Folge 43: Die Kunst des Starrens. Die Scham fällt.

Was bisher geschah:

Der Montag dimmt sich in den frühen Abend hinein. Wind kommt auf. Schneider und Vermeer werden aufgescheucht. Dabei wollten sie nur ihre Gewehre ausprobieren. Auf nach Hohwacht. Zu Beate Wolfson. Die scheint durchzudrehen. Stößt Drohungen aus. Die Todesangst um ihren Bruder Chris sind das eine. Die Anstrengungen der letzten Tage geben ihr den Rest. Hat Schneider die Schläger geschickt? Räumt er jetzt einen nach dem anderen aus dem Weg? Fragen über Fragen. Sie gerät in Panik. Momentan hat sie jedoch gerade Besuch von der Polizei. Schneider und Vermeer fahren am Hotel vorbei. Gehen in die Warteschleife. In der befindet sich auch Pawlowski. Er wäre ja bereit, Marlies alle Fehltritte zu verzeihen. Die Dame macht dicht. Funkstille. Beck und Suza packen derweilen ihre Koffer. Die Leiche werden sie mitnehmen. Warum auch immer. Im »Auerhahn« übernimmt Paul Drogba das Kommando. Zumindest hat er schon mal eine Offerte an Trents Ex abgesetzt. Trent fotografiert Liisa und dreht mit ihrem Foto auf dem Handy eine große Runde durch das Laufhaus. Ist ihre Zwillingsschwester vielleicht doch im Bordell gelandet? Seine Mandatin telefoniert. Hello Tallinn, Kiel is calling.

Wer guckt länger.

Die Zwillinge liebten es, sich gegenseitig anzustarren. Maarja hatte meistens gewonnen. Liisa machte das nichts aus. Was heißt schon gewinnen. Sie spielten das Spiel immer am Meer. Da waren sie so dreizehn Jahre alt. Sie durften auf keinen Fall den Blick voneinander abwenden, egal was auch passierte. Das war die Regel. Sie standen sich gegenüber, die Füße waren im Wasser und manchmal schlugen ihnen die Wellen bis zu den Knien. Es galt, alles um sie herum abzuwehren, aber sie waren ja trainiert. Was konnte das bisschen Meer ihnen schon anhaben. Sie blieben stehen, sie starrten, kein Hochspringen, kein Juchzen. Sie waren geübt in der Kunst des Innehaltens. Fielen einfach so in diesen Zustand, hielten den Gang der Welt am Strand an, gingen für einen ewigen Moment ins Lot, wo sie doch sonst leicht wie zwei Federn über den Strand und die Brandung schwebten. Frühling einen Sommer lang. Aber jetzt waren ja ihre Blicke ineinander verhakt. Liisa konnte ihren Blick auf ihre Schwester fokussieren und zugleich hatte sie das Farbenmeer um Maarja genau im Blick. Sie sog die ganze Palette der Farben in sich auf. Nur gerade war es sehr sehr grau um ihre Schwester herum. Das verdammt dunkle Traumgrau machte ihr keine Angst, das gab sich ja wieder, mochte es jetzt auch das Blau fressen und sich zusammenballen über dem Meer wie eine riesige Faust. Das tiefe Blau des Meeres dahinten, das machte ihr Angst, sie spürte, dass es Maarja dorthin zog. Die Schwesterbeste meinte, dass sie dem Meer da draußen alles anvertrauen, ihm alles sagen könnte, das Böse bliebe draußen auf dem Meer. Liisa dagegen war der Weg zu weit, zu gefährlich, für sie hätte das hohe Meer Balken gebraucht, und was hätte sie der See da draußen auch erzählen sollen, sie hatte keine düsteren Geheimnisse, sie trug keine Verwünschungen mit sich herum und schon gar keine Albträume. Sie schreckte vor der Vorstellung zurück, ins Nichts zu stürzen. Als ob. Maarja wäre gerne mit den Haien rausgeschwommen. »Komm mit, Süße.« Aber Liisa reichte das Schwimmen mit den Delfinen in Strandnähe. Helden. Da war es wieder, Mamas Lieblingslied. Die Mauer im Rücken war kalt, das Dunkle frisst das Helle, das Leichte dreht sich um in Scham und wer steht am Ende gut da? Wer am längsten starren kann. Sie ruhten in sich und um sie herum Schütteln und Rütteln entlang des Saums, Wellen lieferten Sounds, die Synapsen reimten. »Babe, it´s you, and the great wide blue.« Kinderenglisch, das bis nach Tallinn reichte. Nässe kämmte ihre Beine, die Amplituden der tiefen Täler und hohen Berge liefen hier vorne am Strand aus. Die Gischt am den Wellenbrechern baute Wasserwände auf, wehte herüber, hüllte die Mädchen ein, legte sich auf ihre Lippen, salzte den ganzen Körper, ließ sie zu Säulen erstarren. Am Strand war ihr Platz. »Niemand gibt uns eine Chance, doch wir können siegen…«

Der Sturm kam aus dem Nichts. Das dunkle Grau schüttete sich aus vor Lachen. Der Wind pfiff höhnisch dazu. Überall Wasser, von oben, von unten und gerade dabei sie anzufressen. Maarja, die Ausreißerin plagte die Sehnsucht, ihr reichte nicht die Fantasie, sie wollte ins Jenseits der Topographie hinter den Meeren, was kümmerte sie es, wenn es vor der Nase nur so platterte, mit zugezogener Kapuze gab es keine toten Winkel, sie wirbelte um die eigene Achse, hatte das Spiel einfach sein lassen, das Wasser massierte ihr die Fußsohlen, kitzelte ihre Körpermitte, spritzte aus den Kniekehlen, der Stoff knatterte im Wirbelwind, wie ein Fahne um den Körper. Wo blieb das Starren? Warum brach Maarja ihr Spiel einfach ab, ließ Liisa einfach alleine? War das Spiel jetzt für immer aus oder würden sie in ein paar Tagen wieder hier stehen und sich weiter im Innehalten üben, in dem es doch kein Anfang und kein Ende geben sollte, so hatten sie es jedenfalls irgendwann einmal vereinbart oder war dieser Schwur ihnen einfach in die Wiege gelegt worden. Maarja drehte sich, sie drehte sich unaufhörlich um die eigene Achse, steigerte das Tempo. Liisas Schwester fand einen anderen Weg. Fassungslos starrte sie auf die Stelle am Strand. Maarjas Körper schraubte sich Zentimeter um Zentimeter in den Meeresboden, bis nicht mal mehr die Haarspitzen von ihr zu sehen waren und die Wellen über ihr zusammenschlugen. Liisa schüttelte sich wie ein nasser Hund. Ging zum Steg, der über die Dünen führte. Sie sah oben auf der Düne ihren Großvater. Er saß auf seiner Bank, hielt Ausschau. Er starrte durch sie hindurch.

Klopfen an der Zimmertür. Schon wieder. Liisa schwitzte, drehte sich um, schlug die Augen auf. Sie musste weggedämmert sein. Sie schaute sich um. Margot, sie war bei Margot in der Pension. Da klopfte es schon wieder. Sie hörte Trents Stimme.

Liisa stand auf, schüttelte sich, lief barfuß über die Dielen, schloss die Tür auf.

»Keine Spur von Maarja da drüben.« Trent stürmte in das Pensionszimmer, ging ans Fenster. Liisa setzte sich auf die Bettkante. Der Ermittler erzählte von den Schlägertypen, der Prostituierten, die er versucht hatte mit Geld anzufüttern. Das hätte er sich auch sparen können. Außer Spesen nichts gewesen.

»Nichts? Gar nichts?« Liisa ließ sich nach hinten auf das Bett fallen. »Ich muss Ihnen etwas sagen.«

»Das klingt nicht gut. Schießen Sie los, Liisa.«

Liisa berichtete. Dabei schaute sie an die Decke. Sie hatte mit ihrer Mutter telefoniert. Sie hatte die Geldfrage klären wollen. Sie wollte das Versprechen ihrer Eltern einlösen. Sie wollte der Tvistanova 3.000 Euro bieten, um an Maarjas Pass zu kommen. Maarja selbst würden sie schon finden. Da vertraute sie Trent voll und ganz, so sagte sie es ihm jedenfalls. Und dann fragte sie den Ermittler, mit wie viel sie denn bei ihm in der Kreide stehe. Trent nannte ihr einen Tagessatz von 500 Euro. Sie würden sich aber schon einig werden. Nur wo denn das Problem wäre, das verstand Trent nicht. Vielleicht war er auch einfach nur müde, dieser Ermittlungsmarathon seit Samstagabend hatte an seinen Kräften gezehrt. Vorhin. Chris Wolfson mit der klaffenden Kopfwunde. Dieser Anblick hatte ihn geschockt, er schaute auf seine blutige Anzughose. Der fiel nun aus, von ihm würden sie nichts erfahren, wenn er das denn überhaupt überlebte. Und eben. Ein Schnüffler im Laufhaus mit einer blutigen Anzughose, der durch ein Laufhaus wandert und den Frauen ein Handyfoto unter die Nase hält, er konnte sich angenehmere Aufgaben vorstellen. Er lehnte sich auf das Fensterbrett. Vor seinen Augen fing es an zu flackern, die rote Leuchtschrift, die blinkenden Herzen. Er wünschte niemandem hinter dieser Neon-Kulisse arbeiten zu müssen. Was auch immer Chris Wolfson dort drüben gesucht haben mochte, er glaubte nicht, dass Maarja auf der anderen Seite der Straßenseite hockte. Entweder sie war nie dort gelandet oder sie war schon längst weggeschafft. Es konnte gut sein, dass Wolfson genau darüber mit den Typen in Streit geraten war. Vielleicht wollte er sein Spielzeug wiederhaben?

»Haben Sie was dagegen, wenn ich mir die blutverschmierte Hose ausziehe?«

»Nein.«

Trent zog die Hose aus, hängte sie über die Sessellehne, setzte sich auf die Bettkante neben Liisa, ließ sich wie sie zurückfallen. Beide starrten an die Decke.

Liisa rückte raus mit der Sprache. Ihre Mutter hatte ihr eröffnet, dass am Freitag ein Bauprojekt geplatzt wäre und dass sie ganz viel Geld in dieses Projekt investiert hätte. »Liisa, es ist nicht so schlimm, wie es vielleicht anhört.« Schweigen auf beiden Seiten. Aber dann hatte ihre Mutter all ihre Kraft zusammengenommen. »Liisa, wir sind momentan nicht liquide.« Das hätte nach Hochstapelei aussehen können, Aufträge zu erteilen und sie nicht bezahlen zu können. Liisa wollte am liebsten auf der Stelle im Erdboden verschwinden. Sie war sonst dezent, aber nun war sie kleinlaut.

Trent sprang auf, zog die Hose wieder an.

»Trent, was machen Sie?« Liisa hatte sich auf die Seite gedreht, schaute zum Kopfende gedreht. Über dem Bett hing ein Poster. Sonnenuntergang. »Sind Sie mir böse?«

»Nein, bin ich nicht. Ich brauche etwas anzuziehen. Ich fahre jetzt in die Jahnstraße. Und dann treffen wir uns um Punkt Acht in der Bar des Atlantic.«

»Es geht weiter? Herr Trent, ich bin so froh. Ich komme mit.«

»Nein, das werden Sie nicht tun. Punkt Acht. Atlantic.«

»Und was sollen wir da? Die Tvistanova will nur eins. Geld. Und sie hat den Pass meiner Schwester.«