Folge 37: Lunch beim Italiener. Das geht aber aufs Haus.

Was bisher geschah

Knallblauer Himmel über Kiel und Umgebung. Die Schatten liegen eher auf den Herzen. Pawlowski muss in die Praxis. Der Montag ruft. Aber Marlies spricht nicht mehr. Hat sich eingeschlossen. Die Nacht über hat er stündlich an der Klinke gerüttelt. Kein Lebenszeichen. Haben die beiden noch eine zweite Chance? In Hohwacht wird zumindest noch geredet. Wenn auch aneinander vorbei. Stehauffrau Beate Wolfson thront schon wieder an der Rezeption. Setzt sich mit Bruder Chris auseinander. Probleme gibt es genug. Die Rechnungen stapeln sich im Büro. Die Konten sind am Anschlag. Und schon wieder ist eine Schuldnerin am Telefon. Frau Tvistanova aus Tallin verlangt ihre Provision für Maarja Rebas. Geld für eine tote Servicekraft blechen? Wie bitter. Aber ihr Bruder hat sich schon wieder vom Hof gemacht. Chris Wolfson will Dinge regeln. Ist in Richtung Kiel unterwegs. Trent und Liisa fahren ihm gewissermaßen entgegen. Der Ermittler sieht in Chris Wolfson das schwache Glied in der Abwehrkette. Unterdessen gönnen sich Beck und seine Komplizin ein große Mütze Schlaf. Aber nicht ohne vorher noch mal ihre Geldforderungen für das Leichenpaket erhöht zu haben. Woraufhin Schneider und Vermeer aktiv werden.

Er hatte gestanden.

Francesca war am Telefon nicht entgangen, dass ihr Vater die eine oder andere Träne abgedrückt hatte. Seine Entschuldigung war überschwänglich ausgefallen. Er wäre untröstlich, dass er sie unter Vortäuschung einer gesundheitlichen Notsituation nach Italien gelockt hätte. Auf einmal gab es auch keine Vorwürfe mehr. Es hieß nur noch: »Francesca, komm doch bitte zurück.« Und die Taktik ging auf. Francesca, die seit Sonntagmorgen auf Trent wartete, schüttete ihr Herz aus. Nur einmal hätte Trent die Wohnung betreten und dann auch noch in Begleitung einer anderen Frau. Am anderen Ende war ein Aufstöhnen und Wutschnauben zu hören. Das Gespräch beendete der Vater mit den Worten: »Wie gut, dass ich dir jemand geschickt habe, der dich dort herausholt und dich aus den Fängen dieses teutonischen Ungeheuers befreit. Ciao ciao, Bella.« Sie hatte überhaupt keine Gelegenheit gehabt, diese furiose Ankündigung in irgendeiner Weise zu beantworten.

Es klingelte an der Wohnungstür. Francesca schaute auf die Uhr. Es war kurz nach Neun. Sie griff sich Trents Morgenmantel, der an der Schlafzimmertür hing. Barfuß lief sie den langen Flur entlang und öffnete die Tür.

Paul Drogba stand dort.

Francesca musterte den schwarzen Mann. Grauer Anzug, weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, zweifarbige Chelsea-Boots. Geradezu obligatorisch die Gliederkette um Hals und eine übergroße Armbanduhr, die hatte er auch gestern Nachmittag in der Küche des »Auerhahns« getragen, als er ihr die »Probsteier Dickmusik« zubereitet hatte.

Francesca schmunzelte. Ihr gefiel, was sie zu Gesicht bekam.

»Ich will gar nicht lange stören. Ich habe nur eine kurze Frage«, sagte Drogba.

»Kommen Sie doch herein. Wenn Sie sich an meinem Aufzug nicht stören?« Eigentlich hätte Francesca eine zweideutige Ansprache erwartet. Sie schürzte dann auch den Morgenmantel und zog den Gürtel enger. Das schien Drogba aber in keiner Weise zu interessieren. Er trat in den Flur.

»Ist Herr Trent zuhause?«, fragte Drogba und schaute über sie hinweg in den Flur. Francesca hatte ihm bei der improvisierten Mahlzeit in der Küche des Sternelokals von ihrem Malheur erzählt. Drogba hatte in dem Moment große Anteilnahme gezeigt. Nach ihrem Geschmack hätte es ruhig ein wenig mehr sein können. Aber der große schwarze Mann war vor allem eins. Cool. Umso mehr freute sie sich, dass er nun vor ihrer Tür stand. Wenn sie denn Trents Wohnung überhaupt schon wieder als ihre bezeichnen konnte. Eigentlich war sie doch schon wieder auf dem Sprung.

»Er war kurz hier. Er ist aber schon wieder unterwegs.« Francesca lächelte. Das war nicht gelogen.

»Ich brauche seinen Rat. Wissen Sie wo ihn erreichen kann?«

»Nein, kann ich ihm etwas ausrichten, wenn er sich meldet? Er wollte gegen Zwölf wieder zurück sein. Worum geht es denn?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.« Drogba schüttelte den Kopf.

Francesca gab ihm Trents Mobilnummer, im Gegenzug gab Drogba seine Nummer preis und sie drängte ihm auch noch ihre eigene auf. Nach diesem Nummernkarussell flog Drogba mit lautem Getrappel die Holztreppen hinunter. 2. Stock, 1. Stock und schon fiel die schwere Haustür ins Schloss.

Untröstlich

Bei Bad Bramstedt dröhnte gerade »L'uncia chance«, offensichtlich ein Stück aus Adriano Celentanos Jazz-Rock-Phase, aus den Boxen. Vermeer hatte darauf bestanden, Schneider mit seinem Defender nach Hamburg zu chauffieren, das wäre doch weniger auffällig als Schneiders Jaguar. Schneider versuchte gerade gegen Celentano anzubrüllen, langte immer wieder zum Lautstärkeregler, Vermeer hatte jedes Mal seine Hand weggeschlagen.

Bei »Ciao Ragazzi«ließVermeer sich dann erweichen. Er drehte leiser. Schneider konnte seinen Wahnvorstellungen freien Lauf lassen. Wenn sie erst die bestellten Schnellfeuergewehre und die Munition im Kasten hätten, dann würde er in Kiel und Umgebung aufräumen. Vermeer ließdie Suada des Königs von Aschauwortlos über sich ergehen. Er hatte die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, dass er König Artur noch irgendwie stoppen könnte. Zur Not auch mit Gewalt. Welche Gefahr ging eigentlich von der momentanen Situation für ihn persönlich aus? Der Bankrott. Das klang grässlich, nur war das nicht vielleicht eine Alternative zu dem Lakaiendasein dieses Provinzfürsten?

Bei Celentanos »Svalutation«fuhren sie vor. Punkt Zwölf Uhr. Das Lokal in einem Hamburger Vorort kam von außen sehr schlicht daher. Ein schmuckloser Flachbau in rotem Backstein in eine Baulücke gequetscht. Vermeer parkte ein, sang aus vollem Hals: »Io amore mio non capisco perché, cerco per le ferie un posto al mare e non c'è, svalutation, svalutation.«Schon standen sie in der Parkbucht. »quando pensi a tepensa... anche un po' per me.Wenn du an dich denkst, Artur, dann denke auch ein bisschen an mich, Artur.«

»Vielversprechend«, kommentierte Vermeer die Innenaustattung des Lokals genauso wie die handgeschriebene Speisekarte. Vor ihm erhob sich eine wandhohe Bücherwand mit Kochbüchern. Am anderen Ende des Raums befand ein wandfüllendes Weinregal. Vermeer hatte sich mit dem Blick in den Raum platziert. Schneider begnügte sich mit dem Ausblick auf das Buchregal und seinen Gegenüber.

Der Kellner brachte die Weinkarte.

»Hans, was hast du mit den Leuten vereinbart.«

»Artur, bleib ruhig. Es hießnur, wir möchten doch bitte um 12.00 Uhr an Ort und Stelle sein. Der Patron werde sich an uns wenden.«

»Fragt sich nur, ob es das richtige Lokal ist?«

»Sag mal alter Freund, für wie bescheuert hältst du mich eigentlich.«Vermeer flüsterte. »Und du willst mit mir in den Krieg ziehen? Zeig mal ein bisschen mehr Vertrauen.«

Artur Schneider schaute auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach Zwölf.

Im Lokal war es still. Küchengeräusche. Der kleine Gastraum war spartanisch eingerichtet. Die Tische waren alle mit weißen Leinen eingedeckt. Vermeer war zuversichtlich, ihm schien dieser Ort genau richtig, um einen Waffendeal abzuwickeln. Beim Studium der Karte stellte sich Speichelfluss bei ihm ein. Ein Blick zu Schneider verriet ihm, dass es seinem Gegenüber trotz aller Aufregung genauso ging. Dessen Kopf mit Haarkranz wogte in Entscheidungsnöten. Er spielte an den Knöpfen seiner Weste, die über dem Bauch spannte.

»Was meinst du, Artur?«, fragte Vermeer und schaute von der Karte auf.

»Was hältst du von Alici vorweg?« Schneider griente. »Ich sehe gerade, die machen die Pasta alla puttanesca ohne Sardellen.« Vermeer strich sich über den Bauch. »Wolfsbarsch nehmen wir als Hauptgericht, als Abschluss gönnen wir uns süße Polenta mit Rosinen und getrockneten Feigen. Dazu einen alten Barolo aus dem Eichenfass.«

«Meinen Segen hast du, Artur.«

Vermeer hob die Hand in Richtung Kellner. Es passierte nichts. Dann klappten Türen.»Signori.« Die Köchin grüsste herüber.

»Rote Haare, sehr klein, gedrungen und üppig?«,schnalzte Vermeer und beugte sich zu Schneider. »Die serviert uns schon mal nicht unsere Knarren. Ich glaube, ich frage gleich mal nach dem Patron.«

Schneider trommelte mit den Zeigefingern einen Marschrhythmus. Vermeer blies in seiner Hamsterbacken. Das klang wie eine Tuba.

Der Kellner kam an den Tisch, kommentierte die Bestellung überschwänglich, schlug einen sizilianischen Primitivo statt des Barolos vor.

»Es bleibt bei dem Barolo. Wir hätten noch einen ganz dringenden Wunsch. Wir möchten gerne den Patron sprechen.«Vermeer zog eine Grimasse.

»Signori, das habe ich mir fast gedacht. Ich bin aber untröstlich. Er lässt sich entschuldigen. Er meldet sich bei Ihnen.«

»Und nun?«, fragte Schneider. Die Stimmung war mit einem Mal perdu.

»Ist das alles? Wir kommen aus Eckernförde. Wir sind verabredet. Wir haben Ware bei Ihnen geordert. Die möchte ich jetzt und hier.«Vermeer quiekte geradezu.

»Hans, lass das. Das hat doch Methode. Die wollen uns zappeln lassen.«Schneider schaute den Kellner an. »Und nun?«

»Wie ich schon sagte, ich weißvon nichts. Ich würde Ihnen gerne weiterhelfen. Aber diese Art von Bestellungen bearbeitet ausschließlich der Patron.«Der Kellner zuckte mit den Schultern.»Darf ich denn Ihre Bestellung an die Küche weitergeben?«

Vermeer schaute Schneider erwartungsvoll an.

»Das geht dann aber aufs Haus.«Schneider lächelte verschmitzt. Es war offensichtlich. Er fand Gefallen an diesem Szenario. Der Kellner nickte nur, ging ab. »Was für ein Affentheater!«Schneiders Stimme schallte durch den leeren Raum. Der Kellner entkorkte den Barolo, schaute nicht einmal hoch.