Aus dem “Entenschnabel” ins All

7. Februar 2022

Ein Beitrag von Wolfgang Heumer

Der Plan klingt nach Fantasy, könnte aber Realität werden: Bremer Raumfahrt-, Schifffahrts- und Technologiefirmen wollen vom deutschen Teil der Nordsee – dem so genannten Entenschnabel – Raketen ins All starten lassen. Als logistisches Zentrum ist Bremerhaven im Gespräch.

Das Raumfahrtunternehmen OHB entwickelt mit Partnern den „Spaceport“ in der Nordsee. ©Illustration/German Offshore Spaceport Alliance

Die ABC-Halbinsel im Bremerhavener Überseehafen ist ein besonderer Ort. Auf der zehn Hektar großen Kaianlage können wahre Schwergewichte mit vielen hundert Tonnen Masse bewegt werden. Selbst Bergbaumaschinen, so groß wie ein Hochhaus, wurden hier schon montiert und dann auf Spezialschiffen nach Kanada verschifft. Demnächst könnten dort Ladungen für deutlich entferntere Zielorte in den Fokus rücken: Weltraumraketen.

„Die ABC-Halbinsel ist ideal, um dort sogenannte Microlauncher mit Satelliten zu bestücken und anschließend mit dem Schiff zum Startplatz in die Deutsche Bucht zu bringen“, sagt Sabine von der Recke, die im Vorstand des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB das mit Bremer Partnern entwickelte Projekt „German Offshore Spaceport Alliance“ verantwortet. Klare wirtschaftliche Gründe sprechen für sie für einen eigenen Raketenstartplatz in Deutschland, mit dem sich die Wirtschaft bereits seit drei Jahren gedanklich beschäftigt.


Die Wirtschaft entdeckt die ökonomischen Perspektiven des Weltalls

Die Raumfahrtindustrie ist weltweit zum Höhenflug gestartet. Während sich staatliche Organisationen wie die amerikanische NASA oder das europäische Pendant ESA auf den Weg zu Mond und Mars vorbereiten, entdeckt die Wirtschaft die ökonomischen Perspektiven des Weltalls. Unternehmer wie Elon Musk (Tesla) und Jeff Bezos (Amazon) prägten für die neuen unternehmerischen Aktivitäten in den unendlichen Weiten des Weltraums bereits den Begriff „new space“.

Die Tendenz ist eindeutig: „Bis 2028 werden weltweit viermal so viele Kleinsatelliten ins All gestartet wie im vergangenen Jahrzehnt“, rechnet die OHB-Vorständin vor. Zwischen den Jahren 2010 und 2020 wurden rund 2.300 derartige künstliche Sterne in eine Erdumlaufbahn geschossen; bis 2028 sollen über 9.900 folgen. Der überwiegende Teil wird von Microlaunchern in den Weltraum getragen – das sind maximal 30 Meter große Raketen mit einer Nutzlast von bis zu einer Tonne.


Die großen Weltraumbahnhöfe sind nur mit hohem Aufwand zu erreichen

Die kleinen Kraftpakete werden vor allem für den Start ziviler und kommerzieller Satelliten beispielsweise für die Breitband-Internet-Versorgung der Erde genutzt. In den führenden Raumfahrtnationen haben sich bereits mehrere Start-ups auf die Entwicklung und den Bau der Microlauncher vorbereitet. Drei der technologisch führenden Unternehmen befinden sich in Deutschland, darunter die von OHB aus den eigenen Unternehmensreihen heraus gegründete Rocket Factory in Augsburg.

Allerdings gibt es ein grundlegendes Problem: „Es mangelt an geeigneten Startplätzen“, betont Sabine von der Recke. Die großen Weltraum-Bahnhöfe wie Cape Kennedy in den USA oder Kourou in Französisch-Guayana der ESA sind nicht nur weitgehend ausgelastet, sondern „auch nur mit sehr hohem Aufwand zu erreichen“. Immerhin rechnen die Raumfahrtunternehmen damit, künftig etwa einmal pro Woche eine Kleinrakete ins All zu schicken. 

Pläne für einen Raketen-Startplatz in der Deutschen Bucht könnten Realität werden. ©Illustration/German Offshore Spaceport Alliance


Bremens Wirtschaft schließt sich für Raumfahrtprojekt in der Nordsee zusammen

Um den vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schon seit längerem geforderten „Spaceport“ in der Nordsee zu verwirklichen, haben nun mit OHB, der Reedereigruppe Harren & Partner sowie der Tractebel DOC Offshore GmbH und der MediaMobil Communication GmbH vier Unternehmen aus Bremen den Schulterschluss gefunden. OHB steht für die Raumfahrtkompetenz; Tractabel hat zahlreiche Offshore-Projekte als Planer begleitet; MediaMobil schafft hochentwickelte Kommunikationslösungen. Als eine der weltweit führenden, auf schwere und besondere Ladung spezialisierten Reedereien stellt Harren & Partner einen der zentralen Bausteine für den „Spaceport“ zur Verfügung. Mit seinen speziellen Schwergut- und Dockschiffen verfügt das Unternehmen über die geeigneten Fahrzeuge für eine schwimmende Startplattform: „Die Raketen können in einer speziellen Launch-Box an Bord gebracht und aus dieser Box heraus gestartet werden“, erläutert H&P-Geschäftsführer Kapitän Heiko Felderhoff.


Raketen-Endmontage auf der ABC-Halbinsel in Bremerhaven denkbar

Dreh- und Angelpunkt des von OHB und H&P gemeinsam mit den Partnern der „German Offshore Spaceport Alliance“ entwickelten Startplatz-Konzeptes könnte die ABC-Halbinsel in Bremerhaven sein. „Der Hafen ist schon wegen seiner guten Verbindungen ideal“, ist Sabine von der Recke überzeugt. Wie die Rocket Factory sind auch die beiden anderen Kleinraketen-Hersteller in Süddeutschland ansässig. Die Microlauncher könnten per Bahn kostengünstig nach Bremerhaven gebracht werden. Ein Sicherheitsrisiko wäre nicht damit verbunden: die Raketen werden erst unmittelbar vor dem Start weit draußen in der Deutschen Bucht betankt. Auf der ABC-Halbinsel wird aber ein anderer entscheidender Schritt getan: Dort wird der zu startende Satellit in den Flugkörper integriert. Für dieses „Verheiraten“, wie es die Fachleute nennen, wäre ein so genannter Reinraum erforderlich – das Innere dieses Spezialgebäudes wird durch Hochleistungsluftfilter praktisch staubfrei gehalten.


Der erste Start könne schon in zwei Jahren erfolgen

Wenn es nach Heiko Felderhoff geht, könnte das Vorhaben gleich morgen beginnen: „Das Schiff ist schon da, nur die Launch-Box muss noch entwickelt werden.“ Dabei handelt es sich um einen Behälter, der die Rakete auf dem Transportweg sicher umhüllt und sich am Startplatz in eine Startrampe verwandeln lässt. Sorgen um die Auswirkung der Schubkraft auf das Schiff macht sich Felderhoff nicht: „Unsere Schiffe sind für viel größere Lasten ausgelegt.“ Der Startplatz wird sich an der Spitze des so genannten Entenschnabels befinden – das ist das wegen der Form seiner Grenzen so genannte Ende der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) in der Nordsee. Der Platz ist gut gewählt – nicht nur, weil er von Bremerhaven auf direktem Weg zu erreichen ist, sondern auch weil es in der Region kaum Schiffsverkehr gibt. So kann das Gebiet in einem ausreichenden Umkreis für Wasserfahrzeuge gesperrt und auch der Luftverkehr darüber kurzzeitig unterbrochen werden.

Auch wenn das Projekt im ersten Moment noch nach Fantasy klingt, könnte es doch bereits bald Realität werden: „Technisch gesehen könnten wir wohl bereits 2023 erstmals an den Start gehen“, ist Sabine von der Recke überzeugt.

So könnte das Szenario aussehen ©Grafik/German Offshore Spaceport Alliance