Ich bin Ende letzten Jahres von Kiel nach Kalifornien gezogen. Kalifornien, ein Strandabschnitt der Gemeinde Schönberg in Schleswig-Holstein mit rund 400 Einwohnern. Ich habe mich also für das Dorfleben entschieden und probiere es erst einmal direkt am Meer. Mein Arbeitsplatz liegt 8 km weiter so richtig auf dem Land. Auf dem Biohof meiner Eltern, von dem ich auch Mitinhaberin bin. Wenn ich an das Leben auf dem Dorf im klassischen Sinne denke, stelle ich mir dampfende Misthaufen, gackernde Hühner, spielende Kinder und den Duft von Bratkartoffeln mit Speck um 12 Uhr mittags vor.

Dorfidylle?

Ich studiere Ökotrophologie und Agrarwissenschaft und wenn ich aus der Uni komme, strahlt mir ein Gemüsebauer mit Karotten noch voller Erde in den Händen vom Plakat entgegen.

Doch wenn ich aus der Stadt über die Dörfer nach Hause fahre, habe ich eher diese Eindrücke:

Geschlossene Ställe mit großen Güllebehältern außerhalb der Ortschaften, flimmernde Bildschirme in den Wohnzimmern, immer mal wieder ein Pizza-Lieferservice.

Die Vorstellung vom Dorf, das vermittelte Bild von der Landwirtschaft und die Realität stimmen nicht überein. Ich weiß, es gibt sie noch, die Dorfidylle, doch sie ist selten geworden.

Die Landwirtschaft war einmal hautnah erlebbar. Kinder wussten wie sich ein warmes Ei anfühlt und auch, dass die Ferkel, wenn sie einmal groß sind, geschlachtet werden. Mittlerweile ist der Ursprung von Lebensmitteln nicht nur den Stadtkindern fremd. Denn für die Ställe gilt „Zutritt verboten“. Die Hygienevorschriften sind streng, was notwendig ist, da die Tiere durch das enge Zusammenleben mit wenig frischer Luft kein stabiles Immunsystem haben.

Überhaupt gibt es gar nicht mehr so viele Bauernhöfe. Zum heutigen Strukturwandel gehört, dass aus vielen Kleinen ein Großer wird. Das gilt für den Einzelhandel wie für die Gastronomie und eben auch die Landwirtschaft. Besonders deutlich wird das zum Beispiel bei der Geflügelhaltung. Die Zahl der Betriebe mit Hühnern in Schleswig-Holstein sank zwischen 2013 und 2017 um neun Prozent. Dagegen stieg die Zahl der Lege- und Masthühner um 19 % auf 3,83 Mio. Tiere (Statistikamt Nord).

Dieser Wandel bedeutet weniger Vielfalt und mehr Masse. Es führt zu Produktionsverfahren, die weder gut für die Umwelt noch für das Tierwohl noch für unsere Gesundheit sind. Und obwohl fleißig daran gearbeitet wird, dass jedes Produkt aus dem Supermarkt zurück verfolgbar wird, lässt sich kaum überblicken, wo ein Tier geboren oder eine Pflanze gewachsen ist, geschweige denn unter welchen Bedingungen. Wenn ich darüber mit anderen spreche, lehnen die meisten, ob aus der Stadt oder vom Land, diesen Zustand ab. Der Trend geht zu mehr Ernährungs- und mehr Umweltbewusstsein. Das sagt jedenfalls mein Gefühl und das sagen auch viele Medien.

Billig, billig

Allerdings überwiegt bei der Kaufentscheidung immer wieder eines: Lebensmittel sind zu sehr niedrigen Preisen zu haben. Und zwar schon so lange, dass vor allem in der Stadt, aber mittlerweile auch auf dem Land, wenige Verständnis für Preise aufbringen, die eine bessere Wertschöpfungskette möglich machen. Hinzu kommt die große Konkurrenz auf dem globalisierten Markt. Der Druck auf die Produzenten wird immer stärker. Einer von vielen Gründen, warum die „Großen“ überhandnehmen und die „Kleinen“ verschwinden. Je extremer dieser Zustand wird, desto größer wird jedoch zum Glück auch die Gegenbewegung.

Regional soll es sein, hausgemacht und möglichst auch nach Bio-Vorschriften hergestellt. Meiner Meinung nach alles Kriterien, nach denen man einkaufen sollte. Diese Eigenschaften sind allerdings nicht unbedingt vereinbar mit billig, fettarm und jederzeit verfügbar. Hier entsteht also ein Widerspruch. Auf der einen Seite die Vorstellung vom romantischen Landleben und der Wunsch nach Essen wie zu Omas Zeiten. Andererseits die spezialisierten Produktionsstätten, die einmal Bauernhöfe waren und das Verlangen nach dem günstigsten Angebot, das rund um die Uhr online bestellbar sein soll.

Es wäre doch wünschenswert, diese Gegensätze wieder mehr zu vereinen! Produzenten in unmittelbarer Nähe zu wählen und direkt bei Ihnen einzukaufen, so richtig regional. Dann kostet es eben ein bisschen mehr, doch es schmeckt auch gleich viel besser, ist besser für die Umwelt und besser für die strukturelle Entwicklung. Ich bin überzeugt, genussvoller und gesünder wird das Leben dann auch insgesamt. Und das ist doch was wir wollen!