Ein Leben für die Gastronomie

Der älteste Krug Schleswig-Holsteins brannte am 30. Juli 2018 lichterloh. Das Feuer im „Historischen Krug“ in Oeversee richtete Millionenschaden an. Wir berichteten.
Der Krug soll wiederaufgebaut werden, wie Besitzerin Lenka Hansen-Mörck Nordische Esskultur verriet. Wer ist diese Frau, die dieses ambitionierte Unterfangen angeht? Ein Porträt des Autors aus dem Jahres 2015.

„Leben ist das, was passiert, während du etwas anderes planst.“
(John Lennon)

Dass Lenka Hansen-Mörck einmal zwei renommierte Hotels in Schleswig-Holstein leiten würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Auch nicht, dass sie ihr Lebensweg von einem böhmischen Gutshof über die halbe Welt bis kurz vor die dänische Grenze führen wird. Und schon gar nicht, dass sie die Patronin eines 500-jährigen Krugs würde. Hatte sie sich doch als junges Mädchen geschworen: Nie wieder Gastronomie.

Geboren wird Lenka Hansen-Mörck als Lenka Ládková in der ehemaligen Tschechoslowakei. Ein Land, in dem die Verhältnisse ihrem persönlichen Glück im Wege stehen. Am 21. August 1968 marschieren unter der Führung der Sowjetunion Truppen des Warschauer Paktes ein und beendeten brutal den zarten Reformfrühling unter Alexander Dubček. Die Eltern emigrieren nach Australien, wohin das junge Mädchen Lenka ihnen erst nach zwei Jahren folgen kann. Im ehemaligen Ostblock war es üblich, dass die Schüler einen Teil der Ferien arbeiten müssen. Lenka entscheidet sich für die Arbeit in einem Hotel.

Nie wieder Gastronomie

Als sie mit meinem schweren Koffer im Hotel ankommt, ist es ein regnerischer Spätherbsttag. Von der Bushaltestelle muss das Mädchen drei Kilometer einen steilen Anstieg zum Hotel hinauflaufen. Sie friert und wird vom linientreuen Betreiber-Ehepaar in einem Kellerloch einquartiert. Der Arbeitstag beginnt für sie um 8 Uhr und endete selten vor Mitternacht. Das waren die übliche Arbeitszeit in der sozialistischen Gastronomie – zumindest für den „Klassenfeind“. Sie schwor sich: Nie wieder Gastronomie!

Im Juni 1970 war es endlich soweit: Mit 17 Jahren darf sie ausreisen. Von Prag über Wien, Karachi, Singapur kann sie in Sydney ihre Eltern wieder in die Arme schließen. In Sri Lanka erlernt sie die Kunst des Ayurveda. 1973 verschlägt es sie nach Deutschland. Sie arbeitet als Regieassistentin beim Schulfunk. „Im Nachhinein glaube ich, dass die Arbeit beim NDR mich gut auf meine Aufgaben in der Gastronomie vorbereitet haben. Denn in der Gastronomie kommt es auf gute Organisationsfähigkeiten an. Ein guter Gastgeber zeichnet seine Fähigkeit zu Improvisation aus, ohne dass es der Gast merkt.“ Es schließt sich der Besuch einer medizinischen Fachschule für Kosmetik an. Hier kann sie ihr Wissen über Ayurveda und ganzheitliche Naturheilkunde um die Kenntnisse der medizinischen Kosmetik erweitern und ihren eigenen Ansatz entwickeln. Damit will sie sich selbstständig machen.

Liebesglück und harte Arbeit

Im September 1980 kommt sie nach Oeversee. Es war neun Monate nach dem verheerenden Brand des Historischen Kruges. Hans Hansen-Mörck musste sein Restaurant Fischerhuus verkaufen, um den Wiederaufbau des Krugs zu finanzieren. Viele Jahre später gestand er ihr, dass er sich sofort in sie verliebt hatte. Es kam wie es kam: Sie kauft das Haus am See und verliebt sich ihrerseits in ihren Hans. 1982 wird geheiratet, ein Jahr später kündigt sich Nachwuchs an - Hans-Christian wird geboren. Die Arbeit im Krug ist damals sehr hart; sie besteht aus einer sieben Tage Woche, mit 14 bis 16 Stunden Arbeit am Tag. War im Krug Feierabend, war im Fischerhuus zu tun und umgekehrt. Aus diesem Grund entschließt sich das Paar aus dem Fischerhaus keine Beauty Farm zu machen, sondern das Haus am See zu verkaufen und vom Erlös in eine Spa-Abteilung mit Beauty Farm im Historischen Krug zu investieren. Im November 1984 ist es soweit. 1986 werden sie gleichberechtigte Partner. Nach dem Tod ihres Mannes 1994 führt sie den Historischen Krug alleine weiter und baute ihn aus. Und dann übernimmt sie 2006 auch noch das 5-Sterne Hotel Altes Gymnasium in Husum. Statt Dank – es lief nicht gut - bekommt sie eiskalten Gegenwind zu spüren. Alte Mitarbeiter opponieren, fürchten um ihr Pfründe, „Kollegen“ streuen Gerüchte: „Die Frau kann das nicht“, wird verbreitet. Gastronomie ist eine Schlangengrube. Lenka Hansen-Mörck macht sich professionell und sachlich ans Werk. Versucht zu überzeugen, zu motivieren und wo es notwendig ist, räumt sie auf. Mittlerweile steht das Alte Gymnasium prächtig da, schreibt schwarze Zahlen.

Warum sie sich das alles antut, warum nicht alles verkaufen und sich irgendwo ein süßes Leben machen? „Für Müßiggang bin ich nicht geschaffen“, lächelt sie mich an. „Außerdem liebe ich diese Landschaft und die Menschen hier. Und meine langjährigen Mitarbeiter und Gäste sind mir sehr ans Herz gewachsen.“

Als Lenka Hansen-Mörck das erste Mal den Historischen Krug betrat, hatte sie das Gefühl, als wenn sie schon mal hier gewesen sei. Sie meinte den Geist von Tante Inge, Hans Hansen-Mörcks Großmutter, zu spüren. Eine in jeder Beziehung ungewöhnliche Frau, die den Krug 66 Jahre mit Geschick durch stürmische Zeiten steuerte. Eine starke Frau mit Herz. Nicht die letzte in der Familie, überlege ich. Ob es ihr Befriedigung verschafft, es den Spöttern, Kritikern und Männern gezeigt zu haben, frage ich die stets bescheiden auftretende Patronin: „Ach wissen sie, in solchen Kategorien denke ich nicht. Außerdem schätze ich Männer wirklich sehr, sie müssen allerdings klug und charmant sein und sollten keine Angst vor starken Frauen haben.“

Video: Historischer Krug Oeversee | Die schönsten Landgasthöfe. Produziert vom ZS Verlag

Über den Brand: www.nordische-esskultur.de/historischer-Krug-brennt
Über die Geschichte des Kruges: Teil 1 und Teil 2
Über das Buch zum historischen Krug: www.nordische-esskultur.de/Buecher/Historischer-Krug