Folge 30: Unter der Laterne, am großen Meer. Der Koch packt aus.

Was bisher geschah

Was am Samstag als Fest begann. Das wird am Sonntag immer mehr zum Fiasko. Dem Gastgeber Schneider geht ein Gourmet-Freund nach dem anderen von der Fahne. Sogar dem alten Fahrensmann Pawlowski wird es zuviel. Er will den durchgedrehten Baulöwen stoppen. Prompt trifft auch den Orthopäden der Bannstrahl. Schneider will den Fall auf die harte Tour lösen. Dabei hat er allerdings die Rechnung ohne den Sternekoch gemacht. Beck lässt sich zwar kidnappen. Aber in Aschau angekommen glänzt er mit Loyalität. Die Kidnapper lösen seine Fesseln und Beck kocht auf. Mit verheerenden Folgen für Schneider und Vermeer. Die beiden gehen letztendlich vor der gefesselten Beate Wolfson auf die Knie. Derweilen rollen Chris Wolfson und Suza Pezer auf Aschau zu. Paul Drogba hält in Becks Wohnung noch immer die Stellung. Keiner weiß wozu. Überhaupt ist es gerade kompliziert bei Suza und ihren Gelegensheitskomplizen. Trent wehrt unterdessen am Strand den nächsten Anruf von Francesca ab. Gemeinsam mit Liisa stapft der Ermittler durch den Sandstrand. Der Plan war, sich von Grönwohld aus anzuschleichen. Das läuft auf einen Stresstest hinaus.

Beck lief vorne weg.

Am Strand lang in Richtung Lagune. Liisa schlafwandelte ihm hinterher. Wie an einen anderen Ort? Dorthin, wo sie Maarja auf jeden Fall treffen würden? Trent hatte ja nur Vermutungen. Warum hatte es Beate Wolfson zu Schneider gezogen? Ihr Bruder hielt sich vielleicht im weißen Haus auf. Oder Schneider wusste, wo Chris Wolfson zu finden sein würde.

Wo war Maarja? Liisa spürte das Gefühl der Nähe zur ihrer Zwillingsschwester. Wenn Maarja von ihren Partynächten in der Stadt frühmorgens nach Hause kam und sie schon am Frühstückstisch saß, dann war da ein Ziehen in der Magengegend, lange bevor sich der Schlüssel in der Haustür drehte. Dieses Gefühl hatte sie jetzt, in diesem Moment. Ihr wurde warm. Von der linken Brust strahlten kleine Blitze aus. Sie tapste nur sehr langsam durch den Sandstrand. Beck war kaum noch zu sehen in der Dunkelheit.

»Liisa.«

Es klang nach Anttis Stimme. Was Papa wohl gerade machte? Hoffentlich saß er nicht im Antiquariat und trank Wodka. Er hatte vor ihrer Abfahrt nach Kiel immer mal wieder im Büro geschlafen. Dort stand eine Liege. Dort schlief Annti im Schlafsack seinen Rausch aus. Sie ging dann morgens vor der Arbeit in der Agentur zu ihm und brachte ihm Kaffee und Brötchen. Ihr Vater kam aber auch mit nichts zurecht. Nicht mit seiner beruflichen Erfolglosigkeit, nicht mit den Karrieresprüngen seiner Frau, die er eigentlich über alles liebte, und später dann noch weniger mit der Flucht der Tochter nach Deutschland. Die Abwesenheit seines Lieblings gab ihm den Rest. »Die Familie. Die gehört zusammen. Wir können doch jetzt nicht alle auseinander laufen.«Ihr Vater weinte viel. Sie konnte es kaum ertragen, aber Maarja wurde dann immer agressiv. Gegen ihn und gegen sich selbst. Zum Schluss lief sie ihn ihr Zimmer und verschwand wenig später in den Klubs in der City. Das geschah aber nicht ohne, dass sie noch einen bösen Blick ins Lesezimmer schickte, wenn Liisa dort noch saßund Anntis Hand hielt. Sie konnten ihn doch nicht so absaufen lassen, wie oft hatte sie das gesagt. Ihre Schwester sah das anders. »Da muss er durch.« Türenknallend verschwand sie dann aus dem Haus.

»Liisa, nun machen Sie schon. Oder brauchen Sie Hilfe?«

Sie brauchte keine Hilfe. Sie war nur übermüdet. Sie blieb stehen, drehte sich zum Meer hin und schaute ins Nachtblau. Sie mochte die Abende mit Maarja am Strand. »Ich liebe diese Aussichten«, rief sie raus aufs Meer. »Ich liebe deine Ansichten«, rief Maarja zurück. Es war ein Spiel. Ihr Wortspiel. Und sie riefen Verwünschungen raus, über alle Wellen hinweg. Beschimpften alle, die ihnen gerade in den Sinn kamen. Auf dass die Flüche draußen blieben. In der Bläuigkeit. Vielleicht entsprachen sie an so einem Abend auch mal ihrer Blauäugigkeit. Durchliefen alle Schattierungen über dem Wasser von Ultramarin bis hin zum Nachtblau. Nahmen sich in den Arm, wenn der Horizont tiefrot brannte. Wenn diese Abende am Meer mit Maarja vorbei waren, blieb der Sound im Ohr. Die Wellen, die Stimme, die ihrer eigenen so ähnelte. Es blieb der Salzschmelz auf der Zunge, das Schmeicheln auf der Haut, wenn sie dann in den Schlaf segelte. Manchmal hatten sie in einem Bett geschlafen.

»Es ist nicht mehr weit. Nun kommen Sie schon.«

Bilder rasten in ihrem Kopf. Sie purzelten vor sich hin, fielen übereinander her, setzten sich aber nicht neu zusammen. Es herrschte Sturm in ihrem Kopf. Und es war ihr, als ob das Wasser da draußen Blasen schlug.

Liisa blutete aus der Nase, sie spürte das Blut auf den Lippen, sie spitzte die Zunge. Sie kannte das. Das kam. Wenn alles zuviel wurde.

»Liisa, was ist los?« Trent trat an ihre Seite. Er sah, was los war. Griff in die Tasche und brachte ein weißes Taschentuch hervor. Liisa nahm es, drehte es, schaute auf die eingestickten Initialen. Trent nickte. Liisa konnte das Blut stoppen.

Die beiden gingen in Richtung Lagune. Die weiße Mauer der Schneiderschen Villa war schon von weitem zu sehen. Trent hatte Liisas Hand genommen. Als sie an der Straßenlaterne am Lagunenparkplatz ankamen, lief ihnen eine Person auf der Dorfstraße entgegen. Liisa drückte fester zu. Trent blieb stehen, starrte stur geradeaus. Ein Jogger um diese Zeit? In schwarzer Kochjacke?

Die Drei trafen unter der Straßenlaterne auf dem Parkplatz aufeinander.

»Beck, was machen Sie denn hier?«

»Trent, diese Frage habe ich mir auch gerade gestellt?«

Beck trat verlegen von einem Bein auf das andere. Schaute zur Lagune. Schaute Trent an.

»Ganz ehrlich?« Beck kniff die Augen zu. »Ich bin gekidnappt worden.«

Trent und Liisa starrten den Koch an.

»Sie sehen auch ziemlich mitgenommen aus«, befand der Ermittler. Schweigen. Unvermittelt brach Trent in Gelächter aus, in das Beck leicht schüchtern einfiel. Liisa schwieg.

»Das ist nicht ihr Ernst? Gekidnappt. Von wem? Artur Schneider? Waren Sie etwa auch in dem weißen Haus?« Trents Stimme eskalierte. Beck nickte. »Heilige Scheiße, was ist da los? Haben Sie etwa auch Beate Wolfson getroffen?«Beck nickte wieder. »Dann haben Sie sicherlich auch Maarja Rebas gesehen?«Trent zeigte auf Liisa. »Die Zwillingsschwester dieser jungen Frau hier?«Beck drehte den Kopf abrupt weg, schaute in Richtung Villa, zuckte mit den Schultern.

»Nein, eine junge Frau ist nicht in Schneiders Haus. Beate Wolfson eben. Aber sonst niemand.«

Liisa hielt die Situation nicht aus. Sie trat aus dem Lichtkegel der Laterne ins Dunkel und ging ein paar Schritte in Richtung Parkplatz.

»Wir wissen von Beate Wolfson, dass ihr Bruder Chris gestern in Richtung Aschau gefahren ist. Ziel war die Villa Artur Schneiders. In seiner Begleitung fand sich Maarja Rebas, die im »Wolfsons«in Hohwacht beschäftigt ist und die offensichtlich in intimer Beziehung zu Chris Wolfson steht. Außerdem wissen wir, dass im Hause Schneider regelmäßig Gourmet-Abende stattfinden.«

Trent und Beck standen sich im Licht der Laterne gegenüber. Trent schaute auf die Glatze des Sternekochs, die sich hierhin und dorthin drehte. Beck schaute dem Ermittler nicht in die Augen.

»Beck.« Trent legte seinem Gegenüber die Hand auf die Schulter. »Ich gehe davon aus, dass Sie bereits gestern in der Villa waren und eine wie auch immer zusammengesetzte Gesellschaft bekocht haben.«

»Das ist richtig.« Beck schaute dem Ermittler jetzt in die Augen.

»Und warum erzählen Sie mir, dass Sie gekidnappt wurden? Was ist das für ein Quatsch mit Soße?«

»Weil es stimmt.« Beck erzählte seine Version der Geschichte. Alles, was ihn irgendwie belasten konnte, ließer weg. Maarja zuallererst. Er leugnete sie je gesehen zu haben. Auch auf wiederholte Nachfrage. »Nie im Leben.«Er schilderte seinen Auftrag und band den Abend damit ab, dass es Streit gegeben habe. Schneider hatte ihn nicht bezahlten wollen, da Beck ihm noch genügend Geld schuldete. Was stimmte, aber er als Sternekoch ginge ja nicht aus Jux und Dollerei am Samstagabend auf Privatveranstaltungen. »Ich mache das, um meine Lieferanten und letztlich auch meine Miete zu zahlen. Da ist es in der letzten Zeit leider zu Unregelmäßigkeiten gekommen, was Sie als mein Vermieter ja am besten wissen.« Alles Verhandeln hätte nichts genutzt. Da wäre er an den Barschrank im Wohnzimmer gegangen und hätte fünf Flaschen japanischen Whisky mit den Worten eingesackt. »Den kann ich wenigstens im Auerhahn für teuer Geld verkaufen.« Von Suza Pezer kein Wort. Von den Lebensgefährdungsmitteln und den besonderen Umständen dieser Events, auch kein Wort. Er wäre dann so schnell wie möglich verschwunden und am Sonntagnachmittag hätten Schneider und Vermeer vor seiner Tür gestanden. Unter Androhung von Gewalt hätten sie ihn gezwungen die Whiskyflaschen wieder herauszugeben und ihnen nach Aschau zu folgen. Die Herren hätten Appetit auf ein Gläschen»Karuizawa Five Decades«gehabt, Einkaufspreis knapp 14.000 Euro, der sich eine Nacht lang in seinem Besitz befunden hatte. Und Beck sollte sie zu diesem Anlass bekochen, das wäre doch nur standesgemäß zu so einem guten Schluck von einem Sternekoch beglückt zu werden.

»Ilsebillse keiner will se, kam der Koch und nahm sie doch«, Trent grinste Beck an. »Sie sind zwar ein kräftiger Kerl, aber so kräftig dann doch nicht, dass Sie mich auf den Arm nehmen können."

Beck grinste zurück. Der Sternekoch hatte sich so in Rage geredet. Ein Wort ergab das andere. Er wunderte sich selbst. Für ihn klang das alles unheimlich schlüssig. Zumindest für den Moment.

»Weil es stimmt. Es steht Ihnen frei. Klingeln Sie bei Schneider an der Haustür, das Tor steht sperrangelweit offen, marschieren Sie einfach ein. Ich bezweifle nur, dass Sie irgendetwas aus den Herren herausbekommen. Die sind vollkommen bedröhnt.«Beck grinste weiter. »Ich habe ihnen Mushrooms untergejubelt. Ich setz mich doch nicht weiter diesem Sklaventreiber Schneider aus, der meint mit mir machen zu können, was er will.«

»Und was ist mit Beate Wolfson?«

»Als ich mich davongeschlichen habe, kam gerade ein flotter Dreier der besonderen Art in Gang. Aber machen Sie sich gerne selbst ein Bild. Das Küchenfenster steht offen. Gehen Sie einfach um die Garagen herum und steigen ein.«

»Beck, Sie kommen mit?«

»Nein.«

»Sie kommen mit?«

Liisa trat wieder ins Licht der Laterne.

»Beck oder wie Sie auch immer heißen. Ich glaube Ihnen kein einziges Wort.« Die junge Estin hielt das blutdurchtränkte Taschentusch an ihre Nase. Tränen flossen ihre Wangen herunter. »Was ist das bloßfür ein krankes Land?«

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