Folge 22: Auge um Auge. Das gibt´s doch gar nicht.

Was bisher geschah

Es ist Sonntagabend. Die letzten 24 Stunden waren aufreibend. Francesca geistert durch die Wohnung des Ermittlers. Unterdessen melden sich die Geister, die sie gerade verlassen wollte. Per SMS. Trent und Liisa Rebas hingegen warten auf dem Parkplatz der Lagune in Aschau. Beate Wolfson will sich Artur Schneider vorknöpfen. Die Spur ihres Bruders weist in die Villa des Bauunternehmers. Kein Mensch da. Hockt Chris Wolfson doch in einem Kieler Keller. Steht die Leiche der Meerjungfrau doch in dem Kühlraum des »Auerhahns«. Schneider und Vermeer sind irgendwo da draußen. Haben auch mal an die Türen des Sternerestaurants geklopft. Die Folgen des Gourmet-Abends treiben sie um. Zwangsläufig. Das Duo Beck und Suza hat mittlerweile Zuwachs bekommen. Paul Drogba, Becks Sous Chef, ist zu ihnen gestoßen. Es gibt Suppe. Darüber rauft sich das Gaunertrio zusammen. Und schon wieder klingelt es an Becks Tür.

»Du da, Ihr da, Sie da. Suza, nie da...«

Beck ging zur Tür, fiel wieder in einen Sprechgesang ein. Und auf einmal war er da. Der Gedanke, der ihm wie ein Messer an die Kehle ging. Kein Getrommel, kein Pfeifen, kein Gesang hilft gegen das Erschrecken. Vor einer Stunde war Beck noch bei sich gewesen. Er hatte für die neue Frau in seinem Leben gekocht. Sie war ihm zugeflogen. Dass er mit ihr auch gleich einen Leichensack und eine Geisel am Hals hatte, das war ihm nicht schnuppe. Aber wenn schon auf der schiefen Bahn, dann mit dieser Frau. Suza war Punkrock und er liebte solche Wesen. Nur wo sollte er derartige Menschen kennenlernen? Als Sternekoch war er an seinen Laden gekettet, seine weiblichen Angestellten waren alle liebreizend und außerordentlich nett, aber er konnte sich nicht erlauben, dass eine von ihnen aus der Reihe tanzte und sich ihm als Chef an den Hals warf. Es hatte jede Menge Situationen gegeben, er wusste ihnen allen aus dem Weg zu gehen. Aus Gründen. Suza war seit gestern Nachmittag da und er hatte das noch keine Sekunde bereut.

Mit Paul Drogba war ein Freund hinzugekommen. Mit ihm war aber auch der ganze Alltagsshit wieder da. Er störte sein Zusammensein mit Suza, mit der er sich wie aus dem Nichts verschworen hatte. Nun waren sie ein Gaunertrio, dass auf einmal Gespräche führen, sich abstimmen musste. Beck wollte keine Gespräche, er wollte sich ganz auf sein Gefühl verlassen. Aber nun saß Paul Drogba mit in der Wohnung. Warum musste sein Sous Chef auch am Sonntag in den »Auerhahn« laufen, was wollte er da überhaupt? Kommt in seine Wohnung und erzählt ihm, dass im Kühlhaus eine Leiche eingewickelt in einen Teppich steht. Was denkt er denn, wer dieses Paket dort abgeladen hat?

Beck stand nun an der Tür, in diesem Moment klingelte es noch einmal. Er öffnete.

»Mitkommen.«

Der eine packte ihn am Arm, der andere zog den Schlüssel ab, schlug die Tür zu, schloss ab. Das war eine Sekundensache.

Beck ließ sich eins zwei drei an der eigenen Wohnungstür abkassieren. Kapitulierte er etwa? Die beiden Männer packten ihn an den Oberarmen. Er fühlte sich wie im Schraubstock. Sie führten den Sternekoch eilig durchs Treppenhaus. Den einen kannte er, das war Vermeer. Der machte im Gourmet-Klub immer auf englischen Gentleman und Schöngeist. Zu allen Situationen hatte er ein Zitat parat. Beck war sich aber schon immer sicher gewesen, dass Vermeer auch ganz anders konnte, aber er hatte ja in erster Linie immer nur mit Schneider zu tun. Wo war der eigentlich geblieben, mit dem war Vermeer doch vorhin schon mal hier im Haus gewesen.

»Und seien Sie bloß still«, herrschte ihn der andere Typ der Marke Bauarbeiter an, ihn hatte Beck noch nie gesehen.

Beck hatte einen metallischen Gegenstand gespürt, der sich in seine Seite gebohrt hatte, als sie noch oben im 3. Stock gestanden hatten. Nun passte er auf, um nicht zu stolpern, aber er spürte den Druck unter den Achseln und auf den Oberarmen. Zur Not würden ihn die beiden Typen auch in die Luft heben und nach unten tragen. Da konnte er strampeln und delirieren so viel er wollte. Er ließ es. Warum war es an diesem Sonntagnachmittag in dem Treppenhaus so totenstill, wo es so manches Mal einem Taubenschlag glich.

Es war nur das Geschrei aus seiner Wohnung zu hören. Er sah sie vor sich. Suza, die die Zähne fletschte, weil sie verladen worden war, und Paul Drogba, der Anlauf nahm und die Tür mit seinem kolossalen Körper aus den Angeln sprengen wollte. Das Kampfgebrüll schallte bis in den Flur, das Holz ächzte in seiner Verankerung, nur wer wollte die massive Tür knacken, das schaffte nicht mal Drogba und Suza schon gar nicht und Beile, Vorschlaghämmer geschweige denn Kuhfüße hatte er nicht in der Wohnung. Das Dreiergespann hatte jetzt das Erdgeschoss erreicht.

»Meister, wenn dir dein Leben lieb ist, dann hältst du auch die Schnauze, wenn wir draußen sind, wir haben es gleich«, sagte der Bauarbeiter. Seine Entführer packten jetzt noch mal härter zu. Vermeer machte die Tür auf, die Rückholfeder knarzte.

»So, Beck, jetzt aber schnell.« Vermeer griente Beck an, zog ihn, er machte sich schwer. »Über allen Gipfeln ist Ruh', in allen Wipfeln spürest Du kaum einen Hauch.« Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Er wollte auf keinen Fall gesehen werden, wie er locker flockig in Begleitung zweier Herren aus dem Haus schritt. Er rechnete mit Suza auf dem vorderen Balkon. Und so war es.

»He, Jungs« rief Suza. »Wollt ihr nicht noch mal hochkommen? Ihr habt was vergessen.« Hinter Suza stand Paul Drogba und hatte die Hände auf ihre Schultern gelegt. Das gab Beck einen kurzen Stich. »Und wenn ihr kommt, dann bringt euren Fahrer gleich mit.« Jetzt sah auch Beck den weißen Kastenwagen mit laufendem Motor auf der Esmarchstraße stehen. »Oder ist der Gute etwa eingeschlafen?« Suza bückte sich kurz und tauchte mit einer Weinflasche in der Hand wieder auf. »Kein Problem, das haben wir gleich.« Offenbar hatte sie sich mit der Leergutkiste aus der Küche munitioniert. Das grüne Geschoss zerbarst an der Seitenfront des Lieferwagens. Das Gas heulte auf.

Die Entführer blieben verschreckt stehen, Beck sprang hin und her und versuchte sich aus der Umklammerung zu lösen.

»Ja, Boys, da fangt ihr an zu tanzen.« Suza kommentierte Becks Bemühungen, sich aus der Umklammerung zu lösen. Er hätte damit gerechnet, dass sie herumzeterte. Stattdessen gab sie mit Drogba das angeheiterte Paar, dem die Gesellschaft abhanden und die Getränke ausgegangen waren.

»Hallelujah, Freunde, nun lasst ihn doch laufen. Kommt hoch und bringt, was zu trinken mit.« Suza schwang schon die nächste Flasche über ihrem Kopf. Drogba stand da jetzt auch mit zwei Flaschen in der Hand, die er über der Brüstung hin und her schwenkte.

Die Seitentür des Lieferwagens schoss auf, die beiden schleppten Beck zum Lieferwagen. Suza und Drogba wurden noch ihre Geschosse los, sie landeten aber keine Treffer mehr. Das Zerplatzen der Flaschen machte einen Höllenlärm über dem Tuckern des Diesels.

Beck lag mit einem Mal auf der Ladefläche. Die Tür war zu, es hatte noch einmal fürchterlich gescheppert. Über ihm hockte Schneider, Vermeer saß auf einem umgekehrten schwarzen Maurerbottich. Der Lieferwagen fuhr langsam an. Der Motor dröhnte. Das Fahrwerk ratterte auf dem Kopfsteinpflaster. Schneider sprach mit lauter Stimme. Es strengte ihn an. Der Bauunternehmer sah angeschlagen aus. Er redete und redete. »Auge um Auge.« Schneiders Stirn legte sich in Falten. »So ist das Leben.« Er urinierte Wörter mit ganz dickem Strahl. »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.« Mundstuhl.

»Du da, Ihr da, Sie da. Sinn da, nie da...« Beck hörte nicht hin. Er schaltete ab. Er war ab jetzt nur noch Verhandlungsmasse. Er war jetzt raus aus dem Spiel und irgendwie war er froh darüber. Die Geschichte schob sich jetzt immer weiter in Richtung Abgrund. »Ist eigentlich noch Sommer oder schon Herbst.« Beck sprach mit sich selbst. Schneider und Vermeer starrten ihn an. »Und eins sag ich euch, wir hatten in letzter Zeit von allem viel zu viel und sowieso Meyer.« Mit Sicherheit konnte er jetzt selbst nicht einmal sagen, was er meinte. Meyer Eins und Zwo, so wurden die Spülerinnen im »Auerhahn« gerufen. Er hatte schon lange aufgehört, auf diesem Posten Studenten zu beschäftigen, das war aber noch längst kein Grund sie herabwürdigend zu behandeln. »So spült das Leben.« Das war einer der ständigen gemeinsamen Selbstversicherungen in ihrer Küche. Und wenn Meyer Zwo Dienst hatte, dann fing sie hysterisch an zu lachen und brüllte ab und an. »Wie wär es mal mit einem bisschen Demut.« Und der Küchenchor antwortete dann. »Tut gut. Tut gut.« Sie mussten während der Arbeit auch immer mal wieder Dampf ablassen. Sowas aber auch. Ach der »Auerhahn«. Sein Ein und Alles und sein Grundübel gleichzeitig. Es war aber auch blöd gelaufen. Artur Schneider hatte ihn in einem schwachen Moment am Schlafittchen gepackt, hatte sich in seine Geschäfte eingemischt, wollte mitreden, übte Druck aus, der sich immer wieder als guter Rat tarnte. Schneider stellte Beck langsam an den Abgrund und manövrierte ihn dort hin und her. Beck hatte sich nicht gewehrt. Dem Briefträger konnte er die Tür vor der Nase zuschlagen. Seiner Bankberaterin hatte er schon mal einen Kaugummi auf den Bildschirm geklebt und war grußlos gegangen, die Lieferanten folterte er mit seinen Zahlungszielen, so dass sein Weinlieferant Fritzen ihm neulich zuraunte: »Wär ich doch in Abu Graib geblieben, kleiner Playboy, du wirst nie ein Cowboy sein.«

Beck wurde Schneider einfach nicht mehr los. Also war es vollkommen schlüssig, dass er über ihm hockte. Nur dass er ihm in diesem Moment der Hilflosigkeit nicht mehr zuhören musste. Wenn er sonst mit ihm in einem Raum war, dann hatte er das Gefühl, also ob dieser Mann alle vier Wände mit seiner Gewöhnlichkeit tapezierte. Dieser Wichtigtuer. Immer wollte er was Besonderes sein, bestellte das teuerste Gericht, den besten Wein, die größte Flasche Champagner.

»Gibt´s doch gar nicht.« Beck schloss die Augen, driftete mit seinen Gedanken immer weiter ab. Langsam aber sicher ging bei ihm da oben im Tanzsaal das Licht aus, die Schotten gingen dicht und er hörte nur noch Gemurmel um sich herum. Den Schneiderschen Wortstrom, den nicht enden wollenden Unsinn. »Gibt´s doch gar nicht.« Das rutschte ihm immer mal wieder heraus.

Schwarz. Beck öffnete die Augen. Schneiders Gesicht über ihm war nur noch eine schwarze Fratze. Hoch über ihm erhob sich eine Faust, die zitterte. Die Fratze franste aus.