Johanna Rädecke
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Sonderführung zur „Hauptrolle Hausfrau“ in den 50er und 60er Jahren

Wie sah die Welt der Hausfrau in den 50er und 60er Jahren aus? Dieses Thema beleuchtete die Sonderführung „Hauptrolle Hausfrau – oder was koche ich für den Ehemann?“ im Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof. Die Führung gehört zum Begleitprogramm der aktuellen Ausstellung „Kiel kocht. Lebensmittelversorgung, Ernährung und Esskultur im 19. und 20. Jahrhundert“.

Frauen trugen maßgeblich zum „Wirtschaftswunder“ bei. Sie leisteten Schwerstarbeit und hatten oft eine 100-Stundenwoche. Zu ihren Aufgaben zählten in der Nachkriegszeit „Putzen, Kochen, Kinder kriegen“. Außerdem wurden Frauen vielfach durch den Mann bevormundet und durften beispielsweise keine eigenen Bankkonten eröffnen. Auch Schwiegereltern mischten sich oft in die Ehe ein mit Berufsverboten für die Schwiegertochter oder Kochtipps. Die Frau sollte offenbar den Mann verwöhnen und dabei hübsch und adrett aussehen. Erst mit der Frankfurter Küche und den neuen Haushaltsgeräten wurde die Arbeit im Haushalt etwas leichter für die Frau.

„Eine Frau hat zwei Lebensfragen. Erstens: Was ziehe ich an? Und zweitens: Was koche ich heute?“

Das Leben der Hausfrau etwas leichter machen – dies hatte sich auch der allseits bekannte Apotheker Doktor Oetker zur Aufgabe gemacht, seitdem er 1891 das „Backin“ erfunden hatte, mit dem Kuchen schneller gelingt. Die Museumspädagoginnen Yvonne Danker und Susanne Mohr nehmen die zahlreichen Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise rund um das heimische Kochen, die jedoch nicht erst mit Erfindung des Backpulvers begann. Lebhaft gestikulierend beschreibt Susanne Mohr die Geschichte des Warleberger Hofs, das einzige heute noch erhaltene Adelshaus in Kiel. Im Keller startet eine kleine Zeitreise durchs Haus, die mit der ersten eigenen Wasserversorgung 1601 beginnt, einen Exkurs über den Kaffee- und Kakaotrend des siebzehnten Jahrhunderts bis hin zur Nahrungsmittelknappheit des ersten Weltkriegs beschreibt und bei den Exponaten der Fünfziger und Sechziger Jahren endet.

Die Museumspädagoginnen, beide stilecht in gerüschte, bunte Schürzen gekleidet, führen die Besucher in einen Raum im Erdgeschoss, der an eine Mischung aus Maggi-Showroom und Litfaßsäule erinnert. Im Warleberger Hof werden mit Liebe zum Detail Konserven, Würzflaschen, Puddingpulverdöschen und unzählige Werbeplakate ausgestellt, die nicht nur eine eindeutige Zielgruppe zeigen, sondern auch ein klares (Geschlechter-) Rollenbild der Fünfziger Jahre: Strahlende, perfekt frisierte Frauen in Schürzen lächeln den Besuchern von den Wänden entgegen, der hart arbeitende, hungrige und ungeduldige Mann im Nebenzimmer bleibt der Phantasie überlassen.

Doktor Oetker nahm in den Fünfziger und Sechziger Jahren eine wichtige Rolle für jede kochende Hausfrau ein. Natürlich lag dies einerseits an Produkten wie Backin, das über Jahrzehnte für 10 Pfennig das Päckchen erworben werden konnte. Andererseits erkannte die Marke bereits damals die Kraft der Werbung. Plakate machten die Produkte ebenso attraktiv wie die Rezepte auf den Verpackungen. Wer denkt, dass es Panini Bildchen es erst seit der Bundesliga gibt, irrt: Auch Doktor Oetker hatte schon Sammelbilder in seinen Produkten!

Werbefilm Dr. Oetker: "Wenn man's eilig hat", 1954

In Werbespots, die heute beinahe wie konzeptualisierte Kurzfilme wirken, ist „Doktor Oe“ der Heilbringer einer jeden guten Beziehung. In dem Werbefilm, den uns die Museumspädagoginnen zeigen, darf die Frau immerhin noch arbeiten, bevor sie ihren Mann zu verwöhnen hat. Die Dringlichkeit wird klar, als Frau Renate, die Werbebotschafterin des Unternehmens, unter Stress von der Arbeit nach Hause fährt. In ironischem Unterton beschreibt der Sprecher aus dem Off ihren Beruf (sie ist, wie könnte es anders sein, Sekretärin) und bringt ein, zwei lustige Sprüche über die Heimfahrt. Zu Hause angekommen erklärt er weiter: „Eine Frau hat zwei Lebensfragen. Erstens: Was ziehe ich an? Und zweitens: Was koche ich heute?“ Kurzum: Am Ende macht Frau Renate ihren heimkehrenden Mann mit einem opulent aufgetischten Mahl glücklich. Während einige Seniorinnen die Werbung wiedererkennen und lachend den Kopf schütteln, bin ich ungläubig, beinahe entsetzt.

Die irrsinnigen Ansprüche an die Frau der damaligen Zeit demonstrieren Susanne Mohr und Yvonne Danker mit dem amerikanischen „Houswife Guide“ – eine Art Knigge für die gute Hausfrau: Plane dein Essen am Abend vorher, das zeigt deinem Mann, dass du an ihn denkst. Mach dich und die Kinder für ihn hübsch, räume auf, sorge dafür, dass es ruhig ist, wenn er heimkommt. Freue dich, ihn zu sehen und beschwere dich nicht, wenn er zu spät oder gar nicht nach Hause kommt – du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was er für einen anstrengenden Tag hatte. Natürlich muss das Essen schon fertig auf dem Tisch stehen. Du hast bestimmt eine Menge zu besprechen, aber dafür ist jetzt nicht die richtige Zeit – seine Themen kommen zuerst und sind relevanter, denn er ist das Familienoberhaupt. Eine gute Frau kennt eben ihren Platz!

Die Gruppe kommt ins Gespräch, es werden eigene Erfahrungen ausgetauscht und Anekdoten ergänzt. Beim Zuhören wird deutlich: Alle Anwesenden sind froh, dass sich die Position der Frau verändert hat, doch auch der Satz „Es war nicht alles schlecht!“ ist zu vernehmen.

Renata Steindorf besuchte eine ähnliche Ausstellung in ihrer Heimat Kroatien. „Es gibt schon ein paar Unterschiede. Die Frauen haben immer schon viel gearbeitet, aber der Mann hat auch bei uns nichts im Haushalt gemacht“, erklärt sie lachend.

„Ich bin bei der Recherche zu alten Werbefilmen auf das Thema Geschlechterrollen gekommen“, erklärt Yvonne Danker. „Hier in Deutschland wird schnell so getan, als sei unser Fortschritt in der Emanzipation ein Selbstverständnis und es wird über Länder geurteilt, die damit noch immer kämpfen – ich finde, da ist es wichtig, sich folgendes in Erinnerung zu rufen: Auch bei uns sind die Anfänge noch keine fünfzig Jahre her.“

Leider jedoch bleibt es bei einer reinen Beschreibung der Fakten. Dass nicht erläutert wird, wo dieses Rollenbild herkam, welche Auswirkungen der zweite Weltkrieg hatte oder welche Unterschiede es in West- und Ostdeutschland gab, ist schade.

Im letzten Raum geht ein Seufzen rum, während die Besucherinnen und Besucher eintreten: Im zweiten Stock des Warleberger Hofs befindet sich eine Schatzkiste an Exponaten. Die Gespräche schwellen an, überall ertönt „Das Geschirr habe ich immer noch!“ und „Das war meine erste Küchenmaschine!“ In der Ecke steht ein Münzautomat für Milchflaschen, der Pürierstab in der einen Vitrine sieht exakt so aus wie der in meiner WG-Küche. Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (ja, das Verhältnis war nahezu ausgeglichen) verzückt Geschichten zum ersten elektrischen Kühlschrank austauschen und ich die strahlenden Gesichter beobachte, wird auch mir klar: Es war wirklich nicht alles schlecht.

Ausstellung: Kiel kocht

Sonntag, 25. November 2018 bis 9. Juni 2019

Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr-So: 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr, montags geschlossen

Stadtmuseum Warleberger Hof, Dänische Straße 19, Kiel

Eintritt frei

Zum Begleitprogramm: www.kiel-museum.de

 

Zur Ausstellung erscheint eine gleichnamige Publikation mit Texten von Doris Tillmann, Julian Freche, Sonja Kinzler, Sandra Scherreiks, Katrin Seiler-Kroll und Fotografien von Matthias Friedemann beim Verlag Ludwig.

Doris Tillmann (Hg.): Kiel kocht. Lebensmittelerzeugung, Ernährung und Esskultur im 19. und 20. Jahrhundert. Verlag Ludwig, 256 Seiten, Klappbroschur, 24,90 Euro.