Ein Gastbeitrag von Frank Griesel

Die Heidschnucke

Wer die Heide liebt, isst Heidschnucken. Das Wappentier der Lüneburger Heide dient nicht nur als fleißiger Landschaftspfleger, sondern schmeckt auch lecker. Die vielseitige, Ernährung und die tägliche Bewegung an der frischen Luft verleihen dem mageren Heidschnuckenfleisch seinen typischen wildbretartigen Geschmack.

Die Heidschnucke ist eine der kleinsten und zierlichsten Schafrassen Deutschlands. Die grauen Schafe mit den kräftigen Hörnern ähneln dabei in Aussehen und Verhalten eher Wildtieren wie Rot- und Rehwild als anderen Schafen. „Die graue gehörnte Heidschnucke ist die eigentliche Hüterin der Heide“, erklärt Dr. Andreas Koopmann Betriebsleiter des Demonstrations- und Biolandbetriebs Hof Tütsberg in Schneverdingen / Heber. Dieser Hof ist kein gewöhnlicher Bauernhof, sondern ein Landschaftspflegehof in der Lüneburger Heide. Seit 1928 ist er im Eigentum des Vereins Naturschutzpark, heuteVNP Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide. Seine Aufgaben sind die Pflege der ausgedehnten Heideflächen durch Beweidung mit Heidschnucken, Rindern und Pferden und die ökologische Bewirtschaftung der stiftungseigenen landwirtschaftlichen Nutzflächen.

Auf einigen Flächen wird sogar die historische Heidebauernwirtschaft nachgeahmt, um alte Kulturarten und Sorten wie Buchweizen und Sandhafer für die Nachwelt zu erhalten. Überhaupt ist die Lüneburger Heide ein Relikt der vergangenen Jahrhunderte. Damals waren weite Teile von Norddeutschland mit Heidekrautgewächsen wie Besenheide und Wacholder sowie Kiefern und Birken bewachsen. Heute ist das Gebiet auf die Flächen rund um den Wilseder Berg zusammengeschrumpft. Dafür ist die Vegetation während der Heideblüte, im August und September, besonders spektakulär. Das gesamte Gebiet verwandelt sich dann in einen lilafarbenen Pflanzenteppich.

Lebendiges Museum

„Die Heidelandschaft ist durch den wirtschaftenden Menschen entstanden und kann auch nur durch ihn bewahrt werden“, klärt Heide-Experte Koopmann auf: „Bei uns erhält man einen Eindruck, wie es früher in ganz Norddeutschland aussah. Wie in einem ‚lebendigen Museum‘ erhalten wir die Heidelandschaft für die Nachwelt.“ Das ist aber auch deswegen wichtig, weil große Teile der typischen Heidelandschaft über die Jahrhunderte verschwunden sind. Doch einige Tier- und Pflanzarten sind auf eine solche magere Offenlandschaft angewiesen. Mit seiner Arbeit erhält der Landschaftspflegehof somit eine historische Kulturlandschaft und wertvolle Lebensräume. Durch die Beweidung wird eine savannenähnliche ‚Parklandschaft‘ erreicht, die in der heutigen, meist intensiv genutzten Landschaft in Mitteleuropa extrem selten geworden ist. In der Heide finden noch viele gefährdete Tier- und Pflanzenarten ihr Zuhause wie Birkhühner, Raubwürger, Heidelerchen, Braun- und Schwarzkehlchen, Neuntöter oder Ziegenmelker.

Um die Heide zu bewahren, hält der Landschaftspflegehof Tütsberg sechs Heidschnuckenherden in sogenannter Hütehaltung. Bei dieser Haltungsform führt ein Schäfer oder eine Schäferin mit Hütehunden die Schnucken über die großen Heideflächen. Sie beißen die Sprösslinge und Kräuter ab und verhindern so, dass die Heide mit Sträuchern und Bäumen zuwächst und ein Wald entsteht. In jeder Heidschnuckenherde sind auch Ziegen zu sehen. Sie unterstützen die Schnucken, da sie noch besser die Pioniergehölze Birken und Kiefern verbeißen. Nebenbei zertreten die Tiere bei ihrer täglichen Wanderschaft auch Spinnennetze, die sich zwischen den Heidekräutern befinden. So können Bienen ungestört ihren Nektar für den leckeren Heidehonig suchen. Die Bienen wiederum bestäuben das Heidekraut und sorgen so für den Fortbestand der Nahrung für die Schnucken.

Bewahren der Heidewirtschaft

Die Vermittlung der Naturschutzarbeit und der historischen Heidewirtschaft liegen Betriebsleiter Koopmann sehr am Herzen. Bei Führungen erklärt er gerne, dass die Schnucken die Nacht im Stall verbringen. Der Dung, der dabei anfällt, wird auf die Ackerflächen des Demonstrationsbetriebs ausgebracht. Das ist notwendig, da der sandige Boden nicht sonderlich fruchtbar ist. Diese Pflegemaßnahmen stehen in der Tradition einer viele Jahrhunderten alten Bewirtschaftungsform.

Täglich ziehen die Schäfer mit ihreren Herden zehn bis zwölf Kilometer durch die Heide. Kein Wunder, dass die Heidschnucken kein Fett ansetzen. Deshalb eignet sich ihr Fleisch auch hervorragend als Diätkost. Außerdem verleiht die vielseitige, wildähnliche Ernährung dem Heidschnuckenfleisch seinen typischen wildbretartigen Geschmack. „Diesen kulinarischen Genuss sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen“, schwärmt Koopmann. Das Fleisch der Lüneburger Heidschnucke ist in Europa unter diesem Namen sogar geschützt und darf das Siegel einer geschützten Ursprungsbezeichnung tragen. Wer die Hofprodukte probieren möchte, wird in der Region fündig. Was der Betrieb produziert, wird in der Küche des am Hof angeschlossenen Hotels Hof Tütsberg als regionale Spezialität zubereitet. „Das Angebot erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Heidschnucken-Gerichte haben sich schon längst vom Arme-Leute-Essen zur regionalen Spezialität entwickelt“, erklärt er. „Wer die Heide liebt, isst Heidschnucken!“ lädt Koopmann zum Probieren ein.

Infos: www.verein-naturschutzpark.de

Netzwerk der Demonstrationsbetriebe

In Deutschland wirtschaften mehr als 29.000 Betriebe nach ökologischen Richtlinien. Aus dieser Vielfalt hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 242 Biohöfe als Demonstrationsbetriebe ausgewählt. Bunde Wischen ist einer davon. Diese Betriebe öffnen allen Interessierten ihre Türen und Tore und zeigen, wie Ökolandbau funktioniert.

Mehr unter: www.demonstrationsbetriebe.de
 

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