Erik Engilssons Festmahl Teil 1

Historisches Essen ist beliebt, Essen wie bei den Buddenbrooks, Römische Orgie, Mittelalterliche Tafel, exotische und ungewöhnliche Erlebnisse bis hin zum Klamauk werden angeboten. Je zeitlich weiter weg das Vorbild ist, umso mehr wird pseudohistorischer Spaß ausgelebt, ohne dass die geschichtlichen Hintergründe noch Beachtung finden. Da wird mit den Fingern zugelangt, gekleckert wie im Kinderzimmer, wilde Trinkspiele brechen sich Bahn. Es geht aber auch anders, bei Rückbesinnung auf das Überlieferte können Gaumenfreude und Aha-Erlebnis eine spannende und authentische Verbindung eingehen. Und es muss nicht im Chaos enden. Eine interessante Möglichkeit ist ein festliches Wikingeressen, auch wenn der Laie hier Ekel, Besäufnis und Schlägerei vermutet. Wir werden in sechs Kapiteln ein wikingerzeitliches Festmahl beschreiben, dabei die Hintergründe beleuchten und die Rezepte vorstellen. Wir besuchen das Festmahl des dänischen Wikingers Erik Engilsson, der seinen Hof in der Nähe der großen Handelsstadt Haithabu hat und zum Abschluss eines erfolgreichen Sommers einige Freunde zum Essen einlädt. Wikingerzeitliche Höfe liegen eher vereinzelt in der Gegend. Nicht, dass man den Nachbarn nicht traut, aber die nordischen Sagas wissen von vielen kleinen Reibereien zu berichten.

Die Wikinger – ein historisches Phänomen

Die Wikingerzeit wird üblicherweise durch die Jahreszahlen 793 und 1066 begrenzt. Beides sind kriegerische Ereignisse, 793 wurde von nordeuropäischen Seefahrern das Kloster Lindisfarne an der englischen Ostküste überfallen, 1066 trugen sich im Süden Englands zwei Schlachten zu. Der angelsächsische König Harold und seine Krieger schlugen zuerst bei Stamfortbridge ein Wikingerheer, um dann bei Hastings gegen die Normannen, inzwischen frankifizierte Wikingernachkommen unter Wilhelm, dem Eroberer zu verlieren. Dies Kriegerische hängt den Wikingern seitdem an, zumal der Überfall von Klöstern genau die traf, die schreiben konnten. Mönche führten Jahrbücher und Chroniken und gaben den Nordleuten natürlich eine schlechte Presse, deren Bilder bis heute halten.

 

Die Wahrheit war anders.

Im Norden war Schifffahrt seit alters her die beste Reise- und Bewegungsmöglichkeit, dank Atlantik, Nord- und Ostsee und vieler Flüsse kam man bequem voran. Die Schiffe waren so gebaut, dass sie die nördlichen Wetter- und Wellenverhältnisse gut vertrugen. Flexibel und flach zum Anlanden an jedem Strand, zum Reiten auf langen und kurzen Wellen, ohne zu zerbrechen, ruder- und segelfähig, je nach Wetter. Fernhandel war auch dank Bernstein schon lange intensiv etabliert. Funde im ganzen Norden belegen das. Den Sommer nutzten die Leute fürs Reisen, im Winter blieben sie auf ihren Höfen. Somit waren sie Bauern und Kaufleute, saisonal ausgerichtet. Um größere Schiffe zu betreiben, taten sie sich in Genossenschaften zusammen, um am Seehandel zu verdienen. Seefahrt sollte und musste sich lohnen. Das unterstützte wiederum die Reise- und Entdeckerfreudigkeit: neue Länder und Inseln, neue Märkte. Dadurch waren sie neugierig, interkulturell begabt und konnten sich schnell auf neue Gegebenheiten einstellen. Wenn da ein Kloster mit seinen Schätzen und ohne ausgiebige Verteidigungsanlagen zum leichten Überfall geradezu einlud, wurde die Gelegenheit ergriffen, denn als Nichtchristen kannten sie keine religiöse Hemmung. Ergebnis, siehe oben! Als Ende des 8.Jh. im Mittelmeer durch Islamisierung der Handel stockte und gleichzeitig der Orient aufblühte, bot sich die Möglichkeit, über die Flüsse Russlands Orient und Europa zu verbinden. Dies nutzten die Wikinger, gleichzeitig erschlossen sie den Atlantik bis Grönland, es entstand ein wikingischer Welthandel. Erst im 11. Jh. änderten sich die Verhältnisse so, dass die Ära zuende ging. Einer der Handelsumschlagpunkte war nördlich des Frankenreiches, im Süden der Wikingerwelt, im Nordwesten der slawischen Siedlungsgebiete in Osteuropa die Handelsstadt Haithabu, international so bekannt, dass sie mehrere Namen trug: at Haethum im Angelsächsischen, Slitstorp in Mitteleuropa, Hedeby in Skandinavien. Das war die Wallstreet des 9. und 10. Jh. Wie viel verdient wurde, wird klar, wenn die aus dieser Zeit gefundenen Schätze als Beweis herangezogen werden. Allein auf der schwedischen Insel Gotland, Dreh- und Angelpunkt des wikingerzeitlichen Handels in der Ostsee, fand man über 800 Schätze mit mehr als 160000 Münzen aus Orient und Okzident.

Kochen mit den Wikingern

In dieser Welt kochen und essen wir bei einem typischen Vertreter dieser Welt und Zeit: Erik Engilsson. Er besitzt einen Hof nördlich des Waldgürtels und des Danewerks, die den Norden von den Sachsen und Mitteleuropa trennen. Im Sommer war er mit einigen Nachbarn, die zusammen als Genossenschaft ein kleines Handelsboot besitzen, unterwegs und hat Schmiedewaren verkauft und ganz gut verdient. Nun haben er und die Familie geerntet und für den Winter die Vorräte angelegt, Winterbier angesetzt und den Hof auf die Kälte vorbereitet. Da ist es Zeit für eine Feier mit Freunden. Den Umständen angepasst sind auch die Zutaten fürs Essen, regional und saisonal ausgesucht.

Schon der Gruß aus der Küche zu Beginn des Essens zeigt grob die Bestandteile typischer Wikingerküche. Getreide, Kräuter, Fisch und Milchprodukte.

 

Gruß aus der Küche

Fló af Murtr ok brau∂ - Pfannkuchen mit Maränenrogen

Aus 2 Eiern, 500 ml Milch, 150 gr. Mehl und 1 Teelöffel Salz einen glatten Teig rühren und Pfannkuchen mit 10 cm Durchmesser ausbacken, auf jeden Pfannkuchen 1 Teelöffel Maränenrogen, 1 Teelöffel Schmand und gehackten Schnittlauch und/oder Dill platzieren, und servieren.