Nordlichter – Einer der Letzten seiner Art

Schirmmacher Till Finger hält einen aussterbenden Beruf am Leben
18. September 2026
Schon sein Ururopa fertigte vor 150 Jahren Schirme: Till Finger in seinem Laden im Schnoor. © WFB/Jens Lehmkühler

Ein Beitrag von Anne-Katrin Wehrmann

Für die meisten ist ein Regenschirm ein Gebrauchsgegenstand. Für Till Finger ist er viel mehr: Mit einem handgefertigten Schirm verbindet der Bremer Schirmmacher nicht nur Handwerkskunst sowie das Wissen aus 150 Jahren und fünf Generationen, sondern auch ein Lebensgefühl. Über einen, der mit dem Traditionsbetrieb schon kurz vor dem Aus stand und nun wieder durchstartet.

Till Finger ist einer der letzten Schirmmacher Deutschlands. Und nicht nur das: Schirme gehören seit seiner frühesten Kindheit zu seinem Leben. 150 Jahre ist es jetzt her, dass sein Ururgroßvater Theodor Eggers in Hamburg eine kleine Schirmwerkstatt gründete, die mit der Zeit wuchs. Schon als kleiner Junge begleitete Till Finger seine Mutter in den Laden und schaute auch bei der Produktion zu. „Besonders witzig fand ich es, mich mit Schirm in der Hand ganz ruhig ins Schaufenster zu setzen und dann die Leute zu erschrecken, wenn welche vorbeikamen“, erinnert er sich und lacht. Heute führt er sein Geschäft „Schirm Finger“ seit 20 Jahren in Bremen – und das, obwohl er nach der Schule zunächst eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht hat. 

Wie aus Kastanienbaum und Krawattenstoff ein Schirm entsteht

„Beide Berufe haben Vor- und Nachteile“, stellt Finger fest. „Heute kann ich sagen, dass Schirmmacher für mich definitiv der schönere ist: weil ich komplett selbst planen kann, was ich umsetze.“ Da ist zum Beispiel das dunkelrote Exemplar, das er an der linken Wand seines Ladens im oberen Bereich platziert hat. Das Besondere daran: Vom Griff bis zur Spitze ist der Stock aus einem Stück gemacht. „Das war tatsächlich mal ein kleiner Kastanienbaum, von dem nur die Rinde und die Äste entfernt wurden“, erläutert er. „Ich finde das herausragend schön, weil das Holz noch so urig ist.“ Zudem bestehe der Schirm komplett kunststofffrei aus Holz, Metall und Stoff, wobei der Stoff auf einem Krawatten-Webstuhl gewebt wurde. „Eigentlich ist das eine Krawatte“, meint Finger grinsend. 

Dieser Schirm wurde vom Griff bis zur Spitze aus einem jungen Kastanienbaumstamm gefertigt. © WFB/Jens Lehmkühler

Wer den 47-Jährigen in seinem Fachgeschäft im historischen Bremer Schnoor-Viertel besucht, merkt sofort seine Begeisterung für seinen Beruf. Es ist allerdings ein aussterbendes Handwerk: Schirmmacher-Innungen und die entsprechende Ausbildung gibt es schon lange nicht mehr. Finger hält es in fünfter Generation am Leben. 

„Wer zu mir kommt, sucht einen besonders guten oder einen besonders schönen Schirm“, macht er deutlich. Auf die Modelle, die er im Angebot hat, trifft beides zu – denn sein Antrieb ist es, Wünsche zu erfüllen und dabei seiner Kundschaft ein langlebiges Produkt mit auf den Weg zu geben. „Ich möchte, dass sie bei mir die beste Entscheidung treffen, die sie treffen können“, sagt er. Ein guter Schirm könne ein Leben lang halten. Bei den von ihm selbst gefertigten Modellen komme zusätzlich noch ein weiterer Punkt hinzu: „Da geht es um Lifestyle und Lebensgefühl. Um die Freude an etwas Schönem.“

Besonders edel mit Silber, Seide und Ebenholz

Ungefähr 100 Schirme fertigt Till Finger pro Jahr. Zwei Drittel davon bietet er zum Verkauf in seinem Geschäft an, ein Drittel entsteht auf Bestellung nach den individuellen Wünschen seiner Kundinnen und Kunden. So fertigte er vor ein paar Jahren ein besonders exklusives Exemplar: der Stock aus Ebenholz, der Griff aus Sterlingsilber, der Bezug aus Seide. Dem Kunden war das gute Stück einen vierstelligen Eurobetrag wert. „Weil er so teuer war, habe ich ihn behandelt wie ein rohes Ei“, erinnert sich Finger. Für ihn ist es bis heute der außergewöhnlichste Schirm, den er je gefertigt hat – wenn auch nicht unbedingt der schönste. „Mir gefällt ein Stück Holz dann doch besser als Silber“, sagt er.

Wie die Uroma zur Erfinderin wurde

Von Schirmen begeistert war auch schon Till Fingers Uroma Elsa Eggers, die Schwiegertochter von Gründer Theodor Eggers. Finger erzählt, wie sie eine Erfindung machte, die sich schnell zum Verkaufsschlager entwickelte und weit über den Familienbetrieb hinaus Anwendung fand: Sie schuf ein Modell, das durch eingebaute Gelenke das Überklappen des Schirms ermöglicht, ohne dass dieser kaputt geht. Es bekam den Namen „Sturmtrotz“. „Damals war das eine Weltsensation“, macht Till Finger deutlich. „Heute macht fast jeder Hersteller Werbung damit, dass seine Schirme über ein Windproof-System verfügen. Anders als andere geben wir allerdings eine Garantie darauf, dass er bei Wind und Sturm tatsächlich nicht bricht.“ 

Till Finger stellt Schirme selbst her und repariert sie. © WFB/Jens Lehmkühler

Ein Patent meldete seine Uroma damals nicht an, berichtet Till Finger. Dennoch schaffte es ihr Schirm, der inzwischen industriell vorgefertigt wird, die Jahrzehnte zu überdauern und immer wieder neu aufgelegt zu werden. Und wenn dem Urenkel der Erfinderin Ideen zur Verbesserung kommen, entwickelt er den zusammenschiebbaren „Sturmtrotz“ weiter. So hat er zuletzt die Stöcke massiver gemacht und die Bedienfreundlichkeit erhöht. 

Ein Exemplar besteht aus 70 Einzelteilen

Jeder Schirm entsteht bei ihm mit einer Idee im Kopf, an der er sich dann orientiert. Bei den Farben hält er es meistens klassisch-schlicht: „Mir persönlich gefallen hochwertige einfarbige Stoffe oder Karos am besten. Die haben sich auch deswegen bewährt, weil sie zeitlos sind.“ Aus rund 70 Einzelteilen besteht ein Exemplar, zwei bis drei Stunden benötigt er bis zur Fertigstellung. Dabei hat die Schirmmachermaschine, mit der er arbeitet, mittlerweile 105 Jahre auf dem Buckel. „Die kann bohren und fräsen“, erläutert er. „Mehr Maschine braucht es nicht.“ 

Es seien nicht zwingend Menschen mit viel Geld, die zu ihm in den Laden kämen. „Das sind einfach Leute, die regelmäßig einen Schirm benutzen und die sagen: Das hätte ich gerne in schön.“

Das Ladengeschäft liegt mitten im historischen Schnoor im Zentrum Bremens. © WFB/Jens Lehmkühler

Neuorientierung im Schnoor

Vor ein paar Jahren stand sein Betrieb, der ursprünglich ein paar Hundert Meter entfernt in der Innenstadt angesiedelt war, vor dem Aus. Das Geschäft war angesichts zurückgehender Laufkundschaft und schnell ersetzbarer Billigprodukte schwierig geworden, so dass Till Finger das Jobangebot eines Schirmhändlers annahm. Parallel eröffnete er allerdings einen kleinen Verkaufsraum im bei Bremen-Gästen beliebten Schnoor. „Es hat mir ja weiterhin Spaß gemacht, selbst Schirme zu fertigen“, erläutert er. „Darum habe ich mich gefragt: Was kann ich tun, wenn weniger Leute den Weg zu mir finden?“ Seine Antwort: Dorthin gehen, wo die Menschen sind. Die Umsatzzahlen schnellten am neuen Standort in die Höhe, weswegen er seinen Job bald wieder kündigte. Die Geschäfte laufen wieder so gut, dass er im März 2026 in einen größeren Laden im Schnoor umgezogen ist.

Kein Paradox: Am besten laufen die Geschäfte, wenn es nicht regnet. © WFB/Jens Lehmkühler

Warum Regen während der Öffnungszeiten schlecht fürs Geschäft ist

„Bremen hat eine wunderschöne Altstadt, und der Schnoor ist der schönste Teil davon“, schwärmt der 47-Jährige. Für ihn sei der Standort ideal, weil viele Menschen aus anderen Städten vorbeikämen, in denen es keine Schirmgeschäfte mehr gebe. Und dann sagt Till Finger einen Satz, 
der im ersten Moment überrascht: „Das Schlimmste ist, wenn es während der Öffnungszeiten regnet.“ Die Erklärung leuchtet allerdings ein: „Dann kommen nur die, die schnell etwas Billiges kaufen wollen.“ Seine Zielgruppe ist eine andere.

Er verkauft an die, die wissen, dass es wieder regnen wird. Und bei allen Krisen dieser Zeit ist es das, was ihn für die Zukunft seines Geschäfts optimistisch stimmt: „Es wird immer regnen. Darum wird es immer Menschen geben, die einen Schirm brauchen.“