Jonathan Meese rockt die Hansestadt

Die Hansestadt Lübeck wird für den umtriebigen Künstler Jonathan Meese zur Galerie. Für Meese ist die Kunst sein „Zuhause“ und die Zukunft das „Zuhause“ der Kunst. Bis August macht der Ahrensburger Lübeck zum Gesamtkunstwerk. Eine besondere Schau und Show.

Die Hansestadt Lübeck, in Nachbarschaft zu Jonathan Meeses Heimatstadt Ahrensburg, steht ab Februar 2019 im Zentrum der Auseinandersetzung des Künstlers mit den Themen „Zuhause“ und „Familie“. Für Jonathan Meese ist die Kunst sein „Zuhause“ und die Zukunft das „Zuhause“ der Kunst. Von Februar bis August 2019 macht er Lübeck zum Gesamtkunstwerk. Jonathan Meese zeigt in fünf verschiedenen Institutionen in Lübeck jeweils aktuelle und ältere Bilder, Skulpturen, Installationen und die erste Performance in Deutschland seit 5 Jahren. Jeder Ausstellungsort repräsentiert dabei ein Familienmitglied und dessen Rolle. Ihre Individualität unterstreicht Meese durch den Einsatz jeweils unterschiedlicher künstlerischer Medien. Am Ausstellungsort Lübeck entwickelt Jonathan Messe auf diese Weise stadtumfassend sein ganz persönliches Koordinatensystem „Zuhause“.

Das „Lübeck-Projekt“ begann am 17. Februar mit Ausstellungen in St. Petri zu Lübeck und im Günter Grass Haus, an die sich die Präsentation von Arbeiten in der Overbeck-Gesellschaft und der Kunsthalle St. Annen ab Sonntag, 30. März 2019 anschließt. Insgesamt finden fünf Eröffnungen an fünf Orten zu drei verschiedenen Terminen statt. Den Abschluss bildet die Performance von Jonathan Meese in der Kulturwerft Gollan Anfang Mai 2019.

Kunst- und Stadt-Raum

Initiator und Kurator des Lübeck-Projektes ist der Kunsthistoriker Prof. Dr. Oliver Zybok, Direktor der Lübecker Overbeck-Gesellschaft, der aufgrund seiner langjährigen Kenntnis des Werks von Jonathan Meese die fünf Kulturinstitutionen in der Hansestadt zusammengeführt hat. Erstmals präsentiert Meese seine vielfältige künstlerische Ausdrucksweise – von der Malerei, Skulptur, Grafik und Fotografie über den Film, die Oper, Installation und Performance, bis hin zu Gedichten und Texten – so umfassend in Schleswig-Holstein. Dabei trägt er mit unterschiedlichen konzeptuellen Ausrichtungen den fünf verschiedenen Ausstellungsorten jeweils individuell Rechnung. Die großangelegte Lübecker Kooperation bietet Jonathan Meese einen Kunst- und Stadt-Raum, den er konsequent für ein Gesamtkunstwerk nutzt, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat.

Jonathan Meese sagt: „Lübeck ist nah an meinem Zuhause Ahrensburg. Lübeck kenne ich sehr gut aus meiner Kindheit, Lübeck war geliebter Schulstoff. Nun kommt die Kunst nach Lübeck.“ Meese will mit Herzblut aus Lübeck ein Gesamtkunstwerk machen. „Ich bin deshalb sehr dankbar, dass Lübeck mir fünf Orte für die Kunst zur Verfügung stellt. Ich möchte ein Kunstspinnennetz über die Stadt spannen und mit der Kunst die Stadt überschreiben. Lübeck ist der Anfang, denn die Kunst wird letzten Endes Alles erobern.“

Prof. Dr. Oliver Zybok würdigt den Künstler: „Jonathan Meese ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler, der immer wieder provoziert und deshalb kontrovers diskutiert wird. Die meiste Kritik mutet jedoch pauschal diffamierend an, oft als Übernahme anderer unreflektierter Stellungnahmen. Wir möchten mit dem ‚Lübeck Projekt´ einen differenzierteren Blick bieten. Denn wenn man dem Künstler genau zuhört, wie und warum er etwas sagt, in welchem Kontext er seine Gedanken formuliert, merkt man schnell, dass hier jemand unsere Gegenwart genau beobachtet und die Finger in die Wunden legt. Genau das ist eine Aufgabe von Kunst!“

V E R A N S T A L T U N G E N


St. Petri zu Lübeck
17.02. bis 31.03.2019
GROSSMUTTER / MACHT

Das Projekt »Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)« setzt sich unter anderem mit dem Begriff »Heimat« auseinander. Diesem ist auch ein religiöser Aspekt inhärent: die philosophische Dimension der Bedeutung einer sogenannten Heim-Kehr zum Ursprung für den Menschen als Heimweg. Die hier anfallenden Paradoxien werden in der Präsentation in der Petri-Kirche zum einen in ihrer Absurdität, zum anderen in Bezug zu einer nachvollziehbaren Sinnsuche des Lebens durchleuchtet. Im sakralen Ausstellungsraum wird die große mediale Vielfalt von Jonathan Meese zum Ausdruck kommen, die sich vor allem im installativen Rahmen zeigt: Der Kirchenraum wird in seiner vollständigen räumlichen Dimension (Höhe, Länge, Breite) erfasst.

Jonathan Meese sieht in der Institution Kirche auch einen Ort, der Ideologien verbreitet, die er selbst entschieden ablehnt. Für den Künstler unterliegen Priester oder Bischöfe per se einer Ideologie, weil sie den Menschen mehr oder weniger vorschreiben, wie ein Glaube an Gott auszusehen hat. Für ihn geht die Kirche durch diese Form der Ideologisierung viel zu wenig auf die Bedürfnisse der Menschen ein. St. Petri, gemäß ihrer Programmatik eine »Kirche am Nullpunkt der Religion«, stellt sich gern dieser fundamentalkritischen Herausforderung.


Günter Grass-Haus
17.02. bis 04.08.2019
GROSSVATER / GOLD

Die Ausstellung im Forum für Literatur und bildende Kunst widmet sich den vielfältigen künstlerischen Begabungen und Ausdrucksformen Jonathan Meeses. Den Ausstellungsraum im Günter Grass-Haus verwandelt Meese in einen intimen biografischen Raum der Kunst. Zu sehen sind Schulhefte, Bilder, Fotos, Texte, Skulpturen und Filme, die aus dem unerschöpflichen und zum Teil sehr skurrilen Fundus des Künstlers stammen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Themen Heimat und Herkunft. Die Schau bietet einen persönlichen Einblick in die Lebensgeschichte von Jonathan Meese und seiner Familie. Meeses Großmutter stammt wie Günter Grass aus Danzig und Brigitte Meese verbrachte das Kriegsende ebenfalls dort. Auch deshalb wird Jonathan Meese das Werk von Grass mit seinen Helden wie dem Blechtrommler Oskar Matzerath aus Danzig-Langfuhr als Reiz- und Referenzthema in der Glockengießerstraße aufgreifen.


Kunsthalle St. Annen
30.03. bis 04.08.
MUTTER / EVOLUTION

In der Kunstgeschichte wird Jonathan Meese vielfach mit bedeutenden Vorgängern wie Joseph Beuys oder Anselm Kiefer assoziiert. Mit dem Kunsthistorischen Museum, der Nationalgalerie Prag und der Pinakothek der Moderne zeigten allein in den letzten beiden Jahren wichtige Institutionen das bildnerische Werk des Künstlers und sorgten international für Aufmerksamkeit.

Die Kunsthalle St. Annen präsentiert innerhalb des Projekts »Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)« eine Vielzahl an eindrucksvollen großformatigen Werken der zeitgenössischen Kunst aus seinem OEuvre, das sich immer wieder auf ikonische Bilder und Vorbilder aus der Kunst und auf den Absolutheitsanspruch ihrer Freiheit bezieht. Ergänzt werden diese Gemälde und Skulpturen durch Elemente der Rauminstallation und eine Videoinstallation. Dabei wird die Suche nach einem Lebensort thematisiert, das Wohnen des Menschen und die damit verbundene Geborgenheit.

Der Untertitel der Ausstellung »Mutter / Evolution«, lässt sich als Hinweis auf die Person der Mutter des Künstlers, Brigitte Meese, verstehen, die für ihn in jeder Hinsicht eine Schlüsselfigur ist. Er deutet zugleich auf eine universelle Bedeutung der Mutterschaft als Begründerin eines zukunftsweisenden (künstlerischen) Prozesses der Evolution hin, ein Wort, das in Meeses Werk stets eine durch Kunst bestimmte zukunftsweisende Entwicklung meint.

Die Ausstellung bietet einen Überblick über das bisherige Schaffen des Künstlers, zeigt aber auch aktuelle Werke aus dem Jahr 2019.


Overbeck-Gesellschaft
30.03. bis 09.06.
VATER / LIEBE

In der Architektur bezeichnet der Fries einen waagerechten Zierstreifen mit sich wiederholenden Ornamenten, der in der Regel als Abgrenzung und Schmuck einer Wand dient. Der Unterschied zum herkömmlichen Gesims liegt in der außerordentlichen Schmuckfunktion sowie in der seriellen Anordnung der dargestellten Formen und Figuren. Diese dienten in der Vergangenheit immer auch dazu, Macht und damit einhergehend ideologisches Gedankengut anhand von Symbolen zu vertiefen und bildhaft zu verbreiten.

In der Overbeck-Gesellschaft wird Jonathan Meese die drei hufeisenförmig ineinander übergehenden Räume dafür nutzen, vor Ort erstmals in seinem künstlerischen Schaffen einen malerischen Fries anzufertigen. Gemäß seiner »totalen« Ablehnung jeglicher Form von Ideologie, die seiner Ansicht nach doktrinär auf die Menschen einwirkt und ihnen vorschreibt, wer oder was sie zu sein haben, beziehungsweise was sie tun dürfen und was nicht, wird Meese seinen für diese Ausstellung entstehenden Fries entideologisieren. Er wird ihn von seiner rein dekorativen Wirkung sowie von jeglichen funktionalen gestalterischen Vorschriften befreien, um damit seinen panoramaähnlichen Möglichkeiten neuen Raum zu bieten.


Kulturwerft Gollan
Dienstag, 7.5.
KIND / SCHLAF

Die Kulturwerft Gollan lenkt den Fokus in einer Veranstaltung auf Meeses Performance- und Theater-Aktivitäten.