Heute frisch im Kühlregal: Ein paar Fakten zum Thema Laktoseintoleranz

Ja, es gibt sie – die Intoleranten! In den letzten 10 – 15 Jahren scheinen sich die Menschen mit einer Unverträglichkeit gegenüber dem Milchzucker, der Laktose, nahezu sprunghaft vermehrt zu haben – und mit ihnen die Angebote an laktosefreien Produkten. War noch zu Anfang der 90er Jahre(zu Zeiten meines Studiums…) eine Erkrankung dieser Art als selten bezeichnet worden, sind seit der Jahrtausendwende immer mehr Menschen „mit Brief und Siegel“ laktoseintolerant. Sie haben Beschwerden nach dem Verzehr von Milchprodukten, die von „leichtem Bauchgrummeln“ bis hin zu massiven Durchfällen und schmerzhaften Krampfanfällen gehen können. Früher hatten Patienten mit diesen Symptomen oft eine Arzt-Odyssee hinter sich, heute bekommen sie ihre Diagnose schnell und einfach schon bei „Dr. Google“. (pProbieren Sie es doch mal selbst aus: mit Milch und Bauchweh als Suchbegriffen). Trotz des nun entstandenen Eindrucks:

  1. Laktoseintoleranz ist keine Krankheit!
  2. Laktoseintoleranz ist nicht ansteckend!
  3. Das Ausmaß der Laktoseintoleranz nimmt weltweit nicht zu!

Zu 1: Normalerweise wird der Milchzucker, die Laktose, aus Lebensmitteln im menschlichen Darm in seine beiden Bestandteile, Glucose, Traubenzucker, und Galaktose, Schleimzucker, gespalten und dann in die Blutbahn aufgenommen. Das hierfür benötigte Verdauungsenzym heißt Laktase. Wird der Milchzucker nicht oder nur teilweise aufgespalten, gelangt er in den unteren Darmbereich und dient den dort ansässigen Bakterien als Nahrung. Diese freuen sich über die unerwartete Nahrung und verstoffwechseln den Zucker, es entstehen Gase und organische Säuren, die die Symptome der Laktoseintoleranz hervorrufen: Luft und entsprechenden Bauchdruck, Wassereinstrom in den Darm und Durchfall. Das Verdauungsenzym Laktase wird im Säuglings- und Kleinkindalter in ausreichender Menge produziert. Ja, Milchzucker steckt auch in Muttermilch! Beim Jugendlichen oder Erwachsenen kann es z. B. als Folge von Erkrankungen, aber auch genetisch bedingt, vorkommen, dass nicht mehr genug Enzym hergestellt wird. Etwa 90 % der Weltbevölkerung haben im Erwachsenenalter nur noch geringe Laktaseaktivität, in Europa aber nur etwa 10 – 20 %.

Zu 2 und 3: Die Diagnose der Laktoseintoleranz kann mit einem Milchzuckerbelastungstest bestätigt werden. Hierzu wird unter ärztlicher Aufsicht eine Testflüssigkeit mit Milchzucker nüchtern eingenommen und bis zu zwei Stunden der Wasserstoffgehalt der Atemluft mit einem Atemtestgerät gemessen. Diese vereinfachte, günstige Testmethode wird heute vermehrt auch in hausärztlichen Praxen angeboten und hilft, der oft bis dahin unklaren Ursache für Blähungen, Übelkeit und Bauchbeschwerden auf die Spur zu kommen. „Früher“ wurde einfach das Lebensmittel Milch weggelassen und die Beschwerden waren verschwunden. Jedoch ist Milch für uns auch ein wertvolles Nahrungsmittel. (leider auch ein wertvolles Nahrungsmittel). Die Wissenschaftler sind sich im Bereich Laktoseintoleranz ziemlich einig: Dass Erwachsene „gelernt haben“, Milch als Nahrungsmittel zu nutzen, hat uns Europäer, und wie auch die Nordamerikaner und Australier, in der Entwicklung gut vorangebracht: Energie über Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate stecken in kaum einem anderen Lebensmittel in so guter Kombination mit dem Knochenbaustein Calcium wie in der Milch. Und vielseitig in der Verwendung ist sie auch noch: weltweit gibt es mehrere 1000 Käse-, Joghurt- und Quark-Zubereitungen! Dieser Lernprozess beruht auf einem genetischen Fehler: die Produktion der Laktase funktionierte im Erwachsenenalter weiter. Diejenigen, bei denen diese Genmutation erfolgte, waren besser energieversorgt, konnten sich dementsprechend besser fortpflanzen und die Welt bevölkern. In Afrika, Asien und Südamerika hinktmag durch die Temperaturen, und in vergangenen Zeiten die Schwierigkeiten dadurch, Milch lange kühl zu halten, bedingt dieser Effekt noch etwas hinterherhinken, aber auch hier nimmt die Zahl der „Laktosetoleranten“ mit dem steigenden Angebot an Milchprodukten zu. Übrigens: Laktose steckt auch in Schaf- oder Ziegenmilch!

Was nun tun bei denen, die nachgewiesenermaßen intolerant sind? Den Milchzucker ein Leben lang vermeiden ist in den allermeisten Fällen nicht notwendig, oft genügt es, nach einer 4-wöchigen Erholungsphase mit milchzuckerfreien Produkten auf größere Mengen frischer Milch, Sahne, Joghurt und Quark zu verzichten. Welche Mengen an Milchzucker vertragen werden, ist individuell unterschiedlich und muss ausgetestet werden. Bei einer leichten Laktoseintoleranz werden täglich, je nach Art und Kombination der Mahlzeiten, 8 – 10 g Milchzucker problemlos vertragen, laktosearme Ernährung, bei schwereren Formen zwischen 0 und 1 g, laktosefreie Ernährung. Ein Glas Vollmilch (200 ml) enthält ca. 10 g Laktose, Joghurt, Buttermilch und Kefir etwas weniger. In Käse nimmt der Laktosegehalt mit fortschreitender Reifung ab, in Butter ist in unseren üblichen Verzehrmengen unter 1 g Laktose enthalten. Ausführliche Tabellen hierzu bekommen Sie bei versierten Ernährungsberatungen und zusätzlich noch ein paar alltagstaugliche Tipps für den Umgang mit der Produktvielfalt im Schlaraffenland!

Denn nicht zu vergessen ist: gerade die „Guten“ unserer Darmbewohner freuen sich über regelmäßigen Verzehr von Sauermilchprodukten und ein gesunder Darm schafft es auch, wieder mehr vom Verdauungsenzym Laktase zu produzieren – wenn er regelmäßig gefordert wird über ein Angebot von milchzuckerhaltigen Produkten. Wer verzichtet schon gerne auf Milch, Quark, Jogurt und Sahne?