In den vergangenen Jahrzehnten wurde das Schwein vom Nutztier zum reinen Verbrauchstier degradiert, da es weder Wolle noch Milch liefert und zudem als Transportmittel völlig ungeeignet ist. Es soll so wenig Platz wie möglich beanspruchen und so viel wie nötig fressen, um in einigen wenigen Monaten seine Schlachtreife von durchschnittlich 110 Kilogramm zu erreichen. Das Tierschutzgesetz sieht dafür eine Fläche von 0,5 bis 1 Quadratmeter pro Tier vor. Einstreu, Auslauf oder gar Beschäftigungsmöglichkeiten – alles was für ein Schweineleben wichtig ist - sind in dem Gesetz nicht vorgesehen. Was tun wir den Schweinen an? 

Schweine sind dem Menschen ziemlich ähnlich. Sie sind intelligente, kommunikative, soziale, verspielte und stressanfällige sensible Tiere. Tiere, die sich, wenn sie dicht an dicht auf Spaltböden stehen, schnell langweilen und durch die Intensivtierhaltung, wo keines dem anderen ausweichen kann, bei dem kein Schwein seinen tiefsten Bedürfnissen – dem Suhlen im Matsch oder dem Pflügen des Bodens nachgehen kann, zu Verhaltensanomalien neigen. Eine Form dieser Anomalie ist das Schwanzbeißen. Immer wieder beißen sich die Schweine gegenseitig die Schwänze blutig, woraufhin es nicht selten zu Entzündungen (Nekrosen) dieser Wunden kommt, die sich bis in die Wirbelsäule ausdehnen können. Die betroffenen Schweine erkennt man an den blutigen und angeschwollenen Schwänzen. Doch das Kürzen der Schwänze kann Verhaltensstörungen wie Beißen durch Aggressionen nicht verhindern. Zumal ein gestörtes Schwein auch in einen kurzen Schwanz oder in Ohren beißen kann und wird. Ganz abgesehen davon, dass eine Kürzung des Schwanzes nichts an den Ursachen der Verhaltensanomalien verändert.

Ferkelpopos ohne Ringelschwänzchen?

Sich die drolligen kleinen zäpfchenförmigen Schweinchen mit den Steckdosen-Schnäuzchen ohne Ringelschwänzchen am Popo vorzustellen, bedarf fast schon einer morbiden Phantasie. Und doch haben Fachleute zum Ende des Jahres 2016 die Anzahl der kupierten Ferkel auf 99% geschätzt. Und das, obwohl es in der EU seit 1994 laut Tierschutzgesetz nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt, aber doch eigentlich verboten ist, die Schwänze von Schweinen zu kürzen oder gar zu amputieren. Laut des Schleswig-Holsteinischen Tierschutzberichts vom Oktober 2016 ist das Kürzen des Ringelschwanzes von Schweinen nur dann erlaubt, „wenn der Eingriff im Einzelfall für die vorgesehene Nutzung des Tieres, zu dessen Schutz oder zum Schutz anderer Tiere unerlässlich ist (TierSchG § 6).“

Auch ein ganzer Betrieb gilt als „Einzelfall“.

Im Tierschutzgesetz heißt es auch, das ein Kürzen von Schwänzen bei Ferkeln mit einem Lebensalter unter vier Tagen ohne Betäubung zulässig ist (TierSchG § 5 Abs. 3 Nr. 3). Da stellt sich die Frage, ob ein drei-Tage altes Ferkel weniger Schmerzempfinden als ein fünf-Tage altes Ferkel hat?

Zusammengefasst ist es also keine Ausnahme, sondern die Regel, dass Schweinen die Schwänze gekürzt werden - und wenn sie jung genug sind, auch ohne Narkose oder Schmerzmittel.

Es geht auch anders

Doch bevor der Schwanz eines Ferkels gekürzt werden darf, sollen andere Maßnahmen (die Verbesserung der Haltungsbedingungen) ergriffen werden, um das Schwanzbeißen zu vermeiden. Erwiesen ist inzwischen, dass bei Schweinen die artgerecht gehalten werden, das Schwanzbeißen untereinander äußerst selten vorkommt. Artgerecht bedeutet, dass diese Schweine sich im Stall frei bewegen und sich ihr soziales Umfeld dadurch aussuchen können. Sie laufen auf spaltlosen Böden und Einstreu lädt zum hinzulegen oder dazu ein, mit ihren Schnauzen nach Herzenslust darin zu wühlen. Beschäftigungsmaterial wie Stroh, Heu und Säcke laden zum Spielen ein. Frisches Trinkwasser und mit Heu gefüllte Raufen stehen permanent zur Verfügung. Durch einen Gang haben sie die Möglichkeit nach Draußen an die frische Luft zu gelangen.

Möglichst viel und billig

Fraglos ist es einfacher und billiger die Schweine auf die tierfeindlichen Lebensumstände der Ställe in Großmastbetrieben zurechtzustutzen, als die Ställe und Lebensbedingungen den Bedürfnissen der Tiere anzupassen. Und was ist schon so ein kleines Stück Schwanz? Dass Schweine auch gerade mit ihrem Ringelschwanz ihre Emotionen ausdrücken und dieser auch der Kommunikation untereinander dienlich ist, interessiert niemanden.

Einzig interessant ist viele Schweine auf wenig Platz schnell zur Schlachtreife zu bringen, um das Fleisch der Tiere dann billig verkaufen zu können. Allein in Deutschland werden jährlich 60 Millionen Schweine gemästet und verspeist.

Bei dem Autor Karl August Grosskreutz heißt es:

„Schweinischer als ein Schweinisches Schwein, kann nur der Mensch noch sein.“

Änderungsversuch

So hat der Tierschutzverein für Nutztiere „Provieh“ im Jahre 2009 bei der EU Kommission wegen Nichteinhaltung der Richtlinien zum Schutz der Schweine Beschwerde eingereicht und seitdem immer wieder mit Nachdruck gefordert, die Kontrollen für die Umsetzung der Leitlinien für Haltungsbedingungen zu verbessern, doch bisher mit eher mäßigem Erfolg. Nach wie vor läuft es darauf hinaus, dass solange es im Tierschutzgesetz Ausnahmeregelungen gibt, Ausnahmen die Regel sein werden. Lasst den Schweinen ihren Schwanz!

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