Lübeck feiert 125 Jahre Buddenbrooks mit vielen Aktionen

„Family Affairs“ - Buddenbrookhaus lässt Jahrhundertroman lebendig werden
6. Oktober 2026
Thomas Mann ca. 1900 © Thomas-Mann-Archiv Zürich

Mit diesem Roman wurde der Schriftsteller Thomas Mann weltberühmt. In „Buddenbrooks“ erzählt er den Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie. Die Stadt feiert jetzt ein besonderes Jubiläum.

Mit einer großen Ausstellung, Lesungen und zahlreichen Aktionen feiert Lübeck „125 Jahre Buddenbrooks“. Am 13. Oktober 1901 wurde der Roman des damals 26 Jahre alten Thomas Mann, des späteren Nobelpreisträgers, veröffentlicht.

„Es ist der Roman, der Lübeck weltberühmt gemacht hat“, sagt Caren Heuer, die Direktorin des Buddenbrookhauses. Zum Jubiläum der Romanveröffentlichung hat die Stadt ein großes Begleitprogramm organisiert. „Unsere Veranstaltungen zu Buddenbrooks sind fast alle ausverkauft“, freut sich Heuer. 

Am 29. Oktober wird die Ausstellung „Family Affairs. 125 Jahre Buddenbrooks“ eröffnet. Kernfrage dabei ist, was Familien zusammenhält – erzählt anhand der Figuren in Buddenbrooks. Gezeigt wird die Ausstellung im St. Annen-Museum. Das Buddenbrookhaus in der Mengstraße ist seit 2020 geschlossen und nach aktuellem Stand noch bis Ende 2030 eine Baustelle.

Verfall einer Familie

Zum 125-jährigen Jubiläum von Thomas Manns Buddenbrooks. Verfall einer Familie schlägt das Lübecker Buddenbrookhaus eine Brücke in die Gegenwart und fragt nach der Aktualität eines Jahrhundertromans: Was hält Familien zusammen und woran zerbrechen sie? Die große Sonderausstellung „Family Affairs. 125 Jahre Buddenbrooks“ im St. Annen-Museum liest Thomas Manns Roman als überraschend aktuelle Erzählung über Herkunft, Erwartungsdruck, soziale Rollen und den Wunsch nach individueller Freiheit. Eröffnet wird die Ausstellung am 29. Oktober 2026 in Anwesenheit des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Staatsminister Wolfram Weimar. Sie wird bis zum 6. Juni 2027 zu sehen sein.

„Die Ausstellung versteht ‚Buddenbrooks‘ als zeitlose Erzählung über Familie, Erwartungen und individuelle Freiheit. Dass uns ein Roman von 1901 bis heute unmittelbar berührt, liegt an Thomas Manns präzisem Blick auf innerfamiliäre Konflikte, die Menschen grundsätzlich prägen“, sagt Caren Heuer.

In einer innovativen Szenografie wird das Sprachkunstwerk räumlich erfahrbar und mit Fragen verbunden, die bis in die Gegenwart reichen. Flankiert wird die Jubiläumsausstellung von einem ganzjährigen Kulturprogramm. 

Thomas Mann ist erst 25 Jahre alt, als er seinen Debütroman Buddenbrooks. Verfall einer Familie 1901 veröffentlicht. Mit seinem Erstlingswerk gelang ihm ein literarischer Welterfolg, der den Grundstein für seine internationale Karriere legte. 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur gekrönt, viermal verfilmt und in über vierzig Sprachen übersetzt, gehört das Werk bis heute zu den einflussreichsten und meistgelesenen Büchern deutscher Sprache.

Thomas Mann, 30. April 1900 © Thomas-Mann-Archiv Zürich

Spektakulärer Ankauf: Thomas Manns Briefwechsel mit Ida Boy-Ed

Zum 125. Jubiläum von Buddenbrooks ist dem Buddenbrookhaus ein besonderer Ankauf gelungen: Im September 2026 konnte ein umfangreiches Briefkonvolut mit 29 Briefen, 13 Briefkarten und 17 Postkarten von Thomas Mann an seine Lübecker Mäzenin Ida Boy-Ed erworben werden. „Für das Buddenbrookhaus ist dieser Ankauf eine sensationelle Bereicherung unserer Sammlung“, sagt Dr. Caren Heuer. Die bislang nie öffentlich gezeigten Originale können so kurzfristig nicht in die Sonderausstellung integriert werden, sind aber exklusiv bei der Pressekonferenz zu sehen. 

Das Konvolut beleuchtet eine prägende Beziehung Thomas Manns und zugleich sein schwieriges Verhältnis zu Lübeck. Bei seinem Erscheinen wurde Buddenbrooks in der Hansestadt zum Skandal. Ida Boy-Ed erkannte früh sein schriftstellerisches Talent, stand über Jahrzehnte mit dem 23 Jahre jüngeren Autor im intellektuellen Austausch und wurde für ihn zur Seismografin der Stimmung in Lübeck.

Familie zwischen Bindung und Freiheit
Die Ausstellung nähert sich dem Roman nicht als historischem Dokument, sondern stellt das zeitlose und bis heute aktuelle Konzept der Familie in den Mittelpunkt. Der über vier Generationen hinweg erzählte Niedergang der Kaufmannsfamilie Buddenbrook handelt von den Spannungen zwischen individueller Selbstverwirklichung und familiären Erwartungen, zwischen gesellschaftlicher Rolle und persönlichem Lebensentwurf. 

Als konzeptioneller Fluchtpunkt dient die berühmte Formel des Konsuls Buddenbrook, der die Familie als „Glieder in einer Kette“ beschreibt. Die Ausstellung stellt die Frage: Ist diese Kette Halt und Rettung oder eine beengende Fessel? Dieses Bild wird in sechs thematische Stationen überführt, die veranschaulichen, was Familien zusammenhält bzw. welche Konflikte familiäre Bande zum Zerreißen bringen können. 

Dabei geht die Ausstellung vom Roman und seinen handelnden Figuren aus und möchte zugleich einen aktuellen Beitrag zur Familie als sozialer Größe leisten. Aus unterschiedlichen Perspektiven fragt der Text nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft. Verstrickt in Traditionen und Erwartungen des Umfelds agieren die Figuren in sozialen Mustern, die ihnen kaum oder keine Handlungsfreiheit lassen. Der Mangel an persönlicher Freiheit, das eigene Leben nach eigenen Talenten und Interessen zu gestalten, führt im Roman zu Konflikten und Krisen, bis hin zum Absturz.

Szenografie: Wenn Literatur zum Raum wird
Da das historische Buddenbrookhaus in der Mengstraße 4 – das als Stammsitz der Kaufmannsfamilie Mann dem Autor als Vorbild für das literarische Wohnhaus im Roman diente – wegen umfassender Baumaßnahmen derzeit geschlossen ist, findet die Jubiläumsausstellung im St. Annen-Museum statt. Gezeigt wird sie in jenen Museumsräumen, die der Lübecker Wohnkultur und Lebensart des 19. Jahrhunderts gewidmet sind. So tritt Thomas Manns literarische Welt unmittelbar in Dialog mit der realen Kulturgeschichte ihrer Entstehungszeit.

Thomas Mann ca. 1906 © Thomas-Mann-Archiv Zürich

Die Ausstellungsszenografie macht Thomas Manns Buddenbrooks als Sprachkunstwerk im Raum physisch erfahrbar: Wiederkehrende Bildmotive, Textfragmente und atmosphärische Verdichtungen übertragen Thomas Manns literarische Erzählweise der Leitmotivtechnik in eine zeitgenössische Raumgestaltung. 

Der niederländische Künstler Frank Ritmeester entwickelt eigens für die Ausstellung zu dem berühmten ersten Satz des Romans „Was ist das.“ eine elfteilige Grafikserie, die der Kapitelanzahl des Buches entspricht. Seine Aquarelle und Textfragmente spiegeln die inneren Bilder beim Lesen wider – von Lübecker Architektur über Landschaften bis hin zur visuellen Dekonstruktion von Absturz und Verfall.

Interaktive Module verbinden die Romanfiguren mit Fragen der Gegenwart und binden die Besucher:innen aktiv ein. Mit Tony Buddenbrook wird über Herkunft und Erbe nachgedacht, Christian Buddenbrook steht für die Suche nach Work-Life-Balance, während Thomas Buddenbrook zur Reflexion über die eigene Risikobereitschaft bei Finanzgeschäften anregt. Hanno Buddenbrook schließlich lenkt den Blick auf persönliche Erinnerungen an familiäre Rituale und Familienfeste.

Partizipative Ausstellungsmodule verbinden „Family Affairs“ mit der Stadt und der jungen Generation. Lübecker Schüler:innen überführen im Kontext des Kunstunterrichts einzelne Ausstellungsabschnitte und deren Themen in eigene Kunstwerke. Fünf dieser Installationen und Plastiken werden ausgewählt und in die Ausstellung integriert.

Publikationen
Zur Ausstellungseröffnung am 29. Oktober erscheint bei Königshausen & Neumann der Katalog „Family Affairs. 125 Jahre Buddenbrooks“, der die Ausstellung um Beiträge aus Literatur-, Musik- und Geschichtswissenschaft erweitert. Zu den Autor:innen zählen unter anderem von Prof. Dr. Hans Wißkirchen, Präsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft, die Musikwissenschaftlerin Prof. Dr. Christiane Tewinkel, die Literaturwissenschaftlerinnen PD Dr. Irmtraud Hnilica und Dr. Veronika Schuchter sowie die Autorinnen Susanne Fritz und Marie-Louise Monrad Møller.

Mit dem Titel „Huch, alle tot? 101 Fragen und Antworten zu Buddenbrooks“ (2026 bei Vandehoek & Ruprecht) veröffentlicht das Buddenbrookhaus zudem einen ebenso kenntnisreichen wie unterhaltsamen Band zu Thomas Manns Klassiker.

Erstausgabe Buddenbrooks Band 1 und 2 © Michael Haydn

Das Begleitprogramm: Ein ganzes Jahr im Zeichen des Romans
Ein umfangreiches Begleitprogramm erweitert die Ausstellung um Lesungen, wissenschaftliche Debatten, Konzerte und Filmreihen. Ein Höhepunkt waren die Lübecker Thomas Mann-Tage im September, die unter dem Titel „Ökonomie des Verfalls. Kaufmannsethos und Kapital in Buddenbrooks“ wirtschaftliche Aspekte des Romans in den Fokus rückten.

Vermittlungsangebote
Ein literarischer Stadtspaziergang führt auf den Spuren der Buddenbrooks durch Lübeck. Das interaktive Kinderheft „Mit Tommy durch Lübeck“, gestaltet von Merle Piroli, begleitet 8-12-Jährige. Das Führungsangebot zur Sonderausstellung wird um die Räume zur Lübecker Lebens- und Kaufmannswelt des 19. Jahrhunderts des St. Annen-Museums Lübeck erweitert. An die Führungen schließen sich Themen-Workshops für unterschiedliche Klassenstufen an. 

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