Rainer Muhs: Landwirt, Metzger, Tangotänzer

Es ist nicht leicht Rainer Muhs zu einem Gespräch zu bewegen. „Wer sollte was über mich wissen wollen?“, wirft er ein. Ich bin beharrlich, nach einiger Bedenkzeit stimmt er doch noch zu. So treffe ich mich mit meinem Lieblingsmetzger in einem schönen Restaurant in Kiel und spreche bei Fischroulade, Wildbraten und kräftigem Rotwein mit ihm über Schweinezucht und Tango, über Liebe und Leidenschaften.

„Das Land ist wie ein Schwein“, sagte einmal der Kieler Kirchenprobst Claus Harms über Schleswig-Holstein, „an den Seiten fett, dort wächst der Speck, während es in der Mitte auf dem Rücken mager ist.“ Mit Speck war die fruchtbare Marschlandschaft, mit dem mageren Rücken die karge Geest gemeint. In früheren Zeiten galt das Schwein noch was. Seine Wertschätzung können wir einem „Appetitlexikon“ von 1894 entnehmen: „Das Schwein gehört ohne Widerrede zu den kostbarsten und unersetzlichsten Perlen in der Krone der Kultur.“ Aus Wertschätzung wurde Geringschätzung. Aus Weide- wurde Stallhaltung, aus Ställen wurden Fabriken. Turbomast, Tierquälerei und Schweinefleisch zu Dumpingpreisen bestimmen heute den Alltag. Dass es auch anders geht, sogar erfolgreich, beweist Rainer Muhs mit seinem Hof in der Probstei. Hier findet man sie noch: die „glücklichen“ Hausschweine aus Kindheitstagen.

Moderne Tradition

Der Hof von Anne-Marie und Rainer Muhs (52) besteht seit drei Generationen. Schon seit 95 Jahren ist der 40 Hektar große Betrieb eine Einheit aus Landwirtschaft und Schlachterei. Auf Qualität haben auch schon Vater und Großvater Muhs gesetzt. Ihr Familienmotto lautet: Mache wenig, dafür mach es gut. Seit 1997 wird der Betrieb nach Bio-Richtlinien bewirtschaftet. Rainer Muhs setzt auf das Angler Sattelschweine. Eine alte schleswig-holsteinische Rasse. Sie wäre fast ausgestorben, galt sie doch als zu fett. Am Zeitgeist kommt aber auch ein Biobauer nicht vorbei. So kreuzt er seine Sattelschweine mit mageren Rassen ein. Jährlich mästet er 400 Schweine. Das Borstenvieh wird artgerecht gehalten, kann sich anständig bewegen und seine zahlreichen Sinne ausleben. „Nur zufriedene Schweine geben gutes Fleisch“, zeigt sich Rainer Muhs überzeugt. Die Tiere werden mit selbst angebautem Futter (Getreide, Kleegras, Erbsen und Bohnen) gemästet und direkt auf dem Hof geschlachtet, was dem Geschmack zugutekommt, entstehen keine Stresshormone. Muhs ist nicht nur gelernter Landwirte, sondern auch versierte Metzgermeister. Das kann man schmecken. Der weit über die Region hinaus bekannte Schinken der Familie ist eine Wucht. Er wird ein halbes Jahr über Buchenholz geräuchert. Das Ostseeklima verleiht ihm sein unverwechselbares Aroma. Und selbst ein einfaches Kotelett bereitet von Muhs Genuss. Das Fleisch verliert beim Braten kein Gewicht, es spritzt kein Wasser, das Aroma ist herzhaft und nussig. Ob Speck, Braten oder Filet - alles hat viel Eigengeschmack. Schmeckt so, wie es eigentlich immer schmecken sollte aber heutzutage so selten schmeckt.

Eine Besonderheit auf dem Hof in Krummbek ist der von Anne-Marie Muhs initiierte Kindergarten „Wurzelkinder.“ Hier werden die Kleinen liebevoll von Erzieherinnen betreut. Die Kinder können direkten Kontakt zu den Tieren aufnehmen oder bei der Fütterung und Pflege helfen. Eine gute Gelegenheit um die bunte Tierwelt auf dem Hof - Hühner, Enten, Schafe, Ziegen, Kaninchen, Schweine und Rinder - näher kennen zu lernen. Auf diese Weise wird der Bauernhof der Familie zu einer Erlebniswelt für Kinder.

Tango

Rainer Muhs hat schon immer gern getanzt. Beim Tanzen klappte es dann auch endlich mit seiner Frau. Hatte er doch schon länger ein Auge auf sie geworfen. Fünf Kinder kamen, der Hof wurde vom Vater übernommen, es blieb immer weniger Zeit fürs gemeinsame Tanzen. Zuerst organisierte seine Frau noch Tanzkurse im dörflichen Gasthof. Aus Standard wurde Salsa aus Salsa wurde Tango. Warum sie heute beim Tanzen getrennte Wege gehe, frage ich. „Wer zusammen fünf Kinder großzieht und rund um die Uhr zusammen auf einem Hof arbeitet, braucht auch seine Freiräume. Jede bekommt bei uns seine, ich habe den Tango.“

Was das besondere am Tango sei, möchte ich wissen: „Das Tango-Thema ist so groß, wie bei allen anderen Tänzen zusammen“, erzählt er mir mit leicht glänzenden Augen. Er plaudert über Geschichte und Stile, über die bunte und lebendige Tangoszene im Norden, darüber, dass jedes Mal ein ganz neuer Tanz entsteht. Kein Tango dem anderen gleicht. Dass der Mann den ersten Schritt vorgibt und die Frau entscheidet wie es weitergeht. Es ist immer Aktion und Reaktion, Nähe und Ferne. „Es ist ein ständiger Dialog mit der Tanzpartnerin“, schwärmt Muhs.

Trotz Familie und harter Arbeit auf dem Hof mit Verantwortung für 15 Mitarbeiter/innen, gönnt sich der Landwirt wöchentlich zwei bis drei Mal seine Tango-Auszeit. Er war auch schon auf Tangofestivals in Kopenhagen und Krakau. „Man kommt ungezwungen mit Menschen in Kontakt, die man sonst nie kennen gelernt hätte. Vom ersten Tanz an löse ich mich von der Arbeit, von kleinen Problemen, kann alles hinter mir lassen. Und ich komme entspannt nach Hause.“

Auf meine Abschlussfrage beim Dessert, ob es für ihn eine Verbindung zwischen der Arbeit auf dem Hof und dem Tangotanzen gibt, meint Rainers Muhs: „Es dreht sich doch immer alles ums Zwischenmenschliche. Ich brauche den Kontakt und den Austausch mit Menschen. Ich mag einfach Menschen.“ „Wow“, denke ich beim „Absacker“. Eigentlich ist es ganz einfach: Es muss die Liebe und die Leidenschaft für Menschen und für die Kreatur, letztendlich für die Schöpfung sein. Die Lust am Leben und die Liebe zu anderen verdichten sich im Tango und materialisieren sich auch in einem Schinken. Ehemann und Familienvater, Landwirt und Metzger, Menschenfreund und Tangotänzer – alles gehört – wie im richtigen Leben - zusammen.

Hofschlachterei Muhs
Im Dorfe 4, 24217 Krummbek

Tel.: 04344/1278
www.hofschlachterei-muhs.de

Hofverkauf:
Di 9 - 13 Uhr
Fr 14.30 - 18 Uhr

Wochenmärkte:
Kiel Exerzierplatz (Mi, Sa)
Schönberg (Do)
Plön (Fr)