Folge 26: Das bisschen Glück. Wer braucht das schon

Was bisher geschah

Die Woche endet langsam. Die Sonne geht unter. Trent und seine Auftraggeberin Liisa erholen sich im Strandlokal von ihrer Schlappe in Aschau. Neben kulinarischen Fragen erörtern sie den Rassismus in Europa. Als ob das bei der Suche nach Meerjungfrau eine Rolle spiele? Und welche Signale kommen aus Kiel. Suza Pezer will nach der Geisel schauen. Doch Chris Wolfson bleibt unbesucht. Paul Drogba bekocht unterdessen die Ex des Ermittlers. Ja, richtig, die beiden kennen sich. Trent hat Beck die Räume für sein Sternelokal vermietet. Wenn Trent von all dem wüsste? Dass in seinem Haus am Blücherplatz, die von ihm gesuchte Leiche in der Kühlung des »Auerhahns« steht. Und wo nahm das Unheil seinen Lauf? Der weiße Kastenwagen ist mittlerweile dort in Aschau gelandet. Beck wurde ausgeladen und in Artur Schneiders Villa festgesetzt. Beate Wolfson hat sich mittlerweile zu den Herren Vermeer und Schneider gesellt. Alte und neue Wunden brechen auf. Alles nur ein böser, schwarzer Traum?

Quietschend bewegte sich die Gartenpforte. Das ochsenblutrote Holzhaus lag da in den Dünen, leuchtete in der Nachmittagssonne. Der Schatten bewegte sich durch den Garten, umkreiste die Beete, trat durch die offene Klöndöör ein. Keiner in der Gesellschaft bemerkte ihn, nur Beck fühlte in einem Moment einen Windhauch. Seit Tagen hatte er die Feier vorbereitet, es war eine Küchenschlacht sondergleichen gewesen, er hatte jede Hilfe abgelehnt, es war seine Feier, nun schaute er auf das Büffet. Müde, zufrieden, erfüllt. Ihm fiel das Wort »überbordend« ein. Er hatte die beiden langen Holztische von der Terrasse zusammengestellt, ihm konnte die Tafel nie lang, nie voll genug sein.

Licht flutete die große Stube, er versuchte die Strahlen zu schlucken, überall goldenes Schimmern, so sehr Beck auch mit den Wimpern schlug, wusste er bald nicht mehr, wo innen und wo außen war. Um ihn herum Gäste, viele Gäste. Es war also wie immer an seinem Geburtstag. Es herrschte ausgelassene Stimmung.

Der Schatten schlich sich heran, tickte dem einen oder anderen auf die Schulter. Die Gäste bemerkten ihn nicht einmal, drehten ihre Köpfe in das Licht. Sie wollten alle nur Sonnenschein. Nur dahin drehten sie die Köpfe, die Vorhänge waren auf, die Fenster auch, eine leichte Brise trug den Schatten durch das Haus. Und dann war Beck dran. Der Schatten schlug ihn. Unerbittlich. Es tat nicht mal weh. Und alles nur, weil er den Kopf nicht schnell genug wegdrehte? Warum nur sah Beck immer alles schon voraus? War das nicht von Vorteil? Selbst wenn alle in welchen Wonnen auch immer versunken waren, dann waren seine Antennen immer noch auf Empfang. Aber sein Kopf glich oft einem Tollhaus. Es war zu viel von allem da. Und war nun mit seiner Feier? Er wäre gern noch geblieben. Aber der Schatten holte zum letzten Schlag aus. Beck wollte ihm die Tür weisen. Er hatte aber die Rechnung ohne den ungeladenen Eindringling gemacht. Schwupp und weg war er, der Hausherr.

Ja, Beck war weg. Wie vom Erdboden verschwunden. Dabei war er doch eben noch einen hellen langen Flur entlang gegangen. Es hatte geklingelt und er wollte dem verspäteten Gast die Haustür aufmachen. Die schwarzweißen Porträts der Altvorderen hatten ihn begafft. Halsstarrig und stur. Er mochte sie alle, wie sie da hingen, ausnahmslos. Ihre Zeit war abgelaufen, ihnen blieb nur noch der Platz im Rahmen an der Wand in Reih und Glied, aber er nahm sie von Zeit zu Zeit mit in seinen Alltag. Wenn er am Herd mal nicht über Rezepte nachdachte, tauchten sie auf, Oma Frieda, Onkel Heinz und seine Elternsprachen mit ihm. Diese Konversationen würde er demnächst wohl unmittelbarer führen können. Hätte Beck aber nicht noch ein wenig mehr Zeit haben können, hätte er sich das nicht verdient. Leben, einfach nur leben. Davon gab es doch so viel. Auf die stumpfsinnige Art. Auf die beiläufige Art. Auf die feinsinnige Art. Hatte er nicht gerade eine außerordentliche Zeit gehabt mit dieser bezaubernden Frau? Wie lange kannten sie sich schon? Er hatte mir ihr gekocht und gescherzt. Dieses vollkommen wahnsinnige Menü. Lebensgefährdungsmittel, war das nicht sein Begriff für diesen Irrsinn, den die Herren da draußen regelmäßig veranstalteten. Brot und Spiele in vollkommener Wohlstandsverwahrlosung. Und dann hatten sie beide vor einer beschlagenen Glastür stillgestanden, hinter der sich ein Verbrechen abgespielt hatte. Beck und die Frau waren zu Salzsäulen erstarrt und hatten sich an den Händen gefasst, geweint.

»Ihr seid doch nur Tränen im Ozean«, der Schatten lachte Beck ins Gesicht. Beck sagte ihm, dass alles egal wäre, gestern wäre gestern. »Wie das denn das, ich bin doch hier«, antwortete der Schatten. »Du mit deinem verdammten Hohn, du machst alles kaputt. Warum kommst du immer zurück zu mir.« Beck versuchte mit Händen und Füßen den Schatten von sich fernzuhalten. »Das Glück lacht immer nur die anderen an. Die Drückerkolonnen des Glücks säumen die Boulevards der Großstadt und ihre Agenten vagabundieren durch die Vorstädte und spähen die Opfer aus.« Beck sah sich in der Gewalt des Schattens, der ihn umwaberte, es war stockfinster um ihn herum. »Beck, du weißt doch, das Glück sucht die Menschen. Das Glück hat ihnen allen ein Versprechen gegeben. Also geben sie alle ihr kleines Leben her. Du brauchst ihnen nur ein ganz kleines bisschen Hoffnung auf Glück zu geben. Lose, Leute, kauft Lose!« Beck wollte antworten. Da riss ihn der Schatten zu Boden. »Leute wie du, Beck, die wollen ihr kleines Leben nicht hergeben. Doch irgendwann stolpert auch der Letzte mit einer großen Gramesfalte als Seufzer auf zwei Beinen umher. Schicksal? An der nächsten Ecke? Da wartet ein kleiner Schauer Glück.« Beck wand sich auf dem Boden, dabei rang er mit dem Schatten. »Ich scheiß auf das, was du Glück nennst.« Beck schlug eine Gerade. Ins Nichts. Schwarze Löcher.

Aber da? Da war eine Stimme? Beck kannte sie. Sie kam immer näher. Es war noch dunkel um ihn herum, es war schwarz. Die Männerstimme sprach immer weiter.

»Du sprichst schon lange nur noch in Rätseln. Warst du eigentlich schon mal beim Arzt? Ich würde dich ja gleich in die Klapsmühle stecken. Und hör auf mit deinem christlichen Getue. Das steht dir nicht. Wir haben es doch oft genug miteinander probiert. Du bist doch genauso versaut wie ich.«

»Du spinnst doch.« Das klang sehr gequält.

Beck schlug die Augen auf. Er sah Artur Schneider und eine Frau im blauen Kostüm. Schneider hatte sie im Klammergriff, den rechten Arm an ihrer Kehle. Die Frau röchelte jetzt. Versuchte sich verzweifelt aus der Umklammerung zu lösen.

»Ach, du tust immer nur so. Warum wolltest du immer mehr, mein Schatz. Sei doch mal zufrieden mit deinem bisschen Glück. Wir könnten heute noch Spaß haben. Hast du das eigentlich vergessen? Ich habe deinen Bruder und dich angenommen wie meine eigenen Kinder.«

»Wir hatten Sex.« Die Frau konnte nur noch flüstern.

»Schon wieder«, dachte Beck. Er versuchte irgendetwas zu tun. »Hört das mit diesem Kerl denn nie auf. Schneider ist mein Schicksal.« Er war an Hand- und Fußgelenken an einen Lehnstuhl gefesselt. Er versuchte irgendetwas zu sagen. Er war geknebelt. Beck saß mitten in der Wohnhalle des Bauunternehmers, die er erst vor 18 Stunden mit einem Scheck in der Brusttasche und einer Leiche im Kofferraum verlassen hatte.

»Selbstverständlich hatten wir Sex. Es gibt kaum eine Frau in meinem Umfeld, mit der ich nicht verkehre. Bist du etwa meine Tochter? Ihr hättet alles von mir haben können. Stattdessen hast du immer von Lebensglück gefaselt. Ich, ich bin kein Glückssucher und habe den Tod immer in die Augen geschaut. Risiko, Frollein, das macht uns alle reich. Ich hab mein Leben nicht auf die Ewigkeit vertagt. Ich habe die guten und schlechten Tage bewusst gelebt. Vor allem habe ich nie rumgebummelt, so wie ihr beiden in meinem Laden in Hohwacht.«

»Es ist nicht dein Hotel.« Die Frau war kaum mehr zu verstehen. Schneider drückte weiter zu. Mit drei kräftigen, ruckartigen Bewegungen nahm er ihr die Luft. Ohnmächtig sank die Frau im Kostüm zu Boden. Mit verdrehten Beinen blieb sie liegen.

»Die, die immer alles Glück der Erde auf morgen verschieben, das sind eigentlich die Gelackmeierten. Die aus St. Nimmerlein.« Artur Schneider sprach zu sich selbst und stand breitbeinig im Raum.

Beck ruckelte in seinem Lehnstuhl. Gefesselt und geknebelt wie er war.

»Ach, unser Sternekoch ist auch wieder an Bord.« Artur Schneider schaute Beck an. »Hans?« Der Bauunternehmer drehte sich um zu der Sitzgruppe, die auf die Panoramafenster mit Blick auf die Aschauer Bucht ausrichtet war. Mit Stöhnen und Ächzen erhob sich Vermeer. Der massige Mann stand vor dem Fensterband. Sagte kein Ton.

Beck war jetzt wieder im Film. Sein Traum und die Wirklichkeit schoben sich langsam wieder übereinander. Der Holländer hatte ihn gekidnappt. Dann hatte der Bauunternehmer auf der Ladefläche des Transporters über ihm gehockt. Er spürte immer noch die Schmerzen in den Schultern.

Jetzt saß er hier. Er ging davon aus, dass die Frau vor Schneiders Füßen die Schwester von Chris Wolfson sein müsste. Warum waren die beiden in Streit geraten? Es wäre doch alles so einfach. Er würde gegen die Geisel ausgetauscht, die bei ihm in der Esmarchstraße im Keller saß. Wo war das Problem? Drehten Drogba und Suza jetzt völlig durch? Er erinnerte sich noch an die Flaschen, die Suza aus dem dritten Stock nach den Entführern geworfen hatte. Eine war vor ihnen auf dem Lieferwagen zerplatzt.

»Bilde ich mir das nur ein oder versucht unsere Geisel gerade zu grinsen?«, fragte Schneider. »Guck dir mal seine Augen an, der lacht sich schief.«

Beide Männer standen ihm mit verschränkten Armen vor Beck. Der kleine Dicke und der große Dicke.

»Kochen kann er ja, aber ich fand, der hatte noch nie alle Latten am Zaun.« Vermeer ging zu Beck. »Ich werde ihn mal entknebeln. Wir müssen reden.«

»Worüber? Die in Kiel wollen nicht verhandeln. Den Scheck werde ich morgen früh sperren lassen. Die sollen Chris und die Meerjungfrau rausrücken und wir lassen unseren Sternekoch frei. Das ist doch ein faires Geschäft. Eine kulinarische Spitzenkraft gegen einen vertrottelten Hotelier und eine Tote?«

Auf den Fliesen regte sich Beate Wolfson.

»Sag mal Artur, was wollte die denn eigentlich von dir?«

»Hast du das etwa nicht mitbekommen? Unser Streit war doch wohl lautstark genug?«

»Ich habe tief und fest geschlafen, mein Lieber. Ich habe letzte Nacht kein Auge zugetan, wie du vielleicht weißt.« Vermeer fummelte Beck den Knebel aus dem Mund.

»Na, Bocuse, wie ist die Stimmung?«