Folge 47. Wodka, Tango, Blitzkrieg. Der Hass singt Da Da Da.

Was bisher geschah

Der dritte Tag neigt sich dem Ende zu. Der Ermittler und seine Mandantin nehmen Anlauf für das Treffen mit der Tvistanova. Liisa will nur eins. Den Pass ihrer Zwillingsschwester. Trent kann Liisa nur wenig Hoffnung machen. Es steht eine Geldforderung im Raum. Und eben hat sie ihm gestanden, sie sei nicht liquide. Spannend wird es auch bei Beck und Suza. Fest steht: Morgen geht es in den Süden. Ihren Job haben sie aber noch nicht erledigt. Die tote Meerjungfrau kühlt weiter vor sich hin im »Auerhahn«. Mit dieser Hypothek will Paul Drogba das Sternerestaurant nicht übernehmen. Er hat aber schon mal neues Personal angestellt. Francesca, Trents Ex, wird dem Service unter die Arme greifen. Neben so viel Aufbruch gibt es auch Absturz. Theo Pawlowski muss mit ansehen, wie sein Kumpel Vermeer seine Partnerin Marlies entführt. An Bord des Defenders befindet sich zudem Beate Wolfson. Die Truppe, angeführt von Artur Schneider, rollt durch Ostholstein in Richtung Kiel. Es gab allerdings zwei Störfälle. Ein Reh stand auf der Straße. Ohne dem Geländewagen großwas anzuhaben. Kurz darauf kommt es zu einer Handgreiflichkeit an Bord.

Raus.«

Artur Schneider packte Marlies am Kragen und stellte sie an den Straßenrand. Hans Vermeer kam mit ihrer Umhängetasche und dem Rollkoffer um die Wagenecke. Er stellte die Sachen zu ihren Füßen ab. Ein Kleinwagen kam von vorn, blendete auf, hupte, fuhr vorbei. Der Defender stand in einer langen Kurve leicht quer auf der rechten Spur. Rechts und links dichter Wald.

»Tschüss.«Vermeer wollte sich schon umdrehen.

»Nicht euer Ernst«, rief Beate Wolfson aus dem Wagen.

»Beate, willst du auch aussteigen? Wir halten kein zweites Mal.«Schneider saßwieder im Auto und redete. Beate Wolfson kauerte immer noch in ihrer Ecke, schaute nach hinten zum Fenster hinaus.

»Was seid ihr bloßfür Schweine?«Marlies weinte.

»Genau das.«Vermeer stemmte die Fäuste in die Hüften.»Du hättest uns alle umbringen können. Warum hast du mich gewürgt? Und das während ich am Steuer sitze und fahre?«

»Ich habe dich um etwas gebeten.«

»Als ob, gebeten. Du hast mich angeschrien, ich solle die Musik ausmachen. Du tickst doch nicht mehr richtig.«

»Und du hast nicht gehört. Wenn es so schon anfängt. Vom Regen in die Traufe.«Marlies nahm in jede Hand ein Gepäckstück.

»Es ist doch nur ein Lied.«

»Die Tänzerin. Das ist meine Jugend, du Vollidiot. Und ich saßbis eben mit zwei Männern in Kampfanzügen und Waffen in einem verkappten Armeefahrzeug? Was habt ihr eigentlich vor? Gegen wen wollt ihr eigentlich Krieg führen?«

»Marlies, Respekt.«Schneider kurbelte sein Fenster weit herunter. »Du traust dich wenigstens was. Nicht so wie der Waschlappen Theo. Was gibt der dir eigentlich? Lohn und Brot. Aber du verstehst schon, dass wir dich los werden müssen?Ärger haben wir genug am Hals.«

»Haut ab.«

Vermeer streckte die Hand aus, wollte ihre Wange streicheln. Marlies spuckte ihm ansatzlos mitten ins Gesicht.

»Schade, ich glaube immer noch, dass es mit uns was hätte werden können.«

Vermeer stieg an. Der Wagen fuhr ab.
Marlies schaute sich um, stellte den Koffer ab, griff in ihre Umhängetasche, holte ihr Smartphone heraus. Sie fingerte an dem Ding herum, hielt es hoch, schaute auf das Display.
Kein Empfang.

Stopp am »Nil«

Francesca saß schon eine Weile im »Nil«. Sie hatte es sich draußen unter einem der Heizpilze bequem gemacht. Die Terrasse des Lokals war voll besetzt. Drinnen war absolute Leere.

Vor ihr lag das Smartphone. Wie oft hatte sie jetzt schon die Nummer von Drogba gewählt? Fünf Mal. Zwischendurch nahm sie immer wieder kleine hastige Schlucke vom Weißwein. Sie schaute in die Neige des zweiten Glases. Sollte sie noch ein drittes bestellen? Sie nahm sich vor, den Kielern im »Auerhahn«ihre Favoriten aus Kampanien zu kredenzen. Dass Drogba ihr diese Chance geben wollte? Service in einem Sternerestaurant, das war schon was. War es aber nicht zu aufdringlich, dem neuen Chef schon wieder auf die Pelle zu rücken? Wo sollte sie hin? Trent war keine Option mehr. Sie hätte sich unten in der Stadt ein Hotelzimmer nehmen können.

Francesca zahlte. Und ging in Richtung Blücherplatz.
 

Wodka in der »Atlantic-Bar«

»Guten Abend, die Damen.«Trent versuchte es auf die joviale Art. Liisa fand, das stand ihm gar nicht.

»Herr Wolfson, pünktlich, pünktlich.«Tvistanova saßan dem langen Tresen in der Atlantic-Bar. Ihre Assistentin hatte sie rechts neben sich platziert. Tvistanova drehte sich auf ihrem Stuhl zu Liisa und Trent. Ihr blonde Betonfrisur saßwie immer. Ihre Assistentin tat es der Chefin gleich, schwenkte betont lässig zu ihnen, beinahe hätte sie sich einmal um die eigene Achse gedreht. Trent schaute perplex. Als hätten die beiden die Kleider getauscht. Gestern morgen noch steckte der kompakte Körper der Chefin in einem türkisen Kostüm, die ähnlich geformte Assistentin hatte Roségetragen. Nun hatten die beiden anscheinend den kompletten Look bis hin zu den Highheels getauscht.

»Maarja, du siehst wieder bezaubernd aus.«

Liisa sah wie immer aus. Sie war ganz in Schwarz gekleidet. Sie trug schwarze Boots. Sie war dezent geschminkt. Sie hatte sich bei Trent eingehakt, der einen nachtblauen Anzug und ein schwarzes Hemd trug. Liisa verzog keine Miene.

Die Vier gingen zu einem Tisch, setzten sich. Der Kellner folgten ihnen.

»Wodka auf Eis. Das geht auf mich.«Tvistanova machte eine raumgreifende Bewegung. »Bringen Sie bitte auch eine große Flasche Wasser.«Der Kellner nahm die Bestellung auf.

»Frau Tvistanova, das Spiel ist aus. Wir sind nicht die, für die Sie uns halten. Darf ich vorstellen, Maarjas Zwillingsschwester Liisa, ich bin Robert Trent, Ermittler und Privatier.«

Die beiden Russinnen schauten sich an.

»Das Spiel ist aus. Wohl wahr.«Tvistanova lachte, legte ihre Hände auf den Tisch, faltete sie.

Trent legte nach und wurde ausführlich. Liisa begann nervös zu werden, die beiden Russinnen lauschten gespannt. Trent bekam schließlich die Kurve. Sie wären gewissermaßen die Wiedergänger Wolfsons und Maarjas. Nur seien die beiden eigentlich schon nicht mehr in der Welt. Der eine liege im Koma, die andere werde vermisst. Ob sie noch mal eine Chance bekämen? Das könnte er nicht sagen. Trent nahm Liisas Hand. »Seien Sie uns nicht böse. Aber wir hatten keine andere Chance.«

Die Assistentin strich sich durch das Haar, nestelte umständlich an ihrer Handtasche herum, nahm den Pass heraus, gab diesen an ihre Chefin weiter.

»Herr Trent, mir gefiel dieses Spiel. Aber Sie müssen wissen, dass ich spätestens heute Nachmittag nicht mehr daran geglaubt habe. Ich war nur sehr gespannt, was weiter passieren würde. Und da wir morgen fahren, musste etwas passieren. Deswegen dieser kleine Versuch einer Erpressung.«Tvistanova kniff ihre Augen zusammen. »Und man weißja nie, der einer oder andere bezahlt dann ja auch.«Sie hielt die Hand vor den Mund, hüstelte. »Wir haben durch eine Kollegin von Maarja erfahren, die wir auch nach Deutschland vermittelt haben, dass sie eine Beziehung zu ihrem Chef gehabt haben muss. Die Kollegin hat auch erzählt, dass sie wohl einen Job in Aschau zu erledigen hatte und danach wollte sie eigentlich nach Tallinn reisen. Das passte alles mit Ihrer Geschichte, die Sie uns aufgetischt haben, nicht mal im Ansatz übereinander. Aber, einen Versuch war es wert.«

Der Kellner brachte den Wodka auf Eis.

»Aber dass Sie in der Schumacherstraße fast über den halbtoten Chris Wolfson gestolpert sind, das wissen Sie auch?«Liisa meldete sich zum ersten Mal zu Wort.

»Woher soll ich das wissen?«Tvistanova hob das Glas. »Ich wünschte, wir wären unter glücklicheren Umständen zusammengekommen. Ich habe mich intensiv mit meiner Mitarbeiterin beraten. Der Fall Wolfson ist für uns hoffnungslos, nicht zuletzt weil unser Kunde im Koma liegt, die Provision können wir vergessen, bei Frau Wolfson beißen wir auf Granit. Wir reisen morgen ab und überlassen Maarjas Schwester den Pass. Hoffentlich ist Maarja noch am Leben und Sie beide machen das Beste draus.«Tvistanova beugte sich nach vorne, ihre Kostümjacke spannte ordentlich, behutsam legte sie ihre Hand auf Liisas Arm. Dann schob sie den Pass zu ihr hinüber.

»Danke.«Liisa blinzelte. «Herzlichen Dank.«

 

Tango im »Auerhahn«

Beck und Suza gingen über den Blücherplatz. Alberten herum. Beck lümmelte sich auf einen einsamen Stuhl vor dem Eiscafé, das längst geschlossen hat. Suza rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Beck frotzelte sie an. »Ist dir der Stoff ausgegangen?«»Irgendwann muss ich auch mal runterkommen. Heute Nacht und morgen früh brauche ich einen klaren Kopf.«»Ach was.«Beck stand auf. »Komm, lass uns das jetzt angehen.«Suza blies ihm den Rauch ins Gesicht. »Was?«»Na, die Meerjungfrau versenken.«»Ich habe so ein schlechtes Gewissen, Suza,warum bin ich bloßso ein Feigling.«»Beck, du hättest Samstagnacht nichts tun können.«»Nicht dein Ernst.«

Sie stehen vor dem erleuchteten »Auerhahn«.

»Schau mal, da tanzt eine Frau im roten Kleid durch den Gastraum.«

»Die kenn ich. Das ist die Freundin von unserem Vermieter.«

»Trent? Dieser Schnüffler? Der ist doch mit dieser blutjungen Blonden unterwegs? Die kommt doch aus Estland und sucht ihre Schwester, die irgendwas mit Wolfson hatte, stimmt´s?«

»Irgendwie so. Ich weißes doch auch nicht. Eigentlich war die Italienerin längst verschwunden. Wollen wir reingehen?«

»Und dann? Guck mal da. Drogba kommt mit zwei Gläsern um die Ecke? Die saufen doch jetzt nicht deinen Schampus?«

»Lass sie. Was sollen wir denn jetzt machen? Da reinmarschieren und Paul brüskieren. Guten Abend, die Herrschaften, lassen Sie sich nicht stören. Aber wir haben hier was vergessen. Ach, gebt uns doch bitte mal unsere Leiche aus dem Kühlhaus, wir sind dann auch gleich wieder weg.«

»Beck, du hast recht. Dann müssen wir das mit Leiche wohl tatsächlich auf der Fahrt morgen erledigen. Hast du einen Dachgepäckträger für den Caddy?«

»Suza.«

Sie machten kehrt.

 

Blitzkrieg im »Defender«

Beate Wolfson fühlte sich benommen. Die Hände zitterten. Unter der Schädeldecke kreiste ein Schwarm Hornissen, ihr Kopf zuckte leicht, das Gesummse zwischen den Ohren wurde aber nur noch lauter. Sie starrte auf das Futteral mit den Waffen, das im Mittelgang des Defenders lag. Vorhin hatte sie schon mal kurz einen Blick darauf geworfen, wurde aber barsch zurückgepfiffen. In dem Moment hatte sie noch gehorcht. Sie streckte den Fuss aus. Stupste den Stoff leicht zurück.

Sie verachtete die beiden Männer. Sie witzelten über Marlies. Fachsimpelten darüber, was sie zum Abendessen machen wollten. »Irgendwas mit Pilzen, nicht wahr, Beate?«Diese Typen widerten sie an. Schneider rief Beck an, dann wählte er eine andere Nummer. »Keiner geht ran. Hans, jetzt stehen Pezer und Beck ganz oben auf der Liste, die müssen wir uns als nächstes schnappen.«Beate Wolfson sah, wie Schneider dem Fahrer zunickte und nach hinten zeigte. Sie wusste, was das bedeuten sollte. »Die Wolfson haben wir im Sack.«Das waren doch Schneiders Sprüche. Unvorstellbar, dass sie diesen Mann mal, ja was denn, geliebt hatte oder hatte sie ihn begehrt oder war es dieses Erfolgstralala alter Männer, von dem sich viele junge Frauen angezogen fühlten. Sie war offensichtlich genauso blöd wie die Vielen vor ihr und nach ihr gewesen.

Ihr Hass kam plötzlich um die Ecke, mit ganz breiter Brust. Er lächelte verschmitzt, zappelte ein wenig, machte dann ein paar verführerische Schritte und zog dann ohne lang zu fragen bei ihr ein. Bohrte sich im Nu Tunnel unter die Haut, in Nullkommanichts war er von Kopf bis Fuss da. Er drückte den Verstand an die Wand, ab jetzt lief nur noch der Notstrom. Fühlten sich so Kurzschlusssituationen an? Doch bevor sie diesen Gedanken zuende denken konnte, gingen auch schon die Scheinwerfer an. »It´s Showtime. Der Hass steht im Ring und singt: Da Da Da.«Sie trommelte mit den Fingern auf den Sitzen. »Losgeht´s. Ohne Rücksicht auf Verluste.«Worte brummkreiselten durch ihr Hirn. »Da Da Da.«

»Hast du was gesagt, Beate?«Artur Schneider drehte sich auf dem Beifahrersitz um. Hans Vermeer steuerte weiter durch die Dämmerung. Beate Wolfson reagierte nicht.

Mittlerweile fuhren sie auf der Bundesstraße durch die Ausläufer von Kiel. Die Waffen lagen blank vor ihr, soweit war sie schon mal. Den Sicherheitsgurt hatte sie bereits nach dem Ausstieg von Marlies Nissen gelöst. Sie war auf dem Sprung.

Irgendein Witz brach sich da vorne gerade seine Bahn. Jedenfalls kriegten sich die Männer nicht mehr ein. Vermeer lachte Tränen, Schneider trampelte mit den Füssen auf dem Bodenblech herum.

Beate Wolfson ließsich vom Sitz gleiten, griff sich das rechte Gewehr, nahm es in Anschlag und ging im Mittelgang in Stellung.

Schneider drehte sich um.

»Hans, du glaubst es nicht. Hase will uns erschießen.«Schneider kam aus dem Lachen nicht mehr heraus. Vermeer trat auf die Bremse, schaute in den Rückspiegel, um gleich wieder Gas zu geben. Beate Wolfson schaute geradezu in Vermeers tränennasse Augen. Der Niederländer fiel wieder in Schneiders Lachen ein.

»Los, fahrt mich in die Klinik.«

»Machen wir ganz bestimmt nicht«, wieherte Schneider. Er versuchte den Lauf wegzuschlagen. Nahm dieser Typ eigentlich irgendwas und irgendjemand ernst? Beate Wolfson drückte ab. Eine Kugel schlug durch das Dach.

Beate Wolfson erschrak über sich selbst, ließsich von Schneider übermannen. Sie staunte, wie flink dieser kleine dicke Mann aus dem Sitz gekommen war und sich über die Kiste zwischen den Vordersitzen geschwungen hatte. Die Waffe hatte sie auf die Sitzbank fallen lassen.

Beate Wolfson lag im Mittelgang. Die zweite Waffe im Futteral drückte ihr ins Kreuz. Schneider hockte über ihr. »Hase, was habe ich dir gestern Abend erst gesagt. Du kapierst es einfach nicht.«Er zog eine viehische Visage, sonderte die übliche Tirade ab. »Beate, mit dir bin ich noch lange nicht fertig.«Der Boden des Wagen vibrierte unter ihr, die Konturen der Waffe unter ihr schnitten sich in ihren Rücken, die Fahrgeräusche dröhnten schlimmer als je zuvor, das Gesummse im Kopf wurde unerträglich.

»Artur, mach mit mir, was du willst. Chris hast du schon geschafft. Das gelingt dir mit mir sicherlich auch.«

»Dein Bruder«, Schneider stand auf und klopfte den schwarzen Kampfanzug ab, »hat sich ganz allein und selbst geschafft. Steh auf, setz dich.«Schneider hatte jetzt die Waffe im Anschlag und auf Beate Wolfson gerichtet.

»Das Ding macht schöne Löcher.«Schneider zeigte auf den Wagenhimmel über dem Fahrersitz. »Nimm dich in acht, Hase.«

Beate Wolfson kroch auf alle Vieren, kam hoch und setzte sich in ihre Ecke.

Hans Vermeer gab Vollgas.