Ein Gastbeitrag von Frank Griesel

Blaue Anneliese, Heiderot oder Bamberger Krumbeere – fast keine andere Pflanze bietet eine solche Sorten- und Geschmacksvielfalt wie die Kartoffel. Einer, der es genau weiß, ist Karsten Ellenberg. Auf seinem Bioland-Hof in der Lüneburger Heide baut er über hundert verschiedene Sorten an.

Auf den ersten Blick wirkt der Bauernhof der Familie Ellenberg in der Lüneburger Heide wie ein ganz gewöhnlicher Hof – lehmverschmierte Trecker, Holzkisten, eine Katze streunert über den Asphalt. Doch spätestens, wenn Betriebsleiter Karsten Ellenberg durch die Gewächshäuser und das Züchtungslabor führt, ahnt man, dass man hier einen besonders außergewöhnlichen Bauernhof besucht. Der Betrieb ist die einzige bäuerliche Öko-Kartoffelzucht in Deutschland. Über hundert unterschiedliche Kartoffelsorten baut die Familie an. Aber braucht man die wirklich?


Karsten Ellenberg lacht: „Jede Kartoffelsorte schmeckt anders. Da gibt es große Unterschiede: Die einen sind eher cremig und buttrig, andere erdig und kräftig, wieder andere herb, süßlich, nussig oder würzig. Die Geschmacksnuancen sind ähnlich komplex wie beim Wein: Auch da muss jeder seinen eigenen Geschmack finden,“ klärt der Biolandwirt auf. Genauso wie beim Wein, schmeckt sogar jeder Jahrgang etwas anders. Und nicht jede Sorte eignet sich für jedes Rezept. Da gibt es die Bamberger Krumbeere, eine alte festkochende Sorte mit würzigem Geschmack oder die Heideniere, eine alte deutsche Sorte mit speckiger Note. Sie eignet sich gut als Salat- und Pellkartoffel. Beliebt ist aber auch die Schwarze Ungarin, eine mehlige Kartoffel mit fast weißem Fleisch, sie ist ideal für Kartoffelbrei.

Alte Sorten schaffen es nicht mehr in den Supermarkt

Zu klein, zu schrumpelig, zu geringer Ertrag: Viele alte oder seltene Kartoffelsorten schaffen es nicht mehr in den Supermarkt, denn sie entsprechen nicht der vom Handel gewünschten Norm: groß und rund mit einer möglichst gleichmäßigen Oberfläche, damit sie leicht zu schälen sind. „Die Kartoffeln, die wir im Supermarkt finden, sind auf Masse und nicht auf Geschmack gezüchtet.“ Damit sie sich verkaufen, müssen sie schnell wachsen und makellos aussehen. Doch bei der Züchtung solcher Hochleistungssorten ist der Geschmack auf der Strecke geblieben, erklärt Landwirt Ellenberg. Seine Mission: Das Bewahren der Geschmacksvielfalt.

Mit ihrer Arbeit haben die Ellenbergs vielen Verbraucherinnen und Verbraucher den Geschmack von fast vergessenen Sorten zurück an den Esstisch gebracht. Für sein Engagement wurde der Betrieb bereits mehrfach ausgezeichnet und in das Netzwerk der Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft aufgenommen (siehe Kasten).

Bereits als kleiner Junge baute Karsten Ellenberg seine eigenen Kartoffeln an. Irgendwann, als er bereits als Biolandwirt tätig war, kam er auf die Idee mit alten Sorten zu arbeiten. Doch die gab es größtenteils nicht mehr. Erst in der Kartoffelgenbank des Julius Kühn-Instituts in Groß Lüsewitz wurde er fündig. Dort händigte man ihm ein paar Knollen von zehn alten Sorten aus, die er liebevoll hegte und pflegte.

Züchtung neuer Sorten

Doch der Ökolandwirt baut nicht nur alte Sorten an, er züchtet auch neue. Dafür hat er sich ein kleines Labor eingerichtet. Das Kreuzen neuer Sorten ist aufwendig, Ellenberg bestäubt die Pflanzen im Gewächshaus, päppelt den Keim im Labor groß, pflanzt ein, topft um, pikiert und testet die Pflanze einige Jahre im Feld, bevor er weiß, ob sie für den Anbau geeignet ist. Die wichtigste Eigenschaft ist der Geschmack: „Eine Sorte kann noch so schön wachsen, wenn sie nicht schmeckt, kann man sie nicht vermarkten.“ Deshalb veranstaltet er mit Freunden auch regelmäßig Verkostungen. Der Lohn der Arbeit: Fünf eigene Züchtungen hat er bereits beim Bundessortenamt angemeldet. Darunter die Rote Emmalie. Die rotfleischige Sorte wurde zur Kartoffel des Jahres 2018 gewählt. Sie schmeckt würzig und hat eine ausgesprochen feine Konsistenz. Die Farbe Rot hat sie dem Pflanzenfarbstoff Anthocyan zu verdanken, der auch in Erdbeeren und Himbeeren vorkommt. Anthocyane sind Antioxidative, ihnen wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben.


Mittlerweile bauen die Ellenbergs über hundert verschiedene Sorten an, knapp 40 davon stehen zum Verkauf – im Hofladen oder Online-Shop. Die Nachfrage steigt, denn immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher schätzen den intensiven Geschmack der unterschiedlichen Sorten. Früher wurde Karsten Ellenberg für sein Engagement belächelt, heute erntet er Bewunderung.

MEHR... www.kartoffelvielfalt.de

Netzwerk der Demonstrationsbetriebe

In Deutschland wirtschaften mehr als 29.000 Betriebe nach ökologischen Richtlinien. Aus dieser Vielfalt hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 240 Biohöfe als Demonstrationsbetriebe ausgewählt – einer davon ist der Hof von Karsten Ellenberg. Diese Betriebe öffnen allen Interessierten ihre Türen und Tore und zeigen, wie Ökolandbau funktioniert.

MEHR... www.demonstrationsbetriebe.de
Retter der Linda!

Seit 1974 gibt es die Kartoffelsorte Linda. Eine festkochende Sorte mit tiefgelbem Fleisch und besonderem Aroma. Wegen ihrer großen Beliebtheit galt sie lange Zeit als Königin der deutschen Kartoffel. Kurz vor Ablauf der Sortenschutzzeit – im Januar 2005 – zog das Unternehmen Europlant die Zulassung zurück. Denn nach Ablauf der Sortenschutzzeit erhält das Unternehmen für den Anbau keine Lizenzgebühren mehr. Damit war es nicht mehr erlaubt, Linda anzubauen. Karsten Ellenberg gründete mit vielen Unterstützern aus Landwirtschaft, Verbraucherverbänden und Politik den Freundeskreis „Rettet Linda“. Nach jahrelangem Kampf und vielen Gerichtsprozessen ließ das Bundessortenamt Linda 2010 wieder zu. Damit war die Königin der Kartoffeln gerettet und Bauern durften Linda wieder anbauen.

Ein Beitrag der Koordinationsstelle Demonstrationsbetriebe Ökologischer Landbau.