Jens Mecklenburg

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„Und vor mir steht der brennende Baum“

Weihnachten mit Theodor Storm
23. Dezember 2019

Was brauchte es, um Theodor Storm glücklich zu machen? Die Antwort findet sich auf einem Zettel, der im Theodor-Storm-Archiv in Husum aufbewahrt wird: „Vier Pfund Sirup lässt man ein wenig aufkochen. Vier Pfund Mehl, ein Lot Nelken, eindreiviertel Cardamom, ein Lot Kanel. Die Schale von drei Zitronen kleingeschnitten, ein halbes Pfund Butter, zwei Lot gereinigte Pottasche (in Rosenwasser von Rosen geweicht oder drei Lot Hirschhornsalz, halb und halb), dreiviertel Pfund Mandeln, halbes Pfund Succarde, ein Pfund weißen Hutzucker in kleine Stücke geschlagen.“ Das Ganze wird zu einem Teig verrührt, der zwei Tage vor sich hin gärt und schließlich gebacken. Die kleinen braunen Kuchen sind nicht irgendein Gebäck für den Dichter. Für Theodor Storm, geboren 1817 in Husum, gestorben 1888 im Husum nahen Hademarschen, lag darin die Essenz der Adventszeit. Immer wieder erwähnt er sie in seinen vielen Weihnachtsbriefen. Und man findet sie in seiner schönen wie traurigen Novelle „Unter dem Tannenbaum“. 


Gefühlvolles Weihnachtsfest

Die bekannte Weihnachtserzählung von Theodor Storm, „Unter dem Tannenbaum“, stammt aus der Zeit nach 1850, als die Dänenherrschaft in den alten Herzogtümern Schleswig-Holstein einsetzte. Beamte, die – wie Storm – aus patriotischen Gründen nicht in dänische Dienste traten, wurden des Landes verwiesen und mussten die Heimat verlassen. In den benachbarten Königreichen hatten sich aber die Beamten im Hinblick auf die Vertriebenen an ihre Regierungen mit der Bitte gewandt, „keine Ausländer mehr anzustellen!“. Erst nach einem Jahr wurde Storm auf seinen Antrag hin vom preußischen Justizminister gefragt, ob er bei einem Kreisgericht „eine Zeitlang ohne Gehalt arbeiten wolle“. Die Novelle spiegelt die Lage einer solchen Familie wie die der Storms in der Fremde, also irgendwo in Mitteldeutschland wider und zeigt, wie sehr Tannenbaum, braune Kuchen, goldene Eier samt anderem Baumschmuck aus Marzipan und Zucker zu vaterländischen Symbolen werden können und das Weihnachtsfest ebenso gefühlvoll zelebriert wird wie die Liebe zur Freiheit selbst.

Fort mach ich hinten zur Hoftür hinaus, über zwei kleine finstere Höfe, dann in ein uraltes seltsames Nebengebäude, in welchem sich das Allerheiligste des Onkels befindet. Ohne Unfall komme ich durch den engen dunklen Gang und klopfe an eine Tür. – „Herein!“ Da sitzt der kleine Herr in dem feinen braunen Tuchrock an seinem mächtigen Arbeitspult; der Schein der Kontorlampe fällt auf seine freundlichen kleinen Augen und auf die mächtige Familiennase, die über den frischgestärkten Vatermördern hinausragt. – „Onkel, ob du nicht kommen wolltest?“ sage ich, nachdem ich Atem geschöpft habe. – „Wollen wir uns noch einen Augenblick setzen!“ erwidert er, indem seine Feder summierend über das Folium des aufgeschlagenen Hauptbuchs hinabgleitet. – Mir wird ganz behaglich zu Sinne, ich werde nicht ein bißchen ungeduldig; aber ich setze mich auch nicht; ich bleibe stehen und besehe mir die England- und Westindienfahrer des Onkels, deren Bilder an der Wand hängen. Es dauert auch nicht lange, so wird das Hauptbuch herzhaft zugeklappt, das Schlüsselbund rasselt, und: „Sieh so“, sagt der Onkel, „fertig wären wir!“
Während er sein spanisches Rohr aus der Ecke langt, will ich schon wieder aus der Tür; aber er hält mich zurück. „Ah, wart doch mal ein wenig! Wir hätten hier wohl noch so etwas mitzunehmen.“ Und aus einer dunklen Ecke des Zimmers holt er zwei wohlversiegelte, geheimnisvolle Päckchen. – Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens; denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, und er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekommen.

Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unserm Haus hinauf. Ein paar Augenblicke verschwindet er mit seinen Päckchen in der Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet, aber durch die halbgeöffnete und rasch wieder geschlossene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe die Augen, denn ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Duft der braunen Kuchen und des heute besonders fein gemischten Tees erfüllt ist. Die Hände auf dem Rücken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf und nieder. „Nun, seid ihr da?“ fragt er stehenbleibend. – Und schon ist auch Onkel Erich bei uns; mir scheint, die Stube wird noch einmal so hell, da er eintritt. Er grüßt die Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester die Tasse ab, die sie ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. „Was meinst du“, sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, „es wird wohl heute nicht viel für uns abfallen!“ Aber er lacht dabei so tröstlich, daß diese Worte wie eine goldene Verheißung klingen. Dann, während in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen Erzählungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglückliche Zerbrechen einer Mundtasse, es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde. Und wenn er gar eine Pause machte, um das bisher Erzählte im behaglichsten Gelächter nachzugenießen, wer hätte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muß endlich doch mit einstimmen. Dies harmlose Geplauder – es ist mir das erst später klargeworden – war die Art, wie der tätige Geschäftsmann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung, und mir ist, als verstünde das jetzt niemand mehr. – Aber während der Onkel so erzählt, steckt plötzlich meine Mutter, die seit Mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die Tür und die gegenüberliegende Tür werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunklen Zweigen hängen.

(Aus Theodor Storms Novelle: Unter dem Tannenbaum)

 

Rezept

Braune Kuchen nach Theodor Storm

 

Zutaten

500 g Zucker
500 g Sirup
500 g Butter
1250 g Mehl
20 g Pottasche
1 EL gemahlener Zimt
1 EL gemahlener Kardamom
125 g Sukkade
250 g gemahlene Mandeln
Schale von 1 Zitrone

 

Zubereitung

Die Butter zerlassen, den Sirup dazugeben, Pottasche sehr fein zerstoßen und zugeben, dann alles mit Zucker, Gewürz, Zitrone, Mandeln und Mehl verkneten, den Teig zugedeckt mindestens über Nacht rasten lassen, dann so dünn wie möglich ausrollen, beliebig ausstechen und braun backen. Mit abgezogenen, halbierten Mandeln dekorieren.