Heimat is(s)t Fliederbeersuppe

Wenn Mutter lange Küchenhandschuhe anzog und sich hinter einer großen Schürze verbarg und zu Schere und Gabel griff, dann wusste ich: jetzt werden Fliederbeeren gezippelt. So nannte sie es. Ich konnte das noch nicht. Ich hatte nur beim Pflücken der tief hängenden Dolden helfen dürfen. Wir waren zu den Hecken und in die Büsche gegangen und ich hatte gelernt, dass ich nur die schwarzdunklen Beeren greifen und abbrechen durfte. „Keine roten, keine grünen. Die sind giftig.“

Nun also wurde gezippelt, nun wurden die Beeren mit der Gabel von den Stielen gerupft. Immer nur die reifen, die schwarzen. Viel Saft spritzte, und ich wusste, heute und morgen würde es nach dem bittersüßen Saft im Haus riechen – und dann kam die herrliche, aromatische Fliederbeersuppe auf den Tisch. Mit verschwenderisch viel Zucker gesüßt und vor allem mit Apfelstücken und locker-leichten Klößen und reichlich schaumigem Grießbrei auf den Tisch gebracht. Ein Festessen für mich. Der Geruch und Geschmack des späten Sommers, des frühen Herbstes. Wenn genügend Dolden gepflückt, genügend Saft gekocht war, gab es die süße Suppe nicht nur einmal! Und zuweilen gab es auch Marmelade und Mus, mit Fallobst verkocht.

Heimat des Genusses gründet sich meist auf kindliches Erinnern. Fledersupp mit Klüten, wie man im Norden sagt, hat sowas für mich. Denn es stammt aus Zeiten, in denen es nichts gab. Aus den Notzeiten nach dem Krieg. Als von Busch und Baum, aus Feld und Flur alles verarbeitet wurde, was essbar war. Es war spärlich – und alles kam zu seiner Zeit. Holunderbüsche gab es reichlich an den ländlichen Wegen. Einige wurden schon zur Blütezeit geplündert, weil Mutter davon – wenn es denn Zucker gab – Hollersirup kochte. Holundersirup, den wir heute für den „Hugo“ brauchen. Viel später, als es allen besser ging, wurde auch Hollersekt selbst gemacht. Eine Wonne – wenn denn die Flaschen heil blieben und nicht frühzeitig durch die Gärung hochgingen…

Aber viele Holunderbüsche durften ihre Blütenpracht behalten und reiften dann im ausgehenden Sommer zu den begehrten schwarzen Holunderbeeren heran. Fliederbeeren nannten wir sie. Eine süße Abwechslung im noch kargen Jahresablauf. Man aß ja, was man hatte. Kaum vorstellbar, dass man – wie heute – Holundersaft und –sirup fertig kaufen kann. Das ganze Jahr hindurch…

Süße Suppen zum Sattwerden gehören im Norden zur traditionellen Alltagskost. Zuweilen gab es noch Aufgebratenes oder einfach Bratkartoffeln achteran. Aber die Hauptspeise bescherte die große Suppenterrine, randvoll gefüllt mit der schwarzroten, leicht angedickten Suppe. Mit Mengen von Apfelstücken, zuweilen auch mit Quittenwürfeln bissfest gemacht. Und immer begleitet von sättigenden Klüten, also kleinen Klößen. Mehlklöße, für die jede Hausfrau ihr Lieblingsrezept hatte, auch Grießklöße oder Grießbrei. Meine Lieblingsklüten seit Kindertagen sind hauchzarte Schwemmklößchen, die auf der Zunge zergehen und mir schon beim Naschen wunderbar schmeckten. Und Grieß als schaumig aufgeschlagener Brei, der mir Kindertage versüßte und Kummer vertröstete.

Übrigens erzählte man sich in meinen Kindertagen, dass der Hollerbusch Haus und Hof schütze und Menschen vor Bösem bewahre. Deshalb stünden so viele schwarze Holunder in den Bauerngärten. Und ich weiß auch noch, dass ich bei Halsweh eine Kette aufgezogener getrockneter Holunderbeeren um den Hals gebunden bekam. Ob es half, das weiß ich nicht mehr. Aber so manche Bauernweisheit wurde ja noch gelebt.