Folge 46. Umwege im Nieselregen.Und immer triffst du mich.

Was bisher geschah

Es dämmert. Es nieselt. Francesca macht sich auf in die Jahnstraße. Einigermaßen beschwingt von Drogbas Jobangebot. Wäre da nicht der Fremdkörper im Kühlhaus gewesen? Aber die Leiche kühlt weiter vor sich hin im »Auerhahn«. Über das Sternerestaurant wurde bei einer Henkersmahlzeit in der Esmarchstraße entschieden. Drogba bekommt Prokura, Beck erhält grünes Licht für die Ausreise. Sein Sous Chef stellt nur eine Bedingung: »Schaff mir die Tote vom Hals! Ich rette dir den Arsch. Aber das Problem löse nicht auch noch.« Und sonst so. Trent braucht einen freien Kopf, frische Unterwäsche und sein Anzug ist sowieso hinüber. Liisa bleibt zurück in der »Pension Margot«. Zumindest weiß der Ermittler jetzt, dass seine Mandantin nicht liquide ist. Das wäre jedoch schlimmer, wäre der Fall schon gelöst. Dem ist nicht so. Die Übeltäter laufen frei herum. Schneider und Vermeer sammeln die fürchterlich aufgeregte Beate Wolfson in Hohwacht ein. Sie sorgt sich. Um Chris, der im Koma liegt. Um sich selbst. Zu Recht? Kann sie ihren vermeintlichen Helfern trauen? Nächster Stopp Lütjenburg. Pawlowski residiert im Gasthof »Post«. Er ist verstört. Verliert er seine Partnerin Marlies an seinen Gourmetfreund Vermeer?

»Hans, das ist jetzt nicht euer Ernst?«

Theo Pawlowski hatte sein Smartphone am Ohr, stand im ersten Stock der »Post«und schaute auf den Marktplatz. Er stierte auf das Haus gegenüber. Sein Haus. Davor stand der Defender von Hans Vermeer. Das Auto hatte das Standlicht eingeschaltet. Im Flur ging das Licht an und Marlies trat aus der Tür. Sie trug eine Umhängetasche. Und Hans Vermeer nahm ihr einen Rollkoffer ab. Er sah das alles nicht nur, sondern die Geräuschkulisse wurde live übertragen.

»Marlies, entschuldige, ich telefoniere gerade.«Vermeer hatte auch ein Smartphone am Ohr.

»Das ist doch nicht wahr.«Pawlowski schnappte nach Luft. »Hans, sag ihr, dass ich sie sprechen möchte.«Er sah, wie Vermeer mit Marlies sprach. Sie schüttelte den Kopf.

»Nichts zu machen, Theo. Sie will weg von dir.«

»Ja, aber wo will sie denn hin?«

Vermeer drückte Pawlowski weg.

Die beiden gingen zum Auto. Vermeer lud hinten das Gepäck und Marlies ein. Vorher setzte es noch einen Kuss.

»Ich glaube es einfach nicht.«Pawlowski sprach mit sich selbst, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab, atmete schwer. Der Wagen unten auf dem Marktplatz fuhr ab. Er wählte noch mal Vermeers Nummer, dann versuchte er Marlies zu erreichen.

Eigentlich hätte er jetzt auch wieder in seine Wohnung gehen können. Er ließes sein, legte sich auf das Bett, schlief sofort ein.

Trent macht Pause

Trent stand vor seinem verspiegelten Kleiderschrank. Wenn er nur abgearbeitet ausgesehen hätte. Das traf ja zu. Aber nein, er sah abgerissen aus. Das Blut auf der Anzughose war das eine. Aber seine Haare waren noch zerzauster als sonst. Und der Dreitagebart war gerade dabei endgültig auszuwachsen. Wo hatte er eigentlich sein Jackett gelassen? Das musste doch auch total verdreckt sein, das hatte er Wolfson unter den Kopf gelegt. Er zog sich aus und hängte die Sachen auf den Stummen Diener. War da draußen im Flur jemand? Er kam sich albern vor. Aber er fühlte sich in seiner Wohnung nur zu Gast, seitdem Francesca die Jahnstraße am Sonntagmorgen okkupiert hatte. Er nahm ihren Koffer und trug ihn in das Gästezimmer.

Trent ging duschen. Er hatte jetzt noch eine Stunde Zeit. Tvistanova würde in der Atlantic-Bar auf Liisa und ihn warten. Genau genommen wartete die Dame auch nicht auf sie beide, sondern auf Chris Wolfson und Liisas Zwillingschwester Maarja.
 

Überland zu viert

»Fahren wir in die Klinik?«

»Ja, Beate wir fahren in die Klinik. Wir wollen Chris doch auch sehen.«Artur Schneider drehte sich um zu den beiden Frauen, die auf den hinteren Sitzbänken saßen. Marlies klebte an dem Fahrersitz, suchte Hans Vermeers Nähe. Beate Wolfson saßganz hinten rechts an die Kofferraumtür gelehnt. Ihr Blick war auf das Display ihren Smartphones fixiert.

»Marlies, wie findest du es eigentlich, dass dein Lover mich letzte Nacht vergewaltigt hat?«

Marlies sagte nichts, Vermeer auch nicht. Schneider räusperte sich.

Der Defender dröhnte. Vermeer stellte die Scheibenwischer an.

»Hans, bei dem büschn Regen? Das nieselt doch nur.«Die Scheibenwischer liefen weiter.

Der Wagen ging in eine lange Kurve. Ihnen war schon lange kein Fahrzeug mehr entgegengekommen. Die Kurve zog sich hin.

»Pass doch auf!«, schrie Schneider. Es rumste vorne an der Kühlerhaube, die Scheibenwischer wischten rote Soße zur Seite.»Mann, Mann, Mann.«Die Räder der rechten Seite rumpelten über irgendetwas.

»Hans, du hast ja voll auf das Viech zugehalten.«

»Was hätte ich sonst tun sollen? Ich glaube aber, dem Wagen ist nichts weiter passiert. Nur der Scheinwerfer rechts scheint beschädigt.«

»Gib Gas. Wir müssen das Auto von der Straße bringen. Auf nach Aschau.«

»Zu Befehl, Commandante.«

»Hört mal zu, ihr Krieger da vorne«meldete sich Beate Wolfson. »Wir wollten doch in die Klinik?«

»Vergiss es, Hase.«

Beate Wolfson schnallte sich ab und machte sich an dem Paket zu schaffen, das mitten im Gang lang.

»Boys and their toys.«Beate Wolfson pfiff durch die Zähne, als sie das Segeltuch aufgeschlagen hatte.

»Hase, ich gebe dir einen letzten guten Rat. Vergiss sofort, was du gesehen hast.«

Beate Wolfson gehorchte, schlug das Segeltuch zurück, schnallte sich wieder an, drückte sich in ihre Ecke. Marlies saßjetzt in gleicher Position in der gegenüberliegen Ecke.

»Ich glaube das können wir jetzt gut gebrauchen.«Vermeer hielt eine Kassette hoch, schob sie in den Schacht. Ein Klavier, Schnipsen. »Wir fliegen beide durch die Nächte.«

»Mach das sofort aus.«Marlies krallte sich an Vermeers Rücklehne

»Du bist die Tänzerin im Sturm

Du bist ein Kind auf dünnem Eis

Du wirfst mit Liebe nur so um dich

Und immer triffst du mich.«

»Wer nicht hören will, muss fühlen.«Marlies legte Vermeer die Hände um den Hals, drückte zu.

Der Defender geriet kurz ins Schleudern. Der Wagen legte eine Vollbremsung auf die Straße.
 

Suza säuselt

Suza begann zu singen. »U mome vrtu umjesto ruza....«Mama hatte vor dem Schlafengehen immer von Gärten, Rosen und Luftballons gesungen. Wegzudämmern und diesem Lied zu lauschen, war ihr abendliches Glück gewesen. Da konnte die Welt zusammenbrechen. Warum waren Mutter und Tochter eigentlich so auseinandergedriftet? Warum war Mama zurückgegangen? Suza hoffte Mama auf Rab wiederzusehen, sie hatte ihr schon eine Kurznachricht geschickt.

»U mome vrtu umjesto ruža, procjetahu baloni boja svih... baloni, baloni, ti šareni bomboni što suncu nose mene.... pjevam pjesmicu«Suza sang das Lied immer noch. In guten wie schlechten Momenten. Sie fühlte sich momentan irgendwo dazwischen. Sie war voller Adrenalin, bereit, aufzubrechen. War Beck auch bereit? Sie säuselte ihm ins Ohr. Sie strich über seine Brust. Und rollte sich dann von ihm ab. Beck räkelte sich, drehte sich auf die Seite, schmiegte sich an sie.

»Geh wir gleich mal rüber und erledigen das, was wir noch erledigen müssen, bevor es morgen los geht?«

»Suza, muss das sein? Drogba wird das schon machen.«

»Ehrlich, Beck. Das habe ich auch schon gedacht. Aber nein, wir müssen auf Nummer sicher gehen.«
 

Unten am Park

Francesca war den kürzesten Weg in die Jahnstraße zurückgelaufen. Sie schaute hinunter zum Schrevenpark. Da unten lag das Haus, in dem sie mit Trent ein paar Monate verbracht hatte. Warum zeigte er ihr auf einmal die kalte Schulter? Wobei, das war ja noch vollkommen untertrieben. Er ignorierte sie. Und dann dieser Auftritt mit der Blondine letzte Nacht. Sie hatte einfach keine Chance.

Die Straßenlaternen brannten schon. Es nieselte leicht. Mit jedem Schritt hinunter zum Park wurde sie zögerlicher. Im Trents Schlafzimmer brannte Licht. Sie ging zur Haustür. Es half ja alles nichts, sie gab der Tür einen Schubs mit der Schulter. Auf dem ersten Treppenabsatz blieb sie stehen. Ihr kam eine dunkle Siamkatze entgegen. Sie nahm ganz gemächlich Stufe für Stufe. Ihr fiel kein anderes Wort ein, das war majestätisch. Dieser Auftritt haute sie um. Und was würde sie dort oben bei Trent erwarten? Wollte sie sich schon wieder von Roberto demütigen lassen?

Francesca drehte sich auf dem Absatz um.