Folge 33: Moment mal. Es ist kompliziert.

Was bisher geschah

Nach Mitternacht. Über allem spukt die tote Meerjungfrau. In Aschau hocken Schneider und Vermeer. Der Fliegenpilzrausch beschert ihnen eine nicht enden wollende Geisterstunde. Gefangen in ihren Körpern stieren sie auf das Wasser. Stöhnen vor sich hin. Könnte Beck die beiden nur sehen. Was für eine Genugtuung. Diese Gourmet-Abende waren eine permanente Missachtung seiner professionellen Fähigkeiten als Sternekoch. Aber hat ihm diese Kungelei mit den vermeintlichen Reichen nicht genützt? Wie soll Beck das rechnen? Selbst der Versuch Schneider erpressen zu wollen, es hilft alles nichts. Nicht mal Suza Pezers Entschlossenheit. Zumindest sind der Sternekoch und seine Komplizin wieder vereint. Ihr Faustpfand gegenüber den Gourmets hat sich wieder auf die Leiche reduziert. Aber die Wut, die steigt und steigt. Zumindest bei Suza. Die betrachtet den Ermittler und das Meerjungfrauendouble mit Skepsis. Trent und Liisa gehen aber ihrer Wege. Und die Wolfsons sind ja bereits in Aschau vom Hof gerauscht. Wer will schon einen Bruder aufhalten, der seiner Schwester das Leben retten will.

»Theo, ich stehe hier unten. Kommst du mal runter?«

»Du schon wieder.«Die Freisprechanlage quäkte.»Warum behelligst du mich eigentlich immer weit nach Mitternacht? Ich muss morgen früh in die Praxis. Moment mal.«

Chris Wolfson stand mit laufendem Motor auf dem Lütjenburger Marktplatz. Er sah wie im ersten Stock das Licht anging. Die Vorhänge an der Balkontür bewegten sich. Er konnte Marlies erkennen. Minuten später ging im Flur das Licht an. Theo Pawlowski trat vor die Tür und schaute sich suchend um. Er trug einen marineblauen Traniningsanzug mit zwei Streifen und seine Praxisschlappen.

»Wo hast du denn dieses Teil schon wieder ausgegraben, Theo. Du siehst todschick aus.«Chris Wolfson griente.

»Du kannst es aber auch nicht lassen. Was ist los?«Theo Pawlowski hatte die Beifahrertür geöffnet. Er war nicht nur verschlafen, er war verschnupft.

»Artur«, sagte Wolfson und deutete auf die Rückbank. Hier lag Beate Wolfson. Sie gab in diesem Moment Jammerlaute von sich.

»Mein Gott, was hat er mit ihr gemacht?«

»Die Fliegenpilze von gestern Abend. Ich war in die Fänge von unserem Sternekoch geraten. Ich wollte einfach nur noch mal Maarja sehen. Bei der Gelegenheit haben mich dieser Vollhorst von Koch und seine Komplizin, die Putze aus dem weißen Haus, in Geiselhaft genommen. Hans und Artur haben dann im Gegenzug Beck gekidnappt, dann kam Beate nach Aschau auf der Suche nach mir. Ein Hin und Her Um es abzukürzen, es ist kompliziert.«Chris Wolfson schloss die Augen.

»Und das alles nur für diesen Scheißabend, Chris«, sagte Pawlowski und schüttelte den Kopf, stützte sich mit dem rechten Arm am Auto ab. »Es tut mir wirklich leid, dass Hans und ich dich zurückgehalten haben. Wir hätten Artur stoppen müssen. Aber jetzt noch mal für Doofe, ich habe habe fast den ganzen Tag verschlafen oder mit Marlies gestritten.«

»Ach, hast du auch schon Wind von der Geschichte bekommen? Marlies und Hans, man glaubt es nicht.«Wolfson sah Pawlowski an und schwenkte ganz schnell um. »Ja, äh. Die Achse Aschau-Kiel zum Mitschreiben. Worum geht es wohl? Um Kohle. Beck und Suza Pezer sind auf den Dreh gekommen, dass sie nicht nur für die Entsorgung der Leiche kassieren können. Nein, sie wollten für mich ein Lösegeld von Artur. Um die 150.000 Euro.«Wolfson fing an zu lachen. »Für mich.«

»Warum sollte der für dich bezahlen? Ausgerechnet Artur.«Pawlowski redete mit sich selbst, schaute in den Fond zu Beate, die sich gerade mal wieder bewegt und gestöhnt hatte.

»Genau. Aber die Kieler haben gedroht, die Leiche der Meerjungfrau der Polizei zu übergeben und den Hergang der letzten Nacht zu schildern. Die beiden standen doch hinter der Tür und haben beobachtet, wie sich Artur über Maarja hergemacht hat. Die haben aber auch uns gesehen. Wenn die aussagen, dass ihr mich im Pool zurückgehalten habt, dann seid ihr auch dran.«Wolfson zog eine Schnute. »Ich bin da raus.«

»Artur, habe ich gesagt, du musst diesen Wahnsinn sofort stoppen, habe ich gesagt. Ich habe vorhin mit ihm telefoniert. Ich habe mich als Zeuge angeboten, er hat sie ja nicht umgebracht, die Polizei muss ja noch nicht mal erfahren, was er ihr angetan hat. Ich bin allemal raus der Geschichte, aber ich lasse meine Freunde doch nicht hängen.«Pawlowski trat nervös von einem Bein auf das andere.

»Ich sage nur, Beck und Pezer, die haben alles gesehen. Die stecken unter einer Decke. Die machen Artur fertig, wenn er nicht bezahlt. Die werden sich mit dem 20.000-Euro-Scheck nicht zufriedengeben. Die wollen mehr. Wir Vier hängen da alle mit drin. Und ich sage dir, Artur wird uns Drei zur Kasse bitten. Die Folgekosten unseres Gourmet-Abends trägt der nicht alleine.«Zur Bekräftigung haute Wolfson auf das Lenkrad. »Wir kennen ihn doch. Und die Affäre von Marlies und Hans hat er dir auch gleich noch untergejubelt?«Der Motor lief immer noch.

»Chris, wer euch als Freunde hat, braucht keine Feinde. Hast du von der Affäre gewusst?«

Wolfson schwieg.

»Wo ist denn nun die Leiche? Haben die ihren Job gemacht und haben sie entsorgt?«

»Nein. Wenn sie das gleich getan hätten, dann wäre dieses ganze Theater ja nicht entstanden. Die Leiche steht im Kühlhaus.«

»Können wir Beck nicht irgendwie unter Druck setzen? Ich könnte in ein paar Stunden beim Ordnungsamt anrufen und denen einen Tipp geben. Wenn die bei ihm aufkreuzen und eine Leiche im Kühlhaus finden, dann regelt sich vielleicht alles von selbst.«

»Schon passiert. Ich habe einen Kumpel beim Kieler Ordnungsamt, der ist neu da, den habe ich auf Fahrt von Aschau hierher angerufen. Der sieht zu, was er morgen früh tun kann. Er wird Beck auf die Pelle rücken. Von der Meerjungfrau im Kühlhaus habe ich allerdings nichts erzählt. Wer weiß, vielleicht schaffen Beck und seine Komplizin die Leiche auch wieder zurück in ihre Badewanne oder wohin auch immer. Sie wissen ja, was ich weiß.«Wolfson legte beide Hände auf das Lenkrad. »Aber was machen wir denn nun mit Beate? Sie scheint ein Pilzvergiftung zu haben.«Wolfson spielte mit Gasfuß.

Pawlowski wandte sich Beate Wolfson im Fond zu. Er kniete sich in den Wagen und fing an, ihre Lebensfunktionen zu überprüfen.

»Lass mich«, lallte Beate Wolfson und schlug die Augen auf. »Feo, biss du dass, Ffffffff...«

»Beate, kannst du aufstehen?«Pawlowski schlug die Decke zurück und sah, dass Beate Wolfson nur noch eine Kostümjacke trug. Sie war halbnackt.

»Iff bin eine Feder, Feo.«

Pawlowski schaute Wolfson an. Nickte. Trat einen Schritt zurück und drehte sich um. Oben auf dem Balkon der Beletage stand Marlies.

»Räum doch den Küchentisch frei«, rief er zu seiner Lebensgefährtin hoch. »Bitte.«Die letzten Stunden mit Marlies war nicht leicht gewesen. Schneiders Offenbarungen hatten ihm zugesetzt. Er hatte seiner Lebensgefährtin eine fürchterliche Szene gemacht. Wie konnte sie sich mit Hans Vermeer einlassen. Ausgerechnet mit dem. Da hätte sie sich auch gleich mit Schneider einlassen können. Wie gut, dass Marlies keine kleine Männer mochte.

Pawlowski drehte sich abrupt zu Chris Wolfson um.

»Stell jetzt endlich mal den Motor ab. Wir bringen sie hoch. Ich werde sie untersuchen. Wir müssen wissen, was die beiden mit ihr veranstaltet haben.«

»Zu Befehl, mein Orthopäde.«

Cha Cha Cha

Die Absätze klackerten auf dem Parkettboden des Flurs.

Francesca tanzte Cha Cha Cha. Mit sich allein. Sie trug nur einen winzigen Slip. Ihre Arme hatte sie um sich gelegt. Ihre Lockenmähne warf sie hin und her. Posierte vor dem wandhohen Spiegel neben der Garderobe. »Cha cha cha, vor, rück.«

Sie hatte wach im Bett gelegen. Da hatte sie die DS auf den Hof rollen hören. Trent standen als Besitzer des Hauses die zwei Garagen auf dem Hinterhof zu. In ein paar Minuten würde er oben in seiner Wohnung sein. Ihre roten Tanzschuhe hatte sie in der hintersten Ecke des Kleiderschranks im Schlafzimmer gefunden. Eins ihrer Überbleibsel in der Jahnstraße. Trents Tanzkünste waren ihr noch in bester Erinnerung. Das waren furiose Abende gewesen. Sie hatte die Schuhe vor das Bett gestellt. Wie lange wollte Trent sie noch zappeln lassen? Die unguten Gefühle, die sie die letzten Stunden beschlichen hatten, die schob sie jetzt einfach beiseite.

Francesca hörte die Schritte im Treppenhaus. Sie tänzelte auf die Tür zu. Die ging mit Schwung auf.

Trent tauchte im Türrahmen auf. Endlich. Aber er schob eine junge, blonde Frau vor sich her. Sie war ganz in schwarz gekleidet. Ihr Trenchcoat war bis zum Hals hochgeknöpft. Trent hatte ihr seine Hand in den Rücken gelegt. Die Frau machte nur zögerliche Schritte.

Francesca war sprachlos. Sie machte einen Schritt zurück. Drehte sich zur Garderobe und griff sich Trents abgetragene Lederjacke. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er die Jacke jemals getragen hatte. Sie hing immer nur da. Jetzt steckte sie in dem Erinnerungsstück, das viel zu großfür sie war. Sie nestelte an den Knöpfen. Das Futter war angenehm kühl auf der Haut. Wann war ihr zuletzt mal etwas peinlich gewesen? Jetzt lief sie rot an.

»Francesca, schön dich zu sehen.«

»Roberto.«

»Darf ich vorstellen. Das ist Liisa Rebas. Meine Autraggeberin. Frau Rebas sucht ihre Zwillings...«

»Roberto, bevor du weiterredest. Mir ist es vollkommen egal, wen die Signorina sucht. Du willst mir doch nicht weismachen, dass du nachts um Zwei deine Autraggeberin zu dir nach Hause einlädst.«

»Ich habe dich noch nie angelogen.«

Francesca steppte auf dem Boden herum. Das Geklacker in dem leeren Flur war ohrenbetäubend. Liisa war zurückgewichen und stand im Rahmen der Wohnungstür. Hinter ihr der dunkle Flur. Ihre Wangen glühten, die blauen Augen blitzten.

»Herr Trent, es ist besser, Sie bringen mich in die Pension.«

»Das ist eine gute Idee, aber ich bestelle Ihnen besser ein Taxi.«Francesca machte ein paar Schritte auf Liisa zu. »Ich habe mit diesem Herrn hier ein paar Takte zu reden. Vielleicht machen wir am Ende dann ja doch noch ein Tänzchen, wer weiß.«Trent versuchte Francesca zurückzuhalten, ließdann aber von ihr ab. »Verschwinden Sie von hier, das ist mein Mann. Das ist meine Wohnung.«Die beiden Frauen standen sich jetzt gegenüber. Die kleine, kompakte Italienerin und die große, gertenschlanke Estin.

»Francesca, bist du vollkommen durchgedreht? Willst du meine Wohnung besetzen? Rufst mich kurz an und marschierst hier ein? Was ist in dich gefahren?«

»Roberto, ich war fest davon überzeugt, dass du dich freust.«

»Du warst drei Monate weg. Du bist ohne ein Wort verschwunden. Jeden meiner Anrufe hast du weggedrückt, hast keine Nachricht von mir beantwortet.«Trent haute mit seiner Faust gegen die Wand. Dann ging er zur Schlafzimmertür, die angelehnt war. »Ach, du hast dich schon häuslich eingerichtet. Habe ich dir nicht einen Zettel hingelegt, dass du das Gästezimmer beziehen sollst?«

»Roberto, hör auf. Das war doch einer deiner Scherze. Ich kenn dich doch.«Francesca lächelte Trent an, versuchte ihn in das Schlafzimmer zu drängen.»Entschuldigen Sie uns, wir müssen eben unter vier Augen reden.«

»Wir müssenüberhaupt nichts.«Der Ermittler baute sich vor ihr auf und hielt sie mit beiden Armen auf Abstand.

»Dein Anzug ist zerrissen, Roberto. Bist du verletzt? Roberto? Du hast mich den ganzen Tag warten lassen. Das ist alles zu viel für mich.«Francesca nestelte an seinem Ärmel herum. Trent ließes geschehen, streckte die Arme weiter durch.

»Zu viel. Das ist ein gutes Stichwort«, meldete sich Liisa wieder zu Wort. »Das ist mir zu viel Drama hier. Ich gehe jetzt.«Sie drehte sich ins Treppenhaus, wollte gehen. Trent löste sich von Francesca, ging zu Liisa und flüsterte ihr etwas ins Ohr.

Trent drehte sich um. Ging ganz langsam durch den Flur. Verschwand im Büro und kam mit einem Laptop unter dem Arm wieder. Die Frauen standen sich immer noch schweigend gegenüber. Auge in Auge.

»Wir sprechen uns noch«wandte sich Trent an Francesca. »Wir wollten hier eigentlich noch ein paar dringende Recherchen erledigen, die keinen Aufschub dulden. Aber das können wir wohl vergessen.«Trent versuchte eine Hand auf ihre Schulter zu legen. »Wir, wir, wir«, keifte Francesca und schlug nach seiner Hand.

»Schlaf dich aus. Und wenn ich morgen Mittag wiederkomme, dann können wir reden. Wenn nichts dazwischen kommt. Gute Nacht.«Trent versuchte sie zu beruhigen, denn er wusste, wie wild sie werden konnte.

»Ich weiß, was du willst. Du willst sie.«Francesca fing wieder an zu steppen. Versuchte Trent mit ihren Fäusten zu traktieren. Sie begann zu weinen. »Ich sag es dir, warum ich hier bin. Ich will ein Kind von dir.«

»Auf einmal. Als wir das letzte Mal darüber sprachen, bist du danach auf Nimmerwiedersehen verschwunden.«

»Roberto, das war nicht der Grund. Lass uns doch reden. Ich erkläre dir alles. Wirklich alles.«Francesca sank auf die Knie. Die übergroße Lederjacke baute sich um sie herum auf wie ein Zelt.

»Jetzt musst du wohl mal auf mich warten«, sagte Trent und ging. Liisa war schon vorausgegangen.

Die Tür fiel hinter ihnen zu.