Folge 44. Pfannentanz, Brotsalat, Bauernfrühstück. Alles andere kann warten.

Was bisher geschah

Mal wieder Abendrot über der Ostsee. In Ostholstein hockt Pawlowski im Gasthof »Post«am Markt. Er hat Marlies die Wohnung überlassen. Sie brauche Bedenkzeit, sagt sie. Theo bezieht ein Fremdenzimmer. Wer ist hier eigentlich fremdgegangen? Das war doch wohl sie. Beck und Suza packen derweilen ihre Koffer. Es soll in Richtung Kroatien gehen, Suzas alter Heimat. Die Leiche werden sie wohl erst einmal mitnehmen. Warum auch immer. Im »Auerhahn«übernimmt Paul Drogba das Kommando. Er wartet auf Francesca. Mit Trents Ex hat er Großes vor. Trent hingegen hat seinegroße Runde durch das Laufhaus gedreht. Von Liisas Zwillingsschwester keine Spur. Dafür hat sie keine guten Nachrichten aus Tallinn. Schneider und Vermeer stehen derweilen in Hohwacht vor der Tür von Beate Wolfson. Sie hat geradezu nach den beiden geschrien. Vorwürfe über Vorwürfe hat sie Artur Schneider am Telefon entgegengeschleudert. Und gedroht hat sie.

„Alles wird gut.«

Artur Schneider strich Beate Wolfson über das Haar. Sie weinte. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, strich ihren Pony zur Seite, küsste sie auf die Stirn.
Hans Vermeer stand an der Küchentür und linste durch das Bullauge.
Vor zehn Minuten waren die beiden Männer in ihren schwarzen Overalls und Stiefeln in die Küche des »Wolfsons« einmarschiert. Die Hoteliersfrau, diese doch recht zierliche Person, war sofort auf sie losgestürmt mit einer gusseisernen Bratpfanne in der Hand. »Gib es zu, Artur, du hast diese Schläger auf Chris gehetzt?« Geschrei und Gewusel. Die Männer hatten nicht gewusst, wie ihnen geschah. Vermeer war an der Schulter getroffen worden. »Du Drecksau hast mich bestiegen, nachdem ihr mir fast meine Zehen abgebissen habt.« Noch mehr Geschrei. Beate Wolfson hatte dabei einen Pfannentanz auf das Parkett gelegt. Der nächste Schlag war auf Schneiders Schädel niedergegangen. »Du hast uns verraten und verkauft und Chris und ich dachten, du wärst unser väterlicher Freund und Helfer.« Beate Wolfson war zur Spüle gelaufen, hatte die Pfanne hineingeknallt. In dem Moment musste bei ihr wohl der Film gerissen sein, die Tränen flossen seitdem ohne Ende, unterbrochen von Schluchzern und Kieksern. Schneider hatte sich an sie herangeschlichen.

»Alles wird gut. Beate, du kommst mit nach Aschau. Alles andere kann warten.« Schneider hielt die Frau in den Armen, blickte zu Vermeer. Der nickte.

»Was wollte eigentlich die Polizei bei dir? Hast du uns verpfiffen?« Vermeer gab jetzt den bösen Bullen.
»Dich vielleicht.« Beate Wolfson zeigte auf Vermeer stöhnte auf. »Chris liegt im Koma. Weswegen kommt wohl die Polizei zu mir? Willst du jetzt noch drei mal raten, du dämlicher Kaaskopp.« Beate Wolfson begann wieder zu schluchzen.

»Beate, mein Hase, beruhig dich doch.« Schneider winkte über Beate Wolfsons Schulter hinweg Vermeer zu. Der verschwand in den Flur.
„Artur, ich kann nicht mehr.«
»Alles wird gut. Ich verspreche es dir.«

Francescas Einstieg

»Schon da.«

Paul Drogba öffnete Francesca die Tür des »Auerhahns«. An den Händen trug er lange hellblaue Plastikhandschuhe, die fast bis zu den Ellenbogen reichten.

»Haben Sie für mich auch ein Paar? Ich verstehe jetzt. Sie brauchen eine Putzfrau und deswegen haben Sie mich angerufen.« Francesca schaute zu dem großen schwarzen Mann auf, stemmte die Hände in die Hüften. Sie trug einen dunkelgrauen Kurzmantel. Ihre rote Umhängetasche war noch vorne gerutscht.

»Sie verstehen mich vollkommen falsch.Ich möchte Sie im Service anstellen.« Drogba zog den rechten Handschuh aus und wollte die Hand auf Francescas Rücken legen. Sie flutschte ihm geradezu unter ihm weg. »Kommen Sie durch in die Küche. Dort können wir in Ruhe reden.« Drogbas Gast war schon auf dem Weg, sie kannte sich ja aus.

»Immer noch Ruhetag? Hier sieht es ja wüst aus. Impossibile« Francesca verschränkte die Arme auf der Brust. »Was war denn hier los? Ist schon klar, hier muss unbedingt geputzt werden. So staubig, wie hier alles ist. Sonntag war die Küche doch noch benutzbar.«

Drogba erklärte die Lage. Die überstürzte Renovierungsaktion, der unverhoffte Besuch des Prüfers, die vorübergehende Schließung des Lokals, die überraschenden Pläne Becks. Der zukünftige Chef des »Auerhahns« achtete peinlich darauf, die momentan katastrophale Situation möglichst als kurzfristige Schieflage erscheinen zu lassen. Vor allem versprühte er all das, was er gerade an Charme zu bieten hatte.

»Schön, dass Sie da sind. Ich habe ein sehr gutes Gefühl.«

»Lieben Sie das Putzen so sehr? Oder liegt es an meinem Besuch?« Francesca nahm die Tasche ab, zog den Mantel aus. »Ich schlage vor, Sie putzen einfach weiter und bringen sich noch ein wenig in Stimmung. Ich werde uns mal schnell einen italienischen Brotsalat machen. Beim letzten Mal haben Sie mich bekocht, nun revanchiere ich mich. Ich gehe davon aus, dass sie Kirschtomaten im Haus haben und altbackenes Brot dürfe ja wohl auch da sein?« Drogba nickte. »Eine rote Zwiebel, Basilikum, Knoblauch.« Drogba nickte, machte sich auf den Weg ins Kühlhaus, zog die Tür fast hinter sich zu. Im Nu war er wieder in die Küche und präsentierte Francesca die Zutaten in einem Korb. Die hatte sich die nächstbeste Schürze gegriffen und feuerte den Herd an. Drogba schnitt das alte Baguette in Würfel, reichte ihr Olivenöl an.

»Paul, ich darf doch Paul sagen?« »Selbstverständlich.« »Paul, ich schaffe das schon alleine. Machen Sie mal weiter mit ihrer Putzarbeit. Ich helfe mir schon selbst oder melde mich schon, wenn ich etwas brauche. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen erzählt habe, dass ich bei meinem Cousin den Küchenbetrieb geschmissen habe?« »Haben Sie, ja, das haben Sie erzählt.« »Ich habe Ihnen aber auch gesagt, dass ich nie wieder Küchenarbeit machen werde.« »Auch das haben Sie mir erzählt.« »Dann ist ja gut.«

Francesca briet, schnippelte, würzte. Das zeugte von Professionalität und hatte Schwung. Drogba kniete am anderen Ende vor einem Regal, beobachtete sie aus dem Augenwinkel.

»Haben Sie auch Mozzarella-Bälle vorrätig?«
»Ja, ich glaube schon, im Kühlhaus.« Drogba wollte gerade aufspringen, da war Francesca schon losgelaufen und stand in der Kühlhaustür.
»Was ist das denn? Ein Teppichlager oder ein Kühlhaus?«

Drogba stand jetzt neben ihr. »Ja, das war auch für den Prüfer vom Ordnungsamt ein Problem. Ich habe Ihnen ja erzählt, dass Alexander Beck morgen früh in den Süden startet. Er hat dieses Paket, das für die Großmutter seiner Freundin in Kroatien bestimmt ist, hier im Kühlhaus zwischengelagert.«

»Ein Sternekoch lagert seine Gastgeschenke für den anstehenden Urlaub im Kühlhaus? Und in diesem Saustall soll ich arbeiten?«
»Sie wissen gar nicht, was an einem Ruhetag in einem Sternerestaurant so passieren kann.«
»Ich glaube, wir nehmen die Panzanella ohne Mozzarella. Und dann reden wir, Signore Drogba. Hier muss sich einiges ändern. Haben Sie vielleicht noch eine Salami im Anschnitt. Am besten mit Fenchel?«

Drogba zeigte auf die Tür des Kühlhauses. Der Sous Chef sah zu, dass er diesen Gang selber erledigte.

Mit dem Kopf durch die Wand

»Theo, nimmst du noch ein Pils?«

Der Wirt der »Post« hatte das Glas schon in der Hand. Theo Pawlowski nickte zu ihm herüber. Er saß vor einem abgegessenen Teller. Bauernfrühstück. Er pulte sich ein Stück Speck aus den Zähnen, knabberte noch an der sauren Gurke, die ließ er sich immer bis ganz zu Schluss. »Horst, mach mir bitte doch gleich ein Gedeck. Pils und Jubi.«

Pawlowski saß am großen Runden Tisch, an dem sonst einmal im Monat die Unternehmergemeinschaft tagte. Er hatte sich so hingesetzt, dass er freien Blick auf den Marktplatz hatte. Aber vorher hatte er noch seinen Koffer in das Zimmer im ersten Stock gebracht. Auf der anderen Seite des Platzes stand sein Haus, in dem seine Wohnung und seine Praxis waren. Er hatte Marlies drei Tage Bedenkzeit gegeben.

»Theo, warum gehen eigentlich immer die Männer?« Die beiden konnten offen und quer durch den Gastraum miteinander reden. Pawlowski war der einzige Gast. Der Montag war eher ein schwach besuchter Tag in der »Post«.

»Weil die Männer meist den größten Mist bauen.«
»Aber du doch nicht Theo.« Der Wirt brachte dem Orthopäden das Pils und den Schnaps. Auf einem kleinen ovalen Tablett mit weißen Untersetzern.
»Das sagst du so«
»Theo, willst du reden?«

Pawlowski sah den Wirt mit feuchten Augen an. »Ich weiß nicht, wer schuld ist.« Dann plauderte er aus dem Nähkästchen, rollte die Beziehung mit Marlies auf und es war ihm herzlich egal, dass er mit dem Gespräch gleichzeitig eine öffentliche Intimbeichte ablegte. Die Gäste kamen nicht nur wegen dem gut gezapften Bier und dem Bauernfrühstück in die »Post«. Hier gab es auch den neuesten Tratsch und Klatsch. Der Wirt hatte es einfach drauf, seine Gäste auszuhorchen. Er war ein Menschenfreund mit einem großen Herzen, sagten die, die ihm wohlgesonnen war. Seine Feinde sahen in ihm ein Waschweib, das ohne Rücksicht auf Verlust ratschte und tratschte.

»Wie heißt er denn, dein Nebenbuhler?«
»Horst, den kennst du nicht.«
»Bist du dir da ganz sicher?« Der Wirt kratzt sich hinterm Ohr, strich sich dann über den blonden Haarkranz.
»Ganz sicher, es sei denn, du weißt noch etwas, was ich noch nicht mal ahne?«

Der Wirt grinste blöde. Pawlowski trank aus.
»Horst, wer dich zum Freund hat, braucht keine Feinde. Gute Nacht.«