Folge 36: Männer und Frauen. Das Spiel ist aus.

Was bisher geschah

Was für ein Start in die Woche. Was blieb Trent denn auch anderes übrig? Nach der Szene mit Francesca. Er verbringt die Nacht im Sessel. Im Pensionszimmer seiner Mandantin. Sie schütteln die Knochen beim Frühstück im »Alten Mann« aus. Liisa fühlt Hass. Ihr Puls fährt hoch. Der Gedanke an Schneider, Beck und die Wolfsons genügt. In der Tat. Rund um den Gourmet-Klub tut sich eine Mauer des Schweigens auf. Fragen nach ihrer Zwillingsschwester Maarja bleiben alle unbeantwortet. Dafür werden hinter den Kulissen die Karten neu gemischt. Beck und seine Komplizin geniessen noch die Montagmorgenruhe in der Esmarchstraße. Sie haben später ein Date mit Drogba. Es geht um die Entsorgung der Leiche. Nur vorher schaut der Sous Chef noch woanders vorbei.

»Marlies, mach doch auf.«

Theo Pawlowski drückte die Türklinke herunter. Ein letzter Versuch, bevor er gleich in die Praxis ginge.

Es war nichts zu machen. Seit gestern Nacht war das Schlafzimmer verschlossen.

Marlies gab keinen Ton von sich.

Pawlowski ging in die Küche. Dort lag »Das Spiel ist aus« auf dem Tisch. Die halbe Nacht hatte er Sartre gelesen. Er hatte versucht, sich aufgrund der Geschichte von Eve und Pierre krude Brücken zu bauen. Hatten Marlies und er nicht eine zweite Chance verdient? Marlies, die von Hans Vermeer arglistig getäuscht und verführt worden war. Und das alles nur um ihm zu schaden. Hans gönnte ihm seine bürgerliche Existenz nicht. Darum musste er ihm Marlies abspenstig machen. Wenn er Vermeers Bruderschwüre, die er regelmäßig bei ihren Klubabenden ausstieß, ernst nähme, dann kam das einem Brudermord gleich. Aber hatte er die Drei aus dem Gourmet-Klub eigentlich je für Freunde gehalten. Sie standen doch alle für das Überkandidelte, Verruchte, Verwahrloste, Flatterhafte. Er brauchte diese Treffen. Wohldosiert. In seiner Lütjenburger Existenz als angesehener Orthopäde konnte er sich solche Ausschweifungen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft nicht leisten. Doch der Klub hatte auch eine verdammt dunkle Seite. Seit geraumer Zeit spielten Frauen eine zunehmende Rolle an diesen Abenden. Käufliche Frauen. Daran hatte er selber aber niemals Anstoß genommen. Ihn störte etwas ganz anderes. Das waren Arturs mafiöse Machenschaften, in die er ihn geradezu zwanghaft hineinziehen wollte. »Wenn schon, denn schon.« Mit diesem Spruch blies ihm Artur Schneider den Zigarrenrauch ins Gesicht und hatte dabei am liebsten noch seine Patschhand auf einem Frauenschenkel liegen. Das hatte was, und er fühlte sich, als wäre er aus einem bequemen Kinosessel endlich mal auf die Bühne gestiegen, mitten hinein in eine verruchte Welt. Aber er hatte sich immer gegen all diese Versuche Arturs gewehrt, ihn komplett in dieses andere Leben hinüberzuziehen. Der Bauunternehmer versuchte ihn zu Risikoinvestitionen mit unglaublichen Renditen zu überreden, versuchte ihm Schrottimmobilien unterzujubeln. Er hatte alle diese Angebote als unmoralisch und unseriös ausgeschlagen. Er suhlte sich aber in dem sporadischen Kontakt mit Menschen, um die er in seinem Alltag einen großen Bogen machte. Die Gourmet-Abende musste Mann auch bezahlen wollen. »Hummer, Koks und Nutten.«War das nicht Arturs Credo und er bat jeden von ihnen zur Kasse, wobei sich bei Vermeer und Wolfson eher der Stapel der Schuldscheine erhöht haben mochte. Er konnte sich dieses Spiel leisten und war geradezu süchtig nach diesen Abenden in Aschau. Er lebte sich für ein paar Stunden aus und dann war es für eine Weile wieder gut. Und das sollte ihm jetzt zum Verhängnis werden? War alles nur ein riesiges Missverständnis? Er verstand, warum Chris Wolfson die Meerjungfrau aufgetischt hatte. Der Junge wollte diesem Altmänner-Klub Mores lehren, wollte die Nutten draußen halten. Angucken, ja, aber anfassen, nein. Wie naiv war der Kerl eigentlich? Das soziale Experiment war nun gründlich schiefgegangen, um es euphemistisch auszudrücken. Schlaflos hatte er die Nacht über in einer nicht enden wollenden Kurve gelegen. Sein Leben war in eine fürchterliche Schieflage geraten. Er wollte Marlies zurückhaben. Er wollte seine Ruhe. Er spürte, dass die Leiche der jungen Frau nun auch zu seinem Problem geworden war. Auch wenn er das bis heute Morgen immer weit von sich gewiesen hätte.

Theo Pawlowski machte sich noch einen Filterkaffee. Er tunkte Zwieback in den Kaffee. Er schrieb auf ein weißes Stück Papier.

»Marlies, glaub mir. Wir müssen einander vertrauen. Ohne wenn und aber. Dann sind wir wieder frei. Nutze den Tag und lies Sartre. Da steht alles drin, was uns in der letzten Zeit so zu schaffen gemacht hat. Flatterhaftigkeit, Hoffnungslosigkeit, Eifersucht, Missgunst und nun auch noch diese Geschichte mit der jungen Frau. Mit dem einen Unterschied, wir nutzen unsere zweite Chance. Wir haben nur diese. Vergiss Hans, er ist es nicht wert. Und ich verspreche dir, ich werde nie wieder nach Aschau fahren. Ich sage mich los von diesen Menschen. Ich glaube ganz fest an uns, ich liebe dich. Theo. P.S. Ich versuche die Termine für heute Nachmittag abzusagen.«

Pawlowski faltete den Zettel und steckte ihn in den roten Einband des Buches, das ihn seit gestern Abend beschäftigt hatte.

An der Garderobe zog er seinen weißen Kittel an, schlüpfte in die Praxisschlappen. Die Wohnungstür fiel hinter ihm ins Schloss.

Eigentlich nur ein Klacks

»Chris, du hast es mal wieder geschafft. Aber so schlimm war es noch nie. Wir versinken im Chaos.«

Beate Wolfson stand hinter ihrem Tresen. Sie haute mit ihrer kleinen Faust auf die Holzplatte. Sie trug ihr dunkelblaues Kostüm zur weißen Bluse, ihr Namensschild auf der Brust. Wie oft hatte sie mit ihrem Bruder darüber gestritten, ob sie so ein Schild tragen sollte. »Du bist hier die Chefin des Hauses, du gibst dich aber wie eine beliebige Rezeptionistin«, pflegte Chris zu sagen, er war der Meinung, dass sie eher die Rolle der Patronin übernehmen müsse. Das »Wolfsons« als angesagtes Strandhotel bräuchte Glamour nicht so eine blaue Maus. In solchen Momenten erinnerte sie ihn daran, dass ihnen nicht einmal die Kerzen in den Kristalllüstern auf den Tischen im Salon gehörten.

»Artur hat uns in der Hand.» Daran erinnerte Beate Wolfson ihren Bruder auch in diesem Moment. »Du hast bei ihm jeden Kredit verspielt. Du hättest mich am besten in Aschau gelassen. Dort hätte ich mehr ausrichten können als hier. Wir müssen Artur irgendwie wieder auf unsere Seite ziehen. Sobald der Kerl wieder bei Sinnen ist, erledigt der erst einmal den Sternkoch und dann macht er uns fertig. Das geht ganz schnell, das ist ein Weg. Dagegen ist eine abgängige Servicekraft wirklich banal.« Beate Wolfson strich mit ihren Handflächen den Rock glatt. Dabei ließ sie die Finger spielen. Wie auf einer Tastatur.

»Beate, wie verkommen bist du eigentlich? Artur vergewaltigt Maarja und sie stirbt. Ich fasse es nicht, du bezeichnet diesen Vorgang als banal. Und das, was er gestern mit dir gemacht hat. Auch das ist total banal?«

»Ob er mich nun noch mal wieder angerührt hat oder nicht. Das ist mir vollkommen egal.«

»Angerührt? Beate, nun mach mal einen Punkt. Artur Schneider, mein väterlicher Freund und unser Sponsor, hat am Samstagabend meine Freundin vergewaltigt. Am nächsten Abend nimmt er sich meine Schwester vor. Er hatte mir sein Ehrenwort gegeben, für immer die Finger von dir zu lassen. Theo ist sich ziemlich sicher, dass einer der beiden Drecksäcke dich penetriert hat? Du weißt nicht mehr, was sie mit dir angestellt haben?« Chris Wolfson lachte höhnisch. »Soll ich das das wirklich glauben? Obwohl so breit habe dich im ganzen Leben noch nicht gesehen.« Er ging um den Tresen herum. Legte eine Hand auf ihre Schulter. »Ich bring die Typen um.«

»Mein lieber Bruder, weißt du, was mir daran nicht gefällt?« Beate Wolfson schob die Lippe vor, legte den Kopf schief. »Maarja Rebas war ja wohl zu keiner Zeit deine Freundin. Hat sie dir diesen Floh ins Ohr gesetzt? Sie ist eine faule blonde Schlampe, die sich aus Tallinn hier eingeschlichen hat. Wir haben Ablöse für sie bezahlt oder besser, hätten diese bezahlen sollen, damit sie uns durch die Saison hilft und du hast nichts Besseres zu tun, als sie in dein Bett zu zerren. Wenn du mal von deinem Hormonspiegel absiehst? Hat uns diese Liaison in irgendeiner Weise weitergeholfen? Maarja wurde sehr träge, nachdem du sie in deine Arme geschlossen hattest. Sie war uns auf einmal keine allzu große Hilfe mehr. Außerdem stiegen ihre Ansprüche.«

»Beate, warum nur bist du so eifersüchtig? Damit hast du schon so viel kaputt gemacht.«

»Was schlägst du vor, über deine Gespielin müssen wir uns nicht mehr streiten, wie kommen wir aus der Geschichte raus? Du willst Schneider und Vermeer umlegen. Hast du schon dein Schießgewehr aus deinem Kinderzimmer geholt? Liegt es schon im Kofferraum deines Angeberautos, mit dem du gleich wieder davonbraust? Auch das gefällt mir nicht, aber bitte, mach, was du nicht lassen kannst. Auf deine große Schwester hörst du ja schon lange nicht mehr.«

»Beck bekommt erst mal einen Dämpfer, dem habe ich das Ordnungsamt auf den Hals gehetzt. Den müssen wir zum Schweigen bringen, der Typ darf auf gar keinen Fall zur Polizei gehen, dann sind wir womöglich alle dran. Und Artur ist die nächste große Baustelle. Er und sein Komplize Hans müssen dran glauben.«

»Merkst du eigentlich nicht, dass du nur noch durchdrehst? Du machst eine unüberlegte Handlung nach der anderen? Und was gedenkst du mit Maarjas Double und ihrem Sherlock anzufangen? Die können uns verdammt gefährlich werden. Mach dein Ding, Chris, aber dir ist schon bewusst, dass ich bis zum Hals mit in diesem Morast stecke?«

In diesem Moment klingelte das Telefon. Ihr Bruder sah zu, dass er wegkam, warf ihr noch eine Kusshand zu, verschwand durch den Hoteleingang. Sie gestikulierte und sah noch, wie er in seinem Oberklasse-SUV vom Hof fuhr.

»Wolfsons. Hotel am Meer. Sie sprechen mit Beate Wolfson. Was kann ich für Sie tun?«

Am Apparat war die Arbeitsvermittlerin Tvistanova aus Tallinn. Sie hatte Maarja Rebas als Servicekraft zu ihnen nach Hohwacht geschickt. Nachdrücklich forderte sie ihre Provision. Erzählte, dass sie ihren Bruder gestern Vormittag in einem Hotel am Kieler Hafen am Frühstücksbuffet getroffen haben. Beate Wolfson versicherte, das mit ihrem Bruder umgehend zu klären. Gab aber zu bedenken, dass Auslandsüberweisungen ein wenig mehr Zeit in Anspruch nähmen. Sie versprach der ominösen Tvistanova sich zu kümmern.

Was konnte Beate Wolfson ihrem Bruder überhaupt noch glauben? Hatte er nicht davon gesprochen, dass Beck und seine Komplizin ihn als Geisel genommen hatten? Glaubte sie ihrem Bruder, dann war das eben ein Fake-Anruf? War die Geiselnahme einfach nur erstunken und erlogen. Sie schüttelte sich. Ließ die Faust noch mal auf den Empfangstresen sausen.

Was ohne Zweifel stimmte, war die Tatsache, dass die Provisionszahlung immer noch offen war. Aber hatte Chris nicht vor einer Woche noch gesagt, er werde das schon irgendwie aus der Welt schaffen. Sie hatte sich da schon gefragt, wie er das bewerkstelligen wollte. Bereits vor einer Woche waren alle Konten am Anschlag gewesen, aber Chris hatte wohl alle Hoffnung auf den Samstagabend gesetzt. Hatte er ihr nicht am Samstag kurz vor seiner Abfahrt nach Aschau verschwörerisch zugeraunt, dass er Artur schon noch weichkochen würde. »Lass mich mal machen.«So was in der Art hatte er zum Abschied gesagt und ihr die Wangen geküsst.

Beate Wolfson schaute auf die Uhr. Sie musste wohl oder übel gleich in die Küche und letzte Hand an die Vorbereitungen für das Mittagsgeschäft anlegen. Sie waren auch heute unterbesetzt, zumindest hatte sie heute einen Koch. Nur was für einen Film drehte der übereifrige Bruder gerade? Er hüllte sich ja wieder mal in Geheimnisse und fuhr mir nichts dir nichts vom Hof. Sie fühlte sich von allen, irgendwie verbliebenen Geistern verlassen.

Morgen war Zahltag. Frau Tvistanova stand in einer langen Reihe von Gläubigern. Wenn Chris seine Drohung gegenüber Artur Schneider wahr werden ließ, was war dann gewonnen? Ein toter Finanzier tut es nicht mehr. Ob sie es bei Artur noch mal versuchen sollte? Nach der letzten Nacht war er ihr wohl noch etwas schuldig.

In Beate Wolfson reifte ein Gedanke. Das Spiel war aus. Letzte Nacht war sie dem Tod sehr nahe gewesen. Zuvor hatten ihr noch zwei Männer zu Füßen gelegen. Was Schneider und Vermeer mit ihr angestellt haben? Daran konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Eigentlich gehörte sie ins Bett. Zum Ausnüchtern. Der Koch hätte sie mit einer gehörigen Dosis Fliegenpilz wohl beinah in die ewigen Jagdgründe geschickt. So hatte sich ihr Bruder ausgedrückt, der hatte diese Einschätzung von Pawlowski übernommen. Aber sie kannte den Hang ihres Bruders zum Übertreiben. Die Fliegenpilze waren wohl vom Gourmet-Abend übriggeblieben. Aber auch dazu schwieg sich Chris aus.

Eine große Gleichgültigkeit erfasste sie. Wie froh war sie damals gewesen, in dieses Haus am Meer ziehen zu können. Hier arbeiten zu dürfen. Diesem Hiersein wohnte lange ein wundervoller Zauber inne. Der Onkel konnte ihnen zwar nicht die Eltern ersetzen, aber er gab ihnen ein Zuhause und eine Aufgabe. Es war schon klar, dass sie irgendwann auf eigenen Beinen stehen mussten. Es ging ja auch alles gut, obwohl Chris und sie eigentlich noch viel zu jung waren, um ein Hotel zu führen. Bis Artur Schneider auftauchte, den ihr Bruder voller Hoffnung und Begeisterung angeschleppt hatte. Alle beide gerieten sie in seine Fänge, verwirbelten in dessen Ambitionen, Zumutungen undÜberforderungen, fanden sich dann irgendwann außer Rand und Band. Sie als die ältere Schwester hätte es besser wissen müssen. Aber auch sie war auf den skrupellosen Lebemann Schneider hereingefallen. Sie war sogar verliebt in ihn. Ihm das auch noch zu zeigen, war einer ihrer größten Fehler gewesen. So schnell wie er auf sie geflogen war, so schnell hatte er sich auch abgeliebt. Aber hatten sie beide nicht noch ein Geheimnis? Sie hatte bisher dichtgehalten und keinem Menschen auf der Welt davon erzählt. Nicht mal Chris.

Sie griff zu ihrem Smartphone, um Artur an dieses Geheimnis zu erinnern. In der Hoffnung, doch noch alle zur Vernunft zu bringen. Gestern in Anwesenheit von Vermeer hatte sie diese Karte nicht spielen können. Wenn sie es richtig verstanden hatte, dann ging es doch nur darum, eine Leiche verschwinden zu lassen und ein paar, im Großen und Ganzen übersichtliche Geldforderungen zu erfüllen. Das wäre eigentlich nur ein Klacks für Artur. Sie griff zu ihrem Smartphone.

»Der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar.«