Das große Blau, Fotografie: Hendrik Neubauer | © Hendrik Neubauer

Multiresistente Keime in norddeutschen Gewässern

In einer im Februar auf NDR gezeigten Panorama-Sendung wurde berichtet, dass multiresistente Keime in verschiedenen Gewässern, wie auch an Badestränden in Niedersachsen entdeckt worden sind.

Inzwischen wurden auch Gewässerproben in Schleswig-Holstein entnommen, deren Ergebnisse noch nicht vorliegen.

Das jährlich etwa 6.000 Menschen in Deutschland an Infektionen durch multiresistente Keime sterben ist weitestgehend bekannt. Auch, dass sich diese Menschen oft erst in Krankenhäusern infizieren, ist nichts Neues.

Neu ist hingegen, dass multiresistente Bakterien nun auch in unseren Gewässern nachgewiesen wurden. Bedenklich auch, dass die Keime nicht nur in Flüssen gefunden wurden, in deren Einzugsgebiet Tiermastfarmen, Seniorenheime und Krankenhäuser liegen, wo die Keimbelastung besonders groß ist, sondern ebenso an mehreren Badestränden von Seen.

Wer trägt die Verantwortung?

Der NDR hatte ein Team zur Wasserprobenentnahme an die verschiedensten Orte in Niedersachsen geschickt. Keine der 12 entnommenen Proben war frei von multiresistenten Keimen. Selbst die Proben, die direkt aus dem gereinigten Wasser eines Klärwerkes entnommen wurden, wiesen Resistenzen auf.

Bei einigen der entnommenen Proben wurden sogar 4-Fach-Resistente Keime nachgewiesen, was bedeutet, dass alle vier gängigen Antibiotika-Typen gegen diese Bakterien unwirksam wären.

Bedenklich ist auch der Nachweis von hohen Colistin-Werten. Colistin wird in der Humanmedizin in Kliniken als „Notfallantibiotikum“ eingesetzt, also dann, wenn kein anderes Antibiotikum anschlägt.

Ein Interview mit einem Veterinärmediziner zeigte, dass speziell auf großen Geflügelfarmen Colistin bei der Behandlung von erkrankten Tieren eingesetzt wird. Behandelt werden müssten nur ein paar Tiere, da diese die anderen Tiere jedoch angesteckt haben könnten und sonst das erkrankte Federvieh separiert werden müsste, bekommen alle Tiere das Colistin in ihr Trinkwasser, welches für jedes Tier frei zugänglich ist. Dies ist keine Ausnahme, sondern die übliche und legale Praxis. Auf die Nachfrage, warum die Haltungsbedingungen nicht dahingehend verbessert würden, dass das Geflügel gesund bliebe, bekamen sie die lapidare Antwort, das dann das Geflügelfleisch teurer werden würde und der Verbraucher aber so billig wie möglich einkaufen wolle.

Wasserwirtschaft in Sorge

Der Diplom Volkswirt Martin Weyland, Hauptgeschäftsführer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nahm zu den Medienberichten Stellung: Zum einen hätten multiresistente Keime ihren Hauptursprung in den Mastbetrieben der Intensivlandwirtschaft. Die auf die Felder aufgebrachte Gülle würde durch Niederschläge ins Grundwasser und teilweise auch in nahegelegene Gewässer geschwemmt. Zum anderen durch Krankenhäuser, die ihre Abwässer über kommunale Kläranlagen in die umliegenden Gewässer einleiten.

Die in der Reportage des NDR thematisierte Lösung des Problems durch eine vierte Reinigungsstufe in den Kläranlagen, üblicherweise gibt es davon drei, sieht Weyland mit großer Skepsis. Laut dem Hauptgeschäftsführer des BDEW legen erste Forschungsergebnisse dar, dass auch eine vierte Reinigungsstufe die multiresistenten Keime nicht entfernen kann.

Seiner Meinung nach sollten diejenigen in die Verantwortung genommen werden, die dieses Problem auslösen. Mastbetriebe und Krankenhäuser müssten verpflichtet werden dafür Sorge zu tragen, das fragwürdige Rückstände wie z.B. von Antibiotika gar nicht erst in die Abwässer und damit in umliegende Gewässer gelangen können.

Martin Weylands Meinung nach sei nicht einzusehen, dass die Verbraucher mit einer Erhöhung der Abwassergebühren um 25% belastet würden, um eine vierte Reinigungsstufe mitzufinanzieren, die zudem einen überaus fragwürdigen Nutzen hätte.

Nachdem die Ergebnisse der Gewässerproben aus Niedersachsen bekannt wurden, hat nun auch Schleswig-Holstein diverse Proben aus der Region entnehmen lassen. Die Ergebnisse dieser Gewässerproben sollen demnächst vorliegen. Umwelt- und Landwirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen räumte ein, dass multiresistente Keime auch in Schleswig-Holstein ein Problem darstellen können. Er wies darauf hin, im letzten Jahr sei ein Forschungsprojekt gestartet, bei dem unter anderem Proben aus acht Kläranlagen entnommen wurden. „Entscheident ist,“ so sagt Harbeck „dass wir wissen, welche Keime auf welchen Eintragswegen in die Umwelt gelangen, um dann zielgenau und umfassend handeln zu können."

Wir dürfen auf die Ergebnisse aus Schleswig-Holstein gespannt sein.

Vielleicht sollte man über folgenden Werbespruch nachdenken:
Deutsches Geflügel – so billig wie noch nie, dabei garantiert mit der extra Portion Antibiotika. Zynisch? Ja! So zynisch wie die Praxis in den Geflügelmastfabriken.

Zur Panorama-Sendung in der NDR-Mediathek: http://bit.ly/2owkbsr

Beschreibung:

Multiresistente Keime: Antibiotika wirkungslos

Visite - 09.05.2017 20:15 Uhr Autor/in: Elena Kuch, Christian Baars

Viele Antibiotika wirken nicht mehr, weil Keime zunehmend Resistenzen entwickeln. Hunderttausende Menschen sterben jedes Jahr an resistenten Erregern.