Nahrung der Zukunft?

Mit Quallen ist es wie mit Mücken: Sie können nerven. Dabei können die seit 500 Millionen Jahren in den Weltmeeren existierenden Nesseltiere in Zukunft eine große Bedeutung als Ressource spielen. Als Dünger, Futter in der Fischzucht, für Kosmetika und als Nahrung auf unseren Tellern.

Mit Quallen ist es wie mit Mücken: Sie können beim Schwimmen im Meer nerven. Dabei sind Quallen anmutige Lebewesen, die mit einer faszinierenden Eleganz durch die Meere schweben. Und die seit rund 500 Millionen Jahren in den Weltmeeren existierenden Nesseltiere können in Zukunft eine große Bedeutung als Ressource gewinnen. „Wir sehen prinzipiell Chancen Quallen als Bio-Dünger in der Landwirtschaft, als Futter für Fischzuchten oder für Kosmetikprodukte einzusetzen“, sagt die Meeresbiologin und Quallenforscherin Jamileh Javidpour. Die Professorin an der Universität Süddänemark in Odense war zuvor lange am Kieler Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel tätig.

 

Quallen-Schleim als Filter

„Besondere Hoffnungen setzen wir im Rahmen eines EU-Forschungsprojekts darauf, Quallenschleim als Bio-Filter in Kläranlagen zu verwenden“, sagt Koordinatorin Javidpour. Denn Quallenschleim könne Mikroplastik aufnehmen. Das sei im Laborversuch bereits nachgewiesen. In drei Jahren solle ein Prototyp eines Mikroplastikfilters entwickelt sein. „Ziel ist es, die Kontamination von Kläranlagen mit Mikroplastik in Zukunft zu verhindern.“ Die Federführung für die Entwicklung des Filters haben Wissenschaftler von der Universität Haifa in Israel. Die Kläranlagen in Deutschland sollen etwa 85 bis 95 Prozent des Mikroplastiks im Abwasser zurückhalten können. Das geht aus einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik hervor.

Quallen als Futter, Dünger und für Kosmetik

Die EU unterstützt das seit 2018 bis Ende 2021 laufende interdisziplinäre „GoJelly“-Projekt mit fast sechs Millionen Euro. Beteiligt sind 16 Forschungseinrichtungen aus acht Ländern, darunter Israel und China.

Für die Kosmetik- und die Pharmaindustrie könnten Quallen ebenfalls als Ressource dienen. „Denn die Nesseltiere enthalten Collagen, das für Anti-Aging-Cremes verwendet wird, aber auch für Medizinprodukte“, erläutert Javidpour. „Man könnte die gespeicherten Nährstoffe in Quallen auch als Bio-Dünger in der Landwirtschaft einsetzen“, nennt die Quallenforscherin eine weitere Option. Versuche im Rahmen von „GoJelly“ hätten gezeigt, dass aus Quallen gewonnene Nährstoffe genauso gut wirkten wie chemische Düngemittel. Aber man dürfe sich das nicht so vorstellen, dass große Hängerladungen voll Quallen auf die Felder gekippt werden sollten. „Ziel ist vielmehr ein nachhaltiger Umgang mit den Quallen, die im Ökosystem Meer ein fester Bestandteil und Nahrung für 100 Fischarten sind.“

Quallen als Futter für Aqua-Kulturen zu nutzen, böte Javidpour zufolge ebenfalls Chancen: „Daran arbeiten wir.“ Als Nahrungsmittel für Menschen werden Quallen in Asien bereits verwendet. „Bei einem Besuch in China habe ich täglich Quallensalat gegessen“, erzählt Javidpour. Und wie schmeckt Qualle? „Nach Meer und ziemlich salzig“, findet die Wissenschaftlerin. Der Autor dieser Zeilen kann sich an einen gurkenähnlichen Geschmack erinnern. Die traditionelle asiatische Zubereitung von Quallen entsprecht auf jeden Fall nicht dem europäischen Geschmack. Um für Europäer Quallen als Lebensmittel interessant zu machen, ist im Rahmen von „GoJelly“ ein Kochbuch mit Rezepten eines italienischen Kochs geplant. Ein Quallen-Dessert mit Erdbeer- oder Schokoladengeschmack ist angedacht.