Restaurantbesprechung "Specht Speisewirtschaft"

Sind es eigentlich tatsächliche Erlebnisse, Erzählungen von den Altvorderen oder einfach nur romantisierende Verklärungen - „früher war alles besser“ -, wenn man von den tollen Landgasthöfen schwärmt, in denen Mutter Klara noch die „besten Bratkartoffeln der Gegend“ machte, „die saftigsten Braten“ und sowieso „den einzig wahren Grünkohl“?

Verklären wir alle die Vergangenheit (die verdammten Fertigsaucen und ähnliche Erzeugnisse wurden ja auch damals bereits und auch auf dem Lande verwendet), waren wir einfach naiv oder hatten wir tatsächlich Glück, den wahren und ursprünglichen Geschmack erleben zu dürfen und vermissen diesen nun fortwährend?

Jedenfalls sind wir anscheinend alle auf der Suche nach eben diesen Stätten der einfachen, ungekünstelten, schnörkellosen und dabei natürlich regionalen Küche. Und zumindest hier im Norden Schleswig-Holsteins, an der schönen Schlei am Ortseingang des bezaubernden Städtchens Arnis, gibt es nun wieder einen Anlaufpunkt mehr für alle Suchenden. Volker Specht ist nach langen Jahren des Wanderns angekommen und hat sein erstes eigenes Projekt mit Gattin Belinda gestartet.

Wanderjahre eines Kochs

Der Mittfünfziger Specht hat viel gesehen und viel gelernt in den letzten Jahrzehnten. Im „4-Jahreszeiten“ in Hamburg, dort auch im „Atlantic“ und im „La Fayette“ hat er gearbeitet, bei Fritz Schilling in Bargum im legendären, momentan wegen Personalmangels leider geschlossenen, „Andresens Gasthof“. Den „Sommerhof“ in Fiefbergen hat er bekannt gemacht und war viele Jahre Küchenchef beim Gründervater von FEINHEIMISCH, Maximilian Bruhn, in dessen Hotel an der Ostsee. Die Liste ist nicht vollständig.

Seit Sommer 2017 nun hat er zum ersten Mal den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. Direkt am Yachthafen von Arnis/Grödersby haben sie nun „festgemacht“, die beiden Spechts. Gattin Belinda kümmert sich um Ambiente und Service, Volker wie gewohnt um das, was auf dem Teller landet.

Quasi „auf Stelzen“, oberhalb der Marina, betritt man über eine Treppe den renovierten, nordisch frischen, eleganten und doch nicht überkandidelten Gastraum. Blanke, schwarze Holztische mit Filzsets strahlen lässige Gemütlichkeit aus, Belinda Specht begrüßt den Gast herzlich in ihrer seemännisch gestreiften Latzschürze.

Das hochwertige und nachhaltige Wasser vom „Viva con Aqua“-Projekt passt gut hierher, ebenso die von und mit dem Kieler Sommelier Jan-Peter Marxen zusammen gestellte kleine Weinauswahl. Zu bodenständigen Preisen gibt es hier hochwertigste Weine, die auch den Kenner erfreuen: keine „08/15“ Tropfen. Regionale Biersorten verstehen sich hier von selbst, wie auch die feinen Brände der Dolleruper Destille.

Behagliche Speisen

Begrüßt am Tisch wird man mit knusprigem Dinkel-Baguette vom örtlichen Bäcker samt würziger, handgerührter Schnittlauch-Mayonnaise. Kurz danach folgt eine kleine Lachsforellen-Frikadelle mit gelben Linsen. Das macht Lust auf mehr. Zur Speisekarte sei gesagt, dass sie tatsächlich auffällig und, zumindest wenn man so denkt wie der Autor dieser Zeilen, wohltuend klein ist.

Zwei bis drei Vorspeisen und Suppen – auch hier „Klassiker“ genannt –Norddeutsche Renner wie Matjes und Sauerfleisch sind dabei, dazu 2 bis 3 Fischgerichte nach Tageseinkauf beim örtlichen Fischer. Bei diesem Besuch waren es knackiges Knurrhahnfilet und Steinbeißer. Außerdem ein saftig mit frischem Gemüse gefüllter Pfannkuchen für Vegetarier und 3 warme Fleischgerichte. Ein klassisches Rumpsteak mit Pilzen und Frühlingszwiebeln, ein Kotelett vom Angler Sattelschwein und ein Schaufelbraten vom Galloway mit Selleriepüree. Und gerade das Kotelett und der Braten erzeugen ein Gefühl von Behaglichkeit, Zufriedenheit und Heimat.

Wer Wert auf besonders dekorativ zurecht gemachte Teller legt, auf ein Kräutersträußchen hier, eine gegrillte Minitomate oder ein Gemüse-Chip dort, geschweige die Sünde aus den Fünfzigern wie „Orangenreiter“ samt Lollo-Rosso-Blatt, der wird enttäuscht. Die gute Regionalküche verzichtet heute auf solchen Quatsch.

Kotelett wie früher

Das veritable, sicher mit einem Rohgewicht von 350 g ausgestattete Kotelett, thront auf einem rustikal geschnittenen Rahmgemüse, zur Jahreszeit passend zusammengestellt aus diversen Rübensorten. Garnitur – Null, Sauce extra – Null, gestreute Kräuter – Null. Das reine und sehr leckere Gemüse mit diesem tollen Fleisch obenauf – Ende. So viel gute Basisqualität braucht keinen Zierrat, wird sich Specht gedacht haben und im Grunde hat er Recht. In unserem Falle, dies als kleine Kritik, war das Kotelett etwas zu schnell und heiß gebraten, die erforderliche Ruhe vor dem Servieren hat gefehlt, die wunderbare Struktur des Sattelschweins wäre sonst noch saftiger zutage getreten. Beim Schaufelbraten das gleiche Grundthema. Eine ordentliche Portion fluffig-erdiges Selleriepüree, hinein gedrückt zwei zart geschmorte Scheiben der Gallowayschulter samt klassisch sämiger Bratensauce. Ende und aus.

Man kann es sicherlich optisch ansprechender anrichten und zur Vermeidung von Nörgeleien manch quengeliger Gäste wäre zu ein wenig mehr „Optik“ eventuell zu raten. Aber man muss es nicht tun, Specht will es wohl auch nicht und uns schmeckt es hervorragend.

Ein überaus aromatischer Quittenschnaps der Dolleruper Destille zum Espresso rundet den Abend ab, für Nachtisch aus der kleinen, aber feinen Auswahl war zumindest bei uns nach diesen Hauptgängen kein Platz mehr.

Wünschen wir den Spechts also viel Erfolg und raten dem Leser und der Leserin auch zur kalten Jahreszeit eine Fahrt an die Schlei. Ein Spaziergang durch „Deutschlands kleinste Stadt“ Arnis direkt am Ufer macht wunderbar Appetit auf einen Besuch in der „Specht Speisewirtschaft“. Wo man wie früher essen kann, nur besser.

Infos

Specht Speisewirtschaft
Volker & Belinda Specht

Friedenshöher Straße 21
24376 Grödeby

Telefon: 04642/9834863
Email: info@spechtspeisewirtschaft.de
Website: www.spechtspeisewirtschaft.de

Offen:
Mi – Do 17.30 – 21
Fr + Sa 12.30 – 14.30, 17.30 – 21 Uhr