Folge 34: Auf dem Schlachtfeld der Tafelrunde. Zwei reden in Zungen.

Was bisher geschah

Montagmorgen. Morgengrauen. Morgensonne über der Eckernförder Bucht und der Förde. Nur wo sind Trent und Liisa abgeblieben? Nach dem Abgang in der Jahnstraße verliert sich ihre Spur? Sind die beiden in Liisas Pension in der Schumacherstraße gefahren? Francesca jedenfalls tobt weiter durch Becks Wohnung. Nur jetzt ohne Publikum. Wer weiß, auf was für Abwege sie gerät? Aber hat Trent ihr am Mittag ein klärendes Gespräch in Aussicht gestellt. Wird es dazu kommen? In der Esmarchstraße sind Beck und Pezer wieder vereint. Der Zufall führte sie zusammen. Ob der Zufall die beiden auch zusammenschweißt? Das steht noch schwer in Frage. Wie geht es in Lütjenburg bei den Wolfsons und Pawlowski weiter? Der Orthopäde wollte Beate Wolfson untersuchen. Nur im Kühlhaus des »Auerhahns« bleibt alles, wie es ist. Die tote Meerjungfrau steht in der Ecke. Gut verpackt. Nur wie lange noch? Am Dienstag läuft nach zwei Ruhetagen der Betrieb im Sternerestaurant wieder an. Fragen über Fragen. Das müssen auch Schneider und Vermeer feststellen. Sie hocken immer noch auf dem Sofa im weißen Haus in Aschau.

»Warum nur, Artus! Das ist unfassbar. Warum hat uns der Koch so zugesetzt?«

Hans Vermeer kratzte sich am Kopf. Stand auf. »Soll ich die Meuchelmörder rufen?«

»Das werden wir nicht tun«, sagte Artur Schneider gequält. Er versuchte sich aus dem Sofa hochzurappeln. Er sank vor dem Sofa auf die Knie. »Das ist nicht die Art, wie wir Krieg führen«, lallte er. »Wir werden es selbst tun.«

»Gut, mein Gewissen hängt sich meinem Herzen um den Hals und sagt sehr weislich zu mir: Mein ehrlicher Freund Lanzelot, da du eines ehrlichen Mannes Sohn bist, oder vielmehr eines ehrlichen Weibes Sohn, denn im Ernst, mit der Redlichkeit des Alten war es nicht weit her. Gut, mein Gewissen sagt: Lanzelot, weich und wanke nicht! – Weiche, sagt der Alte. Wanke nicht, sagt mein Gewissen. Gewissen, sage ich, dein Rat ist gut. Alter, sage ich, dein Rat ist gut. Lasse ich mich durch mein Gewissen regieren, so bleibe ich bei meinem König, der, Gott sei mir gnädig, eine Art von Teufel ist. Lasse ich mich durch den bösen Alten regieren, der, mit Respekt zu sagen, der Teufel selber ist. Ich habe die Wahl, zwischen Pest und Cholera. Gewiß, Artur, du bist der wahre eingefleischte Teufel, und, mein Gewissen, mein Gewissen ist gewissermaßen ein hartherziges Gewissen, dass es mir raten will, bei dir zu bleiben. Wie gerne aber hörte ich auf den Alten. Ich will laufen, Alter! Meine Fersen stehen dir zu Gebote, ich will laufen.« Der massige Vermeer stand schwankend vor der Panoramascheibe im Licht der Morgendämmerung. Hinter ihm die Aschauer Lagune. Der Fliegenpilzrausch hatte ihn immer noch im Griff. Er versuchte seinen Freund zu fixieren. »Warum nur, Artus!« Vermeer kniff die Augen zusammen.

»Hans, oder sollte ich lieber Lanzelot sagen? Hör endlich auf mit deinem Theaterdonner.« Schneider knurrte vor sich hin. »Du hast sie gevögelt?«

»Beate?« Vermeer schaute über die Schulter auf die Lagune.

»Nein, meine Frau.«

»Du meinst die Königin.« Vermeer schaute auf Schneider herunter.

Schneider hockte auf allen Vieren vor Vermeer. Schneider holte mit dem rechten Arm aus, schlug in Vermeers Richtung. Schneider geriet ins Wanken, brauchte den Arm, um sich schleunigst wieder abzustützen. Er hatte Mühe seinen Kopf zu heben.

»Theaterdonner« lachte Vermeer in sich hinein. »Weißt du eigentlich, welch traurige Figur du abgibst? Wie ein alter Gaul in seiner Box, so hockst du da und keilst nach mir?« kreischte Vermeer. »Zu deiner Frage, sicher habe ich das getan.« Er stampfte mit dem Fuss auf. Mehrmals. Schneider zuckte jedes Mal zusammen, versuchte sich aus seiner Haltung zu lösen, scheiterte aufzustehen.

»Sie ist dir wie all die anderen Menschen, die dich irgendwann umgeben haben, von der Fahne gegangen, mein Lieber.« Vermeers Stimme beruhigte sich, vielmehr rasierten S-Laute die Stille. Über der Lagune stieg ein Schwarm Vögel auf. »Wie alle anderen, die nicht auf dein schmutziges Geld und deine scheinheiligen Aufträge angewiesen sind. Ich kann das nicht, ich bin dein Vasall und zudem einer der treuesten. Du mit deinem Geschwätz von der Tafelrunde. Du als der Primus und Theo als der einzig Gleiche. Chris gibt den Mordred und ich fege den Hof, übe mich im Minnesang, erledige Vasallendienste. Ich hatte und habe nichts mehr zu verlieren. Und warum hätte ich es nicht mit deiner Angetrauten tun sollen? Sie hat es doch mit jedem getan, der nicht schnell genug aufs Pferd gekommen ist. Sie wollte nicht nur Steigbügelhalterdienste. Du musst mir sogar noch dankbar sein, dass ich sie eine zeitlang gepudert habe. Du warst es doch, der mich finanziell ruiniert hat, ich kann gar nicht mehr anders, als immer wieder deinen Speichel zu lecken. Da wäre ich doch total irre gewesen, wenn ich die Königin von Aschau zurückgewiesen hätte? Das war meine Rache und es fühlte sich wie ein Sieg an. Ich war total loyal und es war toll, mein Lieber, auf deinen Pfaden zu lustwandeln und Ariane hat geschwärmt, ich schwöre es dir.«

»Halt die Schnauze, du bist ein elender Verräter und Lügner.« Schneider bäumte sich kurz auf und schlug noch mal in Richtung Vermeer. »Du lebst doch in einer Traumwelt. Deine Flucht in die Bücher. Alles Lüge. Du lügst dir Seite für Seite, Vers für Vers permanent in die Tasche. Ein Anruf bei der Bank und du bist erledigt.«

»Ist das die Art, wie wir Krieg führen?« Vermeer griente.

»Hilf mir hoch, Hans.«

»Nein, bleib bloß da hocken.«

»Wir können nicht noch mehr Leute in die Sache ziehen, die Situation wird langsam unkontrollierbar.« Schneider sprach wieder klar. Die Körperkontrolle war aber längst noch nicht zurück. Er hob den Arm. »Hans, hilf mir hoch.« Vermeer bewegte den Arm ganz langsam in Richtung Schneider, dann trat er ihm in die Flanke. Schneiders Körper kippte ab, sein Kopf prallte auf die Fliesen. Es gab ein dumpfes Ploppen. Schneider fing an zu wimmern, krümmte sich in einer fötalen Haltung.

»Artur, du hältst dich für den Größten, dabei bist du ein Jammerlappen.«

»So viel weiß sogar ich. Lanzelot ist kein Königsmörder. Dazu hast du doch gar nicht die Eier.«

»Ariane hat mich matt gesetzt, du hast mich matt gesetzt.«

»Hans, schnaub vor Wut, so laut du kannst. Aber du wirst Zeit deines Lebens nicht mehr aus deiner Rüstung fahren.«

»Artur, so poetisch. Du redest in Zungen. Ich stehe vor dir im zerrissenen Hemd und du sprichst von Rüstung. Du, ausgerechnet du, siehst etwas, was ich vielleicht übersehe? Habe ich irgendetwas nicht mitbekommen? Hat dich seit gestern Abend irgendeine Muse geküsst? Aber recht hast du, du sprichst die Wahrheit. Der Meerjungfrau hast du Gewalt angetan. Und unsere Feinde, das sind die Geister, die wir riefen. Auch das ist die Wahrheit. Die Tafelrunde gleicht seit Samstag einem Schlachtfeld.«

»Die Wahrheit, Hans, hat viele Gesichter. Und du hängst doch schon wieder in den Seilen der Dichtung.«

Vermeer stand über Schneider, hatte einen Fuß auf seine Hüfte gesetzt. Er übte Druck aus und war versucht, sein Gewicht darauf zu verlagern. »Wenn ich mich nicht täusche, dann ist das die kaputte Seite, mein Lieber?« Schneider stöhnte auf.

»Mach mich fertig. Töte mich meinetwegen. Du bist der einzige, der unseren Krieg zuende bringen kann. Ohne Hilfe. Ohne diese beiden anderen Ritter der traurigen Gestalt. Wolfson und Pawlowski.« Schneider lachte höhnisch. »Du hast Pech gehabt, dass du an mich geraten bist, du hattest das Zeug zu mehr, aber ich musste dich an die Kette legen, sonst wärst du mir irgendwann gefährlich geworden.« Schneider flüsterte, versuchte sich noch weiter zu krümmen. Vermeer fixierte ihn aber weiter mit seinem Fuß.

»Ich werde nicht morden. Weder dich, noch irgendjemand anders. So weit bringst du mich nicht.«

»Doch, Hans, das wirst du. Aber du hast die Wahl. Enweder bringst du mich um, dann bist du wieder ein freier Mann. Oder wir bringen den Koch und seine Komplizin um. Gemeinsam. Werden wir noch viele Schlachten schlagen.«

»Nenne mir doch einen vernünftigen Grund, warum ich dich am Leben lassen sollte?« Vermeer ließ jetzt von Schneider ab und ging zur der Anrichte im Essbereich. Er nahm einen der massiven Silberleuchter. »Artur, ich habe dich etwas gefragt? Bist du jetzt auch noch taub? Es reicht doch, dass du berauscht von diesen verdammten Fliegenpilzen bist?« Jetzt stand Vermeer wieder vor ihm, schlug den den Kerzenständer in die freie Hand. »Ich habe mich ganz gut erholt.« Vermeer hob die Hand mit dem Leuchter, holte aus. Mit einem Mal fiel Vermeer der Kerzenständer aus der Hand. Das Ding traf Schneider an der Hüfte.

Schneider schrie.

Vermeer drehte sich blitzschnell, übergab sich im Strahl. Es pladderte auf den Lederpolstern. Zwischen Sitzpolstern und Lehne bildeten sich kleine Seen.

Vermeer blieb nichts anderes, als vollkommen geschwächt auf die Knie zu sinken. Kurz darauf kauerte auf allen Vieren neben dem Hausherrn, dessen Schreie langsam verstummten. Auch Schneider rappelte sich wieder hoch. So hockten beide nebeneinander in der gleichen Stellung.

»Wir beide wir schaffen das schon. Wer, wenn nicht wir«, salbaderte Schneider.

Vermeer nickte. Schneider nickte.

Über der Lagune ging die Sonne auf. Das weiße Haus auf der Anhöhe strahlte vor sich hin.