Mehr biologische Vielfalt für den Norden

Wer im Sommer durch den Norden fährt, sieht vor allem riesige Felder in Einheitsgrün. Bunte Wiesen mit Wildblumen und Kräutern, in denen es schwirrt und summt, sind rar geworden. Das Projekt „BlütenMeer“ will farbenfrohe Wiesen auf die Sprünge helfen.

 

Eintönig und Artenarm

Schleswig-Holstein ist zum großen Teil geprägt durch die Landwirtschaft. Getreide-, Mais-, Rapsfelder und Grünland bedecken weite Flächen des Bundeslandes. Dadurch wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Wildpflanzen zurückgedrängt. Mit dem Rückgang der Wildpflanzen ging auch die Insektenpopulation stark zurück. Von der vielgepriesenen Biodiversität kann hier keine Rede mehr sein. Doch das Bild der grünen Eintönigkeit und dem Artenschwund soll der jüngsten Vergangenheit angehören.

Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), Prof. Beate Jessel betont: „Vor dem Hintergrund der enormen ökologischen Bedeutung des artenreichen Grünlands ist der derzeitige Zustand unserer Wiesen und Weiden dramatisch. Diese negative Entwicklung müssen wir umkehren – einerseits durch eine Neuausrichtung der Agrarpolitik hin zu einer naturverträglicheren Landwirtschaft. Andererseits gilt es, auch in der Gesellschaft den Wert des Grünlands deutlicher ins Bewusstsein zu bringen und mit engagierten Vorhaben wie dem Projekt BlütenMeer 2020 artenreiche Grünlandstandorte wiederherzustellen.“

Farbenfrohe Biodiversität

Das Projekt BlütenMeer 2020 wurde 2014 ins Leben gerufen. Es wird mit 2,9 Millionen Euro im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) gefördert. Projektträger ist die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein. Fachliche Unterstützung kommt von der Artenagentur Schleswig-Holstein, dem Förderverein Mittlere Treene e.V. sowie dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) Schleswig-Holstein. Die Kreise Dithmarschen und Schleswig-Flensburg unterstützen finanziell. Das Projekt BlütenMeer hat ein Gesamt-Finanzvolumen von 4,4 Millionen Euro. Im März 2020 läuft das sechs-jährige Projekt aus.

Die Stiftung Naturschutz hat sich hohe Ziele gesteckt: Auf einer Gesamtfläche von insgesamt 2.500 Hektar – das entspricht etwa der Größe der nordfriesischen Insel Amrum – will sie Grünland langfristig aufwerten und artenreicher machen. Ziel ist, den dramatischen Artenrückgang der Wildpflanzen im schleswig-holsteinischen Grünland aufzuhalten, sowie Insekten und Vögeln wieder neuen Lebensraum zu geben.

Dazu wurden in den vergangenen fünfeinhalb Jahren auf 250 Hektar – rund 350 Fußballfeldern – zahlreiche Wildpflanzen wieder angesiedelt. Sie sollen sich in den kommenden Jahren aus eigener Kraft in 2.500 Hektar arten- und blütenreiche Wiesen verwandeln.

Für die Wiederansiedlung der Wildpflanzen brachten die Projektmitarbeiter regionales Saatgut sowie kräuterreiches sogenanntes Mahdgut aus. Der Begriff bezeichnet frisch abgemähte, reife Samen einer artenreichen Wildblumenwiese, die dann auf einer geeigneten und gut vorbereiteten Ackerfläche verteilt werden. Hinzu kommt die Auspflanzung von rund 200.000 Einzelpflanzen gefährdeter Wildblumenarten in der sechsjährigen Projektlaufzeit.

Die dafür verwendeten Flächen sind größtenteils erworbenes Stiftungsland. Doch auch diverse Initiativen haben sich mit ihren Flächen eingebracht.

Arche Gärtnerei

Da Saatgut von vielen einheimischen Wildpflanzen nicht im Handel zu bekommen ist, habe einige der Mitarbeiterinnen der Stiftung Naturschutz diese eigenhändig von Wildpflanzen in Schleswig-Holstein gesammelt.

So wurde die Idee geboren, die eigene Gärtnerei auch dafür zu nutzen, um einheimisches Saatgut sowie deren Pflanzen dort zu sammeln, zu ziehen und zu vermehren.  Der Gärtnereibetrieb auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände in Eggebek ist von Anfang an, ein Bestandteil des Konzeptes gewesen. Die Idee der „Arche-Gärtnerei“ ist bundesweit einzigartig. Inzwischen findet man hier Saatgut von über 60 Wildpflanzen die nicht auf dem regionalen Saatgutmarkt verfügbar sind. Dazu gehören beispielsweise Heidenelke, Gemeine Küchenschelle, Arnika, Langblättriger Ehrenpreis und Wiesenschlüsselblume.

Projektleiter Christian Dolnik sagt: „Die Mischung der Saaten ist auf Insekten abgestimmt. So blühen verschiedene Wildblumen fast das ganze Jahr über. Die ersten Blüten waren im Juni zu sehen.“ Die Samen sind so wertvoll, dass sie nicht überall eingebracht werden dürfen. Das Team von der Stiftung Naturschutz schaut sich die Flächen genau an. Denn nicht überall ist die Arbeit erfolgversprechend. „Wir sind sehr vorsichtig. Die Arten müssen auch in die Region passen“, sagt Dolnik.

Wiebke Busch, gelernte Landwirtin und Gärtnerin ist die technische Leiterin der Archegärtnerei. Sie erklärt: „Wildblumen sind ein wichtiger Baustein im Ökosystem, dienen sie doch vielen Insekten als Nahrungsquelle. Ihr Verschwinden setzt eine gefährliche Kettenreaktion in Gang. Da sie für eine intakte Natur essentiell sind.“ An dieser Stelle werden Wiebke Busch und ihre Kollegen zu Entwicklungshelfern. Sie vermehren heimische Wildblumen in einem geschützten Raum, ziehen sie groß, pflanzen sie aus, ernten wiederum ihre Samen. Auf über 2500 Hektar verarmter Grün- und Offenlandflächen außerhalb von Schutzgebieten sollen auf diese Weise Küchenschelle & Co. wieder sesshaft werden. Busch erläutert: „Im Großen und Ganzen sieht es immer monotoner aus. In Schleswig-Holstein sind in den vergangenen 20 Jahren über 17.000 Hektar arten- und blütenreiche Grünlandlebensräume verschwunden, meist sind sie der Intensivierung der Landwirtschaft zum Opfer gefallen. Alte Wiesen und Weiden mit wertvollen Wildgräsern und Wildkräutern wurden durch artenarmes Grünland ersetzt, um einen möglichst hohen Futterertrag für das Vieh herauszuholen.“

Blütenmeer GmbH

Da das Projekt im März 2020 ausläuft, wurde von der Stiftung Naturschutz die Blütenmeer GmbH gegründet. Der Geschäftsführer Wolfgang Heigelmann sagt: „Wir haben daher beschlossen, dass wir mit Hilfe von Sponsoren weitermachen wollen und nennen das Ganze jetzt „BlütenMeer 2030“. Das Unternehmen mit Sitz in Molfsee hat sich der Produktion und Vermarktung von Saat- und Pflanzgut sowie gebietsheimischen Gehölzen verschrieben und bietet Dienstleistungen im Bereich Natur- und Artenschutzmaßnahmen an.

 

Die Bilanz

Auch wenn nur ein Zehntel, also 250 Hektar im Land, tatsächlich aufgewertet wurde: Die Vielfaltschützer erhoffen sich eine Initialzündung, dass die neu gesäten Pflanzen es allein in die Landschaft schaffen. „Das ist ein längerfristiger Prozess“, sagt Projektleiter Dolnik.

„Ein Highlight in 2018 war, dass wir erstmals eine eigens aufgewertete Wildwiese als Spenderwiese nutzen konnten“, freut sich Christian Dolnik. Konkret bedeute das, dass das Projekt erste eigene Früchte trägt. „Zu Projektbeginn vor fünf Jahren haben wir einen ehemaligen Mais-Acker in der Preetzer Postseefeldmark, aufgewertet. Diese Fläche hat sich mit der Zeit so gut entwickelt, dass wir sie im vergangenen Jahr erstmalig mähen und mit dem wertvollen samenreichen Mahdgut eine artenarme Wiese in Panten im Kreis Herzogtum-Lauenburg aufwerten konnten. Ausbreiten müssen sich die Wildpflanzen dann aber von allein. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir das Projektziel erreichen, muss aber die Euphorie immer auch ein bisschen wieder einfangen“, sagt Dolnik. „Es ist nicht immer gewährleistet, dass alle Wildpflanzen sich auch in der Wildnis behaupten können. Wenn 70 Prozent der ausgebrachten Wildpflanzen den Winter überleben, im kommenden Sommer zur Blüte kommen und aussamen, können man davon sprechen, dass die Maßnahme erfolgreich war.“