. Darin ist die Biografie der ehemaligen Profi-Boxweltmeisterin Dilar Kisikyol zu finden, die inzwischen Frauen mit Parkinson mithilfe von Boxtraining mehr Selbstvertrauen verschafft. Dilar Kisikyol erzählt im Comic, wie sie als Drilling in einer kurdischen Familie aufwuchs und wie sie als 
Jugendliche mit ihrem stetigen Erfolg beim Boxen selbst innere Kraft und Stärke fand.   

Biografien erzählen eindrucksvolle Einwanderungsgeschichten

Für den Comic entschied sich Bexte bewusst für Menschen unterschiedlicher Generationen und kultureller Wurzeln. Gemeinsam ist ihnen ihr soziales Engagement. „Ich möchte durch meine gezeichneten Biografien den Blick dafür schärfen, dass wir umgeben sind von engagierten Menschen, die ihre Hoffnung nicht verlieren und sich für andere einsetzen.“ Die Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten hätten sie tief beeindruckt, sagt  
Bettina Bexte. „Ich glaube, dass es immer notwendiger wird, positive Geschichten von Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu erzählen. Wir können viel über Toleranz und Resilienz von ihnen lernen.“

Eine der Protagonistinnen im Comic ist die Ex-Profiboxerin Dilar Kisikyol aus Hamburg. © WFB/Jens Lehmkühler

Die gezeichneten Biografien sind nicht nur im Buch zu finden, sie werden auch in Ausstellungen gezeigt, so wie die von Dilar Kisikyol in der Zentralbibliothek in Hamburg oder von der in der Türkei geborenen Halime Cengiz im Quartiersbildungszentrum in Bremen Gröpelingen, wo Deutschkurse stattfinden. „So kann man Menschen erreichen, die sonst nicht in Ausstellungen gehen. Das, was Menschen aufgrund von Sprachschwierigkeiten nicht verstehen, vermittelt sich im besten Fall durch die Bilder.“ Dass Bettina Bexte seit ihrem Studium bis heute in Bremen lebt, hätte sie sich als junge Frau nicht vorstellen können. „Als Hamburgerin war ich sehr arrogant, als ich hier ankam. Ich dachte: so ein kleiner Fluss, so kleine Schiffe.“ Doch dann lernte sie die Stadt mit ihren kurzen Wegen lieben, in der sie alles mit dem Fahrrad erreichen kann. „Ich würde jetzt nicht mehr zurückwollen“, sagt sie.