Folge 39: Psycho in Eimsbüttel. Ich bin die Frikandel.

Was bisher geschah

Manche Montage haben es aber auch in sich. Im »Auerhahn« stoßen Prüfer des Ordnungsamtes auf eine Leiche. Hätten Beck, Dregba und Suza die Meerjungfrau bloß früher um die Ecke gebrachtz? Nun ist es zu spät. Das Sternerestaurant ist jetzt dicht. Wer hat für diesen unangemeldeten Besuch gesorgt? Chris Wolfsons war es. Der wollte sich zudem an die Fersen von Artur Schneider hängen. Doch irgendwie kommt er zu spät.. Die Villa in Aschau ist menschenleer. Seine Schwester Beate sortiert die Pfeile, die sie gen Schneider schießen wird. Im Alleingang und ohne Chaos-Chris. Trent und Liisa frühstücken im »Alten Mann«. Die Pläne des Ermittlers klingen eher nach Aktionismus. Die beiden gehen zum wiederholten Male auf eine Ostholstein-Runde in der DS. Darüber verpasst er doch glatt ein Date mit seiner Ex. Sitzt Francesca schon wieder auf gepackten Koffern? Schneider und Vermeer nähern sich derweilen Schritt für Schritt ihrem Ziel, heißer Ware. Darüber wird schon mal ein italienisches Menü kalt.

»Einmal Pommes spezial.«

»Tag auch.« Die wasserstoffblondierte Frau in einem ärmellosen Kittel schaute Hans Vermeer an. »Gehackte Zwiebeln sind aus. Muss ich hacken.« Die Frau sprach ein sehr spitzes »S«, stützte ihre Arme auf die Arbeitsplatte vor dem Kühltresen, schürzte die Lippen, ließ ihren Blick durch die Auslagen wandern. »Gehen auch Ringe? Zwiebelringe hab ich immer. Und Rotweiß ist sowieso Standard.« Das »R« rollte nur so über den Tresen.

»Gut, dass wir das geklärt haben.« Vermeer nickte. Die Frau lachte und die Ringe unter den Oberarmen wackelten und er sah lange rote Fingernägel und sehr weiße Haut. Er taxierte die Frau, stellte sich vor, wo diese Frau wohl vor zwanzig Jahren ihre Kindheit vebracht hatte. Er tippte auf Polen.War sie verheiratet? Arbeitete ihr Mann in Hamburg und Umgebung auf dem Bau? Alle acht Wochen machten sie auf den Weg nach Breslau oder wo auch immer die Brut bei den Großeltern großgezogen würde. Er hatte tagtäglich mit den Schicksalen von osteuropäischen Wanderarbeitern und deren Familien zu tun. Er redete mit den Leuten auf seinen Baustellen, fragte mal nach und gab auch Extrazulagen. »Du bist ein sentimentaler Spinner, Hans, aus dir wird nie was. Kein Geld auf der Naht und das dann auch noch verteilen.« Artur Schneider hatte gut reden. Er hielt sich solche Leute wie ihn als Subunternehmer und Strohmänner, damit er sich nicht die Finger schmutzig machte. Aber wollte er jetzt in diesem Imbiss mitten in Hamburg über das nachdenken, was noch aus ihm werden sollte? Vermeer sah auf die Speisenkarte, die auf voller Tresenbreite hinter der Frau von der Decke hing. Das Teil war hinterleuchtet, was die Dunstablagerungen der letzten Tage und Wochen zum Vorschein brachte.

»Ich nehme eine Frikandel dazu. Haben Sie Satésoße?«

Die Frau nickte, nahm mit spitzen Finger die panierte Rollen aus der Auslage. Ihr roter Daumennagel schnitt in das Fleisch.

Vermeer strich sich über den Bauch. Die Weste spannte. Er schaute auf die Uhr. In einer Stunde sollte er Artur Schneider abholen. Ihr Lunch beim Italiener war abrupt beendet worden. Der Kellner hatte über der Vorspeise die Order überbracht.»Der Patron hat angeruften. Geht los.« Er eröffnete ihnen, dass die Waffenlieferung im Lager eines italienischen Lebensmitelgroßhändlers in Eimsbüttel übergeben werden würde. Das Lokal würde überwacht, von daher wären ein paar Vorsichtsmaßnahmen nötig. Ihre Spuren müssten gestreut werden. Das »Affentheater« ging also weiter. Was er denn denn gedacht hätte? Dass ihnen mit dem Nachtisch die Schnellfeuergewehre serviert würden, hatte »Commandante« Schneider eingeworfen. Stante pede hatte der das Lokal durch den Hintereingang verlassen. Der Plan war, dass Schneider von den Italienern zu dem Großmarkt gebracht würde. Er würde das Finanzielle regeln. Vermeer beschlich ein ungutes Gefühl. Die Italiener wollten sie trennen, er selbst sollte mit einer Stunde Abstand nachkommen, und einen Großeinkauf vortäuschen. Die Gewehre und die Munition kämen dann als Zuladung obendrauf. Schneider würde an der Café-Bar des Marktes warten. Und dann ab durch die Mitte.

Vermeer hatte auf der Fahrt nervös im Rückspiegel den Verkehr beobachtet. Fehlanzeige. Ihm folgte jedenfalls keiner. Er war dann hier rangefahren. Imbiss. Danach stand ihm der Sinn. Der Italiener war ihm auf den Senkel gegangen. Dieses ganzes Getue und dann gab doch wieder nur durchschnittliches Essen. Außerdem waren keine anderen Gäste da, er wäre allein mit diesem Holzbock von Kellner gewesen, nein danke, da saß er jetzt lieber hier auf einem mit dunkelgrünem Kunstleder bezogenen Hocker. Der weiße Stehtisch vor ihm zeigte Schlieren, aber zumindest war er gewischt. Er stützte sein Unterarme auf, schaute in die Runde. Er war der späte Mittagsesser im Tweedjackett mit den Aufnähern an den Ellenbogen. Um ihn herum standen drei Männer in Jeans und Joppe, jeder hatte seinen Tisch, vor ihnen standen Bügelflaschen. »Das merkelt.« Die Männer unterhielten sich über die Tische hinweg, hechelten sich durch die großen Politik und den Kiez, der mit der, die mit dem. »Ich will mal so sagen.«. Zwischendurch nahmen sie immer wieder lange Schlucke.

Die Bedienung brachte Vermeer die Bestellung. Ein große Portion, wie ihm schien. Auch an Zwiebelringen, Ketchup und Mayonaise hatte sie nicht gespart, die Frikandel flappte in der Satésoße.

»Bier?«

Vermeer nickte und folgte der Frau, sie reichte ihm eine Bügelflasche aus der Kühlung. Er ließ die Flasche noch auf dem Weg zurück an den Tisch ploppen, was ihm anerkennende Blicke der Trinker eintrug. Vermeer setzte sich, griff sich einen Pommes vom Teller und tunkte ihn ein. Er schaute den goldbraunen Stick an, es tropfte rotweiß, der Ketchup war dünnflüssiger, die Mayonaisefaden schien in der Luft zu stehen. Er tunkte noch einmal. Warum musste er gerade an Blut und Eiter denken, lag es an seinen Aussichten für die nächsten Tage?

»Essen nicht vergessen.« Der Mann am Nebentisch meckerte wie ein Ziegenbock. Die Frau hinterm Tresen guckte ihn böse an. Die anderen beiden schauten aus dem Fenster.

»Appetit?« Vermeer zeigte auf seinen Teller und schaute seinen Nachbarn an. »Es ist genug für alle da.« Er lächelte. Der Nachbar lächelte zurück und prostete ihm zu. »Kommt beim Essen, Hunger treibts rein.« Die Szene hier war konkret, ehrlich. Endlich mal wieder Poesie des Alltags nach all den Durchgeknalltheiten in Aschau, die einem keiner abkaufen würde. Wie hieß der Imbiss eigentlich? Doch wohl nicht Gomringer.

Die Pommes waren köstlich. Er dachte an seinen Vetter. Der betrieb in Südseeland eine Bude. Dort gab es bessere Frikandeln als in Eimsbüttel, das stand fest. Ein Stück hatte er probiert. Schmeckte solala, die Satésoße war gestreckt, zu flüssig. Die Frikandel wollte nicht flutschen.

»Isso«, sagte sein Nachbar, der sein zögerliches Kauen registrierte. »Aber sonst. Alles gut, alles essbar.«

»Geht klar«, sagte Vermeer und wünschte sich, jeder möge doch seine Geschmachsnerven nach eigenem Gutdünken strapazieren. Er kaute, wollte kein Gespräch. Die Bierrunde wäre durchaus interessiert gewesen. Die Männer schwiegen erwartungsvoll. Seine Gedanken schweiften jedoch ab zu dem Strandimbiss seines Vetters. Der servierte leckeres Essen und gute Laune. Schuftete jeden Sommer ein paar Monate lang in seiner Bude. War das der Ausweg? Last Exit Cadsand. Fisch und Burger für die Surfer und Bader am Strand braten. Bei gutem Wetter vibrierte das Leben dort.

Vermeer musste sich Gedanken machen. Irgendwann in den nächsten Tagen würde er in den Spiegel gucken und dann würde er das Gesicht eines Mörders sehen. Aus der Nummer kam er nicht mehr raus. Fest stand, dass Artur Schneider und er Menschen aus dem Weg räumen würden. Es war nur noch unklar, wie viele dran glauben sollten. Beck und seine Komplizin. Die mussten weg. Die hatten alles gesehen. Verhandeln machte keinen Sinn mehr. Er ging davon aus, dass die beiden demnächst die Leiche der Polizei präsentieren würden und den Mörder und seine Komplizen würden sie gleich mitliefern.Was blieb ihnen denn auch? Es gab diesen Scheck über 20.000 Euro, der war für die Entsorgung der Meerjungfrau. Mehr lag nicht drin, dass hatte Artur Schneider unmissverständlich klargemacht. Sie wollten aber auf Teufel komm raus mehr Geld. Und diese Lutfnummer mit der Geiselnahme von Chris Wolfson. Womöglich hatte er das selber inszeniert. Diesen Kindskopf nahm keiner aus aus ihrem Gourmet-Klub ernst. Artur Schneider hatte ihn quasi adoptiert, wie er sich auch einen Hund zugelegt hätte. Er gängelte ihn, kommandierte ihn herum, Chris wieselte unbeeindruckt durch die Gegend. Vermeer mochte das Bunte und Rebellische an ihm. Pawlowski dagegen war oft genervt, der wollte fressen und gegebenenfalls ficken und nicht über Moral und abweickende Lebensentwürfe diskutieren.

Warum stand er jetzt nicht auf und stieg in seinen Defender? Wegfahren, einfach wegrfahren? Warum wartete er wieder mal auf einen Anruf? In was für einer Welt lebte er eigentlich? Das hatte doch mit Moral und gar Logik schon lange nicht mehr zu tun? Aber hinter allen seinen Fragen stand immer nur eine Antwort, ein Name. Artur. Wen aus seinem Dunstkreis hatte der Bauunternehmer nicht am Schlafittchen. Vermeer selbst zappelte nur noch an Fäden, die der Zeremonienmeister gesponnen hatte. Dabei waren ihm damals doch nur zwei Baustellen geplatzt. Seitdem hatte Artur ihn am Haken. Am laufenden Band verlangte er Gefälligkeiten. Immer alles am Rand der Legalität. Artur wollte immer und immer mehr fressen. Alle um ihn herum sollten mitfressen. Der Gourmet-Klub war Arturs Gaudi am Rande, in dem er seine Wohlstandverwahrlosung hemmungslos ausleben konnte. Die regelmäßige Tafelrunde war sein »Großes Fressen«.

Wenn er an Artur und den Samstagabend dachte, hatte er eine dicke fette Unke vor Augen, die sich den Penis mit einer Süßspeise bestrich, um wenig später eine bildschöne junge Frau, die auf einem Dessert-Büffet drapiert war, zu vergewaltigen. Und er hatte nichts Besseres zu tun, als denjenigen zurückzuhalten, der seinen väterlichen Freund davon abhalten wollte, die Frau dort zu besteigen. War er noch zu retten? Warum hatte den Retter in der Not zurückgehalten? Was für ein widerlicher Kadavergehorsam?

Vermeer zwinkerte dieses Bild weg. Wie er so vieles wegzwinkerte. Kleine Siege meinte mit seinem Schlag bei Frauen feiern zu können. Auch Ariane Schneider war seinem Charme erlegen. »Wie gut, dass du es meine Ehefrau besorgst, dann muss ich es nicht mehr tun, du bsit ein wahrer Freund.« Diesen smarten Fettsack mit der einschmeichelnden Stimme focht aber auch gar nichts an. Sein Raubtierlächeln schlug überall und jederzeit Schneisen. Aus jeder Niederlage machte er noch einen Sieg. »Ich habe mich von ihr getrennt. Ariane lügt, wenn sie nur den Mund aufmacht.« Seine Wahrheit. Alle um ihn herum schleimte Artur ein und, wenn es ihm beliebte, dann furzte er seinem Gegenüber mitten ins Gesicht. Den Mitgliedern der Tafelrunde sowieso. Artur kannte im Alltag schon keine Grenzen. Aber an diesen Abenden sahen sie ihn so, wie ihn sonst keiner zu sehen bekam. Was er zunächst noch als Privileg empfunden hatte, war einfach nur Strafe und jetzt schien es so, dass die Höchststrafe anstand. Er war einmal falsch abgebogen. Nun steckte er in einem Sumpf, der seit Samstagabend immer tiefer und sabschiger wurde.

Die Lage wurde durch Marlies noch spezieller. Pawlowskis Lebensgefährtin sendete seit letzter Nacht Kurznachrichten aus ihrem Verlies, wie sie es nannte. »Mein Ritter, hol mich hier raus. Raus aus Theos Kerker.« Dabei hatte er sie doch nur angebohrt, um diesen Spießer Pawlowski ins Mark zu treffen. Hans Vermeer hasste diesen scheinheiligen Wanderprediger, der nach außen den asketischen Moralisten gab. Unverhofft kommt oft. Vor ein paar Wochen hatte Marlies ihn zu einer Vernissage eingeladen. Allein, ohne ihren Knochenbrecker. Seitdem lief die Affäre auf vollen Touren. Die Dame stand in Flammen. Als er Pawlowski nach dem Gourmet-Abend am Sonntag bei ihr abgeliefert hatte, da war sie schon total durchgedreht, wollte sofort mit ihm gehen, das konnte er abwenden. Ihre Nachrichten hatte er erst heute Morgen gelesen. »Hoheit, euer treu ergebenster Ritter wird vorerst mit Mord und Totschlag beschäftigt sein.« Mehr gab es momentan nicht zu melden. Seine Mission war so oder so erfüllt, Marlies war abtrünnig, im Hause des Orthopäden herrschte Unfrieden.

Bisher hatte er den Lancelot ja eher als Schürzenjäger gegeben, nun sollte er auf Geheiß von Artus zum Revolverhelden mutieren. Scheiße.Warum noch lange warten? Eigentlich könnte er gleich schon mal anfangen. Gebt mir Feuerwaffen. Die drei Biertrinker wären schnell weggeknallt Die Frau hinter dem Tresen wäre schnell missbraucht und in der Küche fände sich sicherlich ein Gerät, mit dem er sie bei lebendigem Leib zerlegen könnte. Ab in die Kühltruhe mit ihr. Oder einfach alles stehen und liegen lassen. So ein kleines Blutbad hier, das wäre immerhin ein Anfang. Waren das jetzt die Nachwirkungen des Trips von gestern Abend, den Beck ihnen untergejubelt hatte.

»Plopp.« »Plopp.« »Plopp.«

Die Biertrinker gingen in eine neue Runde.

Er fühlte mit seiner Hand in die Innentasche seines Jacketts. Die goldgeprägten Visitenkarten, die er sich neulich erst hatte machen lassen, waren enorm dick, hart und spitz. Die taugten auch als Waffe. Was wäre eigentlich, wenn er diese nähme, um den Biertrinkern die Augen auszustechen, um dann die blutverschmierte Tatwaffe in einer Körperöffnung der Polin zu hinterlassen. Es musste nicht immer gleich ein Gemetzel mit Todesfolge sein. Er wusste aus Erfahrung, dass er anderen Menschen auch auf andere Weise ganz schön weh tun konnte.

Vermeer sah auf den Teller vor sich. »Ich bin die Frikandel mit Pommes Rotweiß.«. Er murmelte vor sich hin. Beschwor sein Fast-Food-Massaker. Ritt weiter seinen mit grünem Kunstleder bezogenen Hocker. Schaute auf. Blickte nacheinander in vier leere Augenpaare. War das schon Krieg?

In seiner Brusttasche vibrierte sein Mobiltelefon. Das war das Zeichen. Dreimal Klingeln.

Dreimal Blinzeln.

Vermeer grüßte in die Runde. Legte zehn Euro auf den Tresen.

»Stimmt so. Auf Wiedersehen.«