Die Auswirkungen des Klimawandels im Norden – Teil 1

Der Klimawandel ist ein globales Problem. Der Klimawandel ist komplex. Wirkt sich der Klimawandel auf die Flora und Fauna des Nordens aus und wenn ja, wo und wie? Wir sprachen mit zwei Naturschutzexperten über ihre Erfahrungen und Beobachtungen. Mit dem Biologen Hauke Drews von der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein und dem in einem Gutachterbüro tätigen Ornithologen Birger Reibisch, der ehrenamtlich als Schutzgebietsbetreuer beim Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) tätig ist.

Nicht nur das Klima wandelt sich

Immer häufigere Wetterextreme, wie anhaltender Starkregen, heftige Stürme, die es im Januar letzten Jahres geschafft haben, siebzig Jahre alte Fichten zu entwurzeln, sehr warme und niederschlagslose Dürreperioden wie im Sommer vergangenen Jahres, milde oft frostfreie Winter – damit müssen nicht nur die  Menschen klarkommen. Auch und gerade die Tier- und Pflanzenwelt leidet darunter. Birger Reibisch, NABU Schutzgebietsbetreuer, nennt als Beispiel die Buche, einer der häufig anzutreffenden Bäume in den verbliebenen Wäldern des Nordens. Reibisch sagt „Sie mag es gar nicht, wenn sie wie im Jahre 2017 monatelang im vom Dauerregen tiefdurchtränkten Erdreich stehen muss. Folgt darauf ein Sommer, der extrem trocken und heiß ist, kämpft sie regelrecht um ihr Leben. Ein Kampf, den sie nicht immer gewinnt“.

Biologe Hauke Drews erklärt: „Grundsätzlich sind sehr viele Bäume, denen es gut geht und die in einer für sie gesunden Umgebung stehen, an den Stämmen oder Astbeugen mit Flechten bewachsen. Das Fehlen dieser Organismen ist ein offensichtlicher Indikator für Schwermetalle und Luftverschmutzung und so sind Flechten bei uns inzwischen äußerst selten geworden. Eine sehr langsame Rückkehr ist allerdings nach Inbetriebnahme von Entschwefelungsanlagen bei Kohlekraftwerken, wodurch der Effekt des sauren Regens geringer wurde, festzustellen.“

Auch die Raubvögel haben unter dem immer öfter vorkommenden und länger anhaltenden Starkregen zu leiden. Reibisch erzählt von Nestjungen, die nicht mehr gehudert werden, das heißt, dass sie inzwischen zu groß sind, um unter den Fittichen ihrer Eltern zu sitzen, aber noch nicht das volle und schützende Gefieder entwickelt haben. Sie können bei Dauerregen und gleichzeitig niedrigen Temperaturen und dadurch bedingtem Futtermangel nicht überleben.

Auch dieses Jahr begann die Vegetationsphase deutlich früher als üblich. Zwar waren die Bäume noch kahl und sahen winterlich aus, doch wenn man genauer hinschaute, sah man schon die ersten Knospen. Aus den Böden schauten mutig die Winterlinge heraus. Ihre gelben Köpfe waren größtenteils noch geschlossen, doch es war nur eine Frage von Tagen, bis sie in voller Blüte dastanden. Auch blühende Krokusse lugten schon in kleinen Gruppen aus dem Boden und an der Schlei sah man Mengen von gelb strahlenden Narzissen. Verschiedene Büsche und Sträucher trieben bereits Knospen und das, obwohl wir uns rein kalendarisch noch mitten im Winter befanden. Mit den ersten Blumen und Knospen erwachten auch die Insekten wieder zum Leben. Hier und dort konnte man im frühen Februar schon vereinzelte Exemplare beobachten. Wenn die Insekten in ausreichender Zahl in „Frühjahrslaune“ sind, beginnen die Vögel zu brüten.

Birger Reibisch erklärt: „Fast alle heimischen Singvogelküken werden erst einmal mit Insekten großgezogen, bevor sie sich dann, wenn sie das Nest verlassen haben, eventuell auf Körner, Sämereien oder anderes Futter spezialisieren. Die früher einsetzende Vegetationsphase ist für unsere, den Winter hier verbleibende Arten kein Problem, da sie direkt mitbekommen, wie die Natur sich verändert und sich dementsprechend anpassen können. Anders sieht es bei den Langstreckenziehern, den Vögeln, die zum Überwintern zum Beispiel nach Afrika fliegen, aus. Sie bekommen dort eine bei uns eher einsetzende Vegetationsphase nicht mit. Wenn diese Vögel dann zur gewohnten Zeit, ihrem inneren Kalender entsprechend hier ankommen, finden viele von Ihnen kaum noch Nahrung oder Brutplätze.“

Als Beispiel nennt der Vogelschutzexperte die Jungvögel, die mit Larven gefüttert werden. „Wenn diese Zugvögel zur gewohnten Zeit hier eintreffen und nisten, unsere Vegetationsphase jedoch schon zehn Tage eher begonnen hat, sind die meisten Larven bereits geschlüpft, so dass kaum noch Nahrung für die Nestlinge zu finden ist. Die Jungvögel bleiben nun hungrig. Viele von ihnen überleben nicht einmal die wenigen Wochen im Nest.“ Doch auch die Höhlenbrüter seien betroffen, sagt Reibisch. „Diejenigen von den Langstreckenziehern, die zur Brutzeit zu uns zurückkommen und in Höhlen brüten, haben große Not eine noch freie Höhle zu finden, da die Meisten inzwischen von unseren hiergebliebenen Höhlenbrütern, sowie anderen Tieren wie Eichhörnchen und Gartenschläfern besetzt wurden.“

Hauke Drews beobachtet die Auswirkungen des Klimawandels auch an der Ostsee. Er sagt, dass sich hier durch den Anstieg des Meeresspiegels um 18 Zentimeter, die Salzvegetation in den letzten sechzig Jahren entsprechend höher verlegt hat. Das zeige der Weißklee, der salzintolerant ist, sehr zuverlässig an. Von unten rücken die Salzwiesearten nach, doch auch die bräuchten Flächen, die nicht dauerhaft vom Salzwasser überflutet würden.

Irgendwann werden die Küstenarten nicht mehr in höher gelegene Abschnitte ausweichen können, denn dann ist, im wahrsten Sinne des Wortes „Ende im Gelände“, da Promenade oder Deich ein weiteres Ausweichen nach oben verhindern werden.

Alles hängt zusammen

Durch den Raubbau an unseren natürlichen Ressourcen, auch ein Faktor des Klimawandels, sind wir bestrebt alternative Energien zu nutzen, so zum Beispiel die Windenergie. Grundsätzlich eine gute Idee, wenn da nicht auch die negativen Auswirkungen währen. Es wurden immer wieder verendete Vögel wie zum Beispiel Mäusebussarde gefunden, die bei ihrem Jagdflug zwischen die Rotorblätter geraten waren. Ebenso, wie auch zum Beispiel Ringeltauben, sind sie laut Reibisch, alle nicht in der Lage, die Geschwindigkeit der sich drehenden Rotorblätter, die eine Spitzengeschwindigkeit von 300 km/h erreichen können, einzuschätzen.

Auch Hauke Drews erklärt deutlich, dass der Klimawandel nicht von der Umweltverschmutzung sowie der heutigen Agrarwirtschaft zu trennen sei. Drews sagt: "Die Überdüngung in der Landwirtschaft fördert weitverbreitete Arten, die davon profitieren wie z.B. Distel, Brennnessel, Kanadische Goldrute und Rohrglanzgras, wesentlich stärker, als der Klimawandel. Für Insekten bedeutende Blütenpflanzen wie Arnika, Thymian, Oregano und die Küchenschelle sind nur ein paar wenige von etwa 300 Arten, die durch Überdüngung langfristig kaum noch eine Chance zum Überleben haben und deren Lebensräume großflächig fehlen, sodass sie auch im Klimawandel nicht ausweichen können. Aktuelle Landnutzung und Klimawandel beschleunigen daher das Aussterben vieler Arten, das jetzt am Thema Insektensterben sichtbar wird.“

Zudem werden durch die Stickstoff-Dünger die Bodenbakterien gefüttert, was wiederum dazu führt, dass der Humus abgebaut wird. Auf gedüngte Sandböden speziell Sandergeest und Geest, haben die Dünger eine besonders stark Bodenzehrende und austrocknende Wirkung. Neonicotinoide (Insektizide), die gegen Pflanzenschädlinge eingesetzt werden, wirken sich besonders auf die Population der Tagfalter und Bienen negativ aus. Studien zufolge wird durch dessen Einsatz die Fortpflanzungsrate der Bienen deutlich reduziert.

Monokulturen

Beide Naturschützer sind sich einig, dass die landwirtschaftlichen Monokulturen wesentlich anfälliger für den Klimawandel, als ihre robusteren Verwandten in der Biolandwirtschaft sind. Die in Schleswig-Holstein größten Anbauflächen sind Monokulturen mit Raps, Weizen und Mais. Da ständig die gleiche Getreidesorte angepflanzt wird, muss entsprechend gedüngt und gespritzt werden, da die Böden von diesem einseitigen Anbau völlig ausgezehrt sind. Solche Hochleistungssorten sind wesentlich empfindlicher als ihre unbehandelten und in natürlichen Böden herangezogenen Kollegen.

Das bedeutet auch, das allein durch den Wechsel der anzubauenden Arten und der Achtsamkeit bestimmte Arten eben in dafür passende Bodenstrukturen anzubauen, die Ursprünglichkeit der Pflanzen erhalten bleibt und damit auch ihre Robustheit. Wen wundert es da, dass die Biolandwirtschaft wesentlich besser mit dem Klimawandel klarkommt.

Mit der Erhaltung von Artenvielfalt, Fruchtfolgen die Arterhaltend wirken, guten internen Nährstoffflüssen und Bodenerhaltenem Arbeiten könnte das Artensterben, zumindest zu einem Teil, aufgehalten werden.