Folge 48. Dann und wann ein weißer Elefant. Ich habe ein komisches Gefühl.

Was bisher geschah

Die Nacht bricht herein. Der Ermittler und seine Mandantin haben zumindest ein Ziel erreicht. Die Tvistanova händigt ihnen Maarjas Pass aus. Was ist damit gewonnen? Für Liisa ist das mehr als ein Papier. Darüber zieht die Arbeitsvermittlerin kampflos ab. Mit den Wolfsons gibt es kein Gefecht mehr. Chris liegt im Koma, seine Schwester Beate will zu ihm. Schneider gibt vor, sie zur Klinik zu fahren. Aber davor steht ein Reh auf der Straße. Kurz nach dem Unfall kommt es zum Zank zwischen Vermeer und seiner neuen Gespielin Marlies. Die haben die beiden Krieger Schneider und Vermeer ja vor Pawlowskis Augen in Lütjenburg zugeladen. Blitzkrieg im Defender. Die Allianz Marlies-Hans währt nicht lange. Die Dame spuckt dem Angebeteten ins Gesicht. Düpiert wird sie auch zuhause bei ihrem Ex Pawlowski. Und was geht in Kiel? Drogba und Francesca tanzen durch den Auerhahn. Just in dem Moment, in dem Beck und Suza die Leiche entsorgen wollen.

Marlies zog mit der rechten Hand ihren Rollkoffer hinter sich her.
Über der linken Schulter hing ihre Umhängetasche. Die war viel zu schwer, denn als Hans Vermeer endlich angerufen hatte, war Marlies noch eine letzte Runde durch die Wohnung gegangen und hatte alles Mögliche in die Tasche gestopft. Hätte sie bloßgewusst, was passieren würde. Sie ärgerte sich maßlos. Sie hätte es wissen müssen. Hans. Der Typ war ein Windhund. Das war ihr schon von allen möglichen Seiten zugetragen worden. Nur was macht Frau, wenn die Liebe dahin fällt, wohin sie besser nicht hinfallen sollte. In den letzten Wochen waren bei ihr alles Sicherungen durchgebrannt. Denn Theo Pawlowski hatte sie offensichtlich abgeliebt. Was sie in dem Moment nicht sehen wollte. Bei ihm hatte sie aber zumindest ein Dach über dem Kopf und er behandelte sie mit einem Mindestmaßan Respekt. Das konnte man von Hans und seinem Freund nun wirklich nicht behaupten. Egal, ob sie nun im Auto durchgedreht war, aber Hans hätte sie doch schützen müssen und sie nicht auch noch provozieren dürfen? Wenn sie ihn darum bat, etwas sein zu lassen und er es trotzdem tat, das konnte sie sich nicht gefallen lassen. Und wie stoppte man zwei Typen, die offen ihre Waffen im Auto liegen haben und die in Kampfanzügen durch die Weltgeschichte gondeln? Indem sie selber handgreiflich wurde. Sollte sie die Polizei anrufen?

Marlies war vielleicht drei Kilometer gegangen. Zwei Autos waren ihr entgegengekommen. Beide hatten aufgeblendet. Sie hatte jedes Mal stehen bleiben müssen. In ihre Richtung fuhr kein einziges. Sie schaute auf das Display. Endlich waren die Balken auf ihrem Smartphone wieder da. Sie tippte auf eine Kurzwahl.

»Theo, ich steh mitten im Wald. Du musst mich retten.« Marlies weinte.
 

Chance im Ödland

»Ich hatte so fest vor, mit Roberto nach Island zu fahren.« Francesca lag mehr in ihrem Stuhl, als dass sie saß, sie schwitzte. Eben noch hatte Drogba sie beim Tango fest im Griff gehabt.

»Luftveränderung würde uns beiden guttun. Er soll mal an einem anderen Ort neben mir stehen. Feuer und Eis, Quecksilberflüsse und moosgrünes Blut, von oben sieht Island aus wie ein Swimmingpool für Außerirdische. Wo sollten wir zueinander finden als in diesem Ödland? Er spricht manchmal Französisch mit mir, wenn er wütend ist, dabei würde Deutsch mir schon reichen. Ich kann in mindestens sieben verschiedenen Sprachen schweigen.«Francesca hob das Glas. Sie trank einen Schluck Weißwein. »Paul, was halten Sie davon, wenn wir uns jetzt nüchtern küssen, sonst artet das Gespräch noch aus.«

»Sie wollen ein Abenteuer, der Abend könnte aber letztendlich teuer werden.« Drogba lächelte.

»Das verstehe ich nicht. Dafür ist mein Deutsch wohl nicht gut genug.«

»Das macht gar nichts.«

»Paul, ich möchte nur einen kleinen Kuss.«

Drogba ging zur Garderobe, nahm ihren Mantel und trat auf Francesca zu.

»Für mich ist die Liebe die Hauptmahlzeit und der Flirt das Salz an der Suppe.« Francesca schaute Drogba an.

»Ich bin Koch, ich weiß wohl, was Sie meinen.«

»Mein Problem ist, dass ich sehr viel rede. Und außerdem rede ich gerne mit mir selbst. Es passiert schon mal, dass ich meiner Konversation nicht mehr folgen kann und die Unterhaltung läuft mir davon. Passiert das gerade?«

»Das kann schon sein. Aber Sie passieren mir nicht. Seien Sie mir nicht böse.«

»Paul, warum sind die Sterne immer so weit weg. Manchmal verstehe ich mich am Ende nicht mal mehr selbst. Roberto fängt an zu flüstern, wenn er mir etwas Wichtiges sagen will, versucht mich aus meinem Redefluss herauszubringen, versucht mich an Land zu ziehen, will mich austrocknen. Solange ich Roberto kenne, kämpfe ich mit ihm. Ich dachte immer, genau das mag er an mir. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Aber vielleicht hätte mich ihm nicht so entziehen sollen. Ohne ein Wort.«

»Das könnte gut sein.« Drogba reichte Francesca seine Hand, sie stand auf, er beugte sich zu ihr herunter. Sie küssten sich.

»Na, sind Sie jetzt wieder nüchtern?« Drogba entzog sich und hielt ihr den Mantel an.

»Fast.« Francesca griff nach ihrer Tasche. Aber vorher trank sie noch das Glas aus. »Wann haben wir denn unsere erste Dienstbesprechung?«

Ab ins Verlies

Beate saß immer noch in der Wagenecke. Sie war eingeschlafen. Artur Schneider versuchte sie zu wecken. Sie schlief aber tief und fest. Er nahm sie auf die Arme und trug sie in das Haus. Hans Vermeer hielt ihm die Tür auf.

»Wo schließen wir sie denn mal ein?«Schneider schaute Vermeer an.

»Wohn ich hier oder du?«Vermeer schloss die Haustür.

»Hase, ab ins Verlies mit dir.«Schneider hatte eine Idee und trug Beate Wolfson die Kellertreppe hinunter.

Vermeer ging in die Küche. Hantierte an der Espressomaschine herum.

»Artur, nimmst du auch einen doppelten Espresso?« Vermeer holte zwei Tassen aus dem Schrank. »Es könnte eine lange Nacht werden.«

Aus dem Keller kam keine Antwort.

Elefant auf Karussell

Das Taxi fuhr den Berg in Richtung Ostseehalle hoch.

Liisa und Trent saßen im Fond.

»Mama, ich habe Maarjas Pass.« Liisa saßhinter dem Fahrer, drückte sich in die Polster. Sie strahlte Trent an.

Und dann plapperte sie los. Trent verstand kein Wort, er mochte aber den Klang. Estnisch? Ethnisch. Er schaute aus dem Fenster, auf dem Wilhelmsplatz standen Karussells. »Und dann und wann ein weißer Elefant.«Trent schaute zu Liisa. Sie telefonierte, schaute zu ihm herüber.»Und auf den Pferden kommen sie vorüber, auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge, fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge, schauen sie auf, irgendwohin, herüber.«Ihr Lächeln schwand. »Und dann und wann ein weißer Elefant.«Das Taxi bog auf eine große vierspurige Straße. Wenn er sich nicht täuschte, dann war das wohl Rilke, der ihn gerade angeflogen hatte.

»Nein, sag, dass das nicht wahr ist? Antti trinkt wieder.« Liisa seufzte.
 

Ballons im Garten

Suza und Beck lagen wieder auf dem Bett in der Esmarchstraße.

»u mome vrtu umjesto ruža, procjetahu baloni boja svih«

»Suza, was singst du da eigentlich?«

»In meinem Garten, anstatt der Rosen, erblühten Ballons aller Farben. Und so geht es weiter: Ballons, Ballons, diese süßen Bonbons, sie bringen die Sonne zu mir. baloni, baloni, ti šareni bomboni što suncu nose mene.«

»Das gefällt mir. Sing weiter. Ich will hin zur Sonne. Ich will mit dir nach Kroatien.«Beck hatte die Arme über der Brust verschränkt, ließdie Zehen kreisen. Suza war aufgestanden und lief durch das Zimmer.

Ihr Smartphone klingelte, sie nahm das Gespräch an, sagte keinen Ton.

Beck berichtete sie, dass Schneider sich gemeldet hatte. Er hätte herumgeschleimt, darum gebeten, die Leiche der Meerjungfrau herauszugeben. Außerdem wollte er wissen, wo sie selbst sich gerade befände.

»Beck, ich habe ein komisches Gefühl.«

»Suza, ich bin müde. Hundemüde. Komm ins Bett. Wir machen es so wie geplant. Wir packen morgen früh die Sachen in das Auto ein und die Leiche kommt obendrauf. Eigentlich hätten wir schon heute zur Bank gemusst. Ich hoffe nur nicht, dass Schneider den Scheck hat sperren lassen. Wir brauchen die Kohle als Startkapital in Kroatien. Wenn wir jetzt die Leiche herausgeben, was ich liebend gerne täte, dann können wir auch den Scheck vergessen. Den verlangt der Alte als erstes zurück.«

Suza zog sich aus, legte sich ins Bett, ging in Löffelstellung. Beck war schon unter die Decke gekrochen und knipste jetzt die Nachttischlampe aus.
 

Auf der Lauer

»Jetzt gehen da oben die Lichter aus.«

Schneider nickte Vermeer zu. Die beiden hatten auf dem Blücherplatz Stellung bezogen. Den weißen Kastenwagen hatten sie so platziert, dass sie sowohl Becks Wohnung in der Esmarchstraße im Blick hatten.

»Artur, du willst doch nicht die ganze Nacht hier hocken bleiben?«

»Hans, hast du eine andere Idee?«Schneider biss in das Würstchen im Schlafrock, das er sich vorhin an der Tankstelle besorgt hatte und nahm einen Schluck Cola Zero. »Ich bin mir sicher. Die wollen abhauen. Diesen Moment müssen wir abpassen. Dann schlagen wir zu, denn dann lösen sich all unsere Probleme wie von selbst.«
 

Butter aufs Brot

Trent schmierte Butterbrote. Liisa stand am Küchenfenster, schaute hinaus auf den Park.

»Skål«.«Trent hob sein Glas. Er trank den Pastis pur. Für Liisa hatte er den Anisschnaps mit Wasser aufgefüllt.

Auf dem Küchentisch stand eine Flasche kampanischer Primitivo. Trent hätte es wissen müssen. Francescas erster Gang hatte sie offensichtlich in die Vorratskammer geführt. Mit Zufriedenheit hatte sie wohl festgestellt, dass er ihren Lieblingswein immer noch vorrätig hielt.

Trent streute ein Prise Meersalz über die Butterbrote. Schon wieder Zeit für Trostbrote? Trent hielt Liisa das Brett mit den Broten hin. Sie griff zu. Er deutete auf den Wein, sie schüttelte mit dem Kopf. Trent goss sich Glas ein. Und sofort hatte er die Note von Lakritz und Beeren in der Nase. Oder was es der Pastis? Trent nahm einen Schluck.

Er schaute auf die cremeweiße Landschaft auf dem Brot, das er in der anderen Hand hielt. Er biss hinein. Reichlich Butter schmeichelte seinem Gaumen, das Holzofenbrot wollte erst einmal verarbeitet und geknackt werden.

»Die Welt braucht mehr Butterbrotiers.«

»Genau das.« Liisa fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, sie hatte bereits den letzten Bissen gegessen, das Glas war auch leer. Sie ging um den Tisch herum, setzte hin, hielt ihm das Glas hin. Trent und Liisa saßen sich jetzt gegenüber.

»Ich denke mal, dass Francesca das Gästezimmer noch nicht bezogen hat. Ich hole einfach ihre Sachen zu mir ins Schlafzimmer hinüber.«

In diesem Moment ging der Schlüssel in der Wohnungstür.

»Liisa, Sie bleiben hier. Wir reden morgen früh.«