In Norwegen kann man sie besuchen

Im Jahre 1904 wurde bei Tønsberg in Vestfold ein Schiff ausgegraben, das nach dem Fundort (einem Gehöft namens Oseberghof) den Namen Oseberg-Schiff erhielt. Es ist bis heute der reichhaltigste Fund aus der Wikingerzeit. Das Oseberg-Schiff ist ein komplett erhaltenes Wikingerschiff, mit reichen Schnitzereien überall, Drachenköpfen, verschlungenen Mustern, alles, was das Wikingerklischee will. Es war aber offenbar niemals fahrtüchtig, sondern sollte vor allem schön sein. Sein Zweck: Als besonders luxuriöser Sarg einer zweifellos bedeutenden Frau zu dienen. In dem in einem Hügel beim Oseberghof vergrabenen Schiff fanden sich die Skelette zweier Frauen, einer jungen und einer sehr viel älteren, dazu eine reiche Menge an Grabbeigaben: Gefäße, Textilien, Schmuckstücke, Lebensmittel, alles, was eine große Dame im Jenseits ebenso braucht. Die ältere Frau war vermutlich die, um die es hier ging, die jüngere wohl eine Dienerin, die ihre Herrin auch auf der Reise in die Nachwelt bedienen sollte. Mehr lässt sich nicht sagen. Zuerst wurde im romantischen Überschwang jener Jahre – 1905 errang Norwegen seine staatliche Unabhängigkeit, und alles, was auf die glorreiche Vergangenheit des Landes hinwies, war willkommen! – angenommen, es müsse sich um eine mächtige Königin handeln, am besten um Frau Ǻsa aus dem Herrschergeschlecht der Ynglinge, die Großmutter des bekannten Wikingerkönigs Harald Schönhaar. Beweise ließen sich nicht erbringen, und irgendwann kamen die Forscher von dieser Ansicht ab. Versuche, mit Hilfe der Skelettreste eine DNA-Bestimmung vorzunehmen, scheiterten, kurzum, wir wissen eigentlich nichts über die beiden Oseberg-Frauen. Aus dem für den Schiffsbau verwendeten Holz geht hervor, dass das Schiff um das Jahr 820 herum gebaut worden sein muss. Vom Christentum hatte man in Norwegen damals höchstens gerüchteweise gehört – und die meisten Forscher vertreten heute die Ansicht, die ältere Frau sei eine Hohepriesterin gewesen, die mit den ihrem Amt zukommenden Ehren bestattet wurde.
 

Aus einem Schiff mach zwei

Das Osebergschiff – es war das dritte Schiff aus der Wikingerzeit, das um 1900 im Bezirk Vestfold ausgegraben wurde, es war das größte, prachtvollste und besterhaltene. Kein Wunder, dass sich in der Gegend leises Murren regte, als das Osebergschiff, wie seine beiden Vorgänger (das Gokstadschiff und das Tuneschiff) zur wissenschaftlichen Untersuchung nach Christiania (wie Norwegens Hauptstadt Oslo damals hieß) gebracht wurde. Aber es sollte ja nur vorübergehend sein, wie es hieß, und Tønsberg hatte damals eben keine Universität, die die Untersuchungen vornehmen könnte. Zuerst wurde das Osebergschiff in einer Halle der Universität von Christiania untergebracht, dann bekam es auf der Museumsinsel Bygdøy ein eigenes Haus, das Vikingskiphus, und dort liegt es noch heute. Der Bezirk Vestfold und vor allem die Stadt Tønsberg forderten es zwar ab und zu zurück, aber da stellen sich die staatlichen Stellen in Oslo taub.

Irgendwann hatten sie die Sache dann satt. Und fingen an, das Schiff nachzubauen. „Nachbauen“ ist zu schwach ausgedrückt, es gibt aber kein Wort, das alles umfasst, was in Tønsberg geschah. Denn das Schiff wurde mit der Technologie des Mittelalters kopiert, nachgeahmt, mit dem Werkzeug, das es damals gab, ohne Motorsägen oder sonstige moderne Hilfsmittel. Die Segel wurden handgewebt, aber zuerst wurde der Flachs, aus dem das Segeltuch dann entstehen konnte, mit der Hand gekratzt, gesponnen, was immer sonst Flachs noch verlangt – in Tønsberg ist es möglich, den Arbeitsgruppen bei der Arbeit zuzusehen, wie sie im Wikingergewand am Schiff herumschnitzen oder die Spindel betätigen. Das neue Osebergschiff ist längst fertig, aber die Fans in Tønsberg sind auf den Geschmack gekommen – sie bauen noch ein Wikingerschiff und noch eins. Wikingerfans aus aller Welt kommen zu Besuch, bleiben einige Wochen oder Monate, und helfen mit. Es ist ein unbeschreiblicher Anblick, an einem trüben Novembermorgen in Tønsberg um die Ecke zu biegen, die Bucht mit dem Hafen öffnet sich vor unseren Augen, und aus dem Nebel ragen die legendären Drachenköpfe auf!

Ein Informationshäuschen im Hafen ist im Winter nachmittags geöffnet, in den Sommermonaten den ganzen Tag. Man bekommt dort Auskünfte über das laufende Bauprojekt, kann Bücher zum Thema kaufen und vor allem kann man sich auf eine Warteliste setzen lassen. Gegen eine Spende darf man dann bei der nächsten Fahrt eines Wikingerschiffes die Küste entlang mitmachen, wie lange und bis zu welchem Hafen, hängt ab von der Höhe der Spende.

Elende Plackerei

Im November 2015 lag der Mindestbetrag (kleinere Spenden sind natürlich auch willkommen, berechtigen aber nicht zu einer Schiffspassage) bei 500 norwegischen Kronen. Damit kommt man aber nicht weit, höchstens bis Arendal. Wer bis zu den Lofoten mitfahren will, muss tiefer in die Tasche greifen, die Summen sind allerdings verhandelbar und ändern sich immer wieder, je nachdem, wer mit welchem Betrag auf der Warteliste steht.

Als Spender auf einem Wikingerschiff mitfahren zu dürfen, berechtigt nun aber nicht dazu, an Deck auf Rentierfellen zu liegen, Met zu schlürfen und die märchenhaft schöne norwegische Südküste an sich vorbeiziehen zu lassen – wer an Bord geht, muss mit anpacken und lernt, welche elende Plackerei die wikingischen Seeleute tagtäglich verrichten mussten. Eine Hohepriesterin ist leider nicht an Bord, die vielleicht die schmerzenden Blasen an den Händen mit mittelalterlichem Zauber heilen könnte. Immerhin, die Pflaster aus der Bordapotheke sind von heute, es werden also nicht vollkommen strenge Maßstäbe angelegt.

Die Reise von Tønsberg zu den Lofoten dauert mehrere Wochen und ist derzeit die weiteste Reise, die die Tønsberger Wikingerschiffe unternehmen. Weitere sind allerdings geplant, nach Island, Grönland, und warum nicht auch weiter? Die Wikinger waren ja schließlich auch überall.

 

Wikingerzeit zum Anfassen

Eben auch auf den Lofoten. In Borg auf der Lofoteninsel Vestvågøy wurde vor dreißig Jahren eine Siedlung ausgegraben, die mindestens tausend Jahre lang bestanden hatte und vermutlich erst zur Zeit der großen Pest um 15. Jahrhundert aufgegeben wurde. Zu der Zeit, als in Tønsberg das Osebergschiff gebaut wurde, lebten in der Siedlung von Borg vermutlich um die achtzehnhundert Personen. Sie wohnten natürlich auf viele kleinere Gehöfte verteilt, aber der Mittelpunkt der Siedlung war das Langhaus, der Sitz des Häuptlings (oder Königs, über die genaue Benennung der wikingischen Herrscher sind sich die Gelehrten nicht einig). Ein Langhaus, der Name sagt es schon, war ein sehr langes Haus. Eigentlich so eine Art in die Länge gezogenes niedersächsisches Hallenhaus. Von der Feuerstätte aus, die an einer zentralen Stelle angelegt war, konnte die Herrscherin des Hauses genau beobachten, wer sich gerade wo befand und was die Hausbewohner so unternahmen. Geschlafen wurde auf schmalen Bänken an den Wänden, aber nicht überall, denn auch das Vieh musste im Winter untergestellt werden können. Und sorgte damit für eine gewisse Erwärmung, bei den harten nordischen Wintern sicher ebenso willkommen wie in den Hallenhäusern der norddeutschen Tiefebene.

Das Langhaus von Borg kann besucht werden. Wenn man einen Schritt in die Wikingerzeit tun möchte, muss man es sogar besuchen, auch wenn man also nicht mit einem Wikingerschiff aus Tønsberg gekommen ist. Es ist sozusagen Wikingerzeit zum Anfassen! Man darf auf dem Hochsitz des Häuptlings Platz nehmen, man darf wikingische Waffen (naja, in Nachbildung) in die Hand nehmen, man darf einen Wikingerhelm (mit den Wagner zugeschriebenen bunten Hörnern) aufsetzen – und wenn man zur Mittagszeit kommt, gibt es nebenan im Café einen Imbiss aus geräuchertem Fleisch und harten dünnen Brotfladen, wie er schon zur Wikingerzeit gereicht wurde .

111 Gründe, Norwegen zu lieben

Eine Liebeserklärung an das ​schönste Land der Welt

Autorin: Gabriele Haefs
Umfang: 308 Seiten, Taschenbuch mit separatem Farbteil
Verlag:
Schwarzkopf Verlag
ISBN 978-3-86265-613-4
Preis: 12,99 EUR (D)

 

Mehr von Gabriele Haefs über die Wikinger:

Wüterich oder Schurke

 

Mehr über die kulinarischen Vorlieben der Wikinger:

Erik Engilssons Festmahl

Essen wie die Wikinger