Honig aus St. Pauli

Ein Gastbeitrag von Eva Derndorfer und Elisabeth Fischer

 

Mitten im Hamburger Stadtteil St. Pauli blüht und summt es auf dem Gartendeck in der Großen Freiheit. Was als temporäres Urban-Gardening-Projekt eines Sommerfestivals gedacht war, entwickelte sich zur dauerhaften grünen Stadtoase. St. Pauli kann auch Honig.

Mitten im Hamburger Stadtteil St. Pauli blüht und summt es auf dem Gartendeck in der Großen Freiheit. Es begann 2011, als die 1100 m2 große Dachfläche einer Tiefgarage erstmals bepflanzt wurde. Die Nachbarn waren begeistert, nach einem Jahr zogen auch Bienen ein, und was als temporäres Urban-Gardening-Projekt im Rahmen eines Sommerfestivals gedacht war, entwickelte sich zur dauerhaften grünen Stadtoase.

Bei unserem Besuch im April wird die Saison mit der „Bienenfrühlingsschau“ eröffnet. Gunnar Weidt und Carsten Stöppler zeigen Besuchern, wie es den Bienen nach dem Winter geht, und inspizieren dabei auch die Honigvorräte. Denn nur wenn die Bienen im Frühjahr noch Honig in den Waben eingelagert haben, wird dieser auch geerntet – so die Philosophie der Stadtimker –, steht doch bei ihnen an erster Stelle das Beobachten der Bienen in einer weitgehend autonomen Lebenssituation und nicht der Ertrag. Die Imker stellen Wohnraum und sorgen für die Gesundheit der Bienen.

Auf dem Gartendeck gibt es ungewöhnliche Bienenwohnungen: eine Klotzbeute in einem hohlen Baumstamm, Mellifera-Einraumbeuten aus Holz und einen von den Stadtimkern gebauten gläsernen Bienenstock. Durch die Glaswände können die Besucher die längste Honigwabe Hamburgs besichtigen und beim Aufbau der Honigwaben zussehen. Bei warmem Wetter sind die fleißigen Arbeiterinnen höchst produktiv, erklärt uns Gunnar: „In einer guten Woche können sie bis zu 10 kg Honig sammeln. Wir lassen die Bienen ihre eigenen Waben bauen, auf ihrem eigenen Honig überwintern und sich als Schwarm teilen.“ Carsten war einer der Gartendeck-Gründer.

Zur Imkerei kam der hauptberufliche Zimmerer durch seine etwas frühzeitig geäußerten Pläne für die Seniorenzeit: „Wenn ich alt bin, werde ich Imker.“ So lange wollten seine Freunde nicht warten und schenkten ihm zum 48. Geburtstag die erste Beute. Diese war allerdings leer. Carsten suchte Bienen über schwarmboerse.de und lernte so Gunnar kennen, der drei Straßen weiter wohnte und einen Bienenschwarm abzugeben hatte. Gemeinsam mit Nachbarn installierte er Carstens Beute auf dessen Hausdach und befüllte sie mit einem Schwarm.

Der Beginn einer Freundschaft

Dies war der Beginn einer Freundschaft, bei der beide gemeinsam von den Bienen lernen. Ein dritter Freund und Mitstreiter ist Andreas Sterr. Miteinander betreiben sie den Bienenstand am Gartendeck, der gleichzeitig auch der Lehrbienenstand der Mellifera-Regionalgruppe Hamburg ist. Andreas imkert darüber hinaus am Margaretha-Rothe-Gymnasium. Dort gründete er eine Bienen-Arbeitsgruppe und betreut einen Bienenstand. Außerdem wurde dort eine Blumenwiese mit 2000 m2 angelegt. Auch Gunnar hat Bienenvölker in einem begrünten Schulgarten und auf einem Bauspielplatz. So erfahren Kinder spielerisch Spannendes aus dem Leben der Bienen und über ihre Bedeutung für die Umwelt. Sie begreifen, dass sie vor diesen Insekten keine Angst haben müssen und dass Honig nicht aus der Fabrik kommt. Carsten besiedelt das Dach einer ehemaligen Kaserne mit Bienenvölkern. Die Bienen leben hier in Mellifera-Einraumbeuten, die für eine wesensgemäße und stressarme Bienenhaltung entwickelt wurden und bei denen sich Brut- und Honigwaben in einem Raum befinden.

Das weitläufige Gebäude wurde 2014/15 von einer Genossenschaft, der FUX eG, gekauft. Es beherbergt Werkstätten, Ateliers und Veranstaltungsräume. „Wir organisieren uns gemeinsam, um durchzukommen in der Stadt“, meint Carsten. Für ihn gehören Urban Gardening, Urban Beekeeping und das Engagement für das Gemeinwohl zusammen. Was zeichnet die drei Hamburger Stadtimker aus? Sie greifen so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich in das Leben der Bienenvölker ein, sorgen für Gesundheit im Bienenstock und versuchen jedes Jahr etwas Neues zu lernen. Das ermöglicht auch den Imkern eine ausgewogene Life-Bee-Balance. Die Bienen dürfen schwärmen, müssen sich ihre Wintervorräte selbst anlegen und werden, wenn nötig gegen Varroamilben behandelt. Imker, die selten gestochen werden, haben ein größeres Risiko, eine Allergie gegen Bienengift zu entwickeln.

Daher vermeidet Gunnar Stiche nicht und lässt sich bei Rückenschmerzen auch einmal aktiv von den Bienen stechen. „Bienenstiche sind auch gut gegen Rheuma und Heuschnupfen. Nach 50 Stichen im Jahr reagiert mein Körper kaum noch auf das Bienengift“, so Gunnar. Gunnars Tochter erkennt es am Geruch, wenn der Vater gestochen wurde: „Das riecht nach Zitronenmelisse.“ Honig aus St. Pauli schmeckt nicht nur von Standort zu Standort, sondern selbst von Volk zu Volk unterschiedlich. Um den individuellen Geschmack zu erhalten, mischen Gunnar und Carsten die Honige aus verschiedenen Bienenstöcken nicht. Sogar auf einer einzigen Wabe kann der Honig oben rechts anders schmecken als unten links. Besonders Weißdorn und Linde sind gut zu unterscheiden. 

Auch äußerlich profitiert der Körper von Bienenprodukten. Für die perfekte Salbe wird Bienenwachs im Wasserbad flüssig gemacht und im Verhältnis 1:6 mit Olivenöl gemischt. Was bringt die Zukunft am Gartendeck? Es geht hoch hinaus. In Zukunft wird dort, wo heute Gemüse, Kräuter, Blumen und Bäume wachsen, ein großes Gebäude errichtet. Für das Gartendeck geht es auf dem Flachdach des Neubaus weiter. Es war ein langer Kampf, aber die Bauherren haben den Plänen letztlich zugestimmt. Carsten dazu: „Wir hatten so viel positive Presse, und viele Leute fanden das Gartendeck sehr toll!“ Wir wünschen alles Gute für den künftigen Höhenflug!


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