Neue Hofmolkerei im Norden

In Meyn im Kreis Schleswig-Flensburg wurde im März 2019 von der Präsidentin der Landwirtschaftskammer Ute Volquardsen die neue Hofmolkerei von Sven und Lena Johannsen der Öffentlichkeit vorgestellt. Seit Kurzem verarbeitet dieser Betrieb einen Teil seiner selbst erzeugten Milch in der Hofmolkerei zu Trinkmilch und Joghurt. Vermarktet werden die Produkte im Flensburger Raum. Dazu wurde von der Familie ein Lieferservice ins Leben gerufen, mit dem die Milch und einige weitere Landprodukte den Weg direkt zum Verbraucher finden. „Hier zeigt die Regionalität Gesicht und Persönlichkeit“, freut sich Ute Volquardsen. Der Umstellungsprozess wurde von der Kammer unterstützt, Berater Frank Möller war Geburtshelfer der Idee und begleitet den Betrieb bis heute.

Selbst verarbeiten statt wachsen 

Ziel der Neuausrichtung war es, die betriebliche Zukunft des Familienbetriebes in vierter Generation zu sichern, und zwar durch den Bau einer eigenen Hofmolkerei. Mit der eigenen Verarbeitung kann die Wertschöpfung gesteigert werden, so der Plan, vorausgesetzt, die Vermarktung funktioniert. Gesagt getan, Familie Johannsen sah hier ihre Chance, wenn es auch ein vollkommenes Neuland für sie bedeutete. Seminare, Praktika und reger Erfahrungsaustausch mit direktvermarktenden Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet führten schließlich zur Entscheidung für den Aufbau der Hofmolkerei. 

Zusammen mit der Landwirtschaftskammer wurde ein Marketingkonzept „MEYN HOF“ erarbeitet und parallel dazu die Molkerei geplant. Die Investitionssumme belief sich auf 800.000 €. Sie wurde mit 120.000 € aus dem Programm AktivRegion Mitte des Nordens und 30.000 € vom Land gefördert. Der erste Vorsitzende Burkhard Gerling der AktivRegion sagt: „Wir sind stolz auf die Umsetzung dieses Projektes. Der Betrieb von Familie Johannsen in Meyn zeigt, wie es gelingen kann, mehr Wertschöpfung direkt auf dem Hof für die Milch zu erwirtschaften. Durch den Schauraum kann jeder Verbraucher direkt Einblick in die gläsernen Molkereibetrieb nehmen. Das ist eine gute Öffentlichkeitsarbeit für die Region und die Milchprodukte aus der Region – vom Geschmack der Erzeugnisse mal abgesehen.“

 

Lieferservice direkt vor die Tür

Im November 2018 wurden die ersten Milchprodukte erprobt und ein „Probierpaket“ für Kunden beworben. Im Dezember 2018 liefen die erste Trinkmilch und der erste eigene Joghurt vom Band. Das Besondere – die Produkte werden direkt zu den Kunden geliefert.

„Alle Milchprodukte sowie auch die frischen Landeier aus dem eigenen Hühnermobil sind online oder telefonisch zu bestellen“, erklären Lena und Sven Johannsen. „Mittelfristig soll auch Rindfleisch aus eigener Aufzucht angeboten werden. Es wird ein Zustelltag und -ort (Zuhause oder Arbeitsplatz) vereinbart, dafür entstehen keine zusätzlichen Kosten, der Mindestbestellwert liegt bei 5 €. Das Abonnement ist jederzeit kündbar oder im Urlaub unterbrochen werden. Ein Liter Vollmilch kostet 1,49 €, ein Naturjoghurt 1,59 € und zehn Eier 3,79 €.“ Heute beliefert der Betrieb rund 350 Kunden in der Woche.  

Ein breites Sortiment frischer Produkte

Die Milch wird schonend pasteurisiert und in 1-Liter-Glasflaschen abgefüllt. Dabei bleiben die Vitamine und Nährstoffe sowie die natürliche Fettstruktur weitgehend erhalten. „Die Sahne setzt sich oben ab, man spricht hier vom Aufrahmen. Das ist ein natürlicher Vorgang, der für viele Verbraucher eher ungewohnt ist“, so Lena Johannsen. „Für uns ist es ein Qualitätsmerkmal unserer Milch. Wir empfehlen, die Milch vor dem Genuss leicht zu schütteln.“ 

Familie Johannsen setzt auf Joghurtkulturen, die einen besonders guten Geschmack mitbringen. In der Herstellung wird auf Verdickungsmittel und Konservierungsstoffe verzichtet. Neben Naturjoghurt gibt es aktuell sieben Geschmacksvariationen: Vanille, Stracciatella, Pfirsich-Maracuja, Erdbeere, Kirsche, Bratapfel und Birne-Banane. Die Fruchtvariationen werden jahreszeitlich variiert. Für Kunden, die die Abwechslung lieben, wird das Modul „Karussell“ angeboten. Dabei erhält der Kunde Woche um Woche immer automatisch einen neuen Joghurt. Zukünftig sollen noch Frischkäse, Quark, Molke und diverse Kräuterquarks ins Sortiment aufgenommen werden.

Milchgeber

Der Hof Meyn hält rund 130 Kühe, überwiegend Schwarzbunte, eine Rotbunte und eine Angler Kuh – sie leben im Herbst und Winter im sogenannten Offenen Laufstall. Der Stall ist nach dem Prinzip „viel Luft, viel Licht und viel Platz“ konstruiert und bietet den Tieren komfortable Liegeboxen zum Schlafen und entspannten Wiederkäuen. Saubere Futtertröge, große Wannentränken und elektrische Rotationsbürsten, mit denen die Tiere ihr Fell pflegen, gehören dazu. Gefüttert wird mit Gras- und Maissilage aus eigenem Anbau, ergänzendem Kraftfutter (Getreideschrot, Mineralien) sowie frischem Gras im Weidegang. Zweimal täglich werden die Kühe vom Seniorchef persönlich in einem Doppel-6er-Fischgrätenmelkstand gemolken, immer zwölf Tiere auf einmal. Dabei gibt jede Kuh im Durchschnitt 30 Liter Milch pro Tag. Der Betrieb hat eine Jahresherdenleistung von 9.800 kg Milch. 

Von Frühjahr bis Herbst können sich die Kühe auf der Weide frei an der frischen Luft bewegen und saftiges Gras fressen. Die Bewegung stärkt ihre Abwehrkräfte und hält ihre Klauen sauber. Gesunde Kühe geben mehr Milch und leben länger. „Uns liegt es sehr am Herzen, dass es den Tieren gut geht und sie sich wohlfühlen,“ sagt die Familie.

Zahlen und Fakten zum Milchmarkt

In Schleswig-Holstein gibt es rund 60 Hofmolkereien und 20 große Molkereien. Es werden laut Viehzählung (Stand November 2018) rund 385.000 Milchkühe gehalten von rund 4.000 Milchbäuerinnen und -bauern. Die Region Schleswig-Flensburg ist dabei eine der bedeutendsten Viehregionen. In Schleswig-Holstein werden 2,2 Mio. Tonnen Milch zu verschiedenen Produkten verarbeitet. Seit der Milchkrise 2015/2016 haben sich die Milchpreise wieder etwas erholt. Sie liegen derzeit bei 32,3 Cent/kg Milch im Schnitt in Schleswig-Holstein. Das Jahr 2018 war für die Viehhalter aufgrund der Trockenheit und daraus bedingten Futterknappheit ein schwieriges Jahr. Unklar ist, ob die Futtervorräte für diesen Winter auf allen Betrieben ausreichen. Für 2019 bleibt abzuwarten, wie der erste Grasschnitt ausfallen wird. Im Schnitt hält ein Betrieb in Schleswig-Holstein rund 100 Kühe.

Trotz alternativer Vermarktungsformen wie z. B. über Direktvermarktung und/oder Milchtankstellen, wird das Gros der in Schleswig-Holstein erzeugten Milch in den großen Molkereien verarbeitet. Der Erzeugerpreis ist abhängig von der Vermarktung der Milchprodukte im Großhandel. Ein Teil der Erzeugnisse (vor allem Käse und Magermilchpulver) wird auch am Weltmarkt abgesetzt. Die Milchpreisentwicklung ist daher abhängig vom hiesigen Milchangebot, von den Knappheitsverhältnissen und Witterungsereignissen weltweit. Schleswig-Holstein ist ein Milchland und Exporteur. Der Selbstversorgungsgrad bei Milch lag 2017 in Deutschland bei 113 %, bei Käse waren es 124 % und bei Butter rund 101 %. Bei Magermilchpulver sind es mehr als 500 %. Wichtige Anbieter von Milch am Weltmarkt sind Neuseeland, gefolgt von der EU und den USA.