Weltweit größte Bibliothek für Platt

Das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache ist ein Ort der Begegnung
18. April 2026
Nele Otten leitet die Bibliothek am Institut für niederdeutsche Sprache. © WFB/Jens Lehmkühler

Ein Beitrag von Ira Scheidig

In Norddeutschland wird Platt gesprochen: Allen Unkenrufen zum Trotz lebt die Sprache weiter. Das Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen sammelt alles, was auf und über Platt herausgegeben wird. Die 27-jährige Nele Otten leitet dort die weltweit größte niederdeutsche Bibliothek. Warum interessiert sich eine junge Frau für die Sprache ihrer Großeltern?

An ihrem Arbeitsplatz ist Nele Otten umgeben von Büchern. Die 27-Jährige ist Bibliotheksleiterin im Institut für niederdeutsche Sprache mitten im malerischen Schnoor in der Bremer Altstadt und damit Hüterin einer besonderen Sammlung. Hier lagern die Schätze der größten niederdeutschen Bibliothek der Welt. 46.000 Medien gehören zum Fundus, von historischen Werken bis zur zeitgenössischen Literatur: Bücher, DVDs, CDs, Tonbänder und Schallplatten. Das älteste Buch ist aus dem Jahr 1851. „Wir versuchen, alles auf und über Platt zu sammeln. Unsere größte Abteilung ist die für schöne Literatur mit rund 9.500 Medien der Belletristik, Lyrik und Kinderliteratur“, erzählt Otten. 

Neben Sekundärliteratur, Wörterbüchern, Spezialbereichen wie Theater, Bildung, Theologie oder Musik bietet die Bibliothek auch Hörspielmanuskripte und Abschlussarbeiten sowie einen umfangreichen Zeitschriftenbestand. Wer sich einen Überblick über die Werke verschaffen will, kann online auf der Website im Bibliothekskatalog recherchieren. 

Jedes Jahr kommen Neuerscheinungen hinzu, die muss die Bibliotheksleiterin im Blick haben. „Die Recherche ist nicht einfach, da vieles in sehr kleinen Verlagen oder Selbstverlagen erscheint, die man erst mal finden oder von denen man wissen muss“, sagt sie lachend. Aber genau das mache auch den Reiz aus. Seit gut drei Jahren leitet sie die Spezialbibliothek, in der alle Interessierten zum Stöbern oder Recherchieren vor Ort willkommen sind. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden hier fündig. Es ist keine klassische Leih-, sondern eine Präsenzbibliothek mit Arbeitsmöglichkeiten und Arbeitsplätzen vor Ort während der Öffnungszeiten.

Zum Bestand der Bibliothek gehören auch Kinder- und Jugendbücher auf Platt. © WFB/Jens Lehmkühler

Manchmal wird in ihr der Spürhund geweckt

Nele Ottens Arbeitsalltag ist mit allem gefüllt, „was in einer Bibliothek so anfällt, Recherche nach Medien, Bücher katalogisieren, Beratung und Veranstaltungen wie Vorträge und Lesungen in Kooperation mit anderen Institutionen.“ Sie bekomme auch mal eine Zeile aus einem Gedicht geschickt mit der Frage, wo sie herkomme. Dann wird der Spürhund in ihr geweckt, und sie macht sich auf die Suche. Ihr vielfältiger Aufgabenbereich gefällt ihr sehr, genau wie das selbständige Arbeiten mit reichlich Eigenverantwortung.

Institut ist Gedächtnis, Denkfabrik und Netzwerk

Plattdeutsch ist eine eigene Sprache mit zahlreichen regionalen Varianten. Eine Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen soll den Fortbestand des Plattdeutschen sichern. Laut einer repräsentativen Erhebung von 2016 sprechen mehr als zwei Millionen Menschen Plattdeutsch. Das Institut für niederdeutsche Sprache ist die Dachorganisation für alle norddeutschen Bundesländer zu Fragen rund um die Regionalsprache: Es ist plattdeutsches Gedächtnis, Denkfabrik und Netzwerk. 

Seit Jahrzehnten engagiert sich das Institut für die Förderung und Pflege des Niederdeutschen – der wissenschaftliche Begriff für Plattdeutsch. Ein ehrenamtlicher achtköpfiger Vorstand und rund 300 Mitglieder zählt der Verein. „Sie verteilen sich über ganz Deutschland und sogar im Ausland“, erzählt Otten, die als einzige im Bremer Team fest angestellt ist. Die Finanzierung läuft über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Projektförderung durch den Bund. „Plattdeutsch spielt vor allem für die Menschen eine Rolle, für die die Sprache zur Lebensrealität zählt, die sie im Alltag sprechen, vor allem in ländlichen Gebieten“, sagt Vorstandsvorsitzender Heiko Block. „Das Institut ist wichtig, um Wissen und Kenntnisse an viele Interessierte weiterzugeben und zu bewahren, und um Material bereitzustellen, das auch für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden kann.“

Wachsende Follower-Zahlen in den sozialen Medien

In den Regalreihen befindet sich auch eine große Zahl an Kinderliteratur, etwa plattdeutsche Ausgaben von Harry Potter, Pippi Langstrumpf, Asterix oder Pettersson und Findus. „Muttersprachler sterben aus, die Sprache wird oft nicht an die Kinder weitergegeben. Aber es wird viel in Schulen und Kindergärten getan, um die Sprache am Leben zu halten. Dafür sind Kinderbücher sehr hilfreich“, erklärt Otten.

Das Institut für niederdeutsche Sprache sitzt im Schnoor. © WFB/Jens Lehmkühler

Auch an der Bremer Grundschule Schönebeck wird Plattdeutsch unterrichtet. „Die Schule Schönebeck macht ein tolles Programm. Es gibt Kurse und sogar die Beschilderung dort ist auf Plattdeutsch“, freut sich Otten. Sie kennt die Vorurteile gegenüber der Sprache und die steten Unkenrufe, dass sie sich im Aussterben befindet. Das kann sie aber nicht bestätigen. „Das Interesse bei jungen Menschen ist groß, das merken wir auch auf unseren Kanälen wie Instagram und durch wachsende Follower-Zahlen. Ohne Interesse würde es auch plattdeutsche Studiengänge wie in Oldenburg nicht geben.“ Die Frage sei nur, wie man an die jungen Leute rankomme. „Es gibt sie, man muss sie nur erreichen“, ist Otten überzeugt, „dafür nutzen wir die sozialen Medien.“

Platt gibt ein Gefühl von Heimat

Erst als sie sich im Studium mit der plattdeutschen Sprache beschäftigte, wurde der 27-Jährigen bewusst, dass ihr Großvater in ihrer Kindheit sehr viel Platt mit ihr gesprochen hat. „Er hat mich immer „min Deern“ genannt und viele plattdeutsche Phrasen benutzt. Ich dachte als Kind, das ist Hochdeutsch“, erzählt sie lachend. Während des Studiums der Slawistik und Niederlandistik in Oldenburg besuchte sie Plattdeutsch-Kurse und war fasziniert. Heute schnackt sie selbst begeistert Platt. „Man kommt leichter mit Menschen ins Gespräch als auf Hochdeutsch, man duzt sich gleich, schafft schnell eine gemeinsame Ebene und eine engere Verbindung und Nähe. Ein Gefühl von Heimat entsteht. Auch ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein.“

Nele Otten ist Hüterin von 46.000 plattdeutschen Medien. © WFB/Jens Lehmkühler

Radio-Nachrichten op Platt

Das geht auch vielen Hörerinnen und Hörern von Radio Bremen so. Denn auch hier findet das „Programm op Platt“ großen Anklang. Neben einem regelmäßigen niederdeutschen Hörspiel werden seit 1977 plattdeutsche Nachrichten gesendet. Da erklingt das Weltgeschehen in ganz anderem Ton. Sogar dat Weer, also das Wetter, wird stilecht vorhergesagt. Ein Team von sechs plattdeutschen Nachrichtensprecherinnen und -sprechern ist mit Leidenschaft für das Plattdeutsche dabei. Gesine Reichstein gehörte rund 20 Jahre dazu und leitete die Redaktion. „Man muss sehr kreativ sein, um normale Nachtrichten ins Plattdeutsche zu übersetzen. Die Sprache ist es wert, dass sie erhalten bleibt und Verbreitung findet“, betont sie.

Plattdeutsch lebt

Nele Otten und ihre Kolleginnen und Kollegen am Institut für niederdeutsche Sprache möchten, dass Platt auch zukünftig zum Leben der Menschen in Norddeutschland gehört. Dafür initiiert und begleitet das Institut laufend Projekte und entwickelt aktuelle Angebote wie das digitale plattdeutsche Tonarchiv PLATO oder einen Sprachkalender. Plattdeutsch ist mitnichten in einer etwas verstaubten Ecke zu verorten, sondern überraschend lebendig.