Folge 13: Bambi-Killer oder Großwildjäger? Liebe wird aus Mut gemacht.

Was bisher geschah

Der Sonntag schreitet voran. Heiter bis wolkig. Trent und Liisa folgen gemeinsam der Spur nach Hohwacht. Maarja hat dort in einem Hotel gearbeitet. Das zumindest bestätigt Beate Wolfson. Sie macht dann dicht. Mit Maarjas Schwester und einem Schnüffler will sie nichts zu tun haben. Was kurzfristig nach einem Lauf für den Ermittler aussah, kommt ins Stocken. Chris Wolfson ist gerade nicht erreichbar. Keine Maarja weit und breit. Was Trent und Liisa nicht wissen können, Wolfson und Maarja befinden sich beide in Becks Kieler Wohnung. Hier findet eine »Krisensitzung« statt. Maarja, die tote Meerjungfrau, liegt wieder in der Badewanne. Chris Wolfson wandert aufs Sofa. Gefesselt und geknebelt. Der Sternekoch Beck und seine neue Beiköchin Suza fühlen sich ob ihrer »Gäste« überfordert. Und was macht der vermeintliche Mörder? Pulverdampf und ein wenig Dunst liegen über der Aschauer Bucht. Schneider macht reinen Tisch.

»Das gibt´s doch gar nicht.«

Artur Schneider packte den abgefrühstückten Karpfen an der Schwanzflosse und schmiss ihn in den grauen Mülllsack. Was war bloß mit Chris Wolfson los gewesen? Auge in Auge mit dem halbfrittierten Karpfen und dann dieser Lachanfall. Der Bursche wollte ihnen ihr Spiel verderben. Was war ihm schon übrig geblieben? Schneider musste ihn einfach ohrfeigen und ihn wieder in die Spur bringen. Das hätte er auch mit seinem eigenen Sohn gemacht. Und Chris war nun mal so was wie sein Ziehsohn. Wer hatte seiner Schwester Beate und ihm dieses Traumhotel in Hohwacht hingesetzt? Das war eine reetgedeckte Rummelbude gewesen. Als er die Anlage zum ersten Mal gesehen hatte, da hatte er sofort eine Idee. Er wollte das alte Fachwerkhaus umbauen. Modernistisch. Das war gelungen. Selbst ein Stück Reetdach wuchs noch aus der weiß geschlämmten Fassade heraus. Zwei Architekten hatte er verschlissen und schließlich hatten alle Hurra geschrien, die Architekturkritiker wie die Touristiker. Die Aussicht über die Bucht von der Dachterrasse im dritten Stock war wirklich legendär. Er hatte das »Wolfsons« groß gemacht, sein Geld steckte in der Anlage. Auch wenn er an der momentanen Krise in Hohwacht nicht ganz unschuldig war. Er hatte Anfang des Jahres Kapital gebraucht. Beate und Chris Wolfson hatte er mit sofortigen Rückzahlungen verschont, dafür aber die Zinsen kräfitig erhöht. Sein Imperium fußte auf Privatkrediten, die er unter der Hand vergab. In seinem Reich regierten Willkür, Zuckerbrot und Peitsche.

Schneider zog den Müllsack hinter sich her und ging in die Schwimmhalle.

»Das gibt´s doch gar nicht.«

Er sah das Chaos rund um das Schwimmbecken. Er kickte eine kleine Glasschale mit einer beigen, klebrigen Masse vor sich her. Die Schale ging nicht kaputt, die Speise wabbelte über den Rand, schien zu leben. Um den Betontisch machte er einen großen Bogen. Er nahm sich einen Besen und schob die auf dem Hallenboden verstreuten Überreste vom Dessert-Büffet zusammen. Wann hatte er das letzte Mal einen Besen in der Hand gehabt? Sonst erledigte seine kroatische Hausangestellte diesen Job. Aber Suza Pezer hatte ja vor ein paar Stunden den Dienst quittiert, um sich mit dem Sternekoch vom Acker zu machen. Keinen Ton hatte sie mehr mit ihm gesprochen. Sie hatte nur noch verachtungsvolle Blicke für ihn übrig. Aber mal ehrlich, was konnte er denn für das Ableben des Mädchens, das Chris angeschleppt hatte? Er war fürchterlich betrunken gewesen, die Killerpilze hatten ihr Übriges getan. Er hatte vollkommen die Kontrolle über sich verloren. Das war bisher immer das Schöne an diesen Abenden mit seinen drei Freunden gewesen. Sie hatten gemeinsam über die Stränge geschlagen. Gut, es war schon vorgekommen, dass er Frauen, die sie sich dazu geholt hatten, weh getan hatte. »Hummer ohne Nutten, das ist doch nur der halbe Spaß.« Das war sein Leitspruch. Und die anderen lachten dann. Nie hatte einer der Freunde protestiert und die Frauen hatte er mit einem Schmerzensgeld abgespeist. Streit hatte es ganz selten gegeben. Bis gestern Abend. Was hatte Wolfson? Der war doch schon vorher auf Krawall gekämmt gewesen. Was konnte er dafür, dass die Meerjungfrau einfach so unter ihm weggestorben war? Warum brachte der auch seine Gespielin mit? Wollte Chris nicht mehr der brave Bubi sein? Wollte er sich mit allen Mitteln gegen seinen Ziehvater zur Wehr setzen? Hielt er ihn nur noch für einen notgeilen alten Mann und der väterliche Freund war passé? Brauchte er eigentlich nur Geld und wagte nicht ihn zu fragen?

Jedenfalls hatte Chris seit drei Monaten keine Raten für seinen Kredit mehr gezahlt und den Beitrag für die Kasse des Gourmet-Klubs war er auch schuldig geblieben. Das läpperte sich langsam. Er hätte sich den Knaben sowieso nächste Woche zur Brust genommen. Insofern verstand er dessen Abgang mit Krawall schon. Wolfson war ja nicht blöd, der hatte feine Antennen. Er selbst war bei der ganzen Geschichte nur ein wenig in Schieflage geraten, weil er die junge Frau auf dem Kerbholz hatte. Aber er hatte sie ja nicht ermordet. Er würde gleich mal Beck anrufen und sich erkundigen, ob er die Leiche schon entsorgt hatte. Außerdem wollte er Suza Pezer ein Angebot unterbreiten. Er ging davon aus, dass sie bei Beck untergekrochen war.

Alexander Beck war doch auch so ein armes Würstchen, das auf seiner Payroll stand. Schneider amüsierte sich jedes Mal köstlich, mit welcher Hingabe sich der Sternekoch ihren außergewöhnlichen Menüwünschen widmete. Er nannte Beck irgendwelche abartigen Speisen und Zubereitungen und Beck machte. Der Begriff Lebensgefährdungsmittel stammte von ihm. Von wem sonst? Schneider liebte diesen Begriff. Ihm konnte es gar nicht gefährlich genug sein seit diesem Abend mit seiner Ex in Tokio. Er erinnerte sich noch ganz genau.

Es fing an zu kribbeln, sein Mund wurde von Ameisen bevölkert, die Lippen fühlten sich taub an. Er kaute weiter auf dem Kugelfisch in seiner Mundhöhle herum, mit jedem Bissen, den er herunterschluckte, stieg seine Erregung. Das Gift griff nach seinem Körper und es machte sich ein wohliges Gefühl breit. Er hatte für einen Moment die Kontrolle über sich aufgegeben. Ein kulinarisches Roulettespiel. Mit Glück würde er überleben, hätte er Pech, dann fiele ihm ganz plötzlich das Atmen immer schwerer, aber er bliebe bei klarem Verstand und alle seine sieben Sinne würden weiter funktionieren, bis es dann zum Exitus käme und sein Herz aufhörte zu schlagen. Aber wofür gäbe es Spezialisten wie die japanischen Fugu-Köche oder eben Beck. Der hatte ganz zu Anfang ihrer Klubabende auch mal einen Kugelfisch zubereitet. Jedenfalls hatte sich seine Ex bei dem gemeinsamen Mal in Tokio in einen regelrechten Rausch gesteigert. Sie hatte ihn sofort nach dem Essen mehr oder weniger aus dem Lokal gerissen und sie waren ins Hotel gerannt. Seine Gourmet-Freunde konnten seine Schilderungen der darauffolgenden Nacht mitsingen, Schneider begeisterte sich immer wieder bei der Schilderung jeder kleinen Einzelheit. Eigentlich hätte er nach diesem Liebesakt sofort einen Arzt gebraucht, um seine Wunden zu versorgen, und er sprach gerne über den einzigartigen Schmerz, den er empfunden hatte. Nie zuvor hatten sie sich so geliebt und auch nie wieder danach.

Schneider trug diesen Schmerz aus Tokio tief in seinem Herzen. Selten hatte er sich seiner Frau so nah gefühlt. Sie hatte sich offensichtlich in ihm getäuscht und ihn eigentlich schon abgeliebt. Da kam der Kugelfisch ins Spiel. Es funktionierte aber nur eine Nacht lang. Seine Ex wollte nicht ständig auf der Rasierklinge reiten. Sie wollte ihn als Bambi-Killer. Er hingegen sah sich als Großwildjäger, Jetsetter und Adrenalin-Junkie in allen Lebenslagen. Es passte nicht. »Liebe wird aus Mut gemacht«, so hatte es in einem Schlager in seiner Jugend geheißen. Neue Deutsche Welle hieß das damals. Das Ehepaar hatte seine gemeinsame Mutprobe gehabt.

Schneider schaute auf den Pool, hatte sich auf den Besen gestützt. Die Filteranlage blubberte leise vor sich hin. Er dachte an die Schöne, die bewegungslos auf dem Betontisch gelegen hatte, die Süßspeisen, die gestern Abend noch auf ihrem Leib drapiert waren, lagen mittlerweile zusammengekehrt in der Ecke. Daneben stand der Müllsack. Er schaute sich zum Betontisch um. Er war vollkommen gleichgültig. Ja, es war passiert. Er war durchgedreht. Ihm war einfach eine Sicherung durchgebrannt, als er entdeckt hatte, dass die junge Frau offenbar schon von dem Nuss-Parfait probiert hatte. Das war ein Fehler im System, dieser Fingerabdruck in dieser Süßspeise hätte nicht sein dürfen. Es gab für ihn kein Halten mehr, er musste diesen Fehler bestrafen und besonders schlimm wurde es, wenn seine Wut ungezügelt auf seine Geilheit traf. Seine Gefühle waren das, was zählte. Immer und zu jeder Zeit. Seinen Schmerz, den wollte er auch anderen zufügen. Er schlich sich still und heimlich an die Menschen an, dann zog er sie alle in seinen Bann und schlug zu. Er ließ niemanden davonkommen. Dabei hoffte er, dass sich irgendeiner wehrte, Chris Wolfson fing an aufzubegehren. Aber kaum scheuerte er ihm eine, dann sackte der Knabe schon wieder in sich zusammen. Hätte ihn einer seiner Freunde zur Rede gestellt, dann hätte er seine Untaten zuzugeben. Frank und frei. Nur stellte ihn keiner zur Rede, alle hatten Angst vor ihm. Katharsis, darüber musste er nicht nachdenken. Warum sollte er sich läutern. Er machte einen Haken hinter den letzten Abend, wie er hinter alles einen Haken machte.

Und doch gab es da etwas, was in ihm rumorte. Das war sein Jagdinstinkt, der sich meldete, nicht sein schlechtes Gewissen. Der Abgang Suzas verunsicherte ihn. Das konnte nichts Gutes bedeuten, er kannte sie schon lange genug. Die schmale dunkle Schönheit mit ihren zarten Gesichtszügen konnte unheimlich energisch werden. Ihn hatte das immer gereizt. Suza hatte ihm Contra gegeben. Wie oft hatte er sich nach dem Auszug seiner Frau bedrängt, mit ihrer Praxis in das Strandhaus zu ziehen. Dann wäre sie immer verfügbar für ihn gewesen.Ihre Ergotherapie-Patienten blieben doch schon lange aus in Eckernförde, die letzten Stammkunden wären doch auch nach Aschau gekommen. Sollte er sich so getäuscht haben in den letzten Wochen, sie war doch richtig zutraulich geworden. Vor allem machte sie gute Arbeit. Sie führte ihm nicht nur den Haushalt, sie hielt die ganze Bude in Schuss und packte ungefragt an. Nun war sie weg und er wusste, dass sie nie wiederkommen würde. Er wusste aber auch, dass die letzte Messe noch nicht gelesen war. Warum war sie bloß mit dem Beck abgedampft? Der war ein wirklich ausgezeichneter Koch und ein angenehmer zurückhaltender Mensch. Nicht umsonst hatte er ihm den Auftrag erteilt, die Leiche der jungen Frau zu entsorgen. Aber hatte der sich nicht nach einem Blick auf den Scheck über die Summe beklagt. Beck war wirklich ein Träumer, der keine Ahnung hatte, welche Marktpreise für solche Bestattungen üblich sind. Schneider war in diesem Fall extrem großzügig gewesen. 20.000 Euro. Aber nach einem scharfen Blick war auch Beck sofort eingeknickt. Hatte Suza dabei gestanden? Wo war die Krampe gewesen? Sie hatte er in diesem Moment überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt. Er hatte einfach gehandelt. Das war doch sein Vorteil. Er konnte blitzschnell Entscheidungen treffen, selbst im benebelten Zustand. Wie sollte er in dieser Situation auf die Idee kommen, dass Suza auf immer aus Aschau verschwinden würde. Der Tyrann am Tage war für sie als Lohnabhängige doch Alltag. Der Gewalttäter der Nacht hatte ihr den Rest gegeben. Er war sich sicher, dass sie ihn beobachtet hatte. Durch die Glastür. Beck und Susa hatten vor der Tür gestanden, als er über der Meerjungfrau gehockt hatte.

Ansonsten wäre sie doch noch da.

Zuerst wählte er Becks Nummer. Ließ durchklingeln.

»Das gibt´s doch gar nicht.«

Dann tippte Schneider auf Suzas Kurzwahl.