Keine Verwendung für männliche Küken

Die Legehennenzucht – ein Martyrium der besonderen Art.

Hier werden nicht nur Hennen zu hochleistungs-Eier-legenden Maschinen degradiert, Hühnern die Schnäbel gekürzt, damit sie sich auf dem engen Raum nicht gegenseitig verletzen und um das Federpicken zu verhindern, sondern auch unerwünschter männlicher Nachwuchs innerhalb von wenigen Stunden nach dem Schlüpfen per Schredder-Maschine seines Lebens beraubt, bevor es überhaupt begonnen hatte. Seit Jahrzehnten ist die Massentötung unerwünschter männlicher Küken in der Geflügelindustrie gängige Praxis. Entweder werden die quietschlebendigen Küken körbeweise auf ein Fließband gekippt, welches sie dann direkt und bei lebendigem Leibe in einen Industrieschredder befördert und dort zerhäckseln lässt. Oder sie sterben in einer begasten Kammer durch Sauerstoffmangel bzw. dem einatmen des Kohlenmonoxids innerhalb weniger Minuten. Auf diesen Wegen werden jährlich rund 45 Millionen Küken getötet. Dabei heißt es in §1 des Tierschutzgesetzes: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Dass einige der getöteten Küken zur Fütterung anderer Tiere weitergegeben werden, reicht den Betrieben als „vernünftiger Grund“. Wobei „vernünftig“, wie mir scheint, ein sehr relativer Begriff ist.

Schredderhähne

Sobald sich die Küken von ihren Eischalen befreit haben und das Gefieder der kleinen getrocknet ist, werden sie in der Brüterei von sogenannten „Sexern“, das sind Mitarbeiter, die auf die Erkennung des Geschlechts nach der Farbe des Federkleides spezialisiert sind, nach Hennen und Hähnen sortiert. Die Hennen werden auf dem Laufband Richtung Masthalle belassen, wo ihnen auf dem Weg zu dieser noch schnell maschinell die Schnäbel gekürzt werden. Die Hähnchen werden in den Schlund einer Maschine geworfen, die sie per Laufband direkt in einen Schredder befördert. Immer wieder gibt es Hähnchen, die von dem Schredder nicht richtig erfasst wurden und hinterher nur halbtot und sich windend zwischen der fleischigen Masse ihrer toten Artgenossen liegen bleiben, bis auch sie tot sind.

Hochleistungshühner

Früher, als es noch keine speziellen Züchtungen für extrem hohe Legeleistung und platzsparenden Körperbau der Hennen gab, war es üblich, dass die männlichen Geschwister dieser Hühner gemästet, geschlachtet und verspeist wurden.

Die heutigen Legehennen sind jedoch auf Hochleistung gezüchtet. Die sogenannten Hybrid-Linien sind auf niedriges Körpergewicht und hohe Legeleistung ausgelegt. Je kleiner ein Huhn, desto weniger Futter braucht es und desto mehr Tiere bekommt man untergebracht. Entsprechend ist an den Brüdern dieser Hennen, sie machen 50 Prozent aus, nicht so wirklich viel dran.

Nicht rentabel aber ethisch?

Hähnchen zu Mästen lohnt sich inzwischen einfach nicht mehr. Jedenfalls dann nicht, wenn der Verbraucher nach wie vor so wenig wie nur irgendwie möglich für Hühnchen Fleisch ausgeben möchte. Die Hähne brauchen wesentlich länger als ihre Schwestern, um an Gewicht zuzulegen; damit sind ihre Unterhaltskosten erheblich höher. Und sie setzten grundsätzlich nicht so viel Fleisch an. Der Verbraucher mag aber keine „mageren“ Hähnchenbrüste, Eier legen können die Hähnchen auch nicht – also sind sie wertlos und damit Abfall.

Ein Recycling der besonderen Art war bis zum Ausbruch von BSE die Verarbeitung der getöteten Hähne zu Tiermehl, welches dann wiederum als Futter für andere Tiere diente. Doch nach dem Ausbruch der BSE wurde ein Fütterungsverbot des Tiermehls ausgesprochen. Nun finden einige der vergasten Hähnchen den Weg in Zoos, die mit diesen kleinen Kadavern ihre Reptilien und Greifvögel füttern. Über den Verbleib der geschredderten männlichen Tiere ist nicht viel bekannt. Wird dieser Kükenbrei ebenfalls wieder ins Tierfutter gemischt oder landet er einfach auf dem Biomüll?

Im Vergleich zu ihren weiblichen Geschwistern, die meistens in enge Käfige gesperrt werden, hat die Hähnchen vielleicht doch ein besseres Schicksal ereilt?

Denn auch den am Leben gelassenen Hennen geht es alles andere als gut.

Von der Prozedur des Schnabel Kürzens traumatisiert, dem Lärm der Maschinen und der rüden Handhabung der Menschen ausgesetzt, werden die kleinen Hühner innerhalb von 4 Wochen bei der Kurzmast von einem Kükengewicht von 42 Gramm zu Masthennen mit einem Gewicht von 1100 Gramm hochgemästet. Bei der Langmast, Broiler, erreichen die 42 Gramm leichten Küken ihr Schlachtgewicht von 2000 Gramm innerhalb von 6 Wochen. Daher sind Gefäßverkalkungen, Knochen- und Bänderdeformationen sowie Herz-Kreislauferkrankungen, da der Stoffwechsel bei der rasanten Gewichtszunahme nicht mehr mitkommt nur eine natürliche Folge dieser quälerischen Mastbedingungen bei denen die Hühner auf 800 Quadratzentimeter (550 Quadratzentimeter misst ein DIN A 4-Blatt) dicht an dicht gedrängt ihr Dasein fristen. Sie leiden unter permanenten Schmerzen, die sie durch das Vermeiden des Stehens, liegender Weise zu lindern versuchen. Das stetige Hecheln in den wärmeren Monaten, dient dazu, dem überhitzten Körper ein wenig Kühle zu verschaffen. Des Weiteren leiden die Tiere unter Entzündungen der Fußballen und der Schleimbeutel am Brustbein. Diese Entzündungen sind keine Ausnahmen sondern die Regel, gegen die Antibiotika eingesetzt werden.

Zynisch könnte man anmerken: Nicht ohne Grund hilft uns eine schöne Hühnersuppe bei Infekten wieder auf die Beine zu kommen.

Es geht auch anders

In der Forschung wird inzwischen an einer Methode gearbeitet, bei der die Geschlechterbestimmung mittels eines Spektroskops bereits innerhalb der ersten 88 Stunden im Ei erfolgen kann und somit die Eier, in denen Hähnchen heranwachsen, gar nicht erst ausgebrütet würden. Diese Technik ist jedoch noch nicht für den Massenbetrieb ausgereift. Das Bundeslandwirtschaftsministerium fördert dieses Projekt, doch ob die Mastbetriebe es letztendlich als rentabel einstufen, bleibt abzuwarten.

Einige wenige Hühnerzüchter haben es sich zur Aufgabe gemacht, Alternativen zur Hähnchentötung zu finden. So gibt es zum Beispiel die „Bruderhahn Initiative Deutschland“, bei der die Legehennen mit ihren Eiern für die Kost und Logis ihrer Brüder aufkommen. Die Aufzucht der Hähne wird mit einem Preisaufschlag von 4 Cent pro Ei finanziert.

Die Tierärztin Silke Rautenschlein, eine Geflügelexpertin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover startete Ende 2015 ein großes Forschungsprojekt zum sogenannten „Zweinutzungshuhn“. Die aus der Forschung entstandene Linie „Lohmann Dual“ erfüllt beide Kriterien: Die Hennen legen viele Eier und die Hähne setzten schön viel Fleisch an. So wie früher, vor der Spezialisierung auf starke Legeleistung oder schnell wachsende Broiler. Diese beiden Beispiele zeigen, dass es auch anders geht. Auch wir Verbraucher haben es in der Hand. Keiner zwingt uns, Eier aus Massentierhaltung zu kaufen. Ob Huhn oder Hahn: Sie haben unseren Respekt verdient.

Eier und Hähnchenfleisch aus der Bruderhahn Initiative:

Eier und Hähnchenfleisch von ei-care: