Das Weihnachtsland schlechthin

Von Deutschland aus wirkt Norwegen wie das absolute Weihnachtsland, sozusagen ewiger Schnee, endlose Tannenwälder und unerschöpfliche Reserven an Rentieren, die dem Weihnachtsmann den Schlitten ziehen können. Der Weihnachtsmann hat auch in Norwegen eine Postadresse und beantwortet die Briefe der Kinder, und neben dem Weihnachtsmann gibt es ja auch noch die vielen Weihnachtswichtel. Umgekehrt ist es übrigens auch so, in Norwegen gibt es die Vorstellung von Deutschland als einer Art immerwährendem Schwarzwald, und die Weihnachtsmärkte in Norddeutschland ziehen Busladungen von norwegische Reisenden an, während der große Weihnachtsladen in Rothenburg ob der Tauber das ganze Jahr hindurch von Gästen aus dem Norwegen frequentiert wird. In Norwegen ist auch bekannt, dass sehr viel Weihnachtsbrauchtum aus Deutschland importiert worden ist, allen voran der Weihnachtsbaum, der Weihnachtsmann, die Weihnachtslieder, neuerdings sogar Adventskranz und der Adventskalender. Ab und zu geht etwas schief, dass in Norwegen ein Weihnachtslied zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ gesungen wird, ist so ein Missverständnis. „Stille Nacht, Heilige Nacht“ (ist zwar aus Österreich, aber von Norwegen aus sind die Unterschiede zwischen den Ländern nicht so deutlich) ist in der norwegische Fassung genauso unbegreiflich, norwegische Kinder, die Krippenbilder zeichnen sollen, malen allerdings keinen lachenden Owie, sondern eine Bretterbude – sie verstehen die Zeile „Engler daler ned i skjul“ – Engel gleiten heimlich auf die Erde hinab – als „Engel fallen in den Schuppen“. Was den Weihnachtsmann angeht – seit 2003 ist bewiesen, dass der erste „moderne“ Nikolaus nicht aus den USA nach Norwegen kam, bis dahin wurde der Santa Claus der Colareklame von 1931 für den Ursprung gehalten. Aber schon fast hundert Jahre zuvor gab es Bilderbögen aus Deutschland, auf denen der gute Nikolaus zu sehen war, und auch der große Nikolas mit seinem großen Tintenfass hat über die norwegische Ausgabe des Struwwelpeters viel zur Entstehung dieses Weihnachtsmannsbildes beigetragen. Der Nikolaus heißt auf Norwegisch Julenisse und das Wort „nisse“ ist wirklich vom Namen Nikolaus abgeleitet. Dass es aber daneben die vielen Weihnachtswichtel gibt, die auch „nisse“ heißen, macht das norwegische Weihnachtsgewusel ganz schön unübersichtlich. Ansonsten ist alles wie hierzulande, vor Weihnachten verschickt man Weihnachtskarten (und es gilt als arger Fauxpas, irgendwen zu vergessen, selbst härtestgesottene maoistische Atheisten schreiben pflichtbewusst ihre Weihnachtskarten an alle, mit denen sie im vergangenen Jahr einen Kaffee getrunken haben, und reagieren zutiefst beleidigt, wenn man ihnen keine schickt).

Nach Gløgg und Weihnachtsbier zur Polonaise

Vor der Bescherung und danach in allen Kaffeepausen bis nach Neujahr gibt es oft Gløgg, eine Art Glühwein, der durch Mandeln und Rosinen ungeheuer satt macht, und Unmengen von Weihnachtsplätzchen. Eigentlich muss man mindestens sieben verschiedene Sorten backen, aber heutzutage ist es durchaus gesellschaftlich akzeptabel, sich auf drei zu beschränken oder einige zu kaufen. Viele Familien brauen für das Festmahl am Heiligen Abend noch heute eigenes Weihnachtsbier, es schmeckt ein bisschen wie Malzbier, und es hat so gut wie keinen Alkohol. Geschenke werden am Heiligen Abend verteilt, und anschließend – das ist anders als anderswo – wandert man in einer Art Minipolonaise um den Weihnachtsbaum. Da in den modernen Wohnungen die Wohnzimmer nie so groß sind, dass der Weihnachtsbaum in der Mitte stehen kann, muss dafür dann alles beiseitegeräumt werden, damit der Baum von der Wand gezogen werden kann. Nach der Polonaise wird dann alles zurückgeräumt. Danach wird gegessen, und da gibt es auch in Norwegen unterschiedliche Traditionen. An der Küste oft Fisch, gern Kabeljau, aber auch Würste aller Art und geräuchertes Hammelfleisch sind beliebt, und natürlich der im Winter allgegenwärtige Lutefisk. Danach aber gibt es immer Reispudding mit Himbeersoße. Im Reispudding ist eine Mandel versteckt, und wer die erwischt, bekommt ein Marzipanschwein. Meistens ist man inzwischen so vollgefressen, dass man das Marzipanschwein erst mal nicht zu würdigen weiß, aber irgendwann im Januar ist man dann meistens froh über diese Möglichkeit zu einer süßen Zwischenmahlzeit.

Alkoholfreie Weihnachtsmärkte

Wenn norwegische Reisende in Busladungen zu deutschen Weihnachtsmärkten kutschiert werden und sich dort über handgeschnitzten Christbaumschmuck und Glühwein freuen, dann heißt das noch lange nicht, dass es in Norwegen keine Weihnachtsmärkte gäbe. Aber die sind eben ganz anders. Weihnachtsmärkte, wie wir sie aus deutschen Städten kennen, wurden in den vergangenen Jahren nach Dänemark exportiert, in Kopenhagen gibt es jetzt einen sehr schönen, aber das hilft den Norwegern nichts, und der Glühwein ist in Deutschland eben viel billiger als in Dänemark. Der Glühwein ist auch das größte Hindernis bei der Einführung deutscher Weihnachtsmärkte in Norwegen – es steht ganz einfach die berüchtigte Alkoholgesetzgebung im Weg. Um sich für einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt die Ausschankerlaubnis für Glühwein zu besorgen, müsste man einen Haufen Bürokratie überwinden, und natürlich hohe Gebühren zahlen, die vermutlich in keinem Verhältnis zum erwarteten Gewinn stehen. Und ob die Erlaubnis erteilt würde, ist auch immer noch die Frage. Schließlich finden Weihnachtsmärkte unter freiem Himmel statt, und Alkoholtrinken in aller Öffentlichkeit ist in Norwegen ja eigentlich verboten … Aber auch norwegische Weihnachtsmärkte sind schön. Sie sind meistens kleiner, und oft finden sie dort statt, wo es ohnehin schon einen Hofladen gibt. Von Anfang November bis zum 23. Dezember (der in Norwegen „Lille Julaften“ heißt, also „Kleiner Heiliger Abend“) sind diese Weihnachtsmärkte geöffnet, aber meistens nur am Wochenende. Der Hofladen verkauft die eigenen Produkte, die ohnehin im Jahreslauf angeboten werden, Maler, Töpferinnen, Holzschnitzer aus der Umgebung schließen sich an, und so gibt es ein buntes Sortiment von lokalen Produkten zu kaufen. Einen wunderschönen und zugleich sehr norwegischen Weihnachtsmarkt gibt es auf dem Hof Toen in Numedal im Bezirk Buskerud. Am Eröffnungstag, immer der 1. Samstag im November, gibt es zuerst ein Konzert mit vorweihnachtlicher Musik. Die Hofbetreiber, das Ehepaar Kari Anne Kvålen Løvstad und Asbjørn Løvstad, haben eigentlich klein angefangen, viele Jahre lang haben sie nur Weihnachtsbäume verkauft. Aber immer waren ihre Kinder beim Weihnachtsbaumverkauf dabei, fanden Geschmack an der Sache und regten schließlich eine Erweiterung des Angebots an. Inzwischen gibt es auf dem Hof einen sagenumwobenen Schokoladenkuchen mit Whisky (der sich angeblich sogar mit dem Schokoladenkuchen des Café Sting in Stavanger messen kann). Auf dem Hofplatz zwischen Wärmepfannen, die selbst dann, wenn der Schnee noch nicht so richtig losgelegt hat, schon heftige Weihnachstimmung verbreiten, sind die Verkaufsstände aufgestellt. Es gibt Glasgegenstände aller Art, Gemälde, Christbaumkugeln, Strickereien, Textilkunst und Lebensmittel aus der Region. So ein Weihnachtsmarkt ist immer einen Besuch wert und eben sehr norwegisch. Wo gerade einer stattfindet, erfahren Sie aus der Lokalpresse. Und wenn der Hof ohnehin ein Café betreibt, gibt es meistens sogar einen Gløgg – und sei es ein alkoholfreier.

(Aus Gabriele Haefs: 111 Gründe Norwegen zu lieben. Schwarzkopf & Schwarzkopf)