Von Samen, Popmusik und Rentieren

Die norwegisch-samische Band KEiiNO vertritt das nordische Königreich beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv. Die dreiköpfige Gruppe besteht aus dem samischen Rapper und Joiker Fred Buljo und den norwegischen Sängern Alexandra Rotan und Tom Hugo Hermansen. Ihr Song „Spirit in the Sky“ ist von den Nordlichtern inspiriert und mischt Englisch und Samisch, Pop und Joik. Der Joik-Gesang ist eine der ältesten Liedtraditionen Europas. Die Erfolgsgeschichte der Band steht stellvertretend für das Comeback der traditionellen samischen Musik.

Die norwegisch-samische Band KEiiNO vertritt Norwegen mit ihrem Song „Spirit in the Sky“ beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv.

 

Mit Hingabe

Die Samen gelten als Ureinwohner Norwegens. Etwa die Hälfte der insgesamt 80.000 Samen lebt in Norwegen; die andere Hälfte in Schweden, Finnland und Russland. Bekannt ist das samische Volk unter anderem für seine Rentierwirtschaft, die farbenfrohen Trachten und das traditionelle Handwerk Duodji. Die charakteristische samische Kultur drückt sich zudem in einer der ältesten Musiktraditionen Europas aus. Von Generation zu Generation weitergegeben, hat sich das Liedgut des samischen Volkes über Jahrhunderte erhalten. Einige der ältesten, heute bekannten Joiks gehen bis in das 17. Jahrhundert zurück.

Die samische Volksmusik gilt als Zeichen der intensiven Hingabe: So joiken die Samen nicht über etwas, sie joiken etwas. Das heißt sie suchen über den Gesang die nahe Verbindung zu einer Person, einem Tier oder einem Ort.

Dass sich die Joik-Tradition bis zum heutigen Tag gehalten hat, ist angesichts des jahrhundertelangen Anpassungsdrucks von Seiten des norwegischen Staates, äußerst bemerkenswert. Joik wurde lange Zeit verurteilt und zeitweise war es an nordnorwegischen Schulen sogar verboten zu joiken.

Doch Joik kommt zurück, so wie auch die samischen Sprachen. Dies ist umso erfreulicher in einer Zeit, in der viele indigene Sprachen um ihr Überleben kämpfen. Um hierauf hinzuweisen hat die UNECSO für 2019 das Internationales Jahr der indigenen Sprachen ausgerufen. Während 40 Prozent der aktuell 6.700 weltweit gesprochenen Sprachen Gefahr laufen, zu verschwinden, gewinnen die samische Sprachen und mit ihr Joik wieder an Bedeutung.

Neun samische Sprachen

Weltweit gibt es neun verschiedene samische Sprachen und fünf davon werden in Norwegen gesprochen. Interessanterweise ähneln sich die Sprachen weder untereinander, noch sind sie mit dem Norwegischen oder einer anderen skandinavischen Sprache verwandt.

Dass die samische Sprachen und das Joiken als wichtiges kulturelles Erbe der Samen erhalten bleibt und so erfolgreich wiederbelebt wird, ist auch der Verdienst zahlreicher samischer Festivals und junger Musiker. Viele junge Künstler beziehen den alten Gesang als Element zeitgenössischer Musik in ihren Stil mit ein. Es wird immer beliebter, Joik mit verschiedenen Musikrichtungen wie Jazz, Metal oder Rock zu kombinieren. So mixt auch KEiiNO in ihrem Wettbewerbsbeitrag für den Eurovision Song Contest Joik mit Pop, Electronica und Dance.

Die Künstlerin Elle Márjá Eira aus Nordnorwegen joikte schon bevor sie sprechen konnte. Heute erzählt sie mit ihrer Musik Geschichten über ihr Leben als Rentierhirtin.

 

Völlig unverfroren

Einem größeren Publikum sind die traditionsreichen Joik-Klänge in einem bekannten Hollywood-Film zu Ohren gekommen: Der südsamische Musiker Frode Fjellheim komponierte den Eröffnungssong von Disney's Film „Frozen“.

Das Disney-Produktionsteam hinter Frozen (deutscher Titel: Die Eiskönigin – Völlig unverfroren), darunter der Komponist Christophe Beck, suchte in den nordischen Klängen Inspiration für die Filmmusik. Sie reisten dafür im Jahr 2012 nach Norwegen und fanden Frode Fjellheim, einen Musiker und Komponisten mit samischen Wurzeln. Fjellheim stimmte zu, gemeinsam mit Beck die Musik für den Film zu schreiben. Das Ergebnis heißt „Vuelie“ und ist das Anfangslied des Disney-Films. Es ist eine leicht abgeänderte Version von „Eatnemen Vuelie“ (Lied der Erde), das Fjellheim ursprünglich 1996 schrieb. Natürlich kommt auch Joik darin vor. Fjelheim hatte den traditionellen Gesang als Kind gelernt und wurde später dafür gefeiert, dass er ihn nach Hollywood gebracht hat.

 

Rentiere – das Tier der Samen

In Norwegen leben mehr als 200.000 Rentiere. Sie waren schon immer ein zentraler Bestandteil der samischen Kultur. Es gibt fast keinen Teil des Rentiers, den sie nicht verwenden: Fleisch zum Kochen, Fell und Haut als Material für Kleidung und Schuhe und Hörner für alles Mögliche, von nützlichen Werkzeugen bis hin zu Kunst. Rentierhaltung ist in Norwegen hauptsächlich in Nordnorwegen, Trøndelag, Møre og Romsdal in Fjord Norwegen und in der Hedmark in Ostnorwegen verbreitet. Heute sind rund 3000 Menschen in der samischen Rentierzucht tätig, davon allein 2200 in der Finnmark. Mit dem Verkauf von Rentierprodukten verdienen die Hirten ihren Lebensunterhalt. Das Fleisch wird in ganz Norwegen verkauft und auch exportiert, und die Haut wird zu Fäustlingen, Schuhen und anderen Lederwaren verarbeitet.

Dass das Rentier auch in der samischen Küche eine zentrale Rolle spielt, liegt dabei wohl auf der Hand. Es kommt in allen erdenklichen Variationen auf den Teller. Das berühmteste samische Gericht ist Bidos, ein Eintopf aus Karotten, Kartoffeln und langsam gegartem Rentierfleisch.

Video: Atemberaubende Finnmark

Tauchen Sie ein in die eisige Schönheit der Finnmark, zu Deutsch "Feld der Samen" – ein Volk, das schon vor etwa 10 000 Jahren nach Nord-Skandinavien einwanderte und noch heute zu Norwegen gehört.