Folge 32: Dritter Anlauf auf Aschau. Strafe muss sein.

Was bisher geschah

Es ist immer noch Sonntag. Kurz vor Mitternacht. In Kiel steht die Meerjungfrau in der Kühlung. Immer noch Ruhetag im Auerhahn. Was treibt Francesca? Drogba? Still ruht die See. In Aschau hocken Schneider und Vermeer auf dem Sofa. Glotzen auf die Lagune. Der Fliegenpilzrausch, der den beiden von Beck untergejubelt wurde. Der setzt ihnen gerade mächtig zu. Der Rausch ist gewissermaßen die Rache des Sternekochs für das Fiasko vom Samstagabend. Für das Kidnapping vom Sonntagnachmittag. Und überhaupt. Beck schlägt zurück. Und läuft dann Trent und Liisa in die Arme. Die waren ja schon auf der Fährte der Zwillingsschwester. Mussten aber wieder Leine ziehen. Auch ihr zweiter Anlauf verunglückt. Als das Trio Beck, Trent, Liisa vorm weißen Haus eintrifft, wird es hektisch. Wolfsons Chris transportiert die derangierte Beate ab. Schwupps sind Bruder und Schwester vom Hof. Was ging da drinnen ab? Suza und Beck lotsen den Ermittler und seine Mandantin vom Grundstück Schneiders. Trent hat ja seinen Wagen ein paar Kilometer weiter am Strand stehen. Trent hat einen Plan. Was bleibt Liisa da übrig?

»DötDööt!«

Trent drückte aus Versehen auf die Hupe der DS. Der Wagen rollte auf den Garagenvorplatz, dann spielte er noch mal kurz mit dem Gasfuß.

»Nun ist auch egal. Wollen wir doch mal sehen, ob die Herren immer noch im Delirium sind?«

Es tat sich nichts im weißen Haus in Aschau. Das Garagenlicht war angesprungen. Die Haustür hatte Suza Pezer hinter sich zugezogen. Trent und Liisa starrten auf die Tür. Schnaken tanzten im Licht der Autoscheinwerfer.

Vorhin war hier noch Betrieb gewesen. Chris Wolfson,Suza, Pezer und Beck. Dieses aufgeregte Kümmern um die desorientierte Beate Wolfson. Der überstürzte Aufbruch des Bruders. Der ja nachvollziehbar war, denn seine Schwester war offensichtlich in einem erbarmungswürdigen bis beängstigendem Zustand. Irgendwie waren Liisa und Trent nicht zum Zuge gekommen. Alle ihre Fragen nach Maarja waren abgewimmelt worden. Da waren sie sich beide einig. Auch von Beck und Pezer hatte es keine Antworten gegeben. Die beiden hatten Trent und Liisa dann zum Parkplatz in Lindhöft gebracht. Die Fahrt in dem Landrover, den sich Suza Pezer aus Schneiders Garage ausgeliehen hatte, verlief wortlos. Die Verabschiedung war einsilbig.

Nach langen Beratschlagungen waren der Ermittler und seine Auftraggeberin nach Aschau zurückgefahren, der dritte Anlauf. Liisa wollte eigentlich den Wolfsons hinterherjagen. Sie hatte keinerlei Mitleid mit der halbnackten Hoteliersfrau gehabt und unterstellte Chris Wolfson, dass er sich einfach nur davonstehlen wollte. In Becks und Pezers Augen wollte sie zumindest ein Erkennen und Irritation erkannt haben. »Ich gleiche meiner Schwester doch wie ein Ei dem anderen. Ich könnte schwören, dass sie beide Maarja schon mal zu Gesicht bekommen haben.« Trent hatte dafür plädiert, zunächst Schneiders Villa noch mal in Angriff zu nehmen. Er hatte ein Gefühl. Beck hielt er für integer, Suza ebenso. Beate Wolfson war selbst im nüchternen Zustand verstockt, verbittert, irgendsowas. Chris Wolfson hatte er zum ersten Mal gesehen. Er konnte ihn überhaupt nicht einschätzen. Er schien, besorgt um seine Schwester. Liisa hingegen meinte eine unterschwellige Aggressivität gespürt zu haben. War das wirklich so gewesen? Beck hatte geschwankt.

»Vorschlag zur Güte, Liisa. Es ist schon spät. Aber das spielt uns in die Karten. Ich vermute mal, dass Schneider und sein Freund Trent noch vollkommen weggetreten sind. So können wir uns im Haus umtum. Ich gehe davon aus, dass das Küchenfenster, aus dem Beck ausgestiegen ist, immer noch offen ist. Ansonsten verschaffen wir uns irgendwie Zutritt zu dem Haus.« So hatte er versucht, Liisa zu überzeugen. Sie hatte stattdessen geschmollt. Sie wäre auf jeden Fall in Richtung Hohwacht gefahren. Trent hatte aber einfach den Zündschlüssel umgedreht und war losgefahren.

»DötDööt!« Trent machte sich jetzt einen Spaß daraus. Hupte ein zweites Mal und brachte das Auto zum Stehen. Liisa versank immer mehr in den Polstern.

Das Nachtprogramm spielte Johnny Cash. »Well it's too late tonight, To drag the past out into the light, We're one but we're not the same, We get to carry each other, carry each other. One!«

Rund um das weiße Haus Geisterstunde. Der Vorplatz war wieder dunkel. Die Fensterbänder leuchteten zur Lagune hin.

Liisa schaute Trent an. Dann hob sie ihren Arm und zog den Ärmel ihres schwarzen Longsleeves hoch.

»Ich kann da nicht reingehen. Ich habe Angst, Trent. Schauen Sie sich das an, wie heißt das auf deutsch?«

»Gänsehaut.«

»Ich habe Angst, dass Maarja nicht mehr lebt. Ich brauche endlich ein Lebenszeichen.«

»Ich kann es Ihnen nicht versprechen, aber ich glaube, wir werden hier fündig.«

Sie stiegen aus. Umrundeten die Garagen. Und sahen schon das Küchenfenster offenstehen. Sie schlichen sich hinter großen Büschen an das Fenster an. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Liisa war jetzt vorgegangen. Sie stemmte sich auf der Fensterbank hoch, Trent versuchte sie zu hochzustemmen. Liisa ließ sich nach hintenfallen. Beide lagen nun rücklings im Beet, Liisa auf Trent und der war in einen Rosenbusch gefallen. Es hatte seinen rechten Jackettärmel zerrissen. Das nervte den Ermittler.

»Was war los?«, flüsterte er Liisa in Ohr.

»Mich hat eine schwarze Katze angestarrt. Ihre Augen glühten wie Kohlen.«

»Ich habe nichts gesehen.«

»Da war ein Tier«, nuschelte Liisa. In diesem Moment hörten sie ein Fauchen. Ein dickes, schwarzes Fellknäuel sprang an ihnen vorbei und lief über die Rasenfläche in Richtung Reetdachkate und Lagune.

Liisa rappelte sich hoch. Trent sprang auf und klopfte sich den Mutterboden vom Anzug. Er fackelte nicht lange und zog sich auf die Fensterbank hoch. Er hockte im Fenster, drehte sich um. Er legte den Finger auf den Mund. Dann streckte er Liisa sein Hände hin.

Wenig später standen beide in der hellerleuchteten Küche. Auf der Kochinsel standen Gerätschaften. Hier hatte Beck also seinen Auflauf mit Fliegenpilzen zubereitet. Sie gingen vor der Durchreiche in die Knie. Die Köpfe auf Höhe der Arbeitsplatte. Sie starrten in die Wohnhalle. Spitzten die Ohren. Wie Krokodile auf der Lauer. »Nicht mal ein Pieps.« »Keiner zuhause?« Trent schaute zu Liisa, schüttelte den Kopf, erhob sich. »Die Herren sind fix und fertig«, sagte Trent und streckte den Arm in Richtung Durchreiche aus.

Ein Knall wie ein Schuss.

Die Luke der Durchreiche war heruntergekracht. Spaltete einen Porzellanteller. Als hätte auf der anderen Seite jemand mit Schmackes die Luke herunterknallen wollen. Trent und Liisa ließen sich beide auf den Boden sinken. Sie lehnten mit den Rücken an den Unterschränken.

»Wie konnte das passieren? Wir sollten unbedingt auch diese verdammte Festbeleuchtung ausmachen«, wisperte Trent.

»Ich glaube, wir müssen gar nichts.« Liisa erhob die Stimme. »Wir sind hier wie Elefanten eingefallen. Unser Hupen, unser verpatzter Einstieg in die Küche. Das Krachen war wohl nur Zufall. Wir bewaffnen uns jetzt und gehen da rein.« Liisa zeigte auf den offenen Unterschrank der Kochinsel. Nahm eine Pfanne. »Und Sie schnappen sich auch am besten eine.«

Trent gefiel das, was er da neben sich hörte. Stand auf.

Eine halbe Minute später standen sie beide in der Wohnhalle. Mitten im Raum standen zwei Stühle, die dort nicht hingehörten, einer war umgekippt. Seilstücke lagen auf den Fliesen. Jeder von ihnen hatte eine Pfanne in der Schlaghand.

Trent bewegte sich wie in Zeitlupe auf das raumgreifende Sofa zu, dass auf das Fensterband zur Lagune hin ausgerichtet war. Er beugte sich über die Rückenlehne und schaute direkt in ein Paar offene Augen. Das rechte Lid zuckte. Mehre Male hintereinander.

»Was. Wollen. Sie. Von. Mir?«, stammelte der kleine, dicke Mann, der seinen Kopf überstreckt in den Nacken gelegt hatte, als er Trent bemerkte. Das musste den Beschreibungen nach Artur Schneider sein. Mit der rechten Hand nestelte er an der notdürftig geschlossenen Hose herum. Der Hosenknopf war geschlossen, der Schlitz und der Gürtel waren offen.

»Ich möchten Ihnen jemand vorstellen?« Trent hielt den Augenkontakt und winkte hinter seinem Rücken Liisa heran. Sie kam nicht. Trent gab ihr energischere Zeichen. Sie kam heran. Stellte sich neben ihn und schaute wie der Ermittler in dieses Augenpaar.

Schneider schloss die Augen. Holte ganz langsam mit dem rechten Arm aus und versuchte dem schlafenden zweiten Mann neben ihm mit der Faust auf die Brust zu schlagen. Die Faust senkte sich robotisch, hob sich genau so wieder. Schneider bekam keinen Zug auf seine Muskeln.

»Hans. Wir. Haben. Besuch.« Wort für Wort rollte über Schneiders Lippen. Für kurze Zeit versuchten die Pupillen zur Seite wegzurollen, der Arm blieb in der Luft stehen.

Der zweite Mann rührte sich nicht. Das musste Hans Vermeer sein.

»Arschloch. Wach. Auf. Die Meerjungfrau ist wieder auferstanden.« Schneider starrte Liisa weiter an.

Vermeer schlug die Augen auf.

Ach, was. Die Meerjungfrau hast du doch weggeknallt.« Im Gegensatz zu Schneider artikulierte Vermeer klar und deutlich. Dann versuchte der lange Vermeer im Sofa hochzurücken, was ihm nicht so richtig gelang. Als hätte er einen Medizinball verschluckt. Sein Bauch wölbte sich über seinem Hosenbund, lag offen da, sein Hemd war zerfetzt.

Vermeer schaute über seine Schulter. Begegnete Liisas Blick.

Vermeer drehte sich blitzschnell zur Seite. Und übergab sich. Drei Mal. Beim letzten Mal war es nur noch ein furchterregendes und qualvoll langgezogenes Röhren. Vermeer fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht. Suchte Liisas Blick. Die hatte Trent zur Seite gedrängt, stand mit der erhobenen Pfanne über Schneider und war gerade dabei zuzuschlagen.

»Öhh, ech«, Schneider brachte nicht mal mehr ein Wort heraus.

Liisa stoppte.

»Weggeknallt?« Liisa schrie. Schneider schreckte hoch. »Was hast du fettes Schwein mit meiner Schwester gemacht? Jetzt knall ich dich weg.«

Trent sah keine Veranlassung, seine Mandantin zu stoppen.

Liisa landete einen platzierten Treffer auf Schneiders Schädel.

Vermeer klappte in dem Moment zur Seite. Röhrte ganz kurz noch einmal durch die Wohnhalle. Sein Magen gab aber nichts mehr her.

»Liisa, wir sollten zusehen, dass wir hier wegkommen.« Die junge Frau hatte immer noch die Pfanne in der Hand, kniete hinter dem Sofa. »Nach Fliegenpilz-Abusus stellt sich in der Regel eine schwere Amnesie ein. Die Herren werden sich an unseren Auftritt hier nicht mehr erinnern.«

»Trent, was meinen Sie. Weggeknallt? Das muss noch nicht bedeuten, dass er Maarja getötet hat?« Liisa atmete schwer. »Ich habe den Mann ja auch nicht umgebracht.«