Lasst Lohengrin leben! Oder: Der norwegische Schokoladenkrieg anno 2019

In Norwegen tobt ein Aufstand um einen Schokoladenriegel: Eingeführt anlässlich einer Lohengrin-Aufführung in Oslo, heißt der knochenförmige Riegel seit 1911 auch Lohengrin. Nun wurde die Produktion eingestellt. Auf nationale Besonderheiten kann ein internationaler Lebensmittelkonzern keine Rücksicht nehmen. Doch das Volk tobt, nicht nur Wagnerfans.

Lohengrin soll leben, das liegt eigentlich auf der Hand, wer könnte dem edlen Schwanenritter denn etwas anderes wünschen? Außer dem Schurken Telramund, aber wir wollen hier nicht in die Sagenwelt hinabsteigen, sondern in Norwegen bleiben. Dort ist die Geschichte von Lohengrin mit seinem Schwan als Sage total unbekannt, und von der Wagneroper wissen auch nur die Wagnerfans – dort geht es um Schokolade. Die ihren Ursprung jedoch just der Oper verdankt! Im Jahre 1911 sollte im Osloer Nationaltheater (ein Osloer Opernhaus gab es damals noch nicht) „Lohengrin“ aufgeführt werden. Als Werbemittel wünschte sich die Direktion eine Schokolade, die nur im Theaterfoyer verkauft werden sollte. Sie baten den Architekten Henrik Bull (1864 – 1953), eine passende Schokolade zu entwerfen. Bull entwarf offenbar furchtbar gern, egal was. Das Nationaltheater in Oslo, das dortige Finanzministerium, Sofagruppen, Fenster, Essgeschirr und nun auch Schokolade, alles kein Problem.

Zartbitter mit Knickebeinfüllung

So ein Lohengrinriegel hat eine Art Knochenform, ist in Silberpapier gewickelt und trägt eine rote Bauchbinde mit der Aufschrift Lohengrin. Henrik Bull beschrieb seinen Entwurf allerdings poetischer: „Zwei stilisierte Rosen in charakteristischem Jugendstil.“ Aber angeblich wurde das Design seither vereinfacht, der Beweis steht noch aus, denn natürlich sind die ursprünglichen Bestände seit über einem Jahrhundert verzehrt. So ein Lohengrin besteht aus Zartbitterschokolade mit Knickebeinfüllung. Nach der Premiere in der Oper wurde er zu einem solchen Erfolg, dass er einige Jahre darauf ganz allgemein in den Handel kam. Und da blieb er bis – fast heute. 1971 sollte Lohengrin schon einmal vom Markt genommen werden, weil die Knochenform angeblich unpraktisch sei – man muss sich sozusagen von oben nach unten durchknabbern, sonst betropft man sich und die ganze Umgebung mit köstlichem Knickebein, und das will man ja nicht. Es gab einen Volksaufstand und Lohengrin blieb.

Volksaufstand

Mit einem Volksaufstand Erfolg zu haben, war 1971 leider leichter als heutzutage. Im Zeitalter der Globalisierung ist nämlich keine norwegische Firma mehr zuständig, sondern ein internationales Unternehmen mit Sitz in der Schweiz. Dort heißt es, die Produktion von Lohengrin müsse leiderleiderleider eingestellt werden, der Verkauf sei zu stark zurückgegangen. Aus Norwegen kommt Widerspruch, die norwegischen Supermarktketten können von keinem Rückgang berichten, in den letzten Tagen allerdings von hektischen Hamsterkäufen. Die Lohengrinfans toben, eine Facebookgruppe namens Lohengrins Venner („Lohengrins Freunde“) verdoppelt fast stündlich ihre Mitgliederzahl, und das mit dem stockenden Absatz glaubt niemand. Offenbar nicht einmal der Schokoladenmulti, das legt ein Versprecher der Pressesprecherin nahe. Das Problem ist wohl eher, dass am Absatz in Norwegen nichts auszusetzen ist, aber Lohengrin gibt es nur in Norwegen, und das ist für einen Global Player eben zu wenig. Und da ist es doch einfacher, die Produktion gleich einzustellen, als den Sprung auf neue Märkte zu wagen – bewahre, das könnte am Ende etwas kosten.

Das ist nun die Lage: In Norwegen droht der Volksaufstand. Wobei die Lohengrinfans nicht immer diplomatisches Geschick zeigen. Die Forderung, statt Lohengrin lieber andere Schokoriegel (die man selbst nicht so gern isst) vom Markt zu nehmen, bringt keine Solidarität auf breiter Schokofront, sondern verärgert die Liebhaber der anderen Schokolade, die nicht einsehen, natürlich nicht, warum ihr Liebling geopfert werden soll, um Lohengrin zu retten. Das Versprechen des Konzerns, statt Lohengrin einen neuen Schokoriegel auf den Markt zu bringen, wird mit Hohngelächter erwidert. Der neue Riegel nämlich soll nicht aus Zartbitterschokolade bestehen, statt Knickebein eine Art kleingehackten Haribokonfekt enthalten und zudem rechteckig sein statt knochenförmig, „wie ein abgesägtes Brett“, kommentiert ein erboster Lohengrins Freund. Erfolgversprechend wirkt derzeit vor allem der Vorschlag, eine der vielen in den letzten Jahren gegründeten kleinen norwegischen Schokoladenfabriken könnte Lohengrin übernehmen. Aber die Lage ändert sich stündlich und die Lohengrinfans wetzen ihre Schwerter. Venceremos, rufen wir hoffnungsvoll und knabbern den letzten sorgsam aufbewahrten Lohengrinriegel an.