Ein Gastbeitrag von Frank Griesel

Der Biohof Kaemena

Der Demonstrationsbetrieb Kaemena nördlich von Bremen hat etwas geschafft, von dem viele Bauernhöfe träumen: Sie verarbeiten und vermarkten ihre eigenen Produkte – „Snuten lekker – BioEis bey Kaemena“ nennt sich ihr Verkaufsschlager. Bis die erste Kugel Bioeis verkauft werden konnte, war es ein langer Weg, der sich aber gelohnt hat. Das zeigen nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch die Auszeichnungen – so wurde der Biolandbetrieb 2016 mit dem Bundespreis Ökologischer Landbau geehrt.

Brettebene Landschaft, grüne Wiesen und Gräben bis zum Horizont – das Blockland im Bremer Norden ist einfach nur gemütlich, perfekt zum Radfahren, Ausspannen und die Seele baumeln lassen. In weiten Mäandern fließt die Wümme gemächlich dahin. Auf den Weiden stolzieren einige Weißstörche zwischen schwarzbunten Kühen auf der Suche nach ein paar unaufmerksamen Fröschen. Und die alten reetgedeckten Bauernhäuser sehen aus, als würden sie bereits seit Jahrhunderten dort stehen. So wie der Hof von Heike und Bernhard Kaemena. Seit rund 300 Jahren bewirtschaftet die Familie diesen Flecken Erde, seit 2005 als anerkannter Bioland-Betrieb. Doch außer Grünlandwirtschft mit Milchkühen ist auf den feuchten Wiesen des Blocklands nicht viel zu machen. Wie also die Wertschöpfung erhöhen? Das Geheimnis nennt sich etwas amtsdeutsch „Wertschöpfung mit Direktvermarktung“ und ist eiskalt.

Der lange Weg zur ersten Kugel

Die Idee mit dem Eis kam im Zuge der Umstellung auf Ökolandbau. Schon vor der Zertifizierung sollte es eine klare Richtung für den Betrieb und ein stimmiges Konzept geben: „Die Umstellung der Rinderhaltung auf Bio war relativ unkompliziert. Es stand aber die Frage im Raum: Was kann man mit der Milch noch machen, außer sie an eine Molkerei zu liefern? Da Käse nicht jedermanns Sache ist, doch anscheinend alle Menschen Eis mögen, war die Grundentscheidung recht schnell gefallen“, erläutert Bernhard Kaemena.

Damit begann die Arbeit. Etwa eineinhalb Jahre lang erforschten die Kaemenas den Markt für Speiseeis in Deutschland. Sie bereisten die Republik, um sich Anregungen zu holen und auf Schwierigkeiten besser vorbereitet zu sein. Gespräche mit Herstellern und das Kennenlernen handwerklicher wie industrieller Produktionsstätten standen auf dem Plan, ebenso wie die Betrachtung der verschiedenen Vermarktungskonzepte. Heike Kaemena besuchte die Eisfachschule, um das praktische Knowhow zu lernen. Eine zentrale Erkenntnis: „Wichtig war von Anfang an, Produktion und Vermarktung vom Hof aus zu organisieren und lokal zu halten“, erklärt Heike Kaemena.

Von der Weide in die Waffel

„Wenn ein neues Projekt angegangen wird, müssen alle mitgenommen werden und mitmachen.“ Alle – das heißt für Bernhard Kaemena: die gesamte Familie, die den facettenreichen Biobetrieb gemeinsam führt. Neben den Eltern sind da noch Sohn Harje Kaemena, seine Frau Birte und die Mitarbeiterinnen Julia und Mareike, die inzwischen die Fachkräfte für die Eisproduktion sind. Im Sommer 2005 war es endlich soweit – die erste Kugel Eis fand den Weg in die Waffel. „Snuten lekker“ war geboren. ‚Snuten lekker‘ ist Bremer Platt. Snuten bedeutet Schnute und lekker ist lecker also „Leckerschnute“ oder freier übersetzt „zum Reinbeisen lecker“.
Mit dem Entschluss, Speiseeis direkt vor Ort im hofeigenen Café zu verkaufen, öffnete sich der Betrieb einer breiten Öffentlichkeit. Viele hundert Menschen strömen an sonnigen Wochenenden oder zu den beliebten Hoffesten auf den Betrieb. Auf dem Hof Kaemena ist immer „Tag der offenen Tür“. Täglich liefern die Kühe Milch für das Bioeis, dass sich mittlerweile zu einer regionalen Spezialität in und um Bremen entwickelt hat. Nur wenige Meter sind es vom Euter bis zur Eismaschine. Heute werden rund 40 verschiedene Sorten Speiseeis im Jahr produziert, darunter Klassiker wie Zitrone, saisonale Sorten wie Rhabarber und Exoten wie Vanille-Mohn, Kürbiskern oder Sorbet aus Biofrucht. Das Gros geht gleich ab Hof in die kleinen und großen Hände der Cafégäste. Aber viele Abnehmer in Gastronomie und Naturkostfachhandel werden auch direkt beliefert.

Wann ist Eis Bioeis?

Einen Teil des Erfolgs verdankt das Eis den weiteren Zutaten. Eine Kugel besteht zu etwa zwei Dritteln aus Milch. Das Übrige sind Zucker und die geschmacksgebenden Zutaten wie Obst, Gewürze oder Vanilleschoten. Zunächst nannten die Kaemenas ihr Produkt „Speiseeis aus eigener Biomilch. Das ist aber noch kein Bioeies“, erklärt Harje. „Erst wenn die restlichen Zutaten auch Bio sind, darf man von Bioeis sprechen und es als solches vermarkten.“ Das war 2007 erstmals der Fall. Es sei keine Frage, sagt er, die konventionelle Eisproduktion brächte mehr Gewinn. Bei guten Marktpreisen für Biomilch sind die Zutaten – allen voran Biozucker – die Kostentreiber. Allerdings bildet das Bioeis im Gesamtkonzept des Betriebs einen elementaren Bestandteil. „Die Konsequenz, auf Bio zu setzen, rechnet sich am Ende. Man muss ermöglichen, Bio als Gesamtkonzept zu erleben und dabei nicht zu missionieren!“

Gleichwohl ist nicht alles in Bio machbar, zum Beispiel die Eissorte Amarena-Kirsch. Harje Kaemena erklärt: „Diese Sorte ist ein echter Klassiker und Dauerbrenner. Hier müssen wir aber bei der Bezeichnung Speiseeis ‚aus Biomilch‘ bleiben, denn kandierte Kirschen kommen bisher nur konventionell aus Italien und die sind ja die entscheidende Zutat.“ Die Kundinnen und Kunden nehmen das gerne hin, um ihr Lieblingseis im Blockland zu schlecken. Sie sind dankbar für diese Transparenz und wollen über die Bestandteile genau Bescheid wissen. Der Dialog funktioniert ebenso in Gegenrichtung. Dann etwa, wenn es Anregungen für neue Sortenexperimente gibt. „Neues auszuprobieren ist wichtig“, findet Heike Kaemena. „Da sind Geschmacksrichtungen wie Quark-Sesam und Karotte-Buttermilch-Banane zu echten Rennern geworden.“

Landwirtschaft erlebbar machen

Milch, Eis, Natur, Erholung – Familie Kaemena schafft es, Bio facettenreich erlebbar zu machen und authentisch vorzuleben. Bernhard Kaemena bringt es auf den Punkt: „Bioprodukte kennt jeder. Wir müssen heute Landwirtschaft insgesamt neu erklären!“ In der idyllischen Flusslandschaft des Bremer Blocklands kommt das Biohof-Erlebnis mit Rinderweide und einladendem Hofcafé gut an. Den Gästen ist eine Kugel Eis immer ihren Preis wert. Ach ja, inzwischen gibt es auch Käse von Kaemena.

Netzwerk der Demonstrationsbetriebe

In Deutschland wirtschaften mehr als 29.000 Betriebe nach ökologischen Richtlinien. Aus dieser Vielfalt hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 240 Biohöfe als Demonstrationsbetriebe ausgewählt – einer davon ist der Hof Kaemena. Diese Betriebe öffnen allen Interessierten ihre Türen und Tore und zeigen, wie Ökolandbau funktioniert. Mehr unter: www.demonstrationsbetriebe.de

Mehr über den Biohof Kaemena erfahren Sie unter www.kaemena-blockland.de und www.snuten-lekker.de.

Video: Preisträger des Bundeswettbewerbs Ökologischer Landbau 2016: Bioland Hof Kaemena. Produziert für die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung