Folge 38: Angriff auf den »Auerhahn«. Prüfer prüfen

Was bisher geschah

High Noon. Montagmittag. »Was für ein Affentheater!«, entfährt es Artur Schneider. Der Bäulöwe und sein Kompagnon Vermeer lunchen. »Buon appetito« bei einem Italiener in Hamburg. Nur die erwartete Waffenlieferung bleibt aus. Hat Vermeer sich verhört? Derweil sitzt Francesca allein in der Esmarchstraße. Drogba hat geklingelt. Aber schon wieder ein Mann nur auf der Durchreise. In Hohwacht hält Beate Wolfson die Stellung. Angeschlagen wie sie ist. Immerhin ist sie runter von dem Fliegenpilz-Trip. Sie will ein altes Geheimnis aufwärmen. Um Schneider zu erpressen. Ihr Bruder Chris hat seinen eigenen Kopf. Auch er will Baulöwen Druck machen. Die Frage ist nur wie? Und was treibt das Trio aus dem »Auerhahn«? Drogba, Beck und Suza haben noch eine Leiche in der Kühlung. Aus der »Meerjungfrau« wollten sie doch Kapital schlagen. Steht der Plan noch? Und wie bekommen sie Schneider an den Haken? Wo der doch gerade aufrüstet. Alles schwebt. Und dann kracht´s.

»Na endlich«, dachte Drogba.

Es klopfte an der Tür. Hatte Beck seinen Schlüssel vergessen? Seit knapp zwei Stunden saß er jetzt schon im Gastraum des »Auerhahn«. Nachdem er gestern Nacht eine Kurznachricht von Suza erhalten hatte, dass sie mit Beck im Schlepptau nach Kiel käme, Wolfson allerdings abgängig sei, da hatte er den Termin für Zehn Uhr einfach angesetzt, der Zettel in der Küche war ja nicht zu übersehen, er hatte jedenfalls seinen Posten in der Esmarchstraße verlassen. Beck war jetzt zuhause, die Vorhänge im Schlafzimmer waren geschlossen und die Fenster geöffnet. Das hatte er vorhin im Vorbeigehen kontrolliert. Er hätte seinen Chef mal rausklingeln sollen. Jetzt saß er hier, den dritten Café Americano hatte er in Arbeit. Und am liebsten hätte er trotz der Uhrzeit noch einen Carlos dazu genommen. Die Leiche aus dem Kühlhaus musste verschwinden. Alleine schaffte er das nicht. Er hatte auch keine Idee, wohin er das Teppichpaket mit dem heiklen Inhalt verschwinden lassen sollte? Da half es auch nicht, dass der Caddy hinten im Hof stand.

Sein Rat an Beck wäre, diese Erpressernummer einfach zu vergessen. Sie würden das auch ohne obskure Finanzspritzen hinbekommen. Der »Auerhahn« hatte Potenzial. Um Beck unter die Arme zu greifen, hatte er versucht, Kontakt zu Trent aufzunehmen. Er hatte jetzt zumindest dessen Mobilnummer, Trent hatte bisher aber noch nicht zurückgerufen. Drogbas Idee war, durch eine Stundung der Restaurantmiete eine finanzielle Entspannung in den Laden zu bekommen. Trent war in erster Linie ihr Vermieter und bei dem Verhältnis, das sie aufgebaut hatten, da sollte doch was gehen. Außerdem hoffte er darauf, dass Trent vielleicht einen Vorschlag hätte, wie die Geschichte mit Schneider aufzulösen sei. Sie müssten ja nicht gleich die Leiche aus der Kühlung auf den Tisch legen. Drogba wusste aber nicht zuletzt durch Francesca, dass Trent durchaus über Antennen für knifflige Fälle verfügte.

Drogba hoffte nur eins. Beck mit seinen Vorschlägen erreichen zu können. Der hatte ein Phlegma, das seinesgleichen suchte. Die Gäste mochten diese Eigenschaft vielleicht als die einem Sternekoch eigene Arroganz interpretieren, sein Personal führte er auf diese Weise oft an den Rand des Wahnsinns.

Es klopfte noch mal. Jetzt schon nachdrücklicher.

»Digger, ich komm ja schon.«

Der Mann vor der Tür des »Auerhahn« war fast genauso groß wie Drogba und hatte ebenfalls einen glattrasierten Schädel. Der glänzte in der Mittagssonne. Beiger Anzug, weißes Hemd, keine Krawatte, Laptoptasche, dunkle Brogues. Was für ein Zahnpastalächeln. Seine behaarte Hand hatte er bereits auf die Eingangstür des Sternelokals gelegt. Der Mann begehrte Einlass.

»Entschuldigen Sie, ich kenne Sie nicht. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Drogba hielt dagegen. Die Tür bewegte sich kein Stück.

»Holger Richter mein Name. Ich bin der Neue vom Ordnungsamt.« Hinter dem Rücken des Neulings, der sich so wichtig gab, machte sich Ole Sandberg bemerkbar. Der kleine gedrungene Mann war ein alter Bekannter, gerne wäre er mit seinem vorherigen Kollegen in Pension gegangen. Es sollte nicht sein, er musste noch zwei Jahre Küchen rund um Kiel kontrollieren. Er nickte Drogba zu, der nickte zurück. Richter redete weiter. »Ich war letzte Woche schon da und habe Ihnen eine Mängelliste dagelassen. Ich wollte mal schauen, ob die mittlerweile abgearbeitet ist.«

»Ist sie nicht. Herr Beck hatte mir gesagt, dass Sie sich für den Mittwoch, also übermorgen angesagt haben. Ich bin übrigens Paul Drogba, der Sous Chef hier. Angenehm.« Drogba reichte Richter die Hand. Der nahm diese widerwillig entgegen und drängelte sich an Drogba vorbei ins Lokal. Dabei griff er die Innentasche seines Jacketts und holte einen Zettel heraus, schüttelte diesen aus und legte ihn auf die zentrale Anrichte im Gastraum. »So.«

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir die Mängel noch nicht alle beseitigt haben. Also möchte ich Sie bitten, erst am Mittwoch wiederzukommen. Wie vereinbart, Sie können uns hier nicht so einfach überfallen. Herr, Herr?«Drogba geriet ins Stocken.

»Richter.« Der Mann vom Ordnungsamt und Drogba standen sich jetzt eine Weile gegenüber. Auge in Auge. »Wo bleibt denn Sandberg nun schon wieder?« Von draußen hörten sie Gelächter. Dann kamen Beck und Suza im Schlepptau von Ole Sandberg um die Ecke. Beck zog die Augenbrauen hoch, als er das Duo mitten im Gastraum stehen sah. Den Prüfer begrüßte er mit Handschlag, Drogba nickte er zu.

»Herr Richter, Sie schon wieder.«

»Ja, gut, dass Sie endlich eingetrudelt sind, Beck. Der Stinkstiefel vom Dienst ist wieder da.« Der Prüfer lachte und platzierte seinen Laptop auf der zentralen Anrichte.

»Hatten wir heute einen Termin«, fragte Beck. »Sie stehen für Mittwoch im Kalender.«

Sandberg trat neben seinen neuen Kollegen. Er nestelte nun an seiner Aktentasche, zog ein Plastikpaket hervor. Routiniert riss er das Plastik an der kompletten Längsseite ein, schüttelte einen weißen Kittel heraus. Umständlich zog er seine Uniform an, beschäftigte sich sehr lange mit der Knopfleiste. Dann waren die Plastikhandschuhe dran.

Beck sah diesem Schauspiel ungerührt zu. Er nickte Suza zu. Sie verschwand in der Küche.

»Herr Richter, Sie werden den Auerhahn in keinem anderen Zustand vorfinden, als Sie ihn letzte Woche verlassen haben. Wir hatten schlichtweg noch keine Zeit, die Dinge in Ordnung zu bringen.« Drogba mischte sich ein. »Das habe ich dem Herrn bereits gesagt. Und wenn wir ehrlich sind, es handelt sich doch um Kleinigkeiten.«

Richter trat genervt von einem Fußauf den anderen.»Sandberg, alte Wanderdüne, kommen sie in Gang.« Richter ging wieder zu dem Laptop, der hochgefahren war. Er wedelte mit den Armen herum. „Geben Sie mir auch mal einen Kittel, ich werde Sie unterstützen«, verkündete Richter, winkte seinem Untergebenen jetzt hektisch aus dem Unterarm. »Na los, machen Sie schon!«Sandberg reagiert erst nicht. Richter beugte sich schon wieder zum Laptop herunter und klickte sich mit der Maus durch ein Menü. In diesem Moment warf Sandberg den Kittel herüber. und traf seinen Chef am Kopf. »Sandberg, Sie sind auch zu nichts zu gebrauchen.« Dann drehte er sich langsam zu Beck hin. Mit dem Kittel-Paket in der Hand.

»Vergessen Sie alles, was Sie mit uns erlebt haben« sagte Richter, fixierte Beck mit stechendem Blick. »Jetzt weht ein anderer Wind als bei meinem Vorgänger, aber das sagte ich Ihnen ja letzte Woche schon.«

Sandberg stand hinter seinem Chef und zuckte mit den Achseln. Aus der Küche waren Geräusche zu hören.

»Ach, habt ihr doch keinen Ruhetag.« Plötzlich stand der Postbote im Raum. »Die Tür war nur angelehnt.« Der Mann verschwand wie ein geölter Blitz in Richtung Toiletten. Alle guckten sich der Reihe nach an.

Richter schüttelte den Kopf. Gleich darauf kam Gerumpel aus der Küche. Als würden Rollkoffer zum Bahnhof gerollt.

»So ist das bei uns auf dem Dorf. Da kommt sogar der Postbote ins Sternelokal. Und durch den Hintereingang marschieren die Heinzelmännchen ein.« Beck grinste. »Wo waren Sie eigentlich vorher tätig?«

»Neumünster.«

»Die ganz harte Schule. Na dann kennen Sie sich ja mit gehobener Gastronomie aus, Herr Richter.« Beck machte einen Schritt auf den Prüfer zu. Sandberg trat im gleichen Moment zwei Schritte zurück, um seinem Chef gegebenenfalls den Weg zum Rückzug frei zu machen.

»Ich gebe Ihnen den guten Rat, sich an unsere Abmachungen zu halten.«Beck atmete tief durch. Richter schien entschlossen, seine Mission hier ohne Rücksicht durchziehen zu wollen. Wer auch immer ihn geschickt haben mochte. »Von Mittwoch war die Rede. Darauf haben wir uns eingerichtet, dabei bleibt es auch.«

Drogba schloss zu Beck auf.

»Meine Herren, wollen Sie mir drohen?« Im Hintergrund nickte Sandberg.

»Tschüßing.« Getrappel. Der Postbote verschwand so schnell wie er gekommen durch die Eingangstür. Niemand schenkte ihm Beachtung.

»So, jetzt lassen Sie uns mal Klartext reden. Ich gehe jetzt in die Küche und werde alle Beanstandungen der letzten Woche kontrollieren.«

In der Tat war das nur Kleinigkeiten. Über die Außentür zum Hof, die nicht ganz luftdicht war, hatten Sandberg und sein ehemaliger Chef immer hinweggesehen. Richter hatte diesen Punkt ganz oben auf die Liste gesetzt. An den Kühlschubladen unter den Arbeitsflächen waren Anfang der letzten Woche gleich zwei Thermometer ausgefallen. Zack, ab auf die Liste. In einer Ecke hatte Richter vermeintliche Mäusekötel ausgemacht. Geradezu lächerlich umständlich hatte er das Zeug in einen Probebeutel gefegt.

»Hat sich denn Ihre Vermutung bestätigt? War es tatsächlich Mausedreck?« Beck verschränkte die Arme über der Brust.

»Das Labor ist noch nicht so weit. Was ist das überhaupt für ein Lärm in der Küche, ich denke, Sie haben Ruhetag? Kommen Sie Sandberg.« Richter trat energisch auf Beck und Drogba zu, die machten Platz und Sandberg dackelte achselzuckend hinterher.

»Was ist hier denn los?« Richter öffnete die Tür zur Küche, war gleich außer sich.

Suza hatte die Küche in Windeseile in eine Baustelle verwandelt. Alles was sie auf dem Hinterhof gefunden hatte und halbwegs nach Werkzeug und Arbeitsmaterial aussah, hatte sie über die Küche verteilt. Jetzt war auch klar, wie das Geboller auf den Fliesen entstanden war. Vor dem Kühlhaus stand eine Arbeitsbühne auf Rollen. Suza hatte dort oben Position bezogen. Sie trug den grauen Kittel der Putzfrau offen und machte sich mit einem Spachtel, mit dem sonst die Arbeitsflächen und die Bräter gereinigt wurden, an der Decke über dem Kühlhauseingang zu schaffen. Den ersten Putz hatte sie schon von der Decke geholt.

Richter schnüffelte in der Küche herum. Schaute hoch zu Suza. Nahm dann wieder seinen Zettel ins Visier. Kratzte hier und da. Schaute wieder zu Suza.

»Meister, Sie glotzen so. Ich renoviere. Das sehen Sie doch. Stimmt was nicht?« Suza war wie immer in Angriffsstimmung.

»Habe ich da oben irgendetwas moniert?«, blaffte Richter und schaute irritiert auf seinen Zettel.

»Wenn wir etwas anpacken, dann machen wir es gründlich. Wir renovieren immer mal wieder an unseren Ruhetagen. Stück für Stück kämpfen wir uns voran.«Beck war zufrieden mit Suzas Inszenierung. Es wurde ihm warm ums Herz. Diese Frau war unglaublich.

Richter nahm jetzt Anlauf, war nicht aufzuhalten. Er drängelte sich zwischen Arbeitsbühne und Wand zur Tür des Kühlhauses und fingerte an der Tür herum, die endlich aufging. Weder Beck noch Drogba noch Suza konnten ihn zurückhalten. Suza hätte ihn höchstens noch mit dem Spachtel oder dem Hammer, der auf der Bühne parat lag, bedrohen können. Aber mit welchem Ziel. »Wir sind geliefert.«. Ein Gedanke, drei Leute. Suza, Beck und Drogba bekamen in diesem Moment Bluthochdruck.

Richter steckte seinen Kopf zwischen Tür und Arbeitsbühne. Er warf einen kurzen Blick in den Kühlraum, das Licht sprang an. »Was ist das da für ein riesiges Ungetüm da in der Ecke?« Er steckte seinen Kopf noch mal hinein, sprang zurück und kollidierte mit der Arbeitsbühne. Es schepperte und hallte in der Küche. »Ist das etwa eine verklebte Teppichrolle? In einem Kühlhaus voll mit Lebensmitteln!« Der Prüfer knallte die Tür zu. Drängelte sich raus aus der Enge.

»Herrschaften, jetzt reicht´s. Ich mache euch den Laden dicht. Das nenne ich Sternelokal. Einrichtungsgegenstände, die im Kühlhaus lagern, da muss ich wohl nichts mehr sagen. Feierabend.«

»Nichts anderes wollten Sie doch erreichen, Herr Richter.«Beck hatte noch immer die Arme über der Brust verschränkt.

»Sie bauen Scheiße und wollen mir unterstellen, dass ich Ihnen nur schaden will? Unerhört.« Richter holte Luft. »Prüfer prüfen nun mal. Und wenn Prüfer etwas finden dann müssen sie handeln. So ist das.« Richter drehte sich auf dem Absatz um. »Sandberg, kommen Sie. Beck, Sie hören in jedem Fall von uns. Der Auerhahn ist erst einmal auf unbestimmte Zeit geschlossen. Wir finden selbst hinaus. Danke, machen Sie sich nicht noch irgendwelche Mühe.«

Richter stürmte aus der Küche. Die Tür klappte. Sandberg schaute die Drei an, zuckte mit den Schultern, grinste, winkte, ging ab. »Ciao, ciao.« Die Tür klappte.

Er herrschte Schweigen in der Küche. Eisiges Schweigen. Die Kühlung brummte vor sich hin.

»Verdammt noch mal. Wir waren um Zehn verabredet. Wo wart ihr?«platzte es aus Drogba heraus.

»Schwarzer Mann, wir haben Liebe gemacht.« Suza stand immer noch auf der Arbeitsbühne. Sie schob das linke Bein vor. Der Kittel klaffte.

»Suza! Du warst verdammt gut. Die Vorstellung ist aber vorbei. Es reicht.« Beck rieb seinen kahlen Schädel. Er rieb und rieb. »Gibt es konstruktive Vorschläge?« Beck senkte den Kopf, stützte sich mit beiden Armen auf die Arbeitsplatte. »Ich höre.«

Drogba räusperte sich. Aber Suza fing schon wieder an plappern.